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Reisen

Mittwoch, 21. Oktober 2009

An den Wurzeln

Moehrenbach

Wir waren in den Thüringer Wald gefahren, nach Möhrenbach. M. liegt unterhalb des Rennsteigs an der "Hohen Tanne" zwischen Neustadt und Großbreitenbach. Dort war meine Oma junge Bäuerin, dort wurde mein Vater geboren, von dort mußte sein Vater, der hünenhafte Hermann Kurch, in den i. Weltkrieg und kam nicht zurück.

Später heiratete Oma wieder und ging nach Wümbach. Meine Eltern zogen nach Stadtilm. Unser Leben verlagerte sich immer weiter weg vom Thüringer Wald in sein Vorland. Dort gab keine schneesicheren Berge, kaum schieferverkleidete Häuser, viel weniger Blaubeeren, Arnika gar nicht, und die Sprache der Leute schien mir breit und ohne Reiz. Ich wuchs als Thüringer auf und war doch kein richtiger, keiner aus den engen Tälern, den dunklen, raunenden, duftenden Wäldern.

Möhrenbach besuchten wir hin und wieder. Es war immer die Landschaft meiner Träume. Ich glaube meinem Vater ging es ähnlich. Einige Grundstücke hatte er geerbt. Namen wie Musik: In der Wohlrose, im Grubern, am Silberberg.
"Am Silberberg", sagte mein Vater, "ist eine große Waldwiese. Unser ist das Stück, auf dem die Quelle ist." Dort müßte man Ferien machen. Ja, er spekulierte davon - Bauunternehmer, der er war - dort für irgendeinen VEB eine ganze Ferienanlage zu bauen. Diese Träume waren auf Sand gebaut. Der Silberberg lag im Staatsjagdgebiet und war nicht zugänglich. Ich lernte ihn nie kennen. Die anderen Grundstücke bewirtschaftete die LPG.
Doch Träume stören sich an so etwas nicht.

Als ich irgendwann Bilder von Eisensteins nie aufgeführtem Film "Beshinwiese" sah, wußte ich, daß genauso Oma als junge Bäuerin, vielleicht sogar schon als Mädchen, auf der Waldwiese am Silberberg Heu gemacht hatte.

1990, mein Vater war lange tot, war es zu Ende mit Staatsjagd und LPG. Wir besuchten Möhrenbach. Der Bürgermeister gab uns eine Flurkarte, wir streiften durch die Wälder, über Berg und Tal und fanden alle Grundstücke. Froh, erschöpft ließen wir uns auf dem eigenen Grund (dem noch zu erbenden) nieder. Was nun tun? Ich schnupperte, griff um mich. Ich saß neben dem glucksenden Bach, auf einer üppigen Wiese inmitten herrlich duftenden Thymians!
Ich berauschte mich an neuen Träumen, ja Plänen. Der Bürgermeister bremste: "Alles Außenbereich... Aber eine Tausch wäre möglich. Doch es gibt da ein Problem..." Eins der Grundstücke war zur inoffiziellen Mülldeponie gemacht worden. Meiner damaligen Partnerin, Urberliner Pflanze, wurde Angst und Bange. -
Wir haben das Erbe nicht angetreten.

Jetzt, an einem milden Herbsttag, waren wir wieder im Grubern und am Silberberg.

Am Silberberg 1

Wir sind nun alt und auch ein wenig bescheidener. Wir werden nicht mehr den Boden in Thüringen umwälzen.
Die Wiesen lächelten und schwiegen. Sie waren grün und feucht und voller Leben. Offenkundig brauchten sie uns nicht. Sie schenkten uns Maronen und den schönsten Steinpilz. Auch einen Stein, der mich an das lehmige Rot des Bodens dort erinnert, haben wir mitgenommen. "Träumt nur weiter," dachte ich, "wir tun es auch."

Vielleicht ist doch Alles, meint Hebbel, nur der Traum einer jungen Riesin.

Am Silberberg 2

Sonntag, 4. Oktober 2009

Noch einmal im jüdischen Museum

Alena Fuernberg

In unserem Tagebuch vom 8.9. heißt es:
"Zum Besuch des jüdischen Museums mußte ich mich regelrecht hinschleifen (Erwartung, in notwendige Polemik mit Zionismus verwickelt zu werden). Eigentlich kam der Besuch nur zustande, weil F. (mein Sohn) ganz selbstverständlich die Absicht des Besuchs äußerte und wir uns treffen wollten...
Die Dauerausstellung im OG (Judentum in Deutschland von den Anfängen bis ins 19. Jahrhundert) gefällt mir sehr. Sie macht mir eine Leerstelle meines historischen Wissens bewußt. Diese ist das Ergebnis der Ausrottung dieses Lebens (samt seiner historischen Wurzeln) durch die Faschisten und dessen, daß seine massive Wiederbelebung zu DDR-Zeiten nicht erfolgte.
Für die Dauerausstellung im UG haben wir nicht mehr die Kraft und die Zeit, zumal hier besonders sorgfältige Betrachtung und eventuell Auseinandersetzung notwendig wird. Es scheint auf eine glättende Darstellung hinauszulaufen. "Schmutzig-praktische Interessen" oder gar Machtambitionen jüdischerseits scheint es nie gegeben zu haben.
Viele junge Leute gehen durch die Ausstellung, einzeln, paarweise, in Herde. Es erweist sich wieder die Notwendigkeit, in jede Ausstellung mit Vorwissen und offenen Fragen zu gehen."

Inzwischen habe ich das Museum noch einmal drei Stunden besucht. Mein erster Eindruck hat sich vertieft. Das jüdische Leben in Deutschland durch die Jahrhunderte ist von einem Gewicht, das wieder voll und ganz seine gebührenden Platz im Leben unserer Gesellschaft haben muß. Dabei scheint es alle denkbaren Schattierungen des Zusammenlebens zu geben (und geben zu müssen): tolerantes Nebeneinanderher, Wechselwirkung mit gegenseitiger Befruchtung wie Konkurrenz, Fremdheit bis Verschmelzung.
Dieses Erfordernis scheint mir manche Verwandtschaft zu haben mit der aktuellen Aufgabe der deutschen Gesellschaft, ein lebendiges, förderliches Zusammenleben mit ihrer islamischen Community herbeizuführen.

Ich weiß nicht, ob "Integration" der richtige Ansatz ist. Es geht um das förderliche Zusammenleben unterschiedener und unterschiedlich bleibender Gruppen. Dem schaden Ambitionen von Machtausübung und Überwältigung der Anderen.
Hilfreich wäre es, würden alle die unterschiedlichen Kulturgruppen sich selbst in Frage stellen, ihre eigenen Grenzen benennen, mit Selbstkritik nicht geizen, bis dahin, die in ihrem Namen begangenen Schandtaten in Geschichte und Gegenwart nicht unter den Teppich zu kehren.

Wirkt das jüdische Museum konsequent in diesem Sinne?
Es leistet einen großen Beitrag, jüdischem Leben in Deutschland wieder seinen Platz einzuräumen. Das ist gut und verdienstvoll.
Leistet es einen vergleichbaren Beitrag, jüdisches Welt- und Politikverständnis in seiner Differenziertheit, bis in seine extremen Ausprägungen darzustellen, also einschließlich orthodoxer, zionistischer, israelisch-völkerrechtswidriger Positionen und Aktionen?
Nein, diese Seite ist ganz und gar unterbelichtet. Das leider leistet das jüdische Museum nicht.

Glashof

Mittwoch, 30. September 2009

Weltkulturstadt Berlin

Wenn ich jetzt noch schreibe: Wir waren mittendrin und haben die Berlinkultur gründlich genossen, wäre die Angeberei perfekt. Mit welchem Recht kann ich über das Kulturleben einer Stadt schreiben, in der täglich hunderte Veranstaltungen stattfinden, von denen ich in einer Woche vielleicht zehn besucht habe?

Also konkreter:
Am 3.9. haben wir das BKA Theater am Mehringdamm besucht. Es gab "Paternoster Mordart - ein improvisierter Krimi"
Am 4.9. war das BE dran, "Shakespeares Sonette", eine Inszenierung des berühmten Robert Wilson.
Dann am 5.9. "Mirandolina" von Goldoni im Amphittheater Hexenkessel.
Des weiteren am 7.9. die "Distel" - "nicht nur zum Spaße am Bahnhof Friedrichstrasse".
Schließlich waren wir auch noch in der Oper - "Cosi fan tutte" in der Staatsoper, inszeniert von Doris Dörrie.

Weder unsere Zeit, noch unsere Kraft, noch unseren Geldbeutel haben wir geschont, auf geistige Regsamkeit nicht verzichtet.
Und das Fazit? Was steht in unserem Tagebuch?
"19 Uhr Abfahrt zum BKA, zum Theaterkrimi - sehr heiß, sehr voll, sehr laut, sehr jugendlich - aber alles in allem nette Unterhaltung. Theatralische Improvisation. Einen Sinn gibt es nicht."
"Eine ähnliche Empfindung wie zum BKA-Abend habe ich bei Robert Wilsons Inszenierung der "Sonette" im BE. Natürlich alles auf viel höherem künstlerischen Niveau. Und natürlich bieten die Sonette selbst eine Folie für Tiefgang. Aber das Theaterspiel, das, was sich der Regiseur ausgedacht hat, genügt sich meistens selbst, vertieft nich "den Sinn". Oder wir haben es nicht bemerkt. Dieses Theater will keine moralische Anstalt ein. Mehrfach, etwas höher gestochen als üblich, kam der Stil des amerikanischen Musicals durch. Fossil Inge Keller spielte auch mit. Bei diesem Namen erinnere ich mich immer an den beeindruckenden DDR-Fernsehfilm "Gewisen in Aufruhr", wo sie, nach meiner Erinnerung, die Frau von Oberst Petershagen spielte. (Und außerdem fällt mir bei I. Keller immer das damalige stadtbekannte Gezerre um ihren jungen Liebhaber Hans Edgar Stecher (sic!) ein.)"
"Nächste Theaterveranstaltung "Mirandolina". Das Amphittheater hatte uns vor Jahren mit Shakespeares "Sturm" sehr gefallen. Die Aufführung war erfrischend, vergnüglich, Volkstheater durch und durch aber keinesegs grob oder plump, sondern differenziert und intelligent bei aller Heiterkeit und Buntheit. Der Kellner hatte für mich die beste Rolle, spielte sie souverän, konnte unglaublich flexibel das Publikum miteinbeziehen - ein richtiges Theaterfeeling, wie wohl zu Shakespeares Zeiten. Genauso ist auch das Amphittheater gebaut! Die Mirandolina wirkte leider nur wie eine gute Laienschauspielerin, ein bischen schade. Ich halte dies auch für eine schwierige Rolle: emanzipiert und gleichzeitig interessiert, auf Männer zu wirken und sie an der Nase herumzuführen. Eine schon bei Goldoni widersprüchlich oder sogar unklar angelegte Figur?"
"Kranich hatte sich auf die Distel gefreut. Er kennt das Kabarett gut aus DDR-Zeiten. Das Programm "Shanghai" nahm die Finanzkrise, das deutsche Verhältnis zu China, allerlei tägliche Ärgernisse auf die Schippe. Unterhaltungswert ja aber es blieb doch alles sehr, sehr oberflächlich, aussage- und ziellos. An allem wurde etwas herumgemeckert, gespöttelt, mehr nicht. Manches mal hatte man das Gefühl, die karikieren keine Kleinbürger, sondern sind selber welche."

"Als wir die Disteltreppen runtergehen, drängt sich mir "Schall und Rauch" in den Sinn. Sollte sich dain das "pralle Berliner Kulturleben", diese "ungeheuer lebendige Szene", dieses "Alles ist möglich" in Berlin erschöpfen? Es wäre übrigens das, was Berlin immer war: Große Schnauze, nichts (oder wenig) dahinter. Ich habe aber den Verdacht, daß es - über den Traditionshaken hinaus - auch ein deutlicher Ausdruck der gegenwärtigen geistigen Situation ist - unterhaltend um jeden Preis, problemabstinent, bunt bis schrill, fern, fern der Kanalisation, in der "die Ratten Karate" üben.
Das Publikum ist lieber voll einverstanden."

Nun noch einige Bilder von der schönen Aufführung von Goldonis "Mirandolina" im Amphittheater "Hexenkessel" (einschließlich "Dokumentation" der Bewirtung des Publikums mit köstlichen Pizzastücken (ohne Belag, nur mit etwas Gewürz) vor Beginn der Vorstellung):

Amphittheater 1

Amphittheater 2

Amphittheater 3

Amphittheater 4

Amphittheater 5

Amphittheater 6

Dienstag, 29. September 2009

Wir haben das jüdische Museum besucht und waren beeindruckt

Nach penibler Sicherheitsüberprüfung stehen wir im Foyer vor der Tafel mit den Sponsorennamen. Es ist nicht zuletzt ein Verzeichnis der Creme der Creme der deutschen Industrie- und Bankenwelt.

Dann nimmt uns die überwältigende Architektur gefangen.
Ich kenne kein anderes modernes Bauwerk vergleichbarer künstlerisch-geistiger Durchformung.
Das Gebäude verkörpert eine ganze Anzahl einmaliger architektonischer Lösungen für den einen, schier Übermenschliches verlangenden Auftrag - in Würde des Holocaust zu gedenken. "Holocaust" ist nicht mein Sprachgebrauch. Ich halte es für treffender, von der industriellen Massenvernichtung der jüdischen Menschen durch den deutschen Faschismus zu sprechen.
Auf der Grundlage seines Vorwissens, jenseits aller zur Verfügung gestellten Dokumente oder Lehrmittel, wird der Besucher zur nicht endenden Zwiesprache mit sich selbst veranlaßt.

Ich verzichte in diesem Beitrag weitgehend auf eigene Fotografien. Hier und hier sind zahlreiche Abbildungen des Bauwerks von Daniel Libeskind zu finden.
Hier jedoch ein Foto aus dem fensterlosen Holocaust-Turm, der äußerlich weder einen sichtbaren Eingang noch Ausgang hat.

juedisches Museum 1

Und hier ein Foto, das ich schätze, obwohl es auf einem Mißverständnis beruht.

juedisches Museum 2

In einem Zwischengeschoß fand ich diese Ausstellungshalle mit den leeren Stellwänden. Der Geist des Ortes erzeugt ein trostloses Sinnbild der verloren gegangenen und der nie gemalten Bilder.
In der profanen Wirklichkeit ist es ein Raum zwischen zwei Wechselausstellungen.

Natürlich ist das jüdische Museum nicht nur Bauwerk. Die Dauerausstellung ist, materialreich und museumspädagogisch hervorragend aufbereitet, zwei Jahrtausenden deutsch-jüdischer Geschichte gewidmet. Ich habe eine Menge Interessantes und mir bisher Unbekanntes erfahren - aber schließlich nach drei Stunden kaum die Hälfte geschafft und den Besuch abgebrochen.
Ich spürte, wie sich mir Fragen aufbauten und zugleich, daß das große Informationsangebot gründlich angeeignet sein will.
Übermorgen ist mein zweiter Besuch geplant.

Samstag, 26. September 2009

10 000 Jahre

Reiner Zufall, daß es hier, einen Tag vor einer wieder mal Schicksalswahl, um Historie geht.

Wir haben auch das Pergamon Museum besucht. Für Mrs. Tapir war es das erste mal. (Übrigens ist für sie jeder Museumsbesuch Schwerarbeit. Hm.) Sie schreibt:
"Es regnet, die Straßen sind patschnaß. Der 2. Knirps muß her. Vor dem Pergamon warten wir mit nassen Füßen eine halbe Stunde.
Dann geht es ans Staunen. Mit dem kleinen elektronischen Führer ausgestattet wandeln wir durch die beeindruckenden Altertümer.
Es sind fremde Gefühle, sich in die antiken Zeiten hineinzuversetzen.
Waren die Griechen so schön groß und kraftvoll wie ihre dargestellten Götter und Helden? Jedenfalls erscheinen sie uns auch heute ansehnlich.
Gab es in Klainasien wirklich Löwen?
Durfte das normale Volk in diese Heiligtümer und z. B. die Prachtstraße von Babylon entlang gehen?
War die Religion ein Bedürfnis der Menschen oder ein Herrschaftsmittel oder beides?"

Ich habe versucht, im Museum zu fotografieren.

Pergamonaltar

Pergamonaltar, Kampf der Götter und Giganten

Pergamon

Modell der Akropolis von Pergamon, ca. 300 Jahre v., rechts im Bild der Pergomanaltar

Die Fotos ohne Blitz mit meiner uralten Olympus C3000 sind größtenteils unscharf. Das wird - so hoffe ich - mit der neuen Kamera wesentlich besser werden. (Eine Panasonic Lumix G1 oder Olympus Pen (mit ihren Bildstabilisatoren) steht auf meinem Wunschzettel. Eine solche Kamera zu kaufen, die ich mir eigentlich noch nicht leisten kann, gehört zur krisenbedingten "Flucht in die Sachwerte".)

Diesmal wird mir duch diesen Museumsbesuch Babylon ("Babel") sowie das Hethiterreich bewußter. Das ist einerseits die Zeit um 1700 v. (Hammurapi, übrigens auch der Minoer). Nebukadnezar (und damit auch die Prozessionsstraße) ist erst 600 v. (Milet und somit Thales von Milet, Anaximander, Anaximenes sind 300 v.)
Hethiter sind aber bis 3000 v. und also annähernde zeitliche Berührung mit den neolithischen Städten/Anlagen von Chatal Hüyük oder Göbekli Tepe.

00-03-Pergamon-13-

Ein Kulturraum von damals bis heute, mehr als 10 000 Jahre, füllt sich und strukturiert allmählich meine Vorstellungen.
Wenn man bedenkt, daß die Archäologie erst rund 150 Jahre alt ist!
Die genannten neolithischen Stadt- und Tempelanlagen wurden vor gerade mal 50 Jahren entdeckt und sind bis heute nur zu wenigen Prozent ausgegraben. Marx und Engels konnten davon noch keine Ahnung haben. Wir stehen eigentlich total am Anfang. Das Buch der jahrtausendalten gesellschaftlichen Entwicklung liegt eigentlich aufgeschlagen vor uns, ist nur von etwas Sand bedeckt.

Nein, eigentlich liegt es achtlos in der Ecke. Die Menschheit hat ja viel Wichtigeres zu tun, als sich über sich selbst klar zu werden.
Was sagt das über die Menscheit? Darf man nicht vermuten, daß jemand, der gerade erst anfängt, etwas ernsthafter sein eigenes Werden zu erforschen, noch im ziemlich jugendlichen Alter steckt? Ja, selbst das Rüpelalter "Was kümmer mich morgen?" scheint noch nicht vorbei.
Bekanntlich sind die jungen männlichen Rüpel besonders unfallgefährdet.
Andererseits, welche schönen Hoffnungen, wenn sie sich endlich ihre Hörner abgestoßen haben!

Freitag, 25. September 2009

Schönes Berlin

Alle wissen: Berlin liebt man nicht. Allenfalls lebt man dort.

Mindestens seit den Zeiten von Zille und Waldoff reimt sich Berliner Charme auf Schnauze. Berlin ist laut und zerrissen. Überall lauert Hundescheiße.
In der weiten Stadt ist es oft eng, Viele haben Bandagen angelegt.

Wir laufen ohne Bandagen herum, sogar mit Muße. Die Augen haben wir blankgeputzt - und staunen.

Berlin träumt, läßt sich auf Späße ein, ertrinkt in Grün, ist skurril, begeistert Kinder, verlangt Feingefühl (!), ist weit, so weit, hat noch mehr Gesichter, wird regiert, kennt Besinnlichkeit, lebt und läßt leben.

Oberbaumbruecke

Touristen suchen die Oberbaumbrücke

im Doppeldecker 200

im 200er Doppeldecker-Bus

Marzahn 1

Balance in Marzahn

Marzahn 2

noch mehr Marzahn

alles gruen

Es grünt so grün.

Berliner Gesichter

Berlin kiekt

Wo ist Merkel?

Irgendwo da ist Merkel.

Berlin

Rast inmitten der Stadt.

Srassenmusik

Bergmannstrasse

Donnerstag, 24. September 2009

Trendurlaub in Berlin

Als wir vor langer Zeit unseren Urlaub planten, dachten wir nicht an Krise oder Deflation. Heute erfahre ich, daß wir genau in dem aktuellen Trend liegen, den die Tourismusforscher ausgemacht haben: Wir sind in Deutschland geblieben. Der Urlaub war kürzer. Für Übernachtung haben wir weniger ausgegeben.
Überdies beteiligten wir uns zugleich (neben 250 000 Gleichgesinnten) an einem Diät-Wellness-Programm. Werden wir auf unsere alten Tage noch Lifestyle-Avantgarde?

Was solls; Stadtatlas und -führer gekauft, ein weiteres Fahrrad für die Ferienwohnung angeschafft und 'ran an die Weltstadt! (in der ich - aber nicht Mrs. Tapir - immerhin fast 40 Jahre gewohnt habe.) Wir wollen Berlin erleben, wollen auch das unternehmen, wozu es sonst nie gereicht hat.
Zuerst erkunden wir unsere Reinickendorfer Umgebung. Grün, grün, grün ist es in der ehemaligen Neubauwüste "Märkisches Viertel".

Berlin Maerkisches Viertel

Radwege fehlen leider fast völlig. Aber ein schmales Asphaltband liegt um Berlin. Radler, Jogger, Hunde genießen hier draußen die freie Natur - auf dem Mauerradweg, der uns zum Berliner Dorf Lübars führt.

Mauerradweg

Die Spuren der Mauer sind überall getilgt. Aber die Erinnerung wird wachgehalten. Kein schönes Gefühl für mich, daß der populärste mit der DDR verbundene Begriff "Mauer" ist.

Auf historische Spuren stoßen wir auch in Alt-Reinickendorf.

Kriegsgraeber Alt Reinickendorf 1

Da liegen sie zu Tausenden.
Mancher hatte kaum gelebt.

Kriegsgraeber Alt Reinickendorf 2

Mittwoch, 22. Juli 2009

Fünf Tage Urlaub im Hainich

Kirschenfuelle

Kein Radio, kein Fernsehen (mit Ausnahme 1x Wetter; von der Commerzbank!), 1x Zeitung.
Stadt und Land zeigen ihre farbenfrohe Außenseite. Überall warten süße Kirschen. Der Weizen trägt dicke Ähren, wie eh und je im Thüringer Becken.
Die Kirchen in Mühlhausen und Bad Langensalza sind fesch gesandstrahlt.
Allenthalben gedenkt man dankbar des freien Lebens seit 1989.

Die Menschen werkeln in ihren pico-bello-Gärten. Wenn es eine Krise gäbe, würde ich vermuten, daß sie zu viel Zeit haben. Von Krise aber keine Spur.
Das Landesradio hören wir nicht, die Landeswelle Thüringen. Sie würde uns im 10-Minuten-Stakkato fast alle Blitzer melden und unentwegt gute Fahrt wünschen.
Wir hören den "DreiLänderEinKlang" des MDR Musiksommers. Der große Johann Sebastian Bach läßt rastlos es erschallen: "Mein Gott verwirf mich nicht. Ich weiß wie groß dein Zorn und mein Verbechen ist."
Standing Ovations all der fremden Leute in Divi Blasii zu Mühlhausen nach dem schönen Spielen und Singen der Bach Consorten aus Leipzig.

im Hainich

Dienstag, 14. Juli 2009

Wenn unsereins nach Paris fährt,

dann besucht er natürlich nicht nur den Pere Lachaise mit der Gedenktafel für die ermordeten Pariser Kommunarden.

Gedenkstaette der Pariser Commune

Natürlich besucht er auch den Platz der Bastille.

Platz der Bastille

Großes Theater. Will sagen, mit dem Neubau der Pariser Oper.
Unterm Pflaster aber pulsiert es durchaus geheimnisvoll-geschichtsbewußt.

Platz der Bastille U Bahn

Freitag, 10. April 2009

Nürtingen, in der Karwoche

Bisher bot mir das schwäbische Kleinstädtchen nie eine andere Assoziation als die an Friedrich Hölderlin.

Schon bald, nachdem mit dem Untergang der DDR Reisen "in den Westen" möglich wurden, machten C., meine damalige Gefährtin, und ich einen Wanderurlaub auf Hölderlins Spuren. Er begann in Nürtingen, führte uns auch nach Denkendorf und Maulbronn und J. R. Bechers Urach und endete schließlich in Tübingen.
Aus der DDR mit ihrer sprichwörtlichen "maroden Infrastruktur" kommend, erlebten wir die kleinen Pensionen im Schwabenland, bescheiden und teuer; die prächtigen Metzgerläden allüberall inmitten ihres penetranten Dufts von geräuchertem Schinken; die Gedenkzeichen in den Wäldern und Museen, wo einst marodierende Bauern brave Mönche erschlugen aber schließlich von freiwilligen Bürgerwehren unter herzoglichem Kommando zu Gottes Lob vernichtet wurden (bis auf einige Ururenkel, die heute in pompösen Reiterhöfen ihr Daein feiern).
Die janze Jejend war ungemein aufgeräumt, die Wälder mit natur- und touristenfreundlichen Hinweisschildern gewappnet.
Erst in Tübingen entdeckten wir Studenten und eine linken Buchladen und einen Hauch Frischluft.

Soeben brachte sich mir Nürtingen mit einer passenden alltäglichen Geschichte in Erinnerung.

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