testamentlich
Da wird einiges vom Lebensweg eines Mannes erzählt.
Anscheinend war er anfangs nicht reich. Aber seine Fähigkeiten und Leistungen machten's möglich. "Aufstieg an die Spitze der Berliner Handels-Gesellschaft". Irgendwie stellte sich Wohlstand ein. Und weil die 35-Zimmer-Villa wohl zu knapp wurde, gab es ein Gutshaus, schlossartig, obendrauf. Das baute ein Nazi-Architekt dem unpolitischen Juden. Später schlugen die Arisierer zu. Es folgen Jahre turbulenten Ringens und verschlungene Wege. Vom vielen Geld blieb immerhin so viel, um vielen bedrohten Familienmitgliedern zu helfen.
Am Ende, 1960, steht ein Testament mit schätzungsweise hundert detaillierten menschen-, kunst- und sozialfreundlichen Bestimmungen.
Das ist doch mal eine jw-Geschichtsseite! Nach all dem bekannten provokativen Furor nun ein wenig slow food in meinem Blättel. Mich hätte interessiert, ob zu den Vorfahren des Banksters Bieber vielleicht der Barockkomponist Heinrich Ignaz Franz Biber gehörte (eher nicht). Der ist nämlich wirklich gut und unbekannt.
Meine Oma Klara Hartleb, verwitwete Kurch, geborene Erdmann lebte etwa zur gleichen Zeit wie der Siegfried Bieber. Sie schuftete zeitlebens als Kleinbäuerin am Rande des Thüringer Walds. Zu einem Testament hat sie es nie gebracht. Als sie starb legten die beiden Söhne den seit 30 Jahren schwelenden Familienzwist "um die Kuh" einfach bei.
Oma konnte lügen, ohne rot zu werden. Wenn 1946 die Bettler aus Ilmenau in unser Dorf kamen und um ein Stück Brot bettelten, sagte sie, wir hätten selber nichts. Ich staunte, denn ich wußte, daß Brot im Kasten war. Noch verwirrender war, daß sie manchmal Brot gab. Manchmal weinte sie. Bei Oma war es schön. (Es gab auch den Hund "Troll".) Sie roch stark. Wenn das Korrn gemäht wurde (Oma konnte mähen wie ein Mann.) und sie pinkeln mußte, stellte sie sich einfach breitbeinig hin und lächelte mich an. Alles andere spielte sich unter ihrem langen dunklen Rock ab, unter dem sie also vermutlich keine Hose trug.
Als meine große Schwester 70 wurde, beschloß sie, ab nun ihre Geburtstage jedes Jahr (also nicht nur die runden) richtig zu feiern. Das war kein bißchen zu früh. Es blieb nur Zeit für vier Feiern. Die waren besonders schön, besonders lebensvoll und immer ein ganz klein wenig vom Dunklen berührt. Ein Testament hat auch sie nicht gemacht.
Ich bin kürzlich 71 geworden. Bin jetzt also richtig in dem Lebensjahrzehnt angekommen, das mit der 80 endet (gucke sozusagen nicht mehr bloß "über die Schwelle"). Vielleicht werde ich mich bald Methusalemblogger nennen. Ein paar Regelungen habe ich aufgeschrieben. Testament lohnt sich kaum.
Kürzlich wurde mir wieder mal bewußt, daß ich eigentlich vielen Grund habe, freundlich an Menschen zu denken. Und mir kam die Idee, ihnen zu danken.
Wenn ich tot bin, ist es dazu definitiv zu spät. Jetzt ist doch wohl Zeit dafür.
Anscheinend war er anfangs nicht reich. Aber seine Fähigkeiten und Leistungen machten's möglich. "Aufstieg an die Spitze der Berliner Handels-Gesellschaft". Irgendwie stellte sich Wohlstand ein. Und weil die 35-Zimmer-Villa wohl zu knapp wurde, gab es ein Gutshaus, schlossartig, obendrauf. Das baute ein Nazi-Architekt dem unpolitischen Juden. Später schlugen die Arisierer zu. Es folgen Jahre turbulenten Ringens und verschlungene Wege. Vom vielen Geld blieb immerhin so viel, um vielen bedrohten Familienmitgliedern zu helfen.
Am Ende, 1960, steht ein Testament mit schätzungsweise hundert detaillierten menschen-, kunst- und sozialfreundlichen Bestimmungen.
Das ist doch mal eine jw-Geschichtsseite! Nach all dem bekannten provokativen Furor nun ein wenig slow food in meinem Blättel. Mich hätte interessiert, ob zu den Vorfahren des Banksters Bieber vielleicht der Barockkomponist Heinrich Ignaz Franz Biber gehörte (eher nicht). Der ist nämlich wirklich gut und unbekannt.
Meine Oma Klara Hartleb, verwitwete Kurch, geborene Erdmann lebte etwa zur gleichen Zeit wie der Siegfried Bieber. Sie schuftete zeitlebens als Kleinbäuerin am Rande des Thüringer Walds. Zu einem Testament hat sie es nie gebracht. Als sie starb legten die beiden Söhne den seit 30 Jahren schwelenden Familienzwist "um die Kuh" einfach bei.
Oma konnte lügen, ohne rot zu werden. Wenn 1946 die Bettler aus Ilmenau in unser Dorf kamen und um ein Stück Brot bettelten, sagte sie, wir hätten selber nichts. Ich staunte, denn ich wußte, daß Brot im Kasten war. Noch verwirrender war, daß sie manchmal Brot gab. Manchmal weinte sie. Bei Oma war es schön. (Es gab auch den Hund "Troll".) Sie roch stark. Wenn das Korrn gemäht wurde (Oma konnte mähen wie ein Mann.) und sie pinkeln mußte, stellte sie sich einfach breitbeinig hin und lächelte mich an. Alles andere spielte sich unter ihrem langen dunklen Rock ab, unter dem sie also vermutlich keine Hose trug.
Als meine große Schwester 70 wurde, beschloß sie, ab nun ihre Geburtstage jedes Jahr (also nicht nur die runden) richtig zu feiern. Das war kein bißchen zu früh. Es blieb nur Zeit für vier Feiern. Die waren besonders schön, besonders lebensvoll und immer ein ganz klein wenig vom Dunklen berührt. Ein Testament hat auch sie nicht gemacht.
Ich bin kürzlich 71 geworden. Bin jetzt also richtig in dem Lebensjahrzehnt angekommen, das mit der 80 endet (gucke sozusagen nicht mehr bloß "über die Schwelle"). Vielleicht werde ich mich bald Methusalemblogger nennen. Ein paar Regelungen habe ich aufgeschrieben. Testament lohnt sich kaum.
Kürzlich wurde mir wieder mal bewußt, daß ich eigentlich vielen Grund habe, freundlich an Menschen zu denken. Und mir kam die Idee, ihnen zu danken.
Wenn ich tot bin, ist es dazu definitiv zu spät. Jetzt ist doch wohl Zeit dafür.
kranich05 - 2011/08/20 12:48
