Daß Geißler meinte, den "totalen Krieg" im Munde führen zu müssen, hat das Feuilleton aufgeschreckt.
"Eine Entschuldigung - und zwar schnell!" meinten die einen,
Geißler habe sich entlarvt (aber nicht als Nazi), sagten andere. Albrecht Müller, bei aller
semiprofessionellen
Nachdenklichkeit, kann die ganze Aufregung nicht verstehen.
Was nun?
Wir wissen, wenn die Machtmedien Empörung verkünden, dann ist in 99 von hundert Fällen Heuchelei im Spiel. Der brave Bürger darf z. B. rassistisch sein; heute aber bitte menschenrechtlich begründet, nicht etwa im Vokabular der Faschisten.
Dieses Tabu hat der alte Begriffsjonglierer verletzt. Ob aus Eitelkeit, wie die Badische Zeitung meint? Brauchte er das Gespenst des totalen Kriegs, um sich als der Friedensstifter so recht in Szene zu setzen?
Möglich, doch wahrscheinlich ist die Erklärung einfacher (erfreulicher ist sie damit nicht).
Der Geißler ist Zeitgenosse, wir sind Kinder, wir sind Enkel des Faschismus. Wir können keinen anderen Boden treten, als den, auf dem die Faschisten marschierten. In unseren geliebten Städten und Landen waren die Faschisten zu Hause, und oft genug ist selbst unser Fleisch aus dem Fleisch der Faschisten.
Das alles sind Feststellungen, keine Vorwürfe oder gar Verurteilungen. Keine Kollektivschuld. Keine Erbsünde. Aber ebensoviele Forderungen, Aufträge.
Wir haben zu begreifen, woher wir kommen, wir haben mitzubestimmen, was unser Eigentum wird, wir entscheiden, wohin wir gehen wollen.
Peinlich für Herrn Geißler, daß ihm sein Goebbels nicht weniger flott von den Lippen geht als sein (wie ich doch annehme) Goethe. Leider, leider, es bleibt, selbst in der Verneinung, ein Bezug auf den Demagogenmeister der Faschisten.
Unser "großer Kommunikator" hat sofort begriffen, welche Blöße er sich gab.
Nun windet er sich - der Aal ist dagegen ein Stockfisch. Nur nichts eingestehen: "Goebbels - nie gehört"; "totaler Krieg" - ja, bei den Moslems".
Vielleicht aber verraten die Geißler-Worte noch ein wenig mehr, und nun wird's wirklich bös.
Niemand, behaupte ich, der die Goebbels-Szene kennt, wird sie von ihrem Gehalt trennen - der Aufpeitschung zum letzten Vernichtungskampf.
Wie kommt der vorgebliche Vermittler eines demokratischen Prozesses dazu, dieses Bild zu beschwören? Er meint doch wohl nicht, daß Herr Grube und seine Mitschlipsträger einen Vernichtungskampf führen. Oder ist der Widerstand gegen "Stuttgart 21" gemeint? Sind dort solche halsstarrigen Extremisten am Werk, daß die Zeit kommt, das Tischtuch zu zerschneiden?
Herr Geißler hat im Kopf, daß die Demokratie "noch ganz andere Saiten aufziehen kann".
War es das, was seine Sprache verraten hat?