In diesen Tagen jährt sich wieder der nie gesühnte Mord an den deutschen Parlamentariern Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Ermordet wurden sie von deutschnationalen Militaristen und Aktivisten, die auf ihrem Weg zum Faschismus bzw. zur Machtübertragung an diesen noch etliche Jahre vor sich hatten.
In einer Demokratie heute, die sich ernst nähme, wäre das Gedenken an „Karl und Rosa“ Staatsraison.
Gesine Lötzsch hat einen
Diskussionsbeitrag für die Rosa-Luxemburg-Konferenz der Tageszeitung „junge Welt“ geschrieben.
Ich habe mich der früher üblichen, gleichwohl lästigen, Gewohnheit unterzogen, den Artikel zu lesen, bevor ich darüber schreibe. Und ich war recht angetan davon, wie die Verfasserin, verschiedene Szenarien der übermächtig heranreifenden Krisen der Jetztzeit zum Ausgangspunkt nehmend, auf Luxemburgs Konzept der revolutionären Realpolitik zurückgeht. Das führt zu einem illusionslosen Blick auf die Macht- und Eigentumsfrage. Verblasene Formulierungen von einer „Transformation des Kapitalismus“ bleiben dem Leser erspart zugunsten der treffenderen Beschreibung Luxemburgs: “So soll die Machteroberung nicht eine einmalige, sondern einen fortschreitende sein, indem wir uns hineinpressen in den bürgerlichen Staat,….“ Es gelingt Lötzsch tatsächlich, aktuelle politische Aufgaben und Ziele der Partei die Linke zu formulieren, mit denen der demokratische politische Kampf heute in Richtung auf die so nötige Systemveränderung und -überwindung gelenkt werden kann. All das im Sinne Rosa Luxemburgs, die beides zugleich gewollt habe:„höchstmögliche Gemeinschaftlichkeit bei der Kontrolle darüber, dass Eigentum und Macht im Interesse aller gebraucht werden, und größtmögliche Freiheit individueller Entfaltung, radikaler Kritik und Öffentlichkeit.“ Wer von den Schlaubergereien und tagespolitischen Geisterfahrten des Fraktionsvorsitzenden der Linken und anderer abgestoßen ist, wird diese Qualität überrascht und erfreut zur Kenntnis nehmen.
Lötzschs Beitrag bestätigt Existenz und Wirken vernünftiger und vertrauenswürdiger Leute in der Partei Die Linke. Ob damit diese Partei für mich wählbar wird/bleibt, hängt davon ab, ob die Partei als Ganzes berechenbar in diesem Sinne ist.
Auch Gesine Lötzsch erlaubt sich einige blinde Flecke in ihrer Argumentation. Ohne diese aufzuklären, werden die Linken nicht gründlich genug aus ihren geschichtlichen Fehlern lernen können.
- Daß die Novemberrevolution „in den Absprachen zwischen Mehrheitssozialdemokratie und der kaiserlichen Armee“ verraten wurde (und setze ich hinzu, dass auch der Mord an Luxemburg und Liebknecht nur unter Mitwirkung sozialdemokratischer Funktionäre durchführbar war), bleibt der Verfasserin eine bloße Feststellung. Nach aller Erfahrung handelt es sich aber um einen grundsätzlichen, weit verallgemeinerbaren Sachverhalt, aus dem noch längst nicht alle notwendigen und möglichen Konsequenzen gezogen sind.
- Lötzsch ist peinlich darauf bedacht, sich vom „sowjetischen Parteikommunismus“ abzuheben. Gegen Lenin führt sie Luxemburgs Statement ins Feld: “Das Negative, den Abbau, kann man dekretieren, den Aufbau, das Positive, nicht.“ Ein Scheingegensatz. Mühelos könnte die Verfasserin denselben Gedanken bei Lenin formuliert finden und zwar noch viel zugespitzter, viel konkreter, viel ausgearbeiteter, z. B. in: „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“. Ja, es ist absolut erforderlich, die selbst gesetzten Ursachen des Scheiterns der sowjetischen und anderen „Parteikommunisten“ herauszuarbeiten. Das ist immer noch nicht gründlich genug geschehen, und auch die Partei die Linke hat dazu noch längst nicht genug beigetragen.
- Zwei letzte, eher pragmatische, kritische Bemerkungen:
* Das Eine ist es, programmatisch überzeugend (aufs Ganze gesehen) zu formulieren. Etwas Anderes ist es, das gesamte Auftreten der Partei in diesem Sinne auszurichten (einschließlich der Abweichungen, die das Leben bereithält). Besonders dieser zweite Anspruch geht an die Parteiführerin.
* In der Öffentlichkeit zerreißt man sich nun das Maul über den Titel: „Wege zum Kommunismus“. Ich weiß, der resultiert aus der Themenvorgabe zu o. g. Konferenz. Trotzdem, es war ungeschickt, politisch unsensibel, dem politischen Gegner eine Vorlage für seine Unterstellung zu liefern, die Linke drohe nun mit dem Kommunismus als Tagesaufgabe.
Damit bin ich beim Echo des Beitrags. Nur kurz:
Es ist ziemlich groß, gestartet ursprünglich von der
Internetplattform SPON, die manche immer noch für ein Informationsmedium halten, jedoch inzwischen viel weitere Kreise ziehend.
Dabei hat es immer wieder (und trotz längst gemachter Erfahrung) beträchtlichen Erkenntniswert, den beißenden Antikommunismus sowohl aller Steuermedien, als auch aller Politchargen in Aktion zu sehen. Es ist und bleibt bestätigt: Wenn es in Deutschland einen Grundkonsens gibt bis weit in kapitalismuskritische Kreise hinein, dann ist es der Antikommunismus.
Dieser Konsens bleibt wirkungsmächtig, selbst wenn es eines Tages der Kommunismus zur kompletten Nichtexistenz bringen sollte!
Es lohnte, darüber zu reflektieren.
Die „junge Welt“, in persona ihres Chefredakteurs, zeigt
heute kaum verhehlten Triumph: „Der jW-Artikel … bringt den bundesdeutschen Mainstream zum Tanzen. Politik und Medien in Aufruhr.“ Dieses „zum Tanzen bringen“ der Verhältnisse gehört wohl zu den hohlsten Sprüchen der Marxisten aller Zeiten. Der jugendliche Meister hatte den vermutlich in einer Bierlaune losgelassen und nun ist er dazu verdammt bis zum Ende aller Tage im Universum der linken Gedankenlosigkeiten zu kreisen. Schlagen wir, wie es sich für Linke gehört, mit einem Marxwort zurück: „Ein einziger Schritt wirklicher Bewegung ist mehr wert als mancher Leitartikel der „jungen Welt“.
Letzte Bemerkung: Die Beachtung, die Gesine Lötzchs Beitrag findet, darunter auch die Fülle der Kommentare im Internet, beweist ein beträchtliches Interesse an der Thematik und lässt auch viele erfreulich vorurteilsfreie Reaktionen erkennen.