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Kino

Samstag, 23. Mai 2009

Wiederfinden

Vor 55 Jahren habe ich Egon Erwin Kisch für mich entdeckt. "Paradies Amerika" und vieles andere. Ich war begeistert. Da gibt es auch die Geschichte "Arbeit mit Charlie Chaplin", in der Kisch davon berichtet, wie Chaplin "City Lights" dreht.
Den Film mußte ich unbedingt sehen!
Ich habe ihn nie gesehen.

Gestern habe ich "Lichter der Großstadt" zum ersten Mal in voller Länge gesehen.
Die Abschlußszene zwischen Landstreicher und Blumenverkäuferin, ihre Art Wiederfinden, habe ich dreimal wiederholt. (Heute ist das technisch kein Problem.) Mir hartgesottenem Kinogucker und Filmanalysierer sind die Tränen der Erschütterung gekommen.

Freitag, 30. Januar 2009

Das Zigeunerlager zieht in den Himmel

Zigeunerlager Es zieht in den Himmel, und es kommt zurück...
Nichts hält diese Bewegung auf, und nichts, auch die Liebe nicht, hält den Freiheitswillen von Rada und Sobar auf.

Als dieser Film damals 1976 in unsere Kinos kam, ging es wie ein Lauffeuer.
Kult.
Jeder mußte sie gesehen haben, diese rücksichtslos erzählte Geschichte von Freiheit und Liebe und Tod, diese Verschmelzung von Romantik und Realistik eingebettet in eine hinreißende Musikdramaturgie.
Wir, in unseren beengenden DDR-Grenzen, spürten den heißen Atem eines archaischen Volkslebens und wie er um 1900, dem Zeitpunkt der Filmhandlung, auf den noch raueren Atem einer neuen Epoche trifft.

Heute, Jahrzehnte später, Globalisierung ist jedes zweite Wort, hat mich der Film ganz anders und noch widersprüchlicher gefesselt und begeistert. Unterbewußt sagte es in mir immer wieder: All das hat unser 20. Jahrhundert, "das Zeitalter der Extreme", ausgelöscht. Alle diese wilden, freien Zigeuner wurden von den Nazis in die Verbrennungsöfen getrieben.
Und die Reste hat der globalkapitalistische Gleichmacher plattgewalzt. Sobar fährt jetzt einen Truck und pendelt zwischen Budapest und Hamburg, mit Pausen bei Macdonalds und im Erotikshop des Autohofs.
Und doch: Ist sie uns heute auch fern, die Geschichte, die dort berichtet wird, ist sie doch ganz und gar wirklich. So wirklich, wie der Glaube, daß die Menschen eines Tages Einsicht gewinnen und ihre Kraft sammeln und das Unheil abwenden.

Land: Sowjetunion 1976
Darsteller: Swetlana Tomowa, Grigore Grigoriu, Pawel Andrejtschenko, Sergiu Finiti
Regie, Buch: Emil Loteanu
Musik: Jewgeni Doga
Produzent: Mosfilm ?
Nach Maxim Gorkis Erzählung "Makar Tschudra" (1882)

Der Soundtrack ist als CD erschienen.

Dienstag, 23. September 2008

Ein Kaiser Wilhelm-Schmarren von Peter Schamoni

Wilhelm zwo „Majestät brauchen Sonne“ nennt Schamoni seinen Film über den deutschen Kaiser Wilhelm zwo und verwendet damit das skurril-fröhliche Pendant zu der bekannten Formulierung aus wilhelminischer Zeit, Deutschland beanspruche seinen Platz an der Sonne.
Ein so genanntes „filmische Großportrait“ ist entstanden aus digital restaurierten Originalaufnahmen der jungen Foto- und Filmindustrie. Der Kaiser paradiert, der Kaiser jagt, der Kaiser reist, er menschelt, er posiert. Der Kaiser mit dem Edward oder dem Georg von GB, dem Nikolaus von Rußland, dem Franz Ferdinand, dem griechischem König, dem türkischen Sultan...
Der Kaiser zu Pferde, zu Auto, auf der und jener Yacht, am Flugzeug, in der Nähe des Luftschiffs, mit der Axt in der Hand - wie viel historisches Kolorit wurde da zusammengedreht - und bleibt nichtssagend.

Immerhin lebte Wilhelm II. von 1859 bis 1941, war Kaiser von 1888 bis 1918, wirkte höchst aktiv in der Zeit, die zum Weltkrieg I und der Großen Russischen Revolution führte. Wirkte in einer Zeit, die unsere unmittelbare Vorvergangenheit und heute alles andere als tot und begraben ist.
Buchstäblich nichts davon bei Schamoni. Stolz präsentiert er unserer mediengeilen Gegenwart den ersten Medienkaiser. Also Auflösung nicht nur der Gegenwart, nun auch der wilhelminischen Geschichte in Medienschaum.

Getret'ner Quark wird breit, nicht stark.


Land: Deutschland 1999
Regie: Peter Schamoni

Freitag, 16. Mai 2008

Wie feed the world – über Filmrezeption, Katastrophenhilfe, die Erziehung Freier Bürger und ihre Freie Fahrt

I
Filme, wie alle Modeartikel, haben ihre Zeit.
Das kann man gut an dem Dokumentarfilm „We feed the world – Essen global“ beobachten. 2005 hatte er 150.000 Besucher, 2006 rund 430.000, 2007 waren es knapp 208.000. Seitdem ist er (fast) vergessen.
Hatte er ästhetische Glanzlichter zu bieten oder gar dauerhaft gültige Einsichten in den Zustand der Welt – Pech für das Werk und seine Schöpfer. Der „mündige Konsument“ will sein tägliches Event, den flotten Sinnesreiz, der möglichst noch schneller vergessen als aufgenommen ist.
So geht er um mit den Bildern von den hungernden brasilianischen Kleinstbauern am Rande der Felder mit den Sojabohnen, die für Biosprit bestimmt sind.

Brasilien

Bildquelle: http://www.we-feed-the-world.at/pics.htm

II
Wir können aber auch anders. Wo unser gut vergessliches Menschenrechtsgewissen von der Leine gelassen wird, da möchten wir zum Kampfhund werden.
Gern lassen wir das Asiaten spüren, z. B. in Myanmar. Dort haben die Menschen mit den Folgen einer Sturmkatastrophe zu kämpfen, und die dortigen Diktatoren lehnen manche ausländischen Helfer ab.
Unerträglich ist uns manchmal fremdes Leid. Dann sind wir zu jedem Zwang bereit, am besten mit den bewaffneten westlichen Helfern, die sich in Afghanistan und Irak so glänzend bewähren.

Schwer verständlich ist sie, diese auswählende Menschlichkeit. (Manche nennen es Menschenrechtsimperialismus.) Also muß sie eingeübt werden.
Dazu sind freie Medien da und freie Volksvertreter, gerne SPD-Hinterbänkler und überhaupt Figuren, die wenig zu melden haben – z. B. Angelika Beer von den Grünen oder ein Abgeordneter der Linkspartei.
Unisono fordern sie eine Militärintervention. NATO-Sturm bändigt den Tropensturm und fegt zugleich asiatische Despoten in die Hölle. All das ist zwar fern der Realität aber unser Denken, das die brasilianische Hungerfamilie längst vergessen hat, soll doch wenigstens ahnen, welche Wege das Gute demnächst gehen könnte.

III
Frau Merkel, um Ratschläge für den Rest der Welt eigentlich nie verlegen, hat sich diesmal allzu flotter Sprüche enthalten. Weil sie gerade das reiche Hungerland Brasilien bereist?
Unsere Ex-Umweltministerin wird doch nicht etwa die brasilianische Umweltministerin in ihrem Kampf....?
Keine Sorge. Frau Marina Silva ist gerade zurückgetreten (zum Rücktritt siehe auch hier), denn Frau Merkel kriegt ihren Biosprit. Und die Frauen dort kochen zur Not ihren Kindern Steine, und wir alle, „mündige Konsumenten“, haben auch etwas davon. Freie Fahrt!
We feed the world. Delicious.

Land: Österreich, 2005
Buch & Regie: Erwin Wagenhofer
Regieassistenz: Lisa Ganser
Interview-Partner: u.a. Jean Ziegler
Produzent: Hellmut Grasser

Mittwoch, 14. Mai 2008

Kalina Krassnaja

kalina krassnajaMit „Roter Holunder“ wird der Titel des Films von Wassili Schukschin neuerdings falsch übersetzt. Die alte Bezeichnung „Roter Schneeballstrauch“ war sprachlich korrekt, doch wie soll man sich rote Schneebälle vorstellen? Einfach zu sagen „Schöner Schneeballstrauch“, was sprachlich auch zutreffend wäre, erscheint als Filmtitel wohl zu zu fad.
Wie dem auch sei, „Kalina Krassnaja“, den wunderbaren Film aus den 70-er Jahren, habe ich kürzlich wieder gesehen.
Oft sind solche Wiedersehen mit alten Bekannten, alten Geliebten voller Überraschungen.

Ich versuche mich zu erinnern: Es erscheint mir als eine widersprüchliche aber im Ganzen schöne, eine hoffnungsvolle Zeit. Der Vietnamkrieg ging zu Ende; mit einer Niederlage der Amerikaner. Die DDR war international anerkannt. Die Ölkrise schien die Grenzen des Westens zu zeigen. Die Weltfestspiele im Sommer 1973 in Berlin erlebte ich als einen Triumph der Lebensfreude und der Freiheit. Der Putsch in Chile war bitter aber er klärte die Fronten, und viele Befreiungsbewegungen errangen Siege. Die Konferenz in Helsinki weckte Hoffnungen auf Sicherheit und Frieden, auf dauernden friedlichen Wettbewerb.
Auch die innere Entwicklung in den sozialistischen Ländern mußte weitergehen. Der CSSR-Einmarsch lag lange zurück, und an den Krieg der Sowjetunion in Afghanistan war noch nicht zu denken. Begierig war ich auf neue Kunstwerke, die das sozialistische Leben tiefer in seiner widersprüchlichen Schönheit darstellen würden. Wolfgang Mattheuer hatte solche Werke geschaffen, Willi Sitte, Volker Braun, Peter Hacks. Ungeduldig (und vergeblich) wartete ich darauf, daß Scholochow den großen Roman über den Großen Vaterländischen Krieg vorlegen würde. Jewtuschenkos Name war verblaßt. „Der weiße Dampfer“ von Aitmatow erschütterte mich, Wyssotzki sang, und plötzlich war Wassili Schukschin da.

Keiner konnte so hart, so volksnah, so bittersüß, so liebevoll von den Menschen schreiben. Ihm glaubte man jedes Wort. Und „Kalina Krassnaja“, die Geschichte von dem entlassenen Strafgefangenen und der schwierigen Liebe zweier erwachsener Menschen in der russischen Dorfgemeinde packte mich als der meisterhafte Film zur meisterhaften Geschichte.
Gepackt hat mich der Film heute, mehr als dreißig Jahre später, nicht weniger als am ersten Tag. Der Untergang des sowjetischen Sozialismus hat der dramatischen Fabel und ihren Reflexionen und Symbolen eine neue Ebene hinzugefügt.
Wie traurig und unendlich schön das Leben ist – Wassili Schukschin, der wenige Monate nach diesem Film mit 45 Jahren starb, hat es gewußt und gelebt und den Menschen in diesem Kunstwerk zurückgegeben.

Land: Sowjetunion 1974
Darsteller: Wassili Schukschin, Lydia Fedossejewa-Schukschina
Regie, Drehbuch: Wassili Schukschin
Produzent: Mosfilm


Bildquelle: http://www.amnesty-muenchen.de/src/flyer/20030323_kalinakrassnaja_300x509.jpg

Freitag, 2. Mai 2008

Yang Lina findet Jugendliche langweilig,

"weil sie noch nichts erlebt haben".
Solcher Satz mag einem Opa in Zeiten des Jugendwahns gefallen.
Doch Opa ist nicht so töricht zu vergessen, daß der Gegensatz auch gilt:
Jugendliche sind besonders interessant, "weil sie noch nichts erlebt haben".

Wie dem auch sei, obigen Satz habe ich in einem interessanten kleinen Artikel gefunden (erhältlich im "junge Welt Online-Abo).

"Spannend, weil verboten.
Kölner Filmmarathon gewährte Einblicke ins reiche Schaffen chinesischer Regisseurinnen"


Ich kriege Lust, diese Filme zu sehen.

Sonntag, 19. August 2007

3 x Borat

Borat

Irgendwann hatte ich irgendwas über den Film gelesen, irgendwie interessant sei er oder so.
Hab’ nun also das Werk angeschaut und, was bei mir fast nie vorkommt, nach einer halben Stunde abgebrochen. Ich hatte derbe, schräge, originelle Komik erwartet. Nichts von alledem, nur Peinlichkeit.

Danach Gespräche mit jungen Leuten: „Das ist eben auch Humor. Ihr Alten habt keinen Sinn dafür.“
Zweiter Versuch. Nun also den ganzen Film angeschaut.
Ich nehme es wohl war, und es empört mich zugleich, dieses zielstrebige Bemühen, die Grenzen zu überschreiten, Kulturnormen zu demolieren. Chauviwitz, Pornowitz, Fäkalwitz und wieder von vorn. Wettlauf des Künstlers mit dem Konsumenten um’s Extrem.
"Ich kann mehr zeigen, als Du aushalten kannst."
"Ich kann mehr aushalten, als Du zeigen kannst."
Zurichtung des modernen Individuums, ALLES auszuhalten und - da es ja ein Fun-Individuum ist, alles TOLL zu finden.
Ich bin zu alt und nicht vergeßlich genug, um nicht diese Assoziation zu haben:
ALLES AUSZUHALTEN - das explizit brauchte der Faschismus, von Opfern wie Tätern.

Und ein dritter Aspekt, jenseits der pseudoaufklärerischen Fassade: Nur die Quasi-Intellektuellen werden sich dieser Herausforderung des Borat anpassen, die Anderen werden einfach Bestätigung ihres kolonialistischen, antiasiatischen Chauvinismus finden. Ich zweifle, daß der Film nicht auch darauf abzielt. Damit wir nicht so ahnungslos sind, wenn eines Tages die atlantische Freiheit auch in Kasachstan verteidigt werden muß.


Land: USA, 2006
Regie: Larry Charles
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Ken Davitian, Pamela Anderson

Freitag, 27. April 2007

Das Leben der Anderen... ein Briefentwurf

FGHvD

„Ich danke Arnold Schwarzenegger für die Lektion, dass ich die Worte ,Ich kann nicht’ aus meinem Vokabular streichen sollte.“

(FGHvD in seinen Dankesworten für den Oscar.)








Muehe-guckt









Liebe...,

ziemlich viel im Kopf herum geht mir "Das Leben der Anderen". Dies Filmerlebnis ist ein Stachel. Letzten Endes finde ich den Film ziemlich schlimm. Er ist ein besonders schöner Stein im Mosaik "Delegitimierung der DDR". Ich bin mir aber im Klaren darüber, daß es nicht möglich ist, ihn einfach abzutun.

Im Unterschied zu manch anderen, wie z. B. dem Film über die NVA, den wir gemeinsam mit M. gesehen haben (Wie war noch gleich sein Titel?) oder selbst dem hochgelobten "Goodby Lenin", die sich mehr oder weniger selbst erledigten, ist "Das Leben..." eine erstaunlich gelungene Verschmelzung von Wahrheiten, Fälschungen und Schein. Er verlangt also differenzierte Auseinandersetzung. Ich versuche mich da ranzutasten:

Auffällig ist ein vordergründig, dabei aber zugleich diszipliniert, also nicht aufdringlich, auf Emotion zielender Einsatz der künstlerischen Mittel. Das beginnt sofort mit der Titelmelodie, wird während des ganzen Films von der Musik getragen, ist aber auch ständig präsent in der Ruhe der Kamera- und der Folgerichtigkeit der Schnittführung, bis hin zu der oftmals warmen Farbigkeit der ganzen Szenerie oder auch ihrer oft geradezu beklemmend dicht konstruierten Sachlíchkeit.

Auf dieser "emotionalen Grundierung" spielen Klischees, Bilder, die exakt das bestätigen bzw. abrufen, was Jeder (aus den Medien) "genau kennt", eine enorme Rolle (die Gesichter der Funktionäre, der Stasi-Mannen, der Bürgerrechtler). Nur selten wird in der Benutzung solcher ideologisch-bildhaften Klischees mal allzu dick aufgetragen (wie z. B. die Nachbarin, die am Schlüsselloch "erwischt" wurde. Sie verhält sich, als wäre sie gerade an zwei Jahren Bautzen vorbeigeschrammt.)
Aber wer sagt "allzu dick aufgetragen"? Jeder Bundesdeutsche hat im Hinterkopf "die zwei deutschen Diktaturen", und er weiß, daß man für nichts oder fast nichts ins KZ kommen konnte..., folglich in "der zweiten Diktatur" genauso leicht nach Bautzen.
Man könnte es auch drastischer (aber auch allzu undifferenziert) ausdrücken:
Die antikommunistisch-ideologischen Fiktionen über die DDR, die in 40 Jahren ihrer Existenz und in 16 Jahren seit dem Ende ihrer Existenz produziert wurden, sind die zugleich beinhart und subtil gesetzten Ausgangspunkt des Films.

Das alles ist, glaube ich, handwerklich ausgezeichnet gemacht. Vieles lebt von der Glaubwürdigkeit des Wiesler-Mühe-Gesichts.

So konditioniert, nimmt der Betrachter Brüche, Schwachstellen der Geschichte kaum wahr:
Wiesler, der eben noch als Stasi-Hardliner (sozusagen aus freien Stücken) die Beobachtung des systemtreuen Dramatikers für nichts und wieder nichts empfiehlt, ist nur Tage später innerer Emigrant. Welche Motivation reicht uns der Regisseur für diese Wandlung? Der Minister hat dem Schriftsteller die Freundin ausgespannt - ich finde, etwas dürftig.
Der Zuschauer schluckt diese Erklärung, weil er die Fiesigkeit des Ministers und die Qual des Opfers mit ansehen durfte. Aber Hauptmann Wiesler?

Eine zweite, noch eklatantere Bruchstelle: Wiesler deckt aus heiterem Himmel eine geplante Menschenschleusung aus des Dramatikers Wohnung, die er im Rahmen seiner Überwachungstätigkeit mitkriegt. Inzwischen fiebern wir so mit unserem Helden bei seiner Lösung von der Stasi mit, daß der Regisseur sich jede Motivierung dieses mit DDR- und Stasi-Maßstäben ungeheuerlichen Schrittes sparen kann.

Der Film hat viele andere Unwirklichkeiten. Anders als die genannten Verletzungen der Psycho-Logik der Figuren, handelt es sich bei ihnen mehr um Verzerrungen der DDR-Wirklichkeit.

Auf diese Wirklichkeit kann es zweifellos verschiedene Sichtweisen geben.

Die Grundkonstellation - Mächtiger nutzt seine Macht erpresserisch zu seinem Vorteil - hat es natürlich gegeben (gibt es überall und immer). Hat der Regisseur diese Grundkonstellation bedient, um Abneigung und Empörung gegen die DDR zu schüren ("Delegitimierung", wie es einst Kinkel von der Bundersjustiz verlangte) oder hat er eine konkrete soziale und historische Situation gestaltet und dem Betrachter menschlich erschlossen?
Ich zweifle an Letzterem. Nicht nur, daß kein Minister zum Zweck seiner sexuellen Befriedigung mal schnell eine Stasi-Verfolgung installieren konnte, dies ganze Verfahren war auch völlig unnötig und sogar eher hinderlich, um das angestrebte Ziel bequem und ohne unnötiges Aufsehen zu erreichen.
Der Minister brauchte das ausgedachte Szenarium zur Regelung seines Sexuallebens nicht, der Filmemacher, um einmal mehr die DDR zu besiegen, sehr wohl.

Graf Henkel von Donnersmark ist ja wohl Wessi reinsten Geblüts. Es wäre interessant, darüber nachzudenken, wie aus solcher Perspektive eine tatsächliche Entdeckung des "Lebens der Anderen" aussehen könnte.

Hier, liebe...., mach ich erstmal Pause meiner Betrachtung.
Das soll aber keineswegs schon der Schluß sein.

Sonntag, 1. April 2007

Erklärt Pereira

Pereira

Ein schöner Film, kein lauter Film, einer der nachwirkt.
Und das nicht nur, weil Marcello Mastroianni in einer großen Rolle zu sehen ist, einer seiner letzten.
Pereira ist ein alter Zeitungsmann 1938 im faschistischen Portugal. Er ist unpolitisch, verwitwet, stellt sich auf einen ruhigen Lebensabend ein, mit seiner geliebten Arbeit als Übersetzer und Kulturredakteur und im innigen Zwiegespräch mit dem Bild seiner lange verstorbenen Frau. Gedanken an Klassenkampf, an politische oder ökonomische Macht, gar an Diktatur, liegen ihm fern.
Doch obwohl er meint, es sei an der Zeit, mehr über den Tod und das Sterben nachzudenken, bleibt er ein sensibler Beobachter des Lebens. Ja, die Begegnung mit jungen Kommunisten, die gegen Franco und Salazar kämpfen, mit einer Jüdin, die aus Deutschland fliehen mußte, lassen ihn immer wacher auf die politischen Signale reagieren, die der Alltag ihm in Fülle liefert.
Er sucht keineswegs die politische Arena. Aber er verdrängt es nicht, wenn sich ihm gesellschaftliche Zusammenhänge offenbaren, er findet den Mut zu fragen und weiter zu denken. Und als er sich zur Tat entscheidet, erlebt er das kostbare Gefühl, frei zu werden, indem er für die Kräfte der Menschlichkeit Partei nimmt.

erklaert-Pereira

Ein Film gegen den Mainstream von heute mit seiner Ignoranz des aus eigenem Gewissen handelnden, konkreten gesellschaftlichen Menschen.


Land: Italien, Portugal, Frankreich, 1995
Darsteller: Marcello Mastroianni, Stefano Dionisi, Nicoletta Braschi, Daniel Auteuil
Regie: Roberto Faenza
Nch dem Roman „Erklärt Pereira" von Antonio Tabucchi



Bildquellen:
http://www.br-online.de/kultur-szene/film/tv/0509/05278/
http://www.schnitt.de/_images/filme/erklaert_pereira.jpg&imgrefurl=http://www.schnitt.de/filme/artikel/erklaert_pereira.shtml&h=288&w=340&sz=28&hl=de&start=1&um=1&tbnid=7l7dNdvcRjmtjM:&tbnh=101&tbnw=119&prev=/images%3Fq%3Derkl%25C3%25A4rt%2BPereira%26ndsp%3D20%26svnum%3D10%26um%3D1%26hl%3Dde%26safe%3Doff%26sa%3DN

Sonntag, 3. Dezember 2006

Blow Up

blow up

Vor 40 Jahren war er Kult, obwohl die Bezeichnung "Kultfilm" noch nicht gebräuchlich war.
Ich sehe den Film heute und bin erstaunt - so modern, nichts ist angestaubt.
Die Kritiker habe durch die Jahrzehnte gebührend hervorgehoben, wie Meister Antonioni mit Wirklichkeit und Fiktion gespielt hat, sie ununterscheidbar machte usw.

Heute aber, es ist verblüffend, bewährt sich "Blow UP" als Abbild unserer Wirklichkeit. Thomas ist Starfotograf, Winner, beziehungslos wie Gott. Er benutzt oder verwirft die Menschenfiguren nach Lust oder Laune. Er hat sein profesionelles Gespür für den ästhetischen Reiz, für das Geschäft, für seinen Spaß. Ein nervöser, flexibler Beteiligter des Krieges all der vergnügten Menschenpuppen gegen all die vergnügten Menschenpuppen.
Wie draußen vor der Tür.

Land: Großbritannien 1966
Darsteller: David Hemmings (Thomas), Vanessa Redgrave (Jane)
Regie, Drehbuch: Michelangelo Antonioni
Produzent: Carlo Ponti

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