Tschewengur - „...weil die Menschen gar nicht anders konnten, als sich aus Angst vor Bedrängnis und für die Anstrengungen der Not zusammenzutun.“

„In der Nacht kam Wind auf und kühlte die ganze Stadt aus. In vielen Häusern setzte Kälte ein, und die Kinder retteten sich vor ihr, indem sie sich an den heißen Körpern ihrer typhuskranken Mütter wärmten. Die Frau vom Vorsitzenden des Gouvexkom Schumilin hatte auch Typhus, und zwei Kinder schmiegten sich von beiden Seiten an sie, um im Warmen zu schlafen; Schumilin selbst ließ den Petroleumkocher auf dem Tisch zur Beleuchtung brennen, weil er keine Lampe hatte und das elektrische Licht ausgegangen war, und zeichnete eine Windkraftmaschine, die einen Pflug am Seil hinter sich herziehen und die Erde fürs Korn pflügen würde. Im Gouvernement war die Pferdelosigkeit ausgebrochen, und man konnte nicht warten, bis genug Jungpferde geboren waren und zur Zugkraft wurden, also mußte man einen wissenschaftlichen Ausweg suchen.
Als Schumilin die Zeichnung beendet hatte, legte er sich aufs Sofa, rollte sich unter dem Mantel zusammen, um im Einklang zu sein mit der allgemeinen Dürftigkeit des Sowjetlandes, das die notwendigen Dinge nicht hatte, und schlief still ein.
Am Morgen wachte Schumilin mit der Vermutung auf, daß sich die Massen im Gouvernement bestimmt schon etwas ausgedacht hatten, vielleicht war auch der Sozialismus schon irgendwo unversehens zustande gekommen, weil die Menschen gar nicht anders konnten, als sich aus Angst vor Bedrängnis und für die Anstrengungen der Not zusammenzutun. Die Frau blickte ihren Mann mit weißen, vom Typhus ausgeblichenen Augen an, und Schumilin verkroch sich wieder unter dem Mantel.
"Man muß", flüsterte er zur Beruhigung vor sich hin, "man muß schneller den Sozialismus aufbauen, sonst stirbt sie.“
Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 92/93
Todesnähe und Lebenswille bestimmen den Romanhelden wie das Volk zu seiner Wanderung.
kranich05 - 2008/10/04 11:31

