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Literatur

Donnerstag, 22. Oktober 2009

"leicht gesagt" von Lutz Steinbrück

Eine Prise Lyrik gefällig?
(Verabreicht von Lyrikmail.)

leicht gesagt

bitte nehmen Sie
ihr Leben doch
nicht zu persönlich

wenn da jeder kommen würde
wo kämen wir, Sie wissen schon

tagein und aus
solche Dinge in den Wind
wie deutsche Wirtschaft
das Amen dieser Kirche

der Klang der irren Worte
die in Fetzen den Bürgersteig hinab-
wehen in Rätseln

türmen sie sich auf, neben
deinem Fahrrad, wohin
wollen sie denn wachsen
und für wen

ist dieser Tellerrand eine Option


Lutz Steinbrück, geboren 1972 in Bremen, lebt und arbeitet in Berlin, 2008 erschien der
Lyrikband „Fluchtpunkt-Perspektiven“ im Lunardi Verlag (Berlin).

Freitag, 26. Juni 2009

seltsam

seltsam


dass dein leben
jetzt geschieht
weißt du ganz
zuinnerst

und doch
erscheints
dir wirklicher
indem du es

erinnerst




Katharina Lanfranconi (*1948)

Sonntag, 31. Mai 2009

Pfingstbestellung

Pfingstbestellung

Ein Pfingstgedichtchen will heraus
Ins Freie, ins Kühne.
So treibt es mich aus meinem Haus
Ins Neue, ins Grüne.

Wenn sich der Himmel grau bezieht,
Mich stört's nicht im geringsten.
Wer meine weiße Hose sieht,
Der merkt doch: Es ist Pfingsten.

Nun hab ich ein Gedicht gedrückt,
Wie Hühner Eier legen,
Und gehe festlich und geschmückt -
Pfingstochse meinetwegen -
Dem Honorar entgegen.


Joachim Ringelnatz (1883 - 19349

Mittwoch, 13. Mai 2009

Mai oder Dame?

Walther von der Vogelweide: "Sô die bluomen ûz dem grase dringent"
"Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen" [Übersetzung im Anschluss an das Original]


[I]

Sô die bluomen ûz dem grase dringent,
sam si lachen gegen der spilnden sunnen
in einem meien an dem morgen fruo,
und die kleinen vogellîn wol singent
in ir besten wîse, die si kunnen,
waz wunne kan sich dâ gelîchen zuo?
ez ist wol halb ein himelrîche!
nu sprechen alle, waz sich dem geliche,
sô sage ich waz mir dicke baz
in mînen ougen hât getân,
und taete ouch noch, gesaehe ich daz.

[II]

Swâ ein edeliu frowe schoene, reine,
wol bekleit und dar zuo wol gebunden,
dur kurzewîle zuo vil liuten gât
hovelîchen hôhgemuot, niht eine,
umbe sehende ein wênic under stunden,
alsam der sunne gegen den sternen stât, -
der meie bringe uns al sîn wunder,
waz ist dâ sô wunneclîchez under,
als ir vil minneclîcher lîp?
wir lâzen alle bluomen stân,
und kapfen an daz werde wîp.

[III]

Sêt, sam mir, welt ir die wârheit schouwen!
gên wir zuo des meien hôhgezîte!
der ist mit aller sîner wunne komen.
seht an in und seht an werde frowen,
weder spil daz ander überstrîte:
daz waeger spil, ob ich daz hân genomen.
und der mich danne welen hieze,
daz ich daz eine dur daz ander lieze,
ahy, wie schiere ich danne kür!
hêr Meie, ir müestent merze sin,
ê ich mîn frowen dâ verlür.

---

Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen

[I]

Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen,
als ob sie der verführerisch leuchtenden Sonne entgegen lachen würden
in einem Mai, früh am Morgen,
und die kleinen Vögelchen schön singen
in der schönsten Melodie, die sie beherrschen,
– welche Freude lässt sich dem vergleichen?
Es ist gut halb ein Himmelreich...
Jetzt mögen alle sagen, was sich dem vergleicht:
So sage ich, was mir oft wohler
in meinen Augen getan hat,
und was mir auch noch gut tun würde, wenn ich es nur sehen würde.

[II]

Wo auch immer eine edele Dame, schön, ohne Makel,
höfisch gekleidet und dazu noch wohl mit dem Kopfschmuck der verheirateten Frau versehen,
um sich die Zeit zu vertreiben unter viele Menschen geht,
höfisch fröhlich, nicht allein,
sich manchmal umsehend –
[so wie diese Dame] wie die Sonne die Sterne überstrahlt:
Der Mai möge uns da all seine Wunderbarheit herbeibringen –
was ist da so freudeerregendes darunter,
wie ihr gänzlich liebenswerter Leib?
Wir vergessen alle Blumen
und starren die wunderbare Frau an.

[III]

Seht hin, wie ich, wenn ihr die Wahrheit sehen wollt!
Gehen wir zum großen Fest des Mai!
Der ist mit seiner ganzen Lust gekommen.
Seht ihn an und seht edle Damen an,
welcher Zeitvertreib den anderen übertrifft;
[und ob] ich mich für den gewichtigeren Zeitvertreib entschieden habe.
Und wenn mir einer dann befehlen würde, so zu wählen,
dass ich das eine für das andere aufgeben müsste,
hui, wie schnell ich dann wählen könnte!
Herr Mai, ihr müsstet schon der März sein,
bevor ich meine Dame in diesem Spiel verlieren würde.


---
Der Text folgt dem Abdruck in der Minnesanganthologie von Ingrid Kasten, mit
Übersetzungen und sehr guten Kommentaren: "Deutsche Lyrik des frühen hohen Mittelalters",
Frankfurt 2007; das Lied trägt dort die Nummer 163; wissenschaftliche Notation L 45,37.
http://short.to/78ys

Informationen zum Text...............................
Walther von der Vogelweide, der vielleicht größte deutsche Lyriker, lebte und dichtete
vermutlich zwischen 1190 bis 1230. Dem Minnesang hat er neue Impulse gegeben; auch indem er
das oft Gehörte und Bekannte mit Ironie durchspielt, wie im Lied oben. Da ist der oft beschworene
wunderbare Mai fast so gut wie ein halbes Himmelreich (I,7) – nur ein halbes, und nur fast so gut?
Und jede edle Dame, die sich gut angezogen auf einer Festgesellschaft bewegt, überstrahlt gleich wie
die Sonne die Sterne (II,1ff.). Nicht genug – Walther spielt die eingeführten Bilder gegeneinander aus:
Erst wenn der Mai der März werden würde, gäbe Walther seine Dame dafür auf. Den März haben die
Minnesänger nicht sehr oft besungen, und das ist vielleicht auch die Botschaft dieses Liedes: Ihr
Minnesänger, singt mal etwas Neues. Wir aber wünschen Ihnen, ganz traditionell, einen schönen,
freudebringenden Mai. Martin Schuhmann freut sich auf Ihr Feedback. m.schuhmann@lingua.uni-frankfurt.de;
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/IDLD/ADL/mitglieder/schuhmann/Lyrikmail.html .


Danke wieder einmal für die "tägliche Lyrikmail".
Warum Walther seine Dame für den März hergäbe, habe ich aber selbst mit Interpretationshilfe nicht verstanden.
Weil der März mit seinen Stürmen sie ihm entreißen würde?
Weil der März den Winter besiegt und somit noch höher steht als der Mai?
Oder erwähnt er den März paradox, weil es ganz und gar undenkbar wäre, daß ihm dieser (oder überhaupt irgend etwas) seine Dame entrisse?

Mittwoch, 29. April 2009

Nach der Krise

Viele tun alles ihnen Mögliche, um die Krise nicht zu bemerken.
Manche sehen der Krise mutig ins Gesicht. Sie wollen sie begreifen.
Wenige schauen in die Zeit nach der Krise.

Einer der Wenigen ist Volker Braun, der nächste Woche seinen 70. Geburtstag feiert. In einem Vortrag zu Shakespeares "Lear", diesem Stück vom verlorenen Königreich, sagt er:
"Es ist an der Menschheit originär zu werden... Wie der entthronte 2. Richard wird der entmachtete Mensch verblüfft erkennen, daß es ihn noch gibt, daß er noch Luft atmen, Boden treten kann. Der unfreiwillige Aussteiger im abgenutzten Weltall wird bei Bewußtsein sein und noch immer, noch einmal William Shakespeare gleichen..."
O PAULINA, FÜHRE UNS WEG VON HIER, DASS WIR GEMÄCHLICH EINANDER REDE UND ANTWORT STEHN ÜBER DIE ROLLE, DIE JEDER VON UNS SPIELTE, SEIT WIR UNS TRENNTEN, IN DEM GROSSEN BOGEN ZEIT.

Volker Braun, "... solang Gedächtnis haust...", Festvortrag anläßlich der Vereinigung der beiden deutschen Shakespeare-Gesellschaften 1993.

Freitag, 27. März 2009

Ein Körnchen Staub in der Welt

Die Welt

(Einem Clown zugeeignet)

Viel Tage stampfen über Menschentiere,
In weichen Meeren fliegen Hungerhaie.
In Kaffeehäusern glitzern Köpfe, Biere.
An einem Mann zerreißen Mädchenschreie.

Gewitter stürzen. Wälderwinde blaken.
Gebete kneten Fraun in dünnen Händen:
Der Herr Gott möge einen Engel senden.
Ein Fetzen Mondlicht schimmert in Kloaken.

Buchleser hocken still auf ihrem Leibe.
Ein Abend taucht die Welt in lila Laugen.
Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe.
Tief aus dem Hirne sinken seine Augen.



Dieses Gedicht ist von Alfred Lichtenstein (1889-1915), einem expressionistischen Dichter, den ich nicht kenne. Veröffentlicht wurde es 1911. Der Verfasser war also nicht älter als 22 Jahre.

Ich bin kein Freund expressionistischer Gewaltsamkeit, doch hier lese ich Wendungen, sehe Bilder, die mir einen heftigen Impuls geben: Das dürfte nie verloren gehen.

Der Dichter ist schon bald verloren gegangen.
Im August 1914 "zog er in den Krieg". Im September war er mausetot.

Fluch dem Kriege.
Fluch denen, die bis heute Kriege machen.

Samstag, 10. Januar 2009

Wilhelm Busch

Sahst du das wunderbare Bild von Brouwer?


Sahst du das wunderbare Bild von Brouwer?
Es zieht dich an, wie ein Magnet.
Du lächelst wohl, derweil ein Schreckensschauer
Durch deine Wirbelsäule geht.

Ein kühler Dokter öffnet einem Manne
Die Schwäre hinten im Genick;
Daneben steht ein Weib mit einer Kanne,
Vertieft in dieses Mißgeschick.

Ja, alter Freund, wir haben unsre Schwäre
Meist hinten. Und voll Seelenruh
Drückt sie ein andrer auf. Es rinnt die Zähre,
Und fremde Leute sehen zu.



aus: "Kritik des Herzens" (1874)

Adriaen Brouwer = flämischer Maler (1605-1638)

Die tägliche Dosis Poesie.

Montag, 1. Dezember 2008

Uwe Greßmann unvergessen

Der Dichter Uwe Greßmann starb 1969. Damals war er 36 Jahre alt.
Das Selbstbildnis ist eine Zeichnung mit Bleistift und Kreide aus dem Jahre 1953.

Uwe Gressmann

Eines seiner Gedicht heißt

Der Eimer

Ich trage ihn hinaus,
Wenn er voll ist
Von Wasser;
Ihn, der einen runden Bauch hat
Und einen großen Rand
Aus Zink.

Und ich halte nicht viel von ihm,
Nur ein Stück seines Fußes;
Da schüttelt er mir sein Herz aus
Seifenblasen über und über.
Im Örtchen schäumt es
Wie vor Wut und gurgelt.

Und wenn ich ihn, den Geleerten,
Dahin auf die stelle, die Erde,
Sieht er wieder anständig aus
Der Ecke da vor,
Bis er voll ist, der blaue
Farbe eines Anzugs trägt.



Ein anderes Gedicht ist


Gang des Lebens

Keiner
Ging dort
Und sagte:
„Schau, wie die Laterne
Am Himmel scheint
Nachts,
Wenn man auf schwarzen Dampfern und
Wie Kohlen verladen,
In das Reich dorthin fährt...“
Und:
„Vergiß mich nicht!
Denn ich bin es.“

Kinder
Gingen lang am Kanal.
Sagte eines:
„Schaut, wie die Laterne
Am Himmel scheint
Morgens.“
Und ein anderes:
„Seht ihr das Geländer?
Vergeßt mich nicht!“

Zwei
Gingen Finger an Finger gehakt,
Sagt er:
„Schau, wie die Laterne
Am Himmel scheint
Mittags.“
Und sie:
„Da! Siehst du die Fische tanzen?
Vergiß mich nicht!“

Einer
Ging, die Hand in der Tasche,
Sagte zu sich:
„Schau, wie die Laterne
Am Himmel scheint
Abends.“
Und -
Über das Wasser gebeugt -:
„Vergeßt mich nicht!“

Mittwoch, 19. November 2008

Nachtigall

Großer Vogel

1933

Die Nachtigall ward eingefangen,
Sang nimmer zwischen Käfigstangen.
Man drohte, kitzelte und lockte.
Gall sang nicht. Bis man die Verstockte
In tiefsten Keller ohne Licht
Einsperrte. – Unbelauscht, allein
Dort, ohne Angst vor Widerhall,
Sang sie
Nicht – –,
Starb ganz klein
Als Nachtigall.


Kürzlich, am 17.11., jährte sich der Todestag von Joachim Ringelnatz.

Freitag, 14. November 2008

heimwärts

Trost

Wenn die Ankerstricke brechen,
Denen du zu sehr vertraust,
Oft dein Glück so sicher schaust,
Zornig nun die Wogen sprechen, –
O so laß das Schiff den Wogen,
Mast und Segel untergehn,
Laß die Winde zornig wehn,
Bleibe dir nur selbst gewogen,
Von den Tönen fortgezogen,
Wirst du schön're Lande sehn:
Sprache hat dich nur betrogen,
Der Gedanke dich belogen,
Bleibe hier am Ufer stehn. –


Ludwig Tieck (1773-1853)

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