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Realsozialismus

Dienstag, 16. Juni 2009

Wahlfälschung

war vor 20 Jahren in der DDR ein Riesenthema.
Hier habe ich meine damaligen Erfahrungen und auch ein paar Randnotizen dazu aus heutiger Sicht gepostet.

Freitag, 27. Februar 2009

Kommunistischer Hochmut

Diesen Ausdruck verwendete Lenin häufig in den Jahren nach der Revolution. Er bezeichnete damit Kommunisten, meist kommunistische Funktionäre, die glaubten, mit der Erringung der revolutionären Macht zugleich einen Anspruch auf endgültige Wahrheit und ein Anrecht auf die Mißachtung anderer Standpunkte erworben zu haben. Oft paarte sich diese Haltung mit "bürokratischem Durchregieren", nicht selten mit persönlicher Vorteilsnahme.

Die mangelnde Fähigkeit oder gar Bereitschaft mancher Kommunisten, sich den neuartigen, noch schwierigeren Aufgaben des alltäglichen sozialistischen Aufbaus zu stellen, führte Lenin zu Äußerungen, wie: Nun, nach dem vollen Sieg über die Klassenfeinde, könne der Kommunismus nur noch von den Kommunisten selbst verhindert werden.

Dieser "kommunistische Hochmut", der mit einer erstaunlichen Bescheidenheit bei der Kritik eigener Versäumnisse einhergeht, fiel mir ein, als ich eine Rezension von Eberhard Czichon des biographischen Handbuchs "Deutsche Kommunisten" von Hermann Weber/Andreas Herbst in der "jungen welt" (vom 23.2.2009) gelesen habe. Des Langen und Breiten empört sich Czichon, daß der Antikommunist Hermann Weber sein 1100-Seiten-Werk von antikommunistischen Positionen geschrieben hat. Der viel größere Skandal, daß es in 40 Jahren DDR und 80 Jahren Sowjetunion nicht möglich war, ein solches Biographisches Handbuch als Standardwerk zu schaffen, ist ihm gleichsam ein bedauerndes Schulterzucken wert. Dieses Defizit, schreibt er, schlachten Antikommunisten nun hemmungslos aus. Muß ich vermuten, daß Geschichtsklitterung für Kommunisten eine läßliche Sünde ist? wohl, weil sie es für "die große Sache" tun?

Soll man es "kommunistischen Hochmut" oder nur "kommunistische Dumpfheit" nennen, was Egon Krenz in derselben Zeitung zum 80. Geburtstag von Herbert Mies schreibt? Von der Überschrift "Für einen neuen Sozialismus" bis zur Bildunterschrift "Kein Schwelgen in Erinnerungen: Herbert Mies ist Analytiker und Optimist" überzeugt nichts an diesem Beitrag. Mit welchen politischen Einsichten und Schachzügen hat DKP-Vorsitzender Mies der Bedeutungslosigkeit seiner Partei entgegengewirkt? Fehlanzeige. Krenz weiß zu rühmen, daß Mies widerspenstig sein konnte. "Das brachte ihm manche streitbare Diskussionen mit Honecker, mir und anderen SED-Politbüromitgliedern ein. Er hat sie immer als Streit in der Familie verstanden, nie auf dem Marktplatz der Eitelkeiten ausgetragen,..."
Ja, unsereins werkelte für den DDR-Sozialismus - auf dem Marktplatz, ohne Familienanschluß, der Eitelkeit hingegeben.

Dienstag, 17. Juni 2008

Vom Wissen der Alten (II) – mein 17. Juni

Ich war 12. Unser Deutschlehrer, Herr Passow, sagte mit ätzender Ironie, laut Rundfunk hätten einige westliche Provokateure Unruhe gestiftet. Die ganze Klasse wieherte. Es war sommerlich warm. Wir fuhren zum Baden an die Warnowbrücke.
Nach ein paar Tagen hörte ich morgens meinen Vater zu meiner Mutter sagen, daß es keineswegs so ruhig sei, wie es scheine. Auch die Arbeiter der Neptunwerft hätten gestreikt.
Es gab Ausnahmezustand. Nicht mehr als drei Personen durften in der Öffentlichkeit zusammen stehen. Meine ältere Schwester war darüber entsetzt. Ich hoffte, daß meine Klavierstunde ausfallen würde aber mein Vater erklärte, daß ich ganz normal zur Klavierlehrerin fahren müsse.
Meine Mutter war krank. Sie wünschte sich Milch. Bei uns in Dierkow-Ost gab es keine Milch. In Dierkow-West auch nicht. Ich begriff, daß sie sehr krank war und wollte unbedingt Milch auftreiben. Ich fuhr mit dem Fahrrad durch ganz Rostock, an der Neptunweft vorbei, bis Reutershagen. Ich bekam Milch.
Zwei Wochen später ist meine Mutter gestorben. Bei allem Unglück war ich froh, daß ich mich so sehr um die Milch gekümmert hatte.
Viele Jahre später lernte ich Kurt kennen. Wir wurden beste Freunde. Er studierte zur Zeit des 17. Juni in Berlin-Karlshorst an der Hochschule für Ökonomie. Man darf sagen, er stand mitten im Geschehen. Ich begriff, wie tief ihn seine damaligen Erlebnisse geprägt haben. Er hat das vor einigen Jahren wunderbar, mit literarischem Anspruch, aufgeschrieben. Wann wird endlich ein Zipfel davon veröffentlicht?
Kurt wurde im Laufe der Jahre ein erfolgreicher ökonomischer Leiter in einer der großen Werften der DDR. Mitte der achtziger Jahre unterhielt ich mich einmal ausführlich mit seiner ältesten Tochter. Sie war damals etwa 17 Jahre. Ich fragte, was sie in der Schule über den 17. Juni gelernt habe. So gut wie nichts. Ich fragte, was ihr Vater ihr vom 17. Juni erzählt habe. So gut wie nichts.
Ich fand das ungeheuer merkwürdig und wollte unbedingt mit ihm darüber sprechen. Dazu ist es aber bis heute nicht gekommen. Zufall oder auch merkwürdig?

Montag, 16. Juni 2008

Che wäre 80 geworden. – Der 17. Juni war vor 55 Jahren.

Die Konzernmedien ignorieren das Che-Datum.
Meine Tageszeitung „junge Welt“ dagegen bringt in ihrer Wochenendausgabe nicht weniger als 6 1/2 Seiten über das Idol und annonciert 4, in Worten: vier (!), Biografien.
Mich ödet beides an.
Ja, besondere Menschen soll man würdigen, der Helden des Befreiungskampfes soll man gedenken, zumal der tausenden Namenlosen. Aber ich mag nicht Quasi-Heilige in quasireligiöser Gedankenlosigkeit anhimmeln.
Fidel Castro erzählt von den unzähligen vergeblichen Versuchen des asthmaleidenden Che Guevara den Popocatepetl zu besteigen. So habe er geistige Stärke und Beständigkeit gezeigt.
Ein Mensch will partout einen Berg besteigen, den er nicht bezwingen kann – ich wäre neugierig, wie ein Schriftsteller diese Geschichte erzählen würde.

Im „ND“ vom 16. Juni 1953 erklärt das Politbüro der SED zur Normenfrage die Notwendigkeit der Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aufgrund neuer Technik und verbesserter Arbeitsorganisation soll freiwillig zu neuen Arbeitsnormen übergegangen werden, eine „administrative Erhöhung der Arbeitsnormen“ wird abgelehnt.
Selten ist das Dilemma des Realsozialismus konzentrierter ausgedrückt worden: Maximale Leistung zu benötigen und diese durch freiwillige Initiative erreichen zu wollen.
Daß er dieses Dilemma nie mit aller Konsequenz auflösen konnte, hat den Realsozialismus das Leben gekostet.
Und selbst heute (da uns die Geschichte ein wenig klüger gemacht hat) ist es bequemer, sozialistische Märtyrer zu preisen, statt dieses Dilemma konsequent (zunächst theoretisch) aufzulösen.

Donnerstag, 13. März 2008

Gestern ist Erwin Geschonneck im hohen Alter von 101 Jahren gestorben

Für mich, der sein ganzes bewußtes Leben in der DDR verbracht hat, steht Geschonneck für viele, viele, fast unzählige, Bilder und Szenen in unvergeßlichen Filmen und Theateraufführungen.

Geschonneck steht für ein Kommunistenleben im 20. Jahrhundert. Fast scheint es, daß kein Extremereignis dieses extremen Jahrhunderts, dem Geschonneck erspart werden sollte.

Trotz allem und allem, was geschah, unzerstörbar zeigte und zeigt Geschonneck das menschliche Gesicht der DDR in jedem Jahr ihres Bestehens.

Dienstag, 8. Januar 2008

Der Kniefall vor den Gesetzestafeln

Beim Bloggen meiner alten Tagebücher bin ich jetzt im Juni 1982 angekommen. Am 12. und am 14. 6. 82 finde ich Formulierungen schärfster Abneigung gegen Stoph und Honecker. Zugleich finde ich in diesen alten Dokumenten und weiß es ohnehin zahlreiche Formulierungen meiner Identifizierung mit der DDR. Aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, daß eine solch absolut kritische Sicht auf maßgebliche Führungspersonen zu keinen spürbaren Konsequenzen in meinen sozialistischen Grundüberzeugungen und meinem Geschichtsbild führte.
Wie ist das zu erklären?
Einerseits war die Kritik dieser Führer bei aller emotionalen Schärfe nicht anspruchsvoll, zielte keineswegs auf theoretische Vertiefung. Das war ein Gegenstand des Ärgers aber auch der Resignation und Feigheit, denn direkt konnte man diesen Punkt nicht angreifen ohne gravierende Konsequenzen erwarten zu müssen.
Und leichtfertige Selbstberuhigungen spielten eine Rolle in der Art: Sie sind keine imperialistischen Politiker, sie sind Antifaschisten, sie machen keinen Krieg usw. Welcher Grad des Lasters und des Nichtsozialismus unter solchen Führern schwelte (und wenige Jahre später zum Ausbruch kam) – das habe ich nicht zu reflektieren gewagt/vermocht.
Das ganze Problem hat aber eine noch wichtigere zweite Seite. Und diese bestand in einem wahrhaft unerschütterlichen Fortschrittsglauben, bestand in der Gewißheit, den gesetzmäßigen Gang der Menschheitsgeschichte zumindest in den Grundzügen begriffen zu haben und mit ihm bei aller Widersprüchlichkeit des realsozialistischen Lebens praktisch übereinzustimmen.
Diese meine Auffassung von der Determiniertheit der menschlichen Entwicklung hatte (bei all meiner Hochschätzung der Dialektik von Hegel, Marx/Engels, Lenin bis zu den zeitgenössischen marxistisch-leninistischen Philosophen) wesentliche Momente von Borniertheit, ja darüber hinaus eine unbewußte religiöse Grundierung. Ich denke heute, daß diese bereits bei Marx angelegt ist („historischen Mission“).

So betrachtet geht es heute um nicht weniger als eine komplette neue Qualitätsstufe der sozialistisch-kommunistischen Theorie. Viel Arbeit heißt das und viel Geduld.

Mittwoch, 19. Dezember 2007

nicht "hochreligiös", noch nichtmal religiös

Zur christlichen Erziehung ihrer Kinder waren meine Eltern geteilter Meinung. Mütterchen besuchte zwar nie eine Kirche, ganz fern von Gott wollte sie aber nicht sein. Mein Vater dagegen war der geschworene Freigeist.
Man einigte sich salomonisch: Die Kinder gehen zur Christenlehre, sollen damit bekannt werden. Ob sie dabei bleiben, sollen sie dann, wenn die Zeit gekommen ist, selbst entscheiden.
Dritte Klasse, vierte Klasse, fünfte Klasse. Ich ging gern zur Christenlehre. So schöne wundersame Geschichten! Manche Verse waren merkwürdig: „Macht hoch die Tür“ ? Oder: „Unsern Eingang segne Gott, unsern „Ausgang“ gleichermaßen“. Ich musste unweigerlich ans Klo denken. Die Verse zu lernen fiel mir leicht, und ich bekam viel Lob.
Am besten lernte Hänschen Schneider. Ich mochte ihn. Er war unheimlich brav, so etwas wie ein Streber, ohne es zu wollen. Er wurde deswegen viel gehänselt.
Es kam die Zeit, wo Hänschen Schneider „auftaute“. Er machte auch mal einen Blödsinn mit, war auch mal unaufmerksam, ich freute mich für ihn. Und – er blieb beim Verseaufsagen stecken. Unsere Religionslehrerin sah ihn vorwurfsvoll an: „Du wirst in letzter Zeit immer schlechter.“ Eine vorwitzige Stimme aus unserer Mitte: „Und in der Schule wird er immer besser!“ Sie, noch eindringlicher, zu dem betretenen Hans: „Das ist aber ein schlechtes Zeichen“. Ich war empört und sagte laut: „Das finde ich aber gar nicht!“

Mit meiner Disziplin war es seitdem vorbei. Ich wurde vorlaut, störte die Religionsstunde. Es war nicht mehr so interessant. Uns unterrichtete jetzt der Pastor.
Einmal wurde es ihm zu viel, und er fragte unumwunden: „Du glaubst das wohl nicht?“ Ich erschrak. Daß ich das Gehörte für wahr nehmen sollte, war mir nie in den Sinn gekommen. Doch einfach „Nein“ zu sagen, traute ich mich nicht. Ich zögerte und quälte ein langgezogenes „doooch“ heraus und erschrak wieder, diesmal über mein Feigheit und schob ein „aber“ hinterher. Er gleich: „Aber?“ Ich, zögerlich: „Aber alles auch nicht.“ Es war heraus. Er: „Vielleicht ist es besser, wenn du eine Zeit nicht kommst.“
Als ich zu Hause alles erzählte, erfuhr ich zum ersten Mal von der Vereinbarung meiner Eltern. Von Stund an brauchte ich nicht mehr zur Religionsstunde.
Danach wurde ich ein spätkindlicher und jugendlicher Religionshasser. Als ich 14 Jahre alt wurde und einen Personalausweis bekam, war mein erster Weg zum Standesamt.
Austritt aus der Kirche.

Gewiß, der pubertäre Religionshass war nicht das letzte Wort.
Aber Gott oder Kirche habe ich bis heute keine Sekunde gebraucht.

Mittwoch, 3. Oktober 2007

Geschichte

In meinem Tagebuch vom März 1982 stoße ich auf meine Bemerkungen zu einem zeitgeschichtlichen Artikel von Wilhelm Girnus. Hier meine damaligen Notizen.
Ich erinnere mich noch, wie mich die spekulative Logik des Autors beeindruckte. Auf der Grundlage seiner materialistischen Geschichtssicht hatte er eine überzeugende, zumindest höchst anregende, wie ich fand, Vorausschau auf das Jahr 2000 gewagt.
Und heute 2007? Es gibt Erkenntnisbruchstücke aus der damaligen Sicht, die nicht untergegangen sind; ja, mehr noch, die auch heute noch nicht „abgegolten“ sind, etwa die Frage: Was ist unser „nukleares Schicksal“?
Aber ihr Zusammenhang, die Gesamtsicht, erwiesen sich in geradezu grotesker Weise als realitätsfern.
Heute denke ich, daß das, was ich damals unter marxistisch-leninistischer Geschichtsbetrachtung verstand, ein ausgeprägtes „magisches Moment“ (ein das Gewünschte herbeihalluzinierndes Moment) hatte. Damit hing zusammen eine fundamentale Unfähigkeit (aber auch die objektiv gesetzte Unmöglichkeit), die empirischen Tatsachen allseitig zu untersuchen. Und schließlich beobachte ich eine besondere Schwäche beim Verstehen oder Mißverstehen des Faschistischen im modernen Kapitalismus; nicht zuletzt die Tendenz zur Übertreibung in dieser Frage.
Ich halte all das hier fest, denn mit dem „vorläufigen Endsieg des Kapitalismus“ (Fülberth), sind keineswegs die alten Denkschwächen aus dem Sozialistenkopf verschwunden.
Weiter geht das Geschichtsdenken marxistisch-leninistischer Tradition in erfreulicher Weise, wie mir scheint, bei Domenico Losurdo, z. B. in seinem Buch „Kampf um die Geschichte“.

Montag, 10. September 2007

DDR-„Echolot“

Ich halte es für wünschenswert, persönliche Dokumente des Lebens in der DDR, also vor allem Tagebücher und Briefe, zu sammeln und zu veröffentlichen. Dieses Vorhaben ist von dem Werk „Echolot“ von Walter Kempowski angeregt.
Mit diesem Werk hat K. es geschafft, den Menschen von heute, die keinen direkten Zugang mehr zu der Zeit des Faschismus haben (u.a., weil diese in die Vorvergangenheit gerückt ist) und die deshalb ausschließlich auf vermittelte Informationen angewiesen sind, einen (schein-)direkten, einen scheinbar unmittelbar-persönlichen Zugang zu verschaffen. Das ist ihm dadurch gelungen, daß er in sehr großem Umfang Auszüge aus persönlichen Dokumenten aus der Zeit des 2. Weltkrieges in Verbindung mit offiziellen Dokumenten der Zeit in einer insgesamt vieltausendseitigen Collage veröffentlicht hat.

Resultat ist tendenziell, alle bisher den Faschismus reflektierenden, „verarbeitenden“, hinterfragenden Positionen zu relativieren, wenn nicht zu ignorieren und durch das vom Verfasser geschaffene Mosaik zu ersetzen, das der Leser sowohl ob seiner Riesenhaftigkeit, als auch aufgrund seines Gestus' des persönlichen Erlebnisberichts, spontan für ein getreues Abbild der Wirklichkeit nimmt.
Inwiefern das von Kempowski arrangierte Bild keineswegs getreu ist, lasse ich hier außerhalb der Betrachtung. Festhalten möchte ich aber, daß, wenn es bei K. derartige Mängel gibt (wovon ich überzeugt bin), diese keineswegs auf die von ihm angewandte Methode zurückzuführen sind, sondern auf deren Gebrauch.

Der entscheidende Hebel Kempowskis ist es, voll und ganz auf die Zeitzeugenschaft zu setzen. Auf spätere Analysen, Wertungen, Reflexionen über die fragliche Zeit wird völlig verzichtet, es spricht ausschließlich das gelebte Leben in seinem eigenen Ausdruck.
Und genau diese Methode scheint mir geeignet, die Wirklichkeit der DDR späteren Interessenten unverfälscht, „so, wie es wirklich war“ zugänglich zu machen und die Berge des zum Zwecke ihrer Delegitimierung veröffentlichten Materials auf ihren wirklichen Wert oder Unwert zu reduzieren.
Erste (aber nicht einzige) Voraussetzung eines solchen Unternehmens ist die Sammlung einer großen Zahl persönlicher Primärdokumente. Kempowski hat in zwei Jahrzehnten vor allem per Inserat mehr als 8000 Tagebücher, unveröffentlichte Selbstbiografien, Briefwechsel, Fotoalben usw. gesammelt.

Mittwoch, 5. September 2007

Vor rund 20 Jahren

Honecker

Am 7.9.2007 begann Honecker seinen Staatsbesuch in Bonn. Für den Staatsratsvorsitzenden zweifellos ein politischer Triumph. Für mich als einfachen DDR-Bürger („Ossi“ hätte ich fast gesagt, dabei gab es diesen Begriff überhaupt noch nicht.) war es ein beachtliches Ereignis und schöner politischer Erfolg, Zugleich blieb uns die unveränderte innenpolitische Erstarrung in der DDR völlig bewußt.
Nach meinem Tagebuch vom 8.9.1987 machte ich an diesem Tag einen Krankenbesuch bei Carmen, meiner damaligen Gefährtin, traf an ihrem Bett zwei ihrer Freunde:
„Carmen fängt an über den Honecker-Besuch zu politisieren. Das „Spektakel“ gab ihr Anlaß zu Gelächter. Honeckers Rede bei Kohl sei „grauenhaft“ gewesen. Die anderen beiden stimmen als Echo ein. Ich hatte mich kaum beteiligt, halte aber jetzt dagegen; es fühlt sich aber mehr Wulf, weniger Carmen angegriffen. Das ärgert mich jetzt, daß ich da eine gezielte Zuspitzung gegen sie verpaßt habe.
Ganz schön unangemessen, meine brave Denkerin.“
In den nächsten Tagen spielte der Honeckerbesuch in meinem Tagebuch überhaupt keine Rolle. Am 16 .9. aber übernahm ich einen Artikel zum Honeckerbesuch der sowjetischen Wochenzeitschrift „Neue Zeit“ Nr. 38/87 von A. Tolpegin, unter Hervorhebung dieser Passage:

Neue-Zeit

(Übrigens war die „Neue Zeit“ im Zusammenhang mit dem berüchtigten Verbot des „Sputnik“ ebenfalls von den Kiosken verschwunden (und blieb es). An Abonennten wurden einige Nummern nicht ausgeliefert, danach aber normalisierte sich die Zustellung wieder.)

Später, nach der Schicksalswende, kam einem der Staatsbesuch Honeckers fast unwirklich vor.

Wie Kohl seinen Staatsgast wenige Monate später ins Gefängnis wandern ließ - das halte ich immer noch für des Erinnerns wert.

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