kostenloser Counter

 

Literatur

Montag, 2. Juni 2008

Des Menschen letzte Flucht?

"Da öffnete der älteste und verworfenste der Salamander den Mund, aus dem es dermaßen roch, daß selbst die übrigen Salamander ungern mit ihm verkehrten und lieber einen Bogen um ihn schwammen. Er bewegte seine mit Entenmuscheln bewachsene Zunge gegen die fauligen Zahnstümpfe; Tränen rannen aus seinen Augen, deren eines mit weißem Eiter unterlaufen war und das andere überhaupt blind; die Worte aber, die er mit Krächzen und Schmatzen hervorbrachte, lauteten:

"Ihr Schicksal, mein Herr, füllt mein Herz mit Erbarmen; wenn Sie mir bitte folgen wollen".

Philibert bestieg den Rücken des Salamanders. Der trug ihn sicher, und ihrer beider Gestalten verschwanden hinter dem rauchenden Grat des Eisbergs, dessen schwefelfarbene und blaue Flammen in der endlosen Nacht des Nordens ihr Weniges an Licht ausrichteten."


Peter Hacks, "Die Gräfin Pappel", in: "literatur konkret", Seite 16, "konkret", Heft 10/1992

Donnerstag, 22. Mai 2008

Vorsicht, Hacks!

Endlich einmal eine Auseinandersetzung mit Peter Hacks, mit der ich etwas anfangen kann.
Von Georg Fülberth heute in der „jungen Welt“ .
Ich bewundere, liebe und genieße Werke von Hacks. Viele seiner theoretischen und politischen Äußerungen finde ich höchst anregend. Zugleich ist mir die kultische Verehrung des Autors zuwider. Dazu zähle ich auch das Klassikergetue. Seine Provokationen, so empfinde ich es seit langem, drücken nicht immer Weisheit, nicht selten auch Hilflosigkeit aus.
Branstner setzt sich branstig mit Hacks auseinander. Auch das hilft irgendwie, aber es genügt mir nicht.
Fülberth schreibt über Hacks höchst kenntnisreich, differenzierend, sensibel.
Und er formuliert einen, den hacksschen Schlüsselgedanken zur Theorie und Praxis einer sozialistischen Klassik:
„Wenn die alte herrschende Klasse noch nicht abgedankt hat und die künftige noch nicht herrscht, schlägt die Stunde einer Staatskunst, die beide im Gleichgewicht hält. Das ist auch die Zeit der Klassik in der Kunst: Elisabeth I von England und Shakespeare, Herzog Carl August und Goethe, Walter Ulbricht und Peter Hacks.“
Ja, das könnte Hacksens Ort sein. Vielleicht ist das ein tiefer Gedanke.
Anscheinend kann ich in der Polemik dagegen meiner Divergenz zu Hacks auf die Spur kommen.

Unfähig bin ich, zu formulieren, was es war und was es ist, doch ich weiß:
Für mich war und ist es NICHT die „Stunde der Staatskunst“.
Alles ist elementarer, unerbittlicher, grausamer.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Wassili Grossman: „Leben und Schicksal“

Ein großes Buch vom Kampf der Sowjetunion gegen die faschistische deutsche Kriegsmaschine.
Ein Buch vom Kampf der sowjetischen, der „realsozialistischen“ Gesellschaft gegen sich selbst, des Menschen gegen sich selbst
Ein Buch von der Selbstzerstörung der Großen Revolution der Arbeiter und Bauern.
Der Versuch, den Antifaschismus zu behaupten und zugleich die sowjetische Gesellschaft mit Hilfe der Totalitarismustheorie zu begreifen. Vielleicht nicht der Beweis des Scheiterns dieses Versuchs aber sicher der Beweis seiner gründlichen Fragwürdigkeit.
Das Werk eines mutigen, zutiefst der Wahrheit verpflichteten, sowjetischen Schriftstellers aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Wassili Grossman, „Leben und Schicksal“ Roman, Berlin 2007, 1088 Seiten;

Samstag, 22. März 2008

Deutsche Karriere eines Engels

Fleißige Schülerin
Brave Bürgerin in stabilen Verhältnissen
Bürgerbewegt zur Stelle als die dicke Mauer fällt

Lernwilliges „Mädchen“
Brave Ministerin in stabilen Verhältnissen
Christdemokratisch bewegt zur Stelle als der Dicke fällt

Lehrwillige Zuchtmeisterin
Brave Chefin in halbwegs stabilen Verhältnissen
Machtbewegt zur Stelle sobald es Dicke kommt

Dienstag, 26. Februar 2008

"Kali" von Peter Handke

Als ich in meiner Bibliothek „Kali Eine Vorwintergeschichte“ von Peter Handke auslieh, wiederholte sich, was ich vor einem halben Jahr beim „Das Echolot“ von Walter Kempowski erfahren hatte. Die Bibliothekarin sagte: „Endlich leiht das mal jemand aus. Das liest sonst nie jemand.“ Im Unterschied zu damals machte sie aber deutlich, daß sie selbst dem Schreiben von Handke gar nichts abgewinnen könne.
Ich hatte natürlich Handkes „Serbien-Kontroverse“ mitbekommen, kannte sonst aber von ihm keine Zeile - ostdeutsche kulturelle Sozialisierung, die sich eben sooft als Mangel, wie als „Gnade“ erweist.

Nun ist diese Geschichte für mich zu einem schönen und bedeutsamen Leseerlebnis geworden.

Mir liegt dieser Stil, in dem ich die Sorgfalt feindifferenzierten Beschreibens finde, natürlich ohne alle Schwerfälligkeit, vielmehr beflügelt von Bildern, Träumen und Luftgeistern. Und zugleich ohne Verblasenheit, sondern fest auf der Erde stehend, sich an ihren Krusten reibend, in ihren Tiefen schürfend.
Überdeutlich, wohl auch in einzelnen Motiven, noch mehr aber in der Gesamtanlage und -aussage des Textes, ist der Bezug zur indischen Todes- und erst recht Erneuerungsgöttin Kali, die Ende Oktober/Anfang November, im Vorwinter, ihren höchsten Feiertag hat.
Kein bewußter Bezug auf eine andere große Geschichte, wohl eher eine zufällige aber darum umso berührendere Parallele, ist das Motiv der Sorge um das Kind, das alle Hoffnung der Niedergedrückten, Schuftenden, Sprachlosen trägt. Ich spreche von Platonows großem Roman „Die Baugrube“.
Welch ein Visionär dieser Peter Handke, dem aus einem tiefen Ein- und Ausatmen „eine Art Weg“ entsteht, der einen märchenhaft großen Maulwurfshügel entdeckt, „an dem ein ein Erdbrocken von selber ins Rollen kam“. Er sieht wirklich eine Schnecke, einen auffliegenden Schmetterling und nicht die „Blumen im Winter“ aus der „Winterreise“.
Er bezeugt,
„wie überhaupt nicht wenig Seltsames vor sich ging: Ein junges Paar begegnete ihr, mitten auf der Heide, Hand in Hand, einfach so, ohne Rucksack, ohne Hund, unter dem Himmel, und man grüßte einander, wovon ein Augenblick gemeinsamer Freude blieb, und entfernte sich unter dem Himmel. Ebenso dann ein altes Paar, und diese Paare hatten nichts im Sinn, als sich miteinander zu ergehen.“

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Herbstboten

Herbst

Kühl steht der Morgen auf.
Die Sonne zögert lange.
Die Stühle stehen nass im Tau.
Ich streife mir die Sonnenstrahlen über
wie eine warme Jacke.

Ein großer, gelber Sommerfalter
fliegt morgentrunken,
sorglos über meine Lichtung
und leuchtet vor dem Dunkelgrün
der Bäume.

Ein gelbes Blatt
folgt taumelnd seinem Flug.
Es segelt durch die Morgenluft
und fällt ins nasse Gras.
Ich hebe meinen Blick und staune:

Mit gelben Blättern übersäht
steht dort am Wiesenrande meine Birke,
als würden im Gespinst der Zweige
einhundert Sonnenfalter
nach dem großen Fluge ruhen.


von Meckie Pilar

Freitag, 5. Oktober 2007

Walter Kempowski ist gestorben

Die Flut der Nachrufe hebt an.
Auch Frau Merkel, die soeben noch die Qualität der Bauarbeiten an dem Fußballstadion würdigte, das in drei Jahren die Weltmeisterschaft sieht, meldete sich aus Afrika.
Wer nicht gern dicke Romane liest, darf sich dennoch am norddeutschen Humor des Autors erfreuen.
Sterben wird ja heutzutage zum öffentlichen Vorgang. K. hat den mannhaft durchgestanden.
Nicht nur den.
Sein „Echolot“ ist ein großes Werk.
Vielleicht stößt es etwas für die gute Zukunft an, vielleicht ganz anders als es sich Merkel oder Köhler vorstellen.

Donnerstag, 4. Oktober 2007

Bei Anderen gelesen

Schlaflos im Blog


Schlaflos im Blog

Gedanken im Kreis

Kreislauf durchbrochen

Sorgen besprochen

Wech sind se trotzdem nich

da geht es mich so wie dich

Montag, 1. Oktober 2007

Nach einem kühlen Sommer ist es Herbst geworden

schilfimHerbstwind

Die dunklen Monate kommen.
Wir denken an Herbst - Abschied - Verlust.
Eine wunderschöne Webseite ist zu diesem Thema entstanden.
(Oder hier, falls der Link nicht funktioniert).

Freitag, 28. September 2007

Kempowskis „Echolot“ (10) - Michel gottbefohlen

„Echolot“ ist keine Dokumentation. Das habe ich bereits in Folge 5 und 8 dieser Betrachtungen festgestellt, und Gregor Keuschnig hat es ein weiteres Mal unterstrichen.
Freilich hat diese Monumentalcollage ein besonderes Verhältnis zu einer Dokumentation. Weil eine enorme Zahl verschiedenster Dokumente verwendet wird, drängt sich dem Leser der Eindruck umfassenden Dokumentierens auf - ein Eindruck, den der Klappentext des Verlags, die Klappertexte mancher Rezensenten, vertiefen.
Und der Verfasser, eigentlich müßte man sagen Arrangeur, enthält sich jedes eigenen Worts. er läßt ausschließlich Dokumente bzw. aus Dokumenten sprechen.
Wie kann daraus ein Kunstwerk entstehen?
Es entsteht.
Und so lautet die Frage nicht, ob die „richtigen Dokumente“ ausgewählt wurden, ob alle Gruppen der Zeitzeugen „angemessen“, repräsentativ (Was ist das?) zu Wort kamen, ob die Ereignisse wahrheitsgemäß abgebildet wurden.
Fragen sind vielmehr, welche Erzählung uns Kempowski fabuliert, welches Chorwerk er (um im vielbenutzten Bild zu bleiben) einstudiert hat oder auch (im Vorfeld), wie er sein Echolot geeicht hatte.

„Echolot“ ist das Volksbuch vom Deutschen Krieger, einem Mischwesen aus Siegfried und Hagen von Tronje, in der Massengesellschaft, in voratomarer Zeit - mit einer schicksalsgeprüften aber, versteht sich, treuen stolzen Hilde im Hintergrund. Dem fahrenden Sänger auf den Märkten der Jahrhunderte gleich, erzählt Kempowski in tausend Bildern, mit unzähligen Umschreibungen und Verzierungen, sein Mäandertal wieder und wieder durchmessend, vom eisernen deutschen Schicksalsstrom.
Wenn wir nichts mehr wissen - „Echolot“ könnte uns „der Wunder vil“ aus alter Zeit sagen.
In dieser echten Saga haben Gott (oder die Götter) ihren Logenplatz, während sich auf der Szene die Buben verstricken; schlichte, bildungsgesättigte, skrupellose, ehrbare, strohdumme, sentimentale usw. usw. aber, fast ohne Ausnahme, kreuzbrave Buben. Daß ich’s nicht vergesse: Auch einige Außenseiter sitzen auf den Bäumen und zwitschern - gerne Banalitäten.

„Echolot“ erzählt von dem unendlich vielen Blut, mit dem die Vielen fremde Rechnungen bezahlen.
Die Rechnung erst einmal zu prüfen - dieser Gedanke findet sich auf 1000 Seiten nicht.
Und die Stimmen derer, die von Anfang an und unerbittlich geprüft haben - die gibt es auf 10 000 Seiten nicht.
Und erst die Handschrift derer, die die Rechnungen ausstellen (nicht, die sie präsentieren), die existiert schon gar nicht in diesem Kunstwerk.
Es fehlen noch Andere. Ich nenne noch die Knochenbrecher, die in Aktion treten, wenn Du die Rechnung nicht frißt.

Bei so viel Text, so viel Text auszublenden, das muß ich großes Kunsthandwerk nennen.

Aktuelle Beiträge

An deutschem Kontrollpunkt...
Natürlich nicht "feige und hinterhältig",...
kranich05 - 2008/08/29 14:56
Große Nation
Es war am Arc de Triomphe, genauer im Pflaster vor...
kranich05 - 2008/08/28 22:51
Wichtiger Termin im Russischen...
Am Donnerstag, 4. September 2008 findet um 19 Uhr im...
kranich05 - 2008/08/28 20:04
Fast alles wiederholt...
auch "...(g)kaschwili"? Hoffen tlich keine Farce, die...
kranich05 - 2008/08/27 10:41
Pere-Lachaise
Es mag nostalgisch sein, aber Frankreich ist für...
kranich05 - 2008/08/26 18:34

Archiv

August 2008
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 3 
 6 
 7 
 9 
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
30
31
 
 

RSS Box

Suche

 

Status

Online seit 987 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2008/08/29 14:57

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma

sorua enabled
xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB


911
Augenweide
Blog und Tagebuch
DDR-Stimmen
Deutschfibel
Gaumenfreuden
Gesundheit, Alter
Haus, Garten, Hund
Hebbel
kein Witz
Kino
Krieg
Kunst
Kunstpostkarten
Lenin
Liebe & Sex
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren