Platonow

Samstag, 4. Oktober 2008

Tschewengur - „...weil die Menschen gar nicht anders konnten, als sich aus Angst vor Bedrängnis und für die Anstrengungen der Not zusammenzutun.“

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow (1899-1951)

„In der Nacht kam Wind auf und kühlte die ganze Stadt aus. In vielen Häusern setzte Kälte ein, und die Kinder retteten sich vor ihr, indem sie sich an den heißen Körpern ihrer typhuskranken Mütter wärmten. Die Frau vom Vorsitzenden des Gouvexkom Schumilin hatte auch Typhus, und zwei Kinder schmiegten sich von beiden Seiten an sie, um im Warmen zu schlafen; Schumilin selbst ließ den Petroleumkocher auf dem Tisch zur Beleuchtung brennen, weil er keine Lampe hatte und das elektrische Licht ausgegangen war, und zeichnete eine Windkraftmaschine, die einen Pflug am Seil hinter sich herziehen und die Erde fürs Korn pflügen würde. Im Gouvernement war die Pferdelosigkeit ausgebrochen, und man konnte nicht warten, bis genug Jungpferde geboren waren und zur Zugkraft wurden, also mußte man einen wissenschaftlichen Ausweg suchen.
Als Schumilin die Zeichnung beendet hatte, legte er sich aufs Sofa, rollte sich unter dem Mantel zusammen, um im Einklang zu sein mit der allgemeinen Dürftigkeit des Sowjetlandes, das die notwendigen Dinge nicht hatte, und schlief still ein.
Am Morgen wachte Schumilin mit der Vermutung auf, daß sich die Massen im Gouvernement bestimmt schon etwas ausgedacht hatten, vielleicht war auch der Sozialismus schon irgendwo unversehens zustande gekommen, weil die Menschen gar nicht anders konnten, als sich aus Angst vor Bedrängnis und für die Anstrengungen der Not zusammenzutun. Die Frau blickte ihren Mann mit weißen, vom Typhus ausgeblichenen Augen an, und Schumilin verkroch sich wieder unter dem Mantel.
"Man muß", flüsterte er zur Beruhigung vor sich hin, "man muß schneller den Sozialismus aufbauen, sonst stirbt sie.“


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 92/93

Todesnähe und Lebenswille bestimmen den Romanhelden wie das Volk zu seiner Wanderung.

Sonntag, 1. Juni 2008

Tschewengur - “Wir lieben den Tod! Wir lieben ihn sehr!“

Andrej-Platonow

„In Liski bestieg er einen Zug, in dem Matrosen und Chinesen nach Zarizyn fuhren. Die Matrosen verzögerten die Abfahrt, um noch den Kommandanten des Versorgungsstützpunktes für die dünne Suppe zu verprügeln, und danach setzte sich der Transportzug ruhig in Bewegung. Die Chinesen aßen die Fischsuppe auf, die die russischen Matrosen verschmäht hatten, sammelten dann mit Brot das nahrhafte Naß von den Wänden der Suppeneimer und antworteten den Matrosen auf die Frage nach dem Tod:“Wir lieben den Tod! Wir lieben ihn sehr!“ Dann legten sich die Chinesen gesättigt schlafen. In der Nacht schob der Matrose Konzow, der vor Gedanken nicht schlafen konnte, den Gewehrlauf durch die Türöffnung und schoß auf die Lichter der Eisenbahnerwohnungen und auf die Signale; Konzow befürchtete, daß er umsonst Menschen verteidigen und für sie sterben würde, darum verschaffte er sich im voraus das Gefühl der Verpflichtung, für die zu kämpfen, die durch seine Hand zu Schaden gekommen waren.“

Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 88/89

Handfester Revolutionsalltag – eine Prügelei, der fettige Rand eines Suppengefäßes – und zugleich Russen und Chinesen in der Hyperrealität der fahrenden Raumzelle. Die „gelebte Metaphysik“ der Einen, das grübelnde, schwermütige, systematische, in Wahn umschlagende Denken des Anderen.

Samstag, 12. April 2008

Tschewengur - „Ach, ist mir öde – keiner ist bei mir!“

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow (1899-1951)

„Ein Rotarmist kauerte am Boden und sah in seine Leiste, von wo wie gekelterter dunkler Wein Blut herauskam; sein Gesicht wurde fahl, er versuchte mit der Hand von unten die Schenkel hochzudrücken, um aufzustehen, und bat mit verlangsamten Worten das Blut:
„Hör auf, du Luder, ich werde doch ganz schwach!“
Aber das Blut verdickte sich bis zur Wahrnehmung seines Geschmacks, und dann wurde es schwarz und hörte ganz auf; der Rotarmist legte sich auf den Rücken und sagte leise – mit einer Offenheit, die keine Antwort erwartete:
„Ach, ist mir öde – keiner ist bei mir!“
Dwanow trat dicht an den Rotarmisten heran, und der bat ihn bewußt:
„Schließ mir den Blick!“ Und er schaute, ohne zu blinzeln, mit austrocknenden Augen, kein Zucken in den Lidern.
„Was ist?“ fragte Dwanow, und Schamgefühl beunruhigte ihn.
„Es sticht....“, erklärte der Rotarmist und preßte die Zähne zusammen, um die Augen zu schließen. Aber die Augen schlossen sich nicht, sie verglühten und verblichen, verwandelten sich in trübes Mineral. In seinen gestorbenen Augen spiegelte sich deutlich der Wolkenhimmel, als wäre die Natur nach dem ihr entgegenwirkenden Leben in den Menschen zurückgekehrt und der Rotarmist, um sich nicht zu quälen, hätte sich ihr mit seinem Tod angepaßt.“


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 86

Samstag, 22. März 2008

Tschewengur - „...um am Morgen hinauszugehen und in der Steppenluft zu verschwinden.“

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow (1899-1951)

„Im Wartesaal war es leer und trostlos. Verlassenheit, Vergessen und lange Schwermut empfingen ihn in diesem gefährlichen Haus des Bürgerkrieges. Der unbekannte einsame Mensch, der mit dem Kommissar gesprochen hatte, legte sich in der Ecke auf eine heil gebliebene Bank und deckte sich mit seiner dürftigen Kleidung zu. Wer er war und wie es ihn hierher verschlagen hatte, interessierte Dwanow sehr und von Herzen.Wie oft war er - vorher und danach – solchen außenstehenden unbekannten Menschen begegnet, die nach ihren einsamen Gesetzen lebten, aber nie hatte es ihn innerlich getrieben, zu ihnen zu gehen und sie zu fragen oder sich ihnen anzuschließen und gemeinsam aus der Lebensordnung auszubrechen.
Vielleicht wäre es für Dwanow besser gewesen, wenn er zu dem Menschen im Schkarinoer Bahnhof gegangen wäre und sich zu ihm gelegt hätte, um am Morgen hinauszugehen und in der Steppenluft zu verschwinden.“


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 80

Dwanow, der Revolutionär, der - nach landläufiger Meinung - Kollektivist, sieht den Einzelgänger, den Menschen, der nach seinen "einsamen Gesetzen" lebt, und dessen Schicksal es zu sein scheint, "in der Steppenluft zu verschwinden."
An welcheer Vielfalt widerstreitender Regungen im Herzen des Revolutionärs läßt Platonow den Leser teilhaben!

Dienstag, 4. März 2008

Helmut Höge hat seinen Platonow gelesen

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow (1899-1951)

In diesem Blog hat Andrej Platonow seinen festen Platz. „Tschewengur“ soll hier, so bemühe ich mich, wie ein Orgelpunkt erklingen.
Platonow ist einer der klügsten, ich meine der künstlerisch-klügsten, feinsinnigsten, furchtlosesten Künstler. Er liebte die Menschen in aller schmerzhaften Konsequenz. Er war mit jeder Faser Kommunist.
„Das Schicksal“ hat es besonders böse mit ihm gemeint. 60 Jahre wurden seine Werke nicht gedruckt. Als seine meisterhaften Romane und Erzählungen Ende der 80er Jahre in der Sowjetunion neu (und meist erstmals) herausgegeben wurden und wenig später auch in der DDR in kongenialen Übersetzungen erschienen, war es fürs erste zu spät. Der Sozialismus ging unter bevor seine Öffentlichkeit den tatkräftigen Mitgestalter und tiefgründigsten und dabei frühesten Deuter, den wahrhaftigsten Zeugen des heroischen Versuchs zur Kenntnis genommen hatte.

Doch mit leiser Freude nehme ich in jüngerer Zeit wahr, daß Platonows Name „wie Glut im Kraterherde“ durch Gebirge tauben Gesteins zu dringen scheint.
Heute im Feuilleton der „jungen Welt“ schreibt Helmut Höge interessant zu Genossenschaften und bemerkt: Am Ende der genossenschaftlichen Entwicklung steht oft so etwas wie ein neuer „Kollektivegoismus“.

"Da hilft auch kein Zusammenfassen zu immer größeren Einheiten. Bereits im „Jahr des großen Umschwungs“ 1929 ließ dazu der großartige Andrej Platonow einen der repressierten Großbauern (Kulaken) in seinem Roman „Die Baugrube“ sagen: “Ihr macht also aus der ganzen Republik einen Kolchos, und die ganze Republik wird zu einer Einzelwirtschaft... Paßt' bloß auf:Heute beseitigt ihr mich, und morgen werdet ihr selber beseitigt. Zu guter Letzt kommt bloß noch euer oberster Mensch im Sozialismus an.“ Stalin, der das Manuskript las („mein einziger Leser“ - so Platonow), schrieb an den Rand: „Schweinehund“."

Donnerstag, 21. Februar 2008

Tschewengur - „Vom Bahnhof kam ein Orchester übers Feld...“

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow (1899-1951)

„Vom Bahnhof kam ein Orchester übers Feld und spielte eine traurige Melodie, da wurde, wie sich herausstellte, der erkaltete Körper des gefallenen Nechworaiko getragen, den hatten mitsamt seiner ganzen Abteilung die wohlhabenden Bewohner im großen Dorf Peski bei Nacht und Nebel vernichtet. Dwanow bekam Mitleid mit Nechworaiko, weil nicht Vater und Mutter ihn beweinten, sondern bloß die Musik, und die Menschen folgten ihm ohne Gefühl im Gesicht, selber bereit, unweigerlich zu sterben im Alltag der Revolution.“

Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 76

Revolution ist ein elementares Ereignis, das sich die Menschen nimmt.
In Deutschland hat es nie eine Revolution gegeben. Insofern erschließt uns das Zeugnis des Russen Platonow eine menschheitliche Dimension.
Im deutschen Hinterkopf wacht stets die Frage: "Darf ich denn das?".
Das Ereignis elementarer Gewalt in Deutschland ist die Konterrevolution. In diesem Sinne war die Konterrevolution 1990 eine untypische, fast kultivierte. Das haben mancherlei Stimmen bedauert.

Sonntag, 27. Januar 2008

Tschewengur - "... und dann sehen wir weiter, wonach du dich mehr sehnst."

Andrej-Platonow

"Dwanow ging ins Revkom (Revolutionskomitee) und sprach mit den Leuten. Die klagten ein wenig über das Fehlen von Nessel für Rotarmistenwäsche, weshalb auf den Menschen Läuse wimmelten wie brodelnde Grütze, waren aber entschlossen, bis auf die nackte Erde zu kämpfen.
Ein Lokführer aus dem Depot, der Revkommvorsitzende, sagte zu Dwanow:
"Die Revolution ist ein Risiko: wenn's schief geht, reißen wir das Erdreich heraus und lassen den Lehm übrig, sollen sich sonstwelche Hundesöhne davon ernähren, wenn's dem Arbeiter nicht geglückt ist!"
Eine besondere Aufgabe gaben sie Dwanow nicht, sagten bloß:"Leb hier mit uns, da geht's allen besser, und dann sehen wir weiter, wonach du dich mehr sehnst."


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 75

Ich habe noch nirgends eine adäquate Würdigung der Sprache Platonows gedunden.
Auf mich wirkt sie, als würde das Erdreich selbst, der Sternenhimmel selbst zu mir sprechen.

Samstag, 1. Dezember 2007

vorgestrig

Natürlich ist es mir klar, wenn ich in meinem Blog Auszüge aus „Tschewengur“ bringe, daß ich damit in keinster Weise heutig bin - keine Beliebigkeit, kein Goutieren des Perversen, trashfreie Zone.
Ich bin noch nicht mal gestrig - kein Drehen der germanistisch-ideologischen Locke auf der Glatze kritischer Kritik.
Wenigstens bin ich nicht - Platonow sei Dank! - vorvorgestrig - nicht der Fanfarenkanon der Revolution.

Tschewengur - „...,daß der Revolver in der entsprechenden Hand war,...“

Andrej-Platonow-31

„Auf seine alten Tage wurde Sachar Pawlowitsch zornig. Ihm lag jetzt viel daran, daß der Revolver in der entsprechenden Hand war, und er grübelte an einem Greifzirkel, mit dem man die Bolschewiken überprüfen könnte. Erst im letzten Jahr hatte er das schätzengelernt, was er in seinem Leben verloren. Er hatte alles eingebüßt - durch seine langjährige Tätigkeit hatte sich der offene Himmel über ihm keinen Deut verändert, er hatte nichts erkämpft zur Rechtfertigung seines geschwächten Körpers, in dem sich vergebens eine wichtige leuchtende Kraft abplagte. Er hatte sich selbst so weit gebracht, daß er für immer vom Leben scheiden mußte, ohne das Notwendigste in Besitz genommen zu haben....
„Sascha“, sagte er, „du bist eine Waise, dein Leben ist doch eigentlich ein Geschenk. Geh damit nicht geizig um, lebe das wesentliche Leben.“


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 72

Montag, 12. November 2007

Tschewengur -"„Das bin ich!" sagte Sascha laut."

Andrej-Platonow-31

„Wieviel er auch las und dachte, immer blieb in seinem Innern ein unausgefüllter Platz - jene Leere, durch die die unbeschriebene und unerzählte Welt als rastloser Wind hindurchgeht. Mit siebzehn Jahren hatte Sascha Dwanow immer noch keinen Schutzpanzer über dem Herzen - nicht den Glauben an Gott noch eine andere geistige Beruhigung; er gab dem sich vor ihm auftuenden namenlosen Leben keinen fremden Namen. Dennoch wollte er nicht, dass die Welt unbenannt bliebe, er wartete nur darauf, ihren eigenen Namen aus ihrem Munde zu hören statt bewusst ausgedachter Namen.
....
Sascha fühlte in sich Kälte wie von einem richtigen Wind, der in die weite Finsternis hinter ihm blies, aber vorn, wo der Wind geboren wurde, war etwas Durchsichtiges, Leichtes und Riesiges - Berge lebendiger Luft, die in eigenen Atem und Herzschlag umzuwandeln war. Dieses Vorgefühl ergriff seine Brust, und die Leere im Körper weitete sich noch aus, bereit, das künftige Leben in Besitz zu nehmen.
"Das bin ich!" sagte Sascha laut."


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 66

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