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Neuer Sozialismus

Dienstag, 22. September 2009

Ein heimatloser Linker erzählt

Die viel ältere Bezeichnung "heimatlose Linke" erlebte ich in ihrem DDR-Zusammenhang. Die DDR war der sozialistische Staat, es gab die sozialistische Partei, Heimat noch und noch. Wenn sich da ein Linker heimatlos fühlte, war wohl mit seinem Linkssein etwas nicht in Ordnung.
Das habe ich im Großen und Ganzen akzeptiert und bemühte mich redlich und mit Erfolg den Realsozialismus zu meiner Heimat zu machen.

Als der Sozialismus untergegangen war, mußte es der Linken, auch meiner Partei SED-PDS, in jeder Hinsicht um radikale Erneuerung gehen. Was linke Erneuerung sein müßte, war damals unklar (wie es heute unklar ist), das hinderte mich aber nicht, Einiges, was ich als Minimum verstand, recht rigoros zu verlangen. Als Anfang der 90er Funktionäre der Partei mit Koffern voller Geld in Stockholm aufflogen - Gysi erklärte, davon nichts gewußt zu haben - war meine Hoffnung, daß die SED-PDS meine echte politische Heimat werden könnte, dahin. Parteiaustritt.

Seitdem lebe ich als Linker ohne Verwurzelung in einer politischen Organisation. Die damit verbundene Freiheit ist mir angenehm. Über die zugleich gesetzte Ohnmacht, mache ich mir keine Illusionen.
Die unten haben nun einmal nur das Machtmittel der Organisation.

In den letzten Jahren wurde ich systematischer Leser der Zeitung "junge Welt". Eine Zeitung kann durchaus, zumal in frühen Zeiten der Orientierung und des Findens der Kräfte, einen organisatorischen Keim bilden. Man denke an Lenins Anfänge mit der "Iskra". Das kann sie umso besser, je weniger sie Sprachröhre einiger Durchblicker und je mehr sie die Plattform ihrer Leser ist.

Kürzlich glänzte die "junge Welt" mit einem Artikel zur linken Blogger- und Internet-Info-Szene, der, frei von Sachkenntnis andere politische Poitionen denunzierte, auf notwenige Differenzierungen verzichtete und darüber hinaus das völlige Unverständnis für die politischen Potentiale des Internet zum Ausdruck brachte. Ich habe dazu im Blog hier geschrieben.
Mir war besonders auffällig, wie sich damit die Zeitung, die gern auf ihre konsequente linke Position pocht, in die Reihe der Gegner sogenannter linker Verschwörungstheorien zu 9/11 einordnete; nicht anders als die offizielle Linke, "Staatslinke", die Partei "Die Linke". Verwirrend, enttäuschend.

Einige Tage nach dieser Veröffentlichung hatte ich am Rande eines Vortrags von Prof. Dr. Werner Röhr in der jW-Ladengalerie Gelegenheit zum Gespräch mit Arnold Schölzel, dem Chefredakteur der jW. Leider trug dieses Gespräch in keiner Weise dazu bei, meine Enttäuschung zu beseitigen. Im Gegenteil. Nicht die Spur einer selbstkritischen Wertung des Böke-Artikels ließ der Chef erkennen. Aber was noch schwerer wiegt, er zeigte nicht das geringste Interesse für meinen Vorschlag, über die im Raume stehenden Probleme in Ruhe und ausführlich zu sprechen. Mit verschränkten Armen stand da Einer vor mir und verkündete frei von allen Zweifeln seine Wahrheit. Die Situation kam mir allzu bekannt vor: Die Macht hatte gesprochen.

Sie sind da, die unsichtbaren Kraftlinien, die die Linke zur "Staatslinken", zum Bestandteil des herrschenden Systems machen.
Das ist für mich kein Grund, diese Linke nicht zu wählen. Es gibt wahrlich unangenehmere Alternativen. Aber Heimat? Nein, meine politische Heimat finde ich dort nicht.

Dienstag, 25. August 2009

"junge Welt" 0.2

Die Zeitung "junge Welt" habe ich hier schon oft zitiert, meist zustimmend. Vor wenigen Tagen allerdings hat mir diese Filmkritik gar nicht gefallen. Sie erinnerte mich an den dummen Spruch "Tötet Nazis!", von Kinderhand an Berliner Hauswände geschmiert.
Heute nun hat sich Henning Böke in einem ganzseitigen Artikel über das Web 2.0 verbreitet. Er klärt uns auf, daß dieses interaktive Web mehr oder weniger der Hort alles Bösen, zumindest aber des neuerdings erfundenen "Faschismus 2.0" ist.
Alle kriegen sie ihr Fett: "Schall und Rauch", "Infokrieg TV", "Radio Utopie" usw. Böke: "Es hat sich eine Allianz von klassischen Faschisten über paranoide Verschwörungstheoretiker bis zu unpolitischen Esoterikjüngern gebildet".

Bisher hatte mich die "junge Welt" noch nie einem Beitrag von solcher Ignoranz ausgesetzt. Gern würde ich über diese Auslassungen im Sommerloch einfach hinweggehen, doch es gibt Diskussionsbedarf. Vor allem darüber, wie die Staatsmacht bemüht ist, das Internet zu kriminalisieren und zu zensieren (wofür der Faschismusvorwurf bestens geeignet erscheint), natürlich Diskussionsbedarf auch darüber, wie rechtes Gedankengut im Web vertreten wird. Dabei scheint mir die Konstruktion eines "Faschismus 2.0" kaum geeignet die tatsächlichen Bewegungen zu begreifen. Das ist vielmehr ein zweifelhafter Kampfbegriff, der nicht an Gedankentiefe gewinnt, wenn man ihn an seiner Quelle betrachtet und dabei gleich noch die dort vertretenen Weisheiten über "Faschismus 1.0" zur Kenntnis nimmt.

Ich fürchte, daß sich hinter dem vorliegenden jW-Beitrag ein größeres Problem verbirgt, nämlich die Unfähigkeit der "jungen Welt", das kulturelle, geistige, politische Potential des interaktiven Web zu erkennen und zu nutzen.
Wenn sich die "junge Welt" auf das traditionelle Zeitungsgeschäft beschränkt, einschließlich eines langweiligen Onlinesektors, so habe ich das bisher bedauert und mit ihren beschränkten Ressourcen erklärt.
Doch alle sich irgendwie "links" verstehenden Journale (ich nenne neben der jW, das ND, Ossietzky und konkret) können mit einer interaktiven Leserschaft wenig anfangen. Sie verstehen sie nicht. Natürlich verstehen sie auch etwaige Risiken und Gefahren nicht. Vor allem aber sind sie völlig blind gegenüber den Potentialen und den damit verbundenen Gestaltungsherausforderungen.
Was die Linke Partei an Ideenarmut und Routine in der Politik vorexerziert, wiederholen leider die linken Medien auf ihrem ureigenen Gebiet.

Dienstag, 11. August 2009

Wählen gehen?

Wieder einmal rückt der Termin einer Bundestagswahl näher, und ich frage mich wieder, ob es Sinn hat, daran teilzunehmen.
Meine grundsätzliche Einstellung zur "Stimmabgabe" in der bundesrepublikanisch üblichen Form kann negativer nicht sein.
Solange Abgeordnete ihren Wählern nicht rechenschaftspflichtig sind, von ihnen nicht lückenlos kontrolliert und wenn notwendig in einem demokratisch geregelten Verfahren jederzeit abberufen werden können, ist die Wahl nur ein sinnloses, ich meine sogar, ein verderbliches Ritual.
Folglich habe ich mich an vielen Wahlen nicht beteiligt, doch es gibt Ausnahmen.

Kommunalwahlen:
Als gewählter Abgeordneter eines Berliner Stadtbezirks (entspricht der Ebene Kreistag), habe ich schon vor Jahren mit Erstaunen festgestellt, wie klein die Entscheidungsspielräume dieses Parlaments gegenüber den Vorgaben des Senats waren. Wie wurde doch über das in der DDR übliche "Prinzip des demokratischen Zentralismus" gehöhnt - alles nur schlecht verbämte Diktatur der "Politruks". Jetzt erlebte ich, daß 95 und mehr % des Haushalts, über den wir "zu entscheiden hatten", durch Vorgaben des Senats festgelegt waren. Was wir wirklich selbst entscheiden konnten, war marginal.
Trotzdem habe ich mich manchmal an Kommunalwahlen beteiligt, z. B., wenn Kandidaten zur Wahl standen, die ich persönlich einschätzen konnte.

Europawahlen:
An denen habe ich mich nie beteiligt. Ein Parlament zu wählen, das nicht die Macht der Gesetzgebung und Regierungsbildung hat, ist die vollendete Volksverdummung. Es ist eine Schande, daß sich mündige Bürger eine derartige Veranstaltung (und auch noch auf ihre Kosten) zumuten lassen.

Bundestagswahlen:
Über das ABC, daß Bundestagswahlen nicht über die politische Macht bestimmen, brauche ich mich nicht auszulassen. Vor wenigen Monaten lieferte das Stimmviehverhalten, mit dem der Bundestag die Maßnahmen der Machthaber zur Bankenrettung absegnete, Paradebeispiele der Unfähigkeit zur Formulierung und der Selbtverleugnung zur Durchsetzung eines demokratischen Auftrags.
Das Konglomerat der politischen Institutionen mit dem Bundestag im Zentrum funktioniert vor allem als hochwirksame Korrumpierungsmaschinerie.

Und dennoch werde ich diesmal die Linke wählen, wohl wissend, daß sie als Partei voll und ganz in diesem System plaziert ist.
Die beginnende große Krise des Kapitalismus muß dringend öffentlich reflektiert werden. Es müssen sich Gleichgesinnte finden. Organisatorische Zusammenhänge müssen gepflegt werden oder erst entstehen. In der Linken ist der größte Kreis von Menschen versammelt, der in diesem Sinne wirksam werden könnte. Dieses Potential, so lächerlich gering es noch sein mag, möchte ich stärken. Dafür meine schwache Stimme.

Montag, 13. Juli 2009

Wirtschaftskrise - Währungskrise? - Sozialismus!

Ich habe diese Überschrift nicht erfunden.
Sie ist hier zu finden und kündigt einen seitenlangen Artikel an.
Den Artikel habe ich noch nicht gelesen; beim Überfliegen aber zumindest soviel gesehen, daß es dort nicht um einen positiven Bezug auf den aus dem 20. Jahrhundert bekannten Sozialismus geht.

Es könnte sein, daß wir am Beginn der Zusammenbruchskrise des Kapitalismus stehen. Das könnte erklären, warum ganz merkwürdige neue alte Gedanken entstehen (z. B. auch hier).
Und wenn wirklich Zusammenbruchskrise, dann werden Gedanken nicht Gedanken bleiben, sondern es wird heute schier Undenkbares mit brutaler Gewalt durchgesetzt werden.
Es wird dann nicht mehr debattiert werden, ob man dieses dürfe oder jenes könne. Man wird es einfach tun, weil es ums nackte Überleben geht.
Was wird man tun?

Sonntag, 14. Juni 2009

Zeca Afonso, der Sänger der portugisischen Revolution

"Maria Faia"


"Canção de Embalar"

Dienstag, 19. Mai 2009

Krisenkaskade 6 - die Krise des Politischen

Politik ist, nach einem alten Satz, der konzentrierte Ausdruck der Ökonomie.
Die Interessen der Massen von Menschen, die den Unternehmern ihre lebendige Arbeit geben ("Arbeitgeber"), stehen den Interessen der Ausbeuter gegenüber, die über das Eigentum an den Produktionsmitteln verfügen. Sie lassen auf dieser Basis arbeiten, d .h. organisieren die kapitalisitsche Verwertung der Arbeitskraft. Je bewußter, organisierter, schlagkräftiger die ökonomischen Lebensinteressen vertreten werden, umso höher entwickelt ist der politische Kampf.

Seit vielen Jahren, beginnend bereits vor dem Untergang des Realsozialismus, haben, vor allem in den entwickelten Industrieländern, die arbeitenden Massen ihrer politischen Interessenvertretung immer geringeres Gewicht beigemessen. (Ich vermute, daß dafür der spezifische Produktivitätszustand der modernen Industrie eine maßgebende Rolle gespielt hat; gekennzeichnet durch sprunghaft gewachsene Effizienz der Güterproduktion verbunden mit der bedenkenlosen Ausschöpfung üppiger Gratisnaturleistungen)
Im Gegenzug haben die herrschenden Ausbeuter ihre Interessenwahrnehmung ausgedehnt und perfektioniert. Am Ende ist eine enormes Ungleichgewicht, eine tiefgreifende Assymetrie entstanden, die eine strategische Krise des Politischen umschreibt.
Es geht also um weit mehr, als eine temporäre Instabilität der Machtausübung.

Es scheint, als sei der Kapitalismus mit der gegenwärtigen Systemkrise am Ende eines langen, vielleicht 60- bis 80-jährigen, Zyklus angekommen. Für den Moment garantiert die Perfektion des Politikbetriebs noch gesellschaftspolitische Stabilität. Jedoch gehen die bisherigen Grundlagen,Fixpunkte, Rahmenbedingungen des Herrschaftsbetriebes verloren. Es kündigt sich Chaos an, mit allen denkbaren Folgen. Darunter auch den Möglichkeiten einer neuen prinzipiellen Offenheit.

Der laufende Herrschaftsbetrieb erklärt nicht offen, ob und in welche Entwicklungsrichtung er systematisch arbeitet. Geheimpolitik hat, für Viele offenkundig seit 9/11, enormes Gewicht.
Die informellen Netzwerke der Mächtigen sind aktiv. Es mehren sich demokratische Stimmen, die vor den Anzeichen einer weltweiten Zentralisierung und Hierarchisierung der Macht warnen.
Die arbeitenden Massen stehen vor der Frage, erneut politisch zu werden; nicht unbedingt mit utopischem Anspruch aber unbedingt mit einer konkreten Perspektive von wenigstens dreißig Jahren.

Zum Ende eines früheren kapitalistischen Zyklus wurde das Konzept einer "Partei neuen Typs" entwickelt und die Dialektik von Partei-Klasse-Masse intensiv erforscht und praktisch gestaltet. Was vor hundert Jahren zu historischen Siegen führte, wird sich heute oder morgen keineswegs wiederholen. Die Menschen, die das Chaos beenden müssen und den Ameisenstaat abwenden wollen, werden die alten Erfahrungen studieren und schätzen und weit darüber hinausgehen.


Krisenkaskade 5 - die ökologische Krise
Krisenkaskade 4 - die geistige Krise
Krisenkaskade 3 - die geopolitische Krise
Krisenkaskade 2 - die Wirtschaftskrise
Krisenkaskade 1 - die Finanzkrise

Sonntag, 17. Mai 2009

Politisch gegen die Bilderberger

Bekanntlich hält sich gerade eine Anzahl Spitzenbosse des internationalen Kapitals zu einem viertägigen Geheimtreffen in der Nähe Athens auf. "Bilderberger" nennt sich diese Organisation. Wenig ist über sie bekannt. Soviel doch:
Zu ihr gehören die reichsten, mächtigsten und einflußreichsten Menschen der Welt.
Es gilt absolute Geheimhaltung.
Sie beschäftigen sich mit Fragen, die für alle Menschen von großer Tragweite sind.


Keins der Massenmedien in Konzernhand berichtet über die alljährlichen Konferenzen der Bilderberger.

Vereinzelte "menschliche Spürnasen", Journalisten, Blogger lassen seit Jahren die Bilderberger nicht aus dem Blick. Langsam beginnt sich die aufgeklärte Öffentlichkeit zu interessieren. Auch die Krise sensibilisiert immer mehr Menschen für das, was die Mächtigen so sorgfältig vor ihnen verbergen wollen.

Jetzt ist es der Kommunistischen Partei Griechenlands in einer bestens organisierten Überraschungsaktion gelungen, mit 300 Demonstranten, darunter vielen jungen Menschen, vor dem hermetisch abgesperrten Tagungshotel eine Stunde lang lautstark und friedlich zu protestieren:

- IMPERIALISTEN RAUS AUS GRIECHENAND
- DIE ZUKUNFT DER WELT IST DER SOZIALISMUS
- DER KAPITALISMUS IST VERFAULT UND STIRBT
- STARKES KKE, VOLK ZUM GEGENANGRIFF

Griechische KP gegen Bilderberg


Mein Glückwunsch den griechischen Genossen für diese gelungene Aktion!

Krisenkaskade 5 - die ökologische Krise

Der Stoffwechsel mit der Natur ist die allgemeine Grundlage und der allgemeine Inhalt der menschlichen Produktion. In der kapitalistischen Gesellschaft ist dieser Stoffwechsel dem Profitziel untergeordnet. So getrieben wurde der materielle Reichtum der Gesellschaft zwar potenziert, aber um den Preis der immer tieferen Störung und schließlich Zerstörung der Naturgrundlagen und -kreisläufe des menschlichen Lebens.

Der letztgenannte Prozeß ist weit fortgeschritten aber von der ebenfalls dem Profitinteresse untergeordneten Wissenschaft unzureichend erforscht, und darüber hinaus ist seine Spiegelung im gesellschaftlichen Bewußtsein massenmedial dem kapitalistischen conmmon sense angepaßt.
Erst seit wenigen Jahren richten sich spürbare (aber immer noch viel zu geringe) Kräfte auf eine Minderung der einsetzenden Klimakrise. Andere Komponenten der ökologischen Krise/Krise der Naturbedingungen der menschlichen Reproduktion, wie Fragen der Energieversorgung, der Wasserversorgung, der Bodenfruchtbarkeit/Versorgung mit Lebensmitteln, der steigenden Toxizität sowie der Verfügbarkeit weiterer notwendiger Naturstoffe, bleiben weitgehend ausgeblendet. Ihr systemisches Wirken, ihre wechselseitige Wirkung, wird so gut wie völlig ignoriert.

Heute zeichnet sich die außerordentliche Dynamik und Wucht der ökologischen Krisenprozesse ab. Ich neige daher zu der Meinung, daß im Verlauf von zwei bis drei Jahrzehnten eine Existenzkrise der Menschheit heranreift, die erste Existenzkrise der Menschheit als ganzer.

Das profitorientierte System rechtfertigt keinerlei Hoffnung, diese Krise abzuwenden. Im Gegenteil, der bisherige Umgang der kapitalistischen Eliten mit der aktuellen Weltwirtschaftskrise beweist deren völlige Ignoranz aller Fragen von Menschheitsinteresse.
Andererseits erwarte ich: Der Kapitalismus, in das Prokrustesbett der Krise der Naturbedingungen gezwungen, wird ohne Atempause zunehmend wirkmächtigen Krisenfaktoren ausgesetzt sein, die vielleicht sein Ende, bestimmt aber das Ende seiner gegenwärtigen Verfaßtheit erzwingen werden.

Krisenkaskade 6 - die Krise des Politischen
Krisenkaskade 4 - die geistige Krise
Krisenkaskade 3 - die geopolitische Krise
Krisenkaskade 2 - die Wirtschaftskrise
Krisenkaskade 1 - die Finanzkrise

Donnerstag, 14. Mai 2009

Krisenkaskade 4 - die geistige Krise

Der Kapitalismus hat seine eignene Abschaffung auf die Tagesordnung gesetzt, aber keiner geht hin.
So stellt sich heute die geistige Krise, zumindest der atlantischen Gesellschaften dar.

Unangefochten und allumfassend herrscht der profane geistige Reflex des alltäglichen bürgerlichen Grundverhältnisses.
Die Vertragsfreiheit zwischen den Eigentümern der Waren und die Vermittlung all ihrer auf maximalen Profit gerichteten Transaktionen auf den diversen Märkten durch Geld, das damit zum wahrhaft totalitären Instrument lückenloser gesellschaftlicher Formierung wird, haben sich gesellschaftlich ausgeprägt in dem absoluten Wert der schrankenlosen Individualisierung jedes Einzelnen.
Das setzt an die Stelle der gesellschaftlichen Bindung die Konkurrenz, bedingt Geschichtslosigkeit und erstickt wissenschaftliches Erkennen gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer Dynamik in der Umarmung der Ideologien, massenmedialer Zumutungen oder ganz ungeniert der Religionen.
Dieser geistige Habitus wurde ausgeprägt und seit nunmehr 20 Jahren zur unbezweifelbaren Normalität zementiert. Er stellt somit keineswegs eine vorübergehende Entgleisung dar.

Heute macht die Krise im ökonomischen Fundament der Gesellschaft das ganze Ausmaß des Kulturbruchs sichtbar, der mit dem Untergang des Realsozialismus vollzogen wurde. Der Sozialismus war die am weitesten in die Realität getriebene Konsequenz der europäischen Aufklärung. Sein Untergang, dem Wesen nach Selbstzerstörung, hat einer 200-jährigen progressiven Tradition die Spitze gebrochen und sie in früher unvorstellbarem Ausmaß aus dem allgemeinen Menschenverstand getilgt.
Die Anerkennung gesellschaftlichen Fortschritts, die Erkenntnis materieller gesellschaftlicher Gesetze, die Generierung gesellschaftlicher Bewußtheit, die gründliche Analyse der Rolle des Privateigentums an den Produktionsmitteln, die Organisierung solidarischer Beziehungen zwischen den Menschen, die Überwindung des Krieges - alle diese jahrzehntelang erstrangigen Gegenstände massenhafter praktischer und geistiger Arbeit - sind in der geistigen Welt der Jetztzeit unbekannt, bestenfalls noch als Chimären bekannt.

Ich spreche vom geistigen Zustand der Massen der Menschen.
Zwei Gruppen sind im Gegensatz dazu hellwach:
Einerseits die Gruppe der Mächtigen, die ein optimiertes System der gesellschaftlichen Steuerung zur vorausschauend-nachhaltigen Sicherung ihrer Interessen anwendet und ständig vervollkommnet.
Andererseits eine kleine Gruppe, die von aller realen Macht ausgeschlossen ist, jedoch über die Energie und Mittel verfügt, die geistigen Errungenschaften der menschlichen Geschichte zu bewahren und, zumindest in Ansätzen, zu vertiefen, aufzuheben.

Es gibt somit Bedingungen, daß eine anhaltende, tiefe Krise der kapitalistischen Ökonomie bei einer wachsenden Zahl von Menschen Lernvorgänge "enormen Bewußtseins" (Marx) auslösen kann.
Heute sind aber die entgegengesetzten Bedingungen, also die auf die Verhinderung solcher Lernvorgänge gerichteten, noch stärker. Eine dramatische Zuspitzung der ökonomischen Krise würde, vermute ich, großen Handlungsdruck erzeugen bei zugleich unzureichend entwickelter zukunftsweisender Gestaltungskraft der Gesellschaft. Damit würden die Gefahren sich beschleunigender gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, bis hin zu Katastrophengefahren, wachsen.

Nachbemerkung:
Meine Sicht auf die geistige Krise ist auf unsere westeuropäisch-atlantische Gesellschaft beschränkt. Andere, heranwachsende Weltmächte, wie China, Indien, islamische Länder, in gewissem Maße auch lateinamerikanische Länder haben offensichtlich eine davon unterschiedene geistige Welt. Diese bietet bestimmt andere, vielleicht bessere Voraussetzungen zur Bewältigung der sich vollziehenden Krisenprozesse.


Krisenkaskade 6 - die Krise des Politischen
Krisenkaskade 5 - die ökologische Krise
Krisenkaskade 3 - die geopolitische Krise
Krisenkaskade 2 - die Wirtschaftskrise
Krisenkaskade 1 - die Finanzkrise

Sonntag, 10. Mai 2009

Krisenkaskade 3 - die geopolitische Krise

Wenn die politischen Leitfiguren der westlichen Staaten ihre Absicht verkünden, gestärkt aus der Krise hervorzugehen, so ist das wohl ein Gutteil Rhetorik.
Die Krise ist Ausdruck und zugleich Auslöser der Schwächung der alten imperialistischen Mächte. Mehr noch, wir erleben die Agonie der fünfhundertjährigen Herrschaft des Weißen Mannes über den kolonialisierten Rest. Die Krise kann damit zur Verheißung werden.

Heute ist die multipolare Welt in wichtigen Bereichen der Ökonomie Realität.
Die goldenen zwanzig Jahre des globalen neoliberalen Triumphes seit 1990 sind zugleich Jahre der Verwandlung mehrerer Mächte, die vormals alles verloren hatten, in Zonen rasanten Aufstiegs. Man mag das Ironie der Geschichte nennen, in Wahrheit ist es die objektive Dialektik, die eben nicht aus der Realität verschwindet, wenn die marxistischen Lehrstühle geschleift werden.
China, Rußland, Teile der moslemischen Welt und Teile Südamerikas, vielleicht auch Südafrika, sind solche Mächte.

Natürlich haben sie alle ihre höchst eigenen Interessen. Es tritt eine Welt der gegenseitigen Respektierung, des immer wieder erzielten Ausgleichs und der vielseitigen Zusammenarbeit zum Nutzen aller und jedes Einzelnen auf die Tagesordnung. Das Instrument UNO existiert und müßte von allen mit neuer Energie gebraucht werden. Es müßte nicht zu der großen geopolitischen Krise kommen.

Doch die Sprüche von der neuen und noch größeren Stärke weisen in eine andere Richtung. Die atlantischen Herrschaftseliten halten an ihren Strategien der Weltherrschaft fest, im Fokus Eurasien, und nicht wenige ihrer Vertreter scheinen bereit, dafür JEDEN Preis zu zahlen.
Die Zahl der in aller Welt glimmenden Brandherde nimmt zu. Zwar haben sowohl China als auch Rußland als auch moslemische Kämpfer klar gemacht, daß sie Rote Linien energisch verteidigen. Aber entschieden ist nichts.

Die Weltwirtschaftskrise, glaube ich, wirkt tendenziell gegen die Fähigkeit des imperialistischen Herrschaftsblocks zum siegreichen Krieg. Doch beruhigend ist das nicht. Es wäre nicht das erste Mal, daß angeschlagenen Mächte den Ausweg im Abenteuer suchen.
Täglich wird die innere Disziplinierung in den westlichen Kernländern vorangetrieben, die im Bedarfsfall eine störungsfreie Mobilisierung sichern soll - ein Moment der geopolitischen Krise, das zugleich auf eine weitere Stufe der Krisenkaskade verweist.

Krisenkaskade 6 - die Krise des Politischen
Krisenkaskade 5 - die ökologische Krise
Krisenkaskade 4 - die geistige Krise
Krisenkaskade 2 - die Wirtschaftskrise
Krisenkaskade 1 - die Finanzkrise

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