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Kino

Freitag, 2. Mai 2008

Yang Lina findet Jugendliche langweilig,

"weil sie noch nichts erlebt haben".
Solcher Satz mag einem Opa in Zeiten des Jugendwahns gefallen.
Doch Opa ist nicht so töricht zu vergessen, daß der Gegensatz auch gilt:
Jugendliche sind besonders interessant, "weil sie noch nichts erlebt haben".

Wie dem auch sei, obigen Satz habe ich in einem interessanten kleinen Artikel gefunden (erhältlich im "junge Welt Online-Abo).

"Spannend, weil verboten.
Kölner Filmmarathon gewährte Einblicke ins reiche Schaffen chinesischer Regisseurinnen"


Ich kriege Lust, diese Filme zu sehen.

Sonntag, 19. August 2007

3 x Borat

Borat

Irgendwann hatte ich irgendwas über den Film gelesen, irgendwie interessant sei er oder so.
Hab’ nun also das Werk angeschaut und, was bei mir fast nie vorkommt, nach einer halben Stunde abgebrochen. Ich hatte derbe, schräge, originelle Komik erwartet. Nichts von alledem, nur Peinlichkeit.

Danach Gespräche mit jungen Leuten: „Das ist eben auch Humor. Ihr Alten habt keinen Sinn dafür.“
Zweiter Versuch. Nun also den ganzen Film angeschaut.
Ich nehme es wohl war, und es empört mich zugleich, dieses zielstrebige Bemühen, die Grenzen zu überschreiten, Kulturnormen zu demolieren. Chauviwitz, Pornowitz, Fäkalwitz und wieder von vorn. Wettlauf des Künstlers mit dem Konsumenten um’s Extrem.
"Ich kann mehr zeigen, als Du aushalten kannst."
"Ich kann mehr aushalten, als Du zeigen kannst."
Zurichtung des modernen Individuums, ALLES auszuhalten und - da es ja ein Fun-Individuum ist, alles TOLL zu finden.
Ich bin zu alt und nicht vergeßlich genug, um nicht diese Assoziation zu haben:
ALLES AUSZUHALTEN - das explizit brauchte der Faschismus, von Opfern wie Tätern.

Und ein dritter Aspekt, jenseits der pseudoaufklärerischen Fassade: Nur die Quasi-Intellektuellen werden sich dieser Herausforderung des Borat anpassen, die Anderen werden einfach Bestätigung ihres kolonialistischen, antiasiatischen Chauvinismus finden. Ich zweifle, daß der Film nicht auch darauf abzielt. Damit wir nicht so ahnungslos sind, wenn eines Tages die atlantische Freiheit auch in Kasachstan verteidigt werden muß.


Land: USA, 2006
Regie: Larry Charles
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Ken Davitian, Pamela Anderson

Freitag, 27. April 2007

Das Leben der Anderen... ein Briefentwurf

FGHvD

„Ich danke Arnold Schwarzenegger für die Lektion, dass ich die Worte ,Ich kann nicht’ aus meinem Vokabular streichen sollte.“

(FGHvD in seinen Dankesworten für den Oscar.)








Muehe-guckt









Liebe...,

ziemlich viel im Kopf herum geht mir "Das Leben der Anderen". Dies Filmerlebnis ist ein Stachel. Letzten Endes finde ich den Film ziemlich schlimm. Er ist ein besonders schöner Stein im Mosaik "Delegitimierung der DDR". Ich bin mir aber im Klaren darüber, daß es nicht möglich ist, ihn einfach abzutun.

Im Unterschied zu manch anderen, wie z. B. dem Film über die NVA, den wir gemeinsam mit M. gesehen haben (Wie war noch gleich sein Titel?) oder selbst dem hochgelobten "Goodby Lenin", die sich mehr oder weniger selbst erledigten, ist "Das Leben..." eine erstaunlich gelungene Verschmelzung von Wahrheiten, Fälschungen und Schein. Er verlangt also differenzierte Auseinandersetzung. Ich versuche mich da ranzutasten:

Auffällig ist ein vordergründig, dabei aber zugleich diszipliniert, also nicht aufdringlich, auf Emotion zielender Einsatz der künstlerischen Mittel. Das beginnt sofort mit der Titelmelodie, wird während des ganzen Films von der Musik getragen, ist aber auch ständig präsent in der Ruhe der Kamera- und der Folgerichtigkeit der Schnittführung, bis hin zu der oftmals warmen Farbigkeit der ganzen Szenerie oder auch ihrer oft geradezu beklemmend dicht konstruierten Sachlíchkeit.

Auf dieser "emotionalen Grundierung" spielen Klischees, Bilder, die exakt das bestätigen bzw. abrufen, was Jeder (aus den Medien) "genau kennt", eine enorme Rolle (die Gesichter der Funktionäre, der Stasi-Mannen, der Bürgerrechtler). Nur selten wird in der Benutzung solcher ideologisch-bildhaften Klischees mal allzu dick aufgetragen (wie z. B. die Nachbarin, die am Schlüsselloch "erwischt" wurde. Sie verhält sich, als wäre sie gerade an zwei Jahren Bautzen vorbeigeschrammt.)
Aber wer sagt "allzu dick aufgetragen"? Jeder Bundesdeutsche hat im Hinterkopf "die zwei deutschen Diktaturen", und er weiß, daß man für nichts oder fast nichts ins KZ kommen konnte..., folglich in "der zweiten Diktatur" genauso leicht nach Bautzen.
Man könnte es auch drastischer (aber auch allzu undifferenziert) ausdrücken:
Die antikommunistisch-ideologischen Fiktionen über die DDR, die in 40 Jahren ihrer Existenz und in 16 Jahren seit dem Ende ihrer Existenz produziert wurden, sind die zugleich beinhart und subtil gesetzten Ausgangspunkt des Films.

Das alles ist, glaube ich, handwerklich ausgezeichnet gemacht. Vieles lebt von der Glaubwürdigkeit des Wiesler-Mühe-Gesichts.

So konditioniert, nimmt der Betrachter Brüche, Schwachstellen der Geschichte kaum wahr:
Wiesler, der eben noch als Stasi-Hardliner (sozusagen aus freien Stücken) die Beobachtung des systemtreuen Dramatikers für nichts und wieder nichts empfiehlt, ist nur Tage später innerer Emigrant. Welche Motivation reicht uns der Regisseur für diese Wandlung? Der Minister hat dem Schriftsteller die Freundin ausgespannt - ich finde, etwas dürftig.
Der Zuschauer schluckt diese Erklärung, weil er die Fiesigkeit des Ministers und die Qual des Opfers mit ansehen durfte. Aber Hauptmann Wiesler?

Eine zweite, noch eklatantere Bruchstelle: Wiesler deckt aus heiterem Himmel eine geplante Menschenschleusung aus des Dramatikers Wohnung, die er im Rahmen seiner Überwachungstätigkeit mitkriegt. Inzwischen fiebern wir so mit unserem Helden bei seiner Lösung von der Stasi mit, daß der Regisseur sich jede Motivierung dieses mit DDR- und Stasi-Maßstäben ungeheuerlichen Schrittes sparen kann.

Der Film hat viele andere Unwirklichkeiten. Anders als die genannten Verletzungen der Psycho-Logik der Figuren, handelt es sich bei ihnen mehr um Verzerrungen der DDR-Wirklichkeit.

Auf diese Wirklichkeit kann es zweifellos verschiedene Sichtweisen geben.

Die Grundkonstellation - Mächtiger nutzt seine Macht erpresserisch zu seinem Vorteil - hat es natürlich gegeben (gibt es überall und immer). Hat der Regisseur diese Grundkonstellation bedient, um Abneigung und Empörung gegen die DDR zu schüren ("Delegitimierung", wie es einst Kinkel von der Bundersjustiz verlangte) oder hat er eine konkrete soziale und historische Situation gestaltet und dem Betrachter menschlich erschlossen?
Ich zweifle an Letzterem. Nicht nur, daß kein Minister zum Zweck seiner sexuellen Befriedigung mal schnell eine Stasi-Verfolgung installieren konnte, dies ganze Verfahren war auch völlig unnötig und sogar eher hinderlich, um das angestrebte Ziel bequem und ohne unnötiges Aufsehen zu erreichen.
Der Minister brauchte das ausgedachte Szenarium zur Regelung seines Sexuallebens nicht, der Filmemacher, um einmal mehr die DDR zu besiegen, sehr wohl.

Graf Henkel von Donnersmark ist ja wohl Wessi reinsten Geblüts. Es wäre interessant, darüber nachzudenken, wie aus solcher Perspektive eine tatsächliche Entdeckung des "Lebens der Anderen" aussehen könnte.

Hier, liebe...., mach ich erstmal Pause meiner Betrachtung.
Das soll aber keineswegs schon der Schluß sein.

Sonntag, 1. April 2007

Erklärt Pereira

Pereira

Ein schöner Film, kein lauter Film, einer der nachwirkt.
Und das nicht nur, weil Marcello Mastroianni in einer großen Rolle zu sehen ist, einer seiner letzten.
Pereira ist ein alter Zeitungsmann 1938 im faschistischen Portugal. Er ist unpolitisch, verwitwet, stellt sich auf einen ruhigen Lebensabend ein, mit seiner geliebten Arbeit als Übersetzer und Kulturredakteur und im innigen Zwiegespräch mit dem Bild seiner lange verstorbenen Frau. Gedanken an Klassenkampf, an politische oder ökonomische Macht, gar an Diktatur, liegen ihm fern.
Doch obwohl er meint, es sei an der Zeit, mehr über den Tod und das Sterben nachzudenken, bleibt er ein sensibler Beobachter des Lebens. Ja, die Begegnung mit jungen Kommunisten, die gegen Franco und Salazar kämpfen, mit einer Jüdin, die aus Deutschland fliehen mußte, lassen ihn immer wacher auf die politischen Signale reagieren, die der Alltag ihm in Fülle liefert.
Er sucht keineswegs die politische Arena. Aber er verdrängt es nicht, wenn sich ihm gesellschaftliche Zusammenhänge offenbaren, er findet den Mut zu fragen und weiter zu denken. Und als er sich zur Tat entscheidet, erlebt er das kostbare Gefühl, frei zu werden, indem er für die Kräfte der Menschlichkeit Partei nimmt.

erklaert-Pereira

Ein Film gegen den Mainstream von heute mit seiner Ignoranz des aus eigenem Gewissen handelnden, konkreten gesellschaftlichen Menschen.


Land: Italien, Portugal, Frankreich, 1995
Darsteller: Marcello Mastroianni, Stefano Dionisi, Nicoletta Braschi, Daniel Auteuil
Regie: Roberto Faenza
Nch dem Roman „Erklärt Pereira" von Antonio Tabucchi



Bildquellen:
http://www.br-online.de/kultur-szene/film/tv/0509/05278/
http://www.schnitt.de/_images/filme/erklaert_pereira.jpg&imgrefurl=http://www.schnitt.de/filme/artikel/erklaert_pereira.shtml&h=288&w=340&sz=28&hl=de&start=1&um=1&tbnid=7l7dNdvcRjmtjM:&tbnh=101&tbnw=119&prev=/images%3Fq%3Derkl%25C3%25A4rt%2BPereira%26ndsp%3D20%26svnum%3D10%26um%3D1%26hl%3Dde%26safe%3Doff%26sa%3DN

Sonntag, 3. Dezember 2006

Blow Up

blow up

Vor 40 Jahren war er Kult, obwohl die Bezeichnung "Kultfilm" noch nicht gebräuchlich war.
Ich sehe den Film heute und bin erstaunt - so modern, nichts ist angestaubt.
Die Kritiker habe durch die Jahrzehnte gebührend hervorgehoben, wie Meister Antonioni mit Wirklichkeit und Fiktion gespielt hat, sie ununterscheidbar machte usw.

Heute aber, es ist verblüffend, bewährt sich "Blow UP" als Abbild unserer Wirklichkeit. Thomas ist Starfotograf, Winner, beziehungslos wie Gott. Er benutzt oder verwirft die Menschenfiguren nach Lust oder Laune. Er hat sein profesionelles Gespür für den ästhetischen Reiz, für das Geschäft, für seinen Spaß. Ein nervöser, flexibler Beteiligter des Krieges all der vergnügten Menschenpuppen gegen all die vergnügten Menschenpuppen.
Wie draußen vor der Tür.

Land: Großbritannien 1966
Darsteller: David Hemmings (Thomas), Vanessa Redgrave (Jane)
Regie, Drehbuch: Michelangelo Antonioni
Produzent: Carlo Ponti

Samstag, 18. November 2006

Darwins andauernder Alptraum

Darwins Alptraum 1

„Darwins Alptraum“
Drehbuch, Regie, Kamera: Hubert Sauper
Frankreich/Österreich/Belgien: 2004

Vor einem Jahr löste Sauperts Film viele Diskussionen aus. Der Intensität der Bilder und Szenen konnte sich kaum jemand entziehen. Viele Äußerungen zeugten von hilfloser Betroffenheit. Doch es gab auch die ärgerliche Abwehr, bis hin zum Vorwurf der Manipulation. Inzwischen scheint Ruhe eingekehrt.

Tatsächlich geht es Saupert nicht darum, Zusammenhänge zu BEWEISEN und SCHULDIGE festzustellen.
Bittere Tatsachen und manche ihrer Zusammenhänge zeigt der Film auf das Deutlichste, den Reim darauf aber muß sich jeder selbst machen. Kein Scheinwerfer deckt die Ursachen der Übel auf. Nicht der Barsch ist es, nicht der Fabrikbesitzer, nicht der feiste Minister mit seinen Claqueuren, nicht der russische Pilot....
Es gibt diese Ursache nicht, weil das System die Ursache ist.
Die neoliberle Logik muß überwunden, das kapitalistische System muß durch ein System für die Menschen ersetzt werden - der Stoff des Films setzt diese Antwort auf die Tagesordnung. der Film behauptet sie nicht.

Darwins Alptraum 2

Der Film zeigt, von einem Journalisten abgesehen, keine Kämpfer. Er zeigt viele Opfer. Doch die Opfer habe ihre Würde bewahrt. Sie sind lebendige Menschen und leisten Widerstand. Die durch alle Beschädigungen behauptete Schönheit dieser um ihr Überleben kämpfenden Menschen, das ist für mich eine der Entdeckungen.
Eine zweite ist beklemmend: Die Begründung des Nachtwächters Raphael, daß Krieg für ihn, für die Leute, die beste Lösung sei. Das Risiko des Krieges ist nicht größer, vielleicht sogar geringer als das Risiko des Lebens, die Gewinnchancen aber erscheinen ungleich größer.
Vom Terror der Ökonomie zur Kriegsökonomie. So funktioniert im kleinen die Selbstvernichtung der Menschen.
Und im großen?

Darwins Alptraum 3

Der Alptraum dauert an, ob wir Viktoriabarsch essen oder es gerade sein lassen, Tag für Tag, in Mwanza und in aller Welt:
„Weil Saupers Film über diese Riesensauerei der tansanischen Regierung anscheinend das Geschäft vermasselte, wurde jetzt vom Parlament erklärt, “daß alle Mitwirkenden als Staatsfeinde bestraft werden”, teilte der Regisseur der internationalen Presse mit. Unter anderem wurde der Nachtwächter Tukiko unter Hausarrest gestellt, er bat daraufhin Sauper um Hilfe. Am Drehort Mwanza soll es zu einer von der Regierung gelenkten Demonstration gekommen sein, auf der die Bestrafung der an dem Film Beteiligten verlangt wurde, u.a. wurde dabei “das Blut” des dort lebenden Journalisten Richard Mgamba gefordert, der über das Victoriabarsch-Problem geschrieben hatte. Ihm droht nun die Abschiebung nach Kenia.“
(http://taz.de/blogs/hausmeisterblog/2006/09/19/hausmeister-freud-und-leid/)

Montag, 6. November 2006

Darwins Alptraum I

Fotos von der Schlußsequenz des Films

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Buch, Kamera, Regie: Hubert Sauper
Frankreich/Österreich/Belgien 2004

Mittwoch, 12. Juli 2006

Die Reise des jungen Che

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Ich hatte wenig erwartet, umso schöner war das Erlebnis dieses Films. Er hat mich richtig fröhlich gemacht. Bin wohl mitgenommen worden auf die Reise der beiden Männer.
Sie sind jung, zwar erwachsen aber noch begierig darauf, das Wichtigste des Lebens zu finden. Mit ihrem betagten aber vertrauenserweckenden Motorrad brechen sie auf. Nicht weniger als den ganzen lateinamerikanischen Kontinent wollen sie erobern.

Che Guevara war mir nie wirklich nah. Damals, vor langer Zeit, betrachtete ich ihn kritisch. „Bissel viel Abenteurertum“, meinte ich, „Wär er Planungschef in Kuba geblieben, hätte er für den Sozialismus mehr leisten können.“ (Die Weisheit, wie man Befreiung und Sozialismus richtig macht, die hatte unsereins ja mit Löffeln gefressen.)
Dann entrückte er zur Ikone, und für dergleichen hatte ich noch nie etwas übrig.

Ich sehe den Film, und ein Kontinent tut sich auf, ja, wie in jedem Movie, mit beeindruckenden Landschaften, vor allem aber mit Menschen.
Diese „Reise mit offenem Herzen“ (Platonow) führt in die Tiefen der Geschichte, in die Tiefen der Schicksale, in die Tiefe der Menschenherzen. Und bleibt doch auch spannende und oft vergnügliche Abenteuergeschichte. Meisterhaft im Detail, sensibel und ganz und gar durchdrungen von einem Stoff, den das Kommerzkino nicht kennt: Menschenliebe.

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Land Brasilien, USA 2003
Regie Walter Salles
Darsteller Gaël García Bernal, Rodrigo De la Serna, Mía Maestro, Mercedes Morán, Jorge Chiarel
Produzent Robert Redford

Dienstag, 4. Juli 2006

Hard Candy

Hard Candy
Peer Schmitt hat den Film "Hard Candy" besprochen, einen "Rache-Thriller als vorläufige Konklusion allgemeiner Mißbrauchspanik". http://www.jungewelt.de/2006/07-04/009.php
"Die Rache wird ausgesprochen kalkuliert durchgeführt. Zunächst lockt das Mädchen den Täter in einem Internet-Chatroom an..., verabredet sich mit ihm, betäubt und fesselt ihn in dessen Wohnung, um ihn zu foltern, buchstäblich zu kastrieren und schließlich in den Selbstmord zu treiben."
"Hard Candy" ist ein erschreckender Film.
"Er offenbart, ohne an irgendeiner Stelle eine kritische Reflexion zwischenzuschalten, die Kehrseite der postmodern liberalen Mißbrauchspanik sozusagen in Reinform. Diese Kehrseite ist eine idealisierte Verfügungsgewalt, die so total ist wie letztlich gnadenlos. Der andere stellt eine potentielle persönliche Bedrohung dar, die permanenter Kontrolle und Therapie unterworfen werden muß. Die letzte Konsequenz der Kontrolltherapie ist dann die Folter."
"In Frage gestellt wird damit eine der wichtigsten die Rechtsprechung betreffenden Errungenschaften der Aufklärung, jene Abstraktionsbewegung nämlich, die es unternimmt, die Form des Strafvollzugs radikal von der konkreten Tat zu trennen."
"Wenn sich die rechtlichen Grundsätze dahingehend verschieben, daß aus dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht wird, nicht mißbraucht zu werden; die Welt sich in Schutzbedürftige und potentielle Täter teilt, dann dürfen zum Zwecke der Ausübung dieses Schutzes tendenziell allmächtige Institutionen quasi alles: kontrollieren, verhaften, drohen, foltern."

der Rezensent bringt eine gesellschaftliche Tendenz auf den Punkt, die seit langem, mit mächtigem Schub nach 9/11, in unseren Alltag einsickert: Die offene Verletzung nicht nur der Würde, sondern auch der Unversehrtheit stigmatisierter Menschen und die offene, meist auch billigende Hinnahme dieser Vorgänge durch Mehrheiten.
Es sind die moralischen Grundlagen unseres Lebens, die sich verschieben. Unsere Alltagskultur, eigentlich ein zäher Gegenstand, wandelt sich in atemberaubendem Tempo mit Richtung auf eine völlige Umwertung.
Nur so wird es möglich, daß Amerikas Präsident, der ein illegales, menschenvernichtendes Lager betreibt, zugleich Gast einer Politikerin sein kann, die für sich uneingeschränkt (und mehrheitlich akzeptiert) demokratische und christliche Werte reklamiert.

Obwohl die Medien der Herrschenden diese Entwicklung vorantreiben, sind durchaus viele besorgte Stimmen vernehmbar. Doch es fällt auf, daß meist ein konservatives, um nicht zu sagen abgegriffenes Vokabular verwendet wird. Worte, wie "barbarisch" und "faschistoid", auch apokalyptische Beschwörungen haben Konjunktur. Es fehlt die schöpferische geistige Durchdringung dessen, was wir neu erleben.
Noch wird das, was uns Aufklärung, radikaler Demokratismus, Sozialismus und Kommunismus aufgetragen haben, nicht entschlossen und ideenreich in die Zukunft geführt.

"Hard Candy"
Regie: David Slade
Darsteller: Patrick Wilson, Ellen Page
USA 2005

Donnerstag, 23. März 2006

Syriana

Syriana1
Syriana2


Gefallen hat mir der Film. Trotzdem will ich ihn nicht besonders loben. Mir scheint, seine Stärke ist zugleich auch seine Schwäche.
Viele Personen, mehrere Handlungsstränge, kurze Schnitte – da hat man’s zunächst nicht leicht, sich zu orientieren, bevor man richtig folgen kann.
Kein Film hat mir wie dieser eine sinnliche Vorstellung davon vermittelt, was Globalisierung ist. Weltumspannende Macht, weltumspannende Kommunikation, wechselseitige Abhängigkeiten weltweit, das atmet dieser Film in jeder Szene. Globalisierung ist da wirklich praktisches Geschehen, keine Abstraktion, keine Verheißung und auch keine bloße Drohung.
Aber all das monumental. Kein Mensch, er gehöre denn zur Elite der Elite, kann in dieses Geschehen eingreifen. Interessenblöcke bestimmen. Sie verfügen über geheimnisvolle Mittel, seien sie technischer Art, seien sie ideell-religiöser Art. So üben sie ihre Macht aus.
Es kommen auch „normale“ Menschen vor, es gibt Alltagssituationen. Aber nie gibt es die Spur einer Chance, dass einfache Menschen, diesen Weltprozeß Globalisierung mitbestimmen könnten. Wenn der Zuschauer diese Sichtweise übernimmt, wird er zwar beeindruckt sein aber auch ziemlich deprimiert aus dem Film gehen.
Und noch dies: Syriana zeigt gut, wie die Ölbosse mit dem Staat umgehen, seine Kontrollregelungen unterlaufen. Er zeigt kaum etwas davon, wie sie den Staat und seine wichtigsten Repräsentanten kaufen, wie sie tendenziell selbst den Staat bestimmen.

Regie: Steve Gaghan
Schauspieler: George Clooney, Matt Damon
USA 2005

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