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Literatur

Donnerstag, 1. Mai 2008

Wassili Grossman: „Leben und Schicksal“

Ein großes Buch vom Kampf der Sowjetunion gegen die faschistische deutsche Kriegsmaschine.
Ein Buch vom Kampf der sowjetischen, der „realsozialistischen“ Gesellschaft gegen sich selbst, des Menschen gegen sich selbst
Ein Buch von der Selbstzerstörung der Großen Revolution der Arbeiter und Bauern.
Der Versuch, den Antifaschismus zu behaupten und zugleich die sowjetische Gesellschaft mit Hilfe der Totalitarismustheorie zu begreifen. Vielleicht nicht der Beweis des Scheiterns dieses Versuchs aber sicher der Beweis seiner gründlichen Fragwürdigkeit.
Das Werk eines mutigen, zutiefst der Wahrheit verpflichteten, sowjetischen Schriftstellers aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Wassili Grossman, „Leben und Schicksal“ Roman, Berlin 2007, 1088 Seiten;

Samstag, 22. März 2008

Deutsche Karriere eines Engels

Fleißige Schülerin
Brave Bürgerin in stabilen Verhältnissen
Bürgerbewegt zur Stelle als die dicke Mauer fällt

Lernwilliges „Mädchen“
Brave Ministerin in stabilen Verhältnissen
Christdemokratisch bewegt zur Stelle als der Dicke fällt

Lehrwillige Zuchtmeisterin
Brave Chefin in halbwegs stabilen Verhältnissen
Machtbewegt zur Stelle sobald es Dicke kommt

Dienstag, 26. Februar 2008

"Kali" von Peter Handke

Als ich in meiner Bibliothek „Kali Eine Vorwintergeschichte“ von Peter Handke auslieh, wiederholte sich, was ich vor einem halben Jahr beim „Das Echolot“ von Walter Kempowski erfahren hatte. Die Bibliothekarin sagte: „Endlich leiht das mal jemand aus. Das liest sonst nie jemand.“ Im Unterschied zu damals machte sie aber deutlich, daß sie selbst dem Schreiben von Handke gar nichts abgewinnen könne.
Ich hatte natürlich Handkes „Serbien-Kontroverse“ mitbekommen, kannte sonst aber von ihm keine Zeile - ostdeutsche kulturelle Sozialisierung, die sich eben sooft als Mangel, wie als „Gnade“ erweist.

Nun ist diese Geschichte für mich zu einem schönen und bedeutsamen Leseerlebnis geworden.

Mir liegt dieser Stil, in dem ich die Sorgfalt feindifferenzierten Beschreibens finde, natürlich ohne alle Schwerfälligkeit, vielmehr beflügelt von Bildern, Träumen und Luftgeistern. Und zugleich ohne Verblasenheit, sondern fest auf der Erde stehend, sich an ihren Krusten reibend, in ihren Tiefen schürfend.
Überdeutlich, wohl auch in einzelnen Motiven, noch mehr aber in der Gesamtanlage und -aussage des Textes, ist der Bezug zur indischen Todes- und erst recht Erneuerungsgöttin Kali, die Ende Oktober/Anfang November, im Vorwinter, ihren höchsten Feiertag hat.
Kein bewußter Bezug auf eine andere große Geschichte, wohl eher eine zufällige aber darum umso berührendere Parallele, ist das Motiv der Sorge um das Kind, das alle Hoffnung der Niedergedrückten, Schuftenden, Sprachlosen trägt. Ich spreche von Platonows großem Roman „Die Baugrube“.
Welch ein Visionär dieser Peter Handke, dem aus einem tiefen Ein- und Ausatmen „eine Art Weg“ entsteht, der einen märchenhaft großen Maulwurfshügel entdeckt, „an dem ein ein Erdbrocken von selber ins Rollen kam“. Er sieht wirklich eine Schnecke, einen auffliegenden Schmetterling und nicht die „Blumen im Winter“ aus der „Winterreise“.
Er bezeugt,
„wie überhaupt nicht wenig Seltsames vor sich ging: Ein junges Paar begegnete ihr, mitten auf der Heide, Hand in Hand, einfach so, ohne Rucksack, ohne Hund, unter dem Himmel, und man grüßte einander, wovon ein Augenblick gemeinsamer Freude blieb, und entfernte sich unter dem Himmel. Ebenso dann ein altes Paar, und diese Paare hatten nichts im Sinn, als sich miteinander zu ergehen.“

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Herbstboten

Herbst

Kühl steht der Morgen auf.
Die Sonne zögert lange.
Die Stühle stehen nass im Tau.
Ich streife mir die Sonnenstrahlen über
wie eine warme Jacke.

Ein großer, gelber Sommerfalter
fliegt morgentrunken,
sorglos über meine Lichtung
und leuchtet vor dem Dunkelgrün
der Bäume.

Ein gelbes Blatt
folgt taumelnd seinem Flug.
Es segelt durch die Morgenluft
und fällt ins nasse Gras.
Ich hebe meinen Blick und staune:

Mit gelben Blättern übersäht
steht dort am Wiesenrande meine Birke,
als würden im Gespinst der Zweige
einhundert Sonnenfalter
nach dem großen Fluge ruhen.


von Meckie Pilar

Freitag, 5. Oktober 2007

Walter Kempowski ist gestorben

Die Flut der Nachrufe hebt an.
Auch Frau Merkel, die soeben noch die Qualität der Bauarbeiten an dem Fußballstadion würdigte, das in drei Jahren die Weltmeisterschaft sieht, meldete sich aus Afrika.
Wer nicht gern dicke Romane liest, darf sich dennoch am norddeutschen Humor des Autors erfreuen.
Sterben wird ja heutzutage zum öffentlichen Vorgang. K. hat den mannhaft durchgestanden.
Nicht nur den.
Sein „Echolot“ ist ein großes Werk.
Vielleicht stößt es etwas für die gute Zukunft an, vielleicht ganz anders als es sich Merkel oder Köhler vorstellen.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Bei Anderen gelesen

Schlaflos im Blog


Schlaflos im Blog

Gedanken im Kreis

Kreislauf durchbrochen

Sorgen besprochen

Wech sind se trotzdem nich

da geht es mich so wie dich

Montag, 1. Oktober 2007

Nach einem kühlen Sommer ist es Herbst geworden

schilfimHerbstwind

Die dunklen Monate kommen.
Wir denken an Herbst - Abschied - Verlust.
Eine wunderschöne Webseite ist zu diesem Thema entstanden.
(Oder hier, falls der Link nicht funktioniert).

Freitag, 28. September 2007

Kempowskis „Echolot“ (10) - Michel gottbefohlen

„Echolot“ ist keine Dokumentation. Das habe ich bereits in Folge 5 und 8 dieser Betrachtungen festgestellt, und Gregor Keuschnig hat es ein weiteres Mal unterstrichen.
Freilich hat diese Monumentalcollage ein besonderes Verhältnis zu einer Dokumentation. Weil eine enorme Zahl verschiedenster Dokumente verwendet wird, drängt sich dem Leser der Eindruck umfassenden Dokumentierens auf - ein Eindruck, den der Klappentext des Verlags, die Klappertexte mancher Rezensenten, vertiefen.
Und der Verfasser, eigentlich müßte man sagen Arrangeur, enthält sich jedes eigenen Worts. er läßt ausschließlich Dokumente bzw. aus Dokumenten sprechen.
Wie kann daraus ein Kunstwerk entstehen?
Es entsteht.
Und so lautet die Frage nicht, ob die „richtigen Dokumente“ ausgewählt wurden, ob alle Gruppen der Zeitzeugen „angemessen“, repräsentativ (Was ist das?) zu Wort kamen, ob die Ereignisse wahrheitsgemäß abgebildet wurden.
Fragen sind vielmehr, welche Erzählung uns Kempowski fabuliert, welches Chorwerk er (um im vielbenutzten Bild zu bleiben) einstudiert hat oder auch (im Vorfeld), wie er sein Echolot geeicht hatte.

„Echolot“ ist das Volksbuch vom Deutschen Krieger, einem Mischwesen aus Siegfried und Hagen von Tronje, in der Massengesellschaft, in voratomarer Zeit - mit einer schicksalsgeprüften aber, versteht sich, treuen stolzen Hilde im Hintergrund. Dem fahrenden Sänger auf den Märkten der Jahrhunderte gleich, erzählt Kempowski in tausend Bildern, mit unzähligen Umschreibungen und Verzierungen, sein Mäandertal wieder und wieder durchmessend, vom eisernen deutschen Schicksalsstrom.
Wenn wir nichts mehr wissen - „Echolot“ könnte uns „der Wunder vil“ aus alter Zeit sagen.
In dieser echten Saga haben Gott (oder die Götter) ihren Logenplatz, während sich auf der Szene die Buben verstricken; schlichte, bildungsgesättigte, skrupellose, ehrbare, strohdumme, sentimentale usw. usw. aber, fast ohne Ausnahme, kreuzbrave Buben. Daß ich’s nicht vergesse: Auch einige Außenseiter sitzen auf den Bäumen und zwitschern - gerne Banalitäten.

„Echolot“ erzählt von dem unendlich vielen Blut, mit dem die Vielen fremde Rechnungen bezahlen.
Die Rechnung erst einmal zu prüfen - dieser Gedanke findet sich auf 1000 Seiten nicht.
Und die Stimmen derer, die von Anfang an und unerbittlich geprüft haben - die gibt es auf 10 000 Seiten nicht.
Und erst die Handschrift derer, die die Rechnungen ausstellen (nicht, die sie präsentieren), die existiert schon gar nicht in diesem Kunstwerk.
Es fehlen noch Andere. Ich nenne noch die Knochenbrecher, die in Aktion treten, wenn Du die Rechnung nicht frißt.

Bei so viel Text, so viel Text auszublenden, das muß ich großes Kunsthandwerk nennen.

Dienstag, 28. August 2007

Als Peter Hacks vor vier Jahren starb

Am-Weg

geriet das bundesdeutsche Feuilleton, so weit um Nachruf bemüht, schlagartig an seine Grenze.
Man modelt am Zeitgeist, bedient den zur zweiten Natur gewordenen Antikommunismus, tilgt jeden Anflug von Humor und hält im übrigen auf ordentliches Benehmen.
Peter Hacks ficht derlei natürlich nicht an.
Mir hat die Postfrau heute das schmale Kinderbuch gebracht: „Der Bär auf dem Försterball“.
„Der Bär schwankte durch den Wald, es war übrigens Winter; er ging zum Maskenfest. Er war von der besten Laune. Er hatte schon ein paar Kübel Bärenschnaps getrunken; den mischt man aus Honig, Wodka und vielen schwierigen Gewürzen.“
Sie wollen wissen, wie der Bär tanzt? Hier wird die ganze schöne Geschichte erzählt:
http://abcypsilon777.blog.de/2006/12/07/title~1412072

Aber eigentlich wollte ich auf das schöne Essay von Heidi Urbahn de Jauregui über Hacks und Goethe hinweisen, das heute (und morgen) in der „jungen Welt“ erscheint. http://www.jungewelt.de/2007/08-28/002.php
Mit Hacks’ Blick auf Goethes „Faust II“ (Helena-Akt) hebt sie die dort dargestellte „Geburt der individuellen Liebe“, wie überhaupt des Individuums mit der Warenwirtschaft hervor. „Mit den Individuen entstehen auch die gegeneinander gerichteten Willen. Hacks: “Der Mensch beginnt als Hammel und emanzipiert sich als Wolf.“... Soziale Haltungen und entwickelte Subjektivität würden erst im Kommunismus zusammengeführt werden.“
Interessant sind für mich Berührungspunkte zu solchen Gedanken, die ich in meinen alten Tagebüchern finde.
http://tageundjahre.de/archives/144
Zum Ende meiner Eloge soll Peter Hacks das Wort haben, gefunden bei Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Hacks
„Das Problem der gegenwärtigen Propaganda ist, daß man dem Imperialismus, der mehr Grund zu Vorwürfen bietet als jede Gesellschaftsform sonst, gar nichts vorwerfen kann: weil es ihm gelungen ist, den Leuten alle Kriterien für recht und unrecht, wahr und falsch, schön und häßlich aus den Hirnen zu waschen. Nichts gilt mehr, und wie argumentieren, wo nichts gilt? Das Waschmittel ist der Positivismus, die Wäscherei das Fernsehen.“ (Peter Hacks, 9. Dezember 2000)“

Sonntag, 5. August 2007

Kempowskis "Echolot" (1)

Zum letzten Band „Abgesang ‘45“ von Kempowskis „Echolot“, seiner tagebuchartigen Collage einiger Wochen des Hitlerfaschismus, heißt es:
„Dieses Buch ersetzt eine ganze Bibliothek zum Thema Kriegsende“ (Frank Schirrmacher).
„Ein einzigartiges, ein gigantomanisches Werk ist daraus entstanden und jetzt zum Abschluß gekommen. Es ist ein Wunder.“ (Der Spiegel)
„Eines der größten Leseabenteuer unserer Zeit“ (Denis Scheck).

Wen die Systemmedien derart anpreisen, braucht sich nicht zu wundern, daß so mancher gutwillig Interessierte zunächst abgeschreckt ist.
Meine freundliche Bibliothekarin in Oranienburgs kleiner Stadtbibliothek ist jedenfalls hell begeistert als endlich einmal jemand das „Echolot“ ausleiht. Niemand lese das (Sie selbst ist bisher auch nicht dazu gekommen.), und die vier Bände Januar/Februar 1943 haben doch 300 Euro ihrer knappen Mittel gekostet.

Möglich, daß eine Zeit größerer Kempowski-Rezeption vor uns liegt.
Im Grunde versteht er sich als Autor eines freien, unbelasteten Deutschseins, eines mächtigeren Deutschland, eines differenzierten menschlichen Verständnisses, das z. B. auch die guten Absichten Hitlers zu würdigen weiß.
(http://www.fr-online.de/top_news/?sid=fd1a58b59e5cde7ce4be0f1ad84fff8f&em_cnt=1185119)
Einen solchen Schriftsteller, nicht Denker, der ein großes aber zugleich ausreichend subtiles Werk geschaffen hat, sollte die Schritt für Schritt erstarkende (und schon heute weltweit kämpfende) Berliner Republik gering schätzen? Da seien der Bundespräsident und die Multiplikatoren davor.
http://www.bundespraesident.de/Anlage/original_638687/Grusswort-anlaesslich-der-Eroeffnung-der-Ausstellung-Kempowkis-Lebenslaeufe.pdf

Mir fällt auf, daß viele Lobpreisungen die schiere Größe der Kempowskischen Tagebuchcollage feiern. Ob hier Größe, quantitaive Ausdehnung, als künstlerischer Wert funktioniert? Etwa im Sinne der Neuerschaffung eines ganzen bestimmten SEINS? Und dies neuerschaffte Sein notwendig in Form der Collage, nämlich eines Zerbrochenen?
Bevor ich Antworten auf diese Fragen suche, stolpere ich über Kempowskische Buchtitel:
„Fuga furiosa“, „Abgesang“. Es geht um die bitterste Zeit des Millionensterbens im Winter und Frühjahr 1945.
Anleihen aus dem Musikvokabular als bildungselitärer Kitsch? Oder Anderes und mehr?

Bald nach Beginn meiner Lektüre des „Echolot“ habe ich mir solche Fragen gestellt. Und ich werde mich weiter mühen, Fragen zu erarbeiten und meine Antworten zu finden.
Die Chronistenpflicht aber läßt mich ausdrücklich bekennen, daß am Anfang eine Lektüre steht, die ihren Sog entfaltet, die bald leidenschaftlich wird und mich zeitweilig im „Strom namens Fakt“ (Majakowski) überwältigt hat.

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