Das Grauen Das Schweigen Das Ende
Joachim Jahnke bringt auf seiner kritischen Webseite, auf der er regelmäßig die Märchenzahlen der monatlichen Arbeitsmarktstatistik kommentiert, Gedanken über die Moral der "Hitler-Deutschen".
Dabei bezieht er sich auf das Buch des britischen Historikers Ian Kershaw "The End: Hitlers Germany, 1944-45", in dem dieser der Periode zwischen dem gescheiterten Aufstandsversuch vom 20. Juli 1944 und der Kapitulation im Mai 1945 nachgegangen ist.
Jahnke gibt ein Ereignis wieder, das sich in Ansbach in den letzten Stunden vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen zugetragen hat:
"Der Kommandant der Wehrmacht wollte diese mittelalterliche und noch unzerstörte Stadt bis zum Ende verteidigen, obwohl der Ausgang glasklar war. Ein junger Theologie-Student von 19 Jahren beschloß, etwas gegen den Untergang zu unternehmen. Er wußte, wo das Telefonkabel aus der Kommandantur heraus verlief. Mit einer Zange schnitt er es durch, um so die Kommandantur informationslos zu machen und zur Aufgabe zu bewegen. Doch die war schon ausgezogen, was er nicht wußte. Da beobachteten ihn zwei Kinder, die ihn sofort anzeigten. Deutsches Militär und Polizei kamen und schleppte ihn ins Rathaus, wo der Kommandant drei Richter aus dem Militär ernannte, die den Unglücklichen innerhalb weniger Minuten zum Tode verurteilten. Er sollte auf der Stelle gehängt werden, denn wegen der anrückenden Amerikaner schien Eile geboten.
Man legte ihm eine Schlinge um den Kopf. Doch er konnte sich freimachen und etwa einhundert Meter weglaufen, bis er wieder eingeholt und zurückgeschleppt wurde. Viele Menschen hatten sich versammelt, brave Bürger von Ansbach. Sie beschimpften ihn und traten nach ihm. Dann wurde ihm ein zweites Mal die Schlinge um den Kopf gelegt. Doch diesmal riß das Seil. Beim dritten Mal klappte das grausame Spiel dann. Der Kommandant erklärte, die Leiche solle hängen bleiben, bis sie faule, requerierte ein Fahrrad und türmte vor den Amerikanern, die zu dieser Zeit einzumarschieren begannen. Sie schnitten dann die Leiche vom Seil."
Was hier geschildert wird und heute noch und wieder erschüttert, ist in ähnlichen Formen lange bekannt.
Vor mehr als 50 Jahren, als Student in Berlin, habe ich am Bahnhof Friedrichstraße, dort wo die S-Bahn über die Friedrichstraße donnert, eine schlichte Eisentafel gelesen, die dort angebracht war zum Gedenken an einen Soldaten, der am letzten Kriegstag wegen Fahnenflucht gehenkt wurde.
Ich möchte jetzt nicht die historisch-konkreten Zusammenhänge solcher Ereignisse betrachten. Die tiefste Ungeheuerlichkeit sehe ich darin, daß Menschen die Vernichtung anderer Menschen für Nichts in Kauf nehmen oder sogar aktiv betreiben. Schockierend ist die absolute Abwesenheit eines sozial verantwortlichen persönlichen Bewußtseins, einer persönlichen Haltung. Jeder und jede ist zwar mit Individualität ausgestattet, diese ist jedoch allein darauf gerichtet, den vollkommenen Zombie zu geben.
Machen wir uns nicht vor, daß solche Erscheinungen auf die Zeit des deutschen Faschismus beschränkt gewesen seien; zumal uns nur ein Wimpernschlag der Geschichte von dieser bisher finstersten Ausprägung imperialistischer Herrschaft trennt.
Heute sind es zum Beispiel der Gleichmut und die aktive Mitträgerschaft mit der die offiziellen Legenden um die Anschläge vom 11. 9. 2001 geduldet und akzeptiert werden, die mich Schaudern lassen. Das massenhafte Nichtwissenwollen, obwohl der Preis des Wissens geringfügig wäre! Aufklärung prallt hier an schier undurchdringlichen Wänden ab.
Die Macht der Aufklärung ist gering oder geht gegen Null, wenn ihr ein materielles Interesse entgegensteht. Und mehr noch: Das natürliche Orientierungsbedürfnis jedes Tieres, jedes Affen, kann beim Menschen ausgehebelt und durch materielle Interessen ersetzt werden, die jede Erkenntnis der eigenen Stellung verhindern und sogar ein aktives Streben auslösen, sie um KEINEN Preis der Welt zu begreifen.
Mit dem Versuch, die materiellen Interessen als die Ursuppe der ganzen Menschenveranstaltung zu begreifen, hatte einmal die philosophische Wissenschaft des Historischen Materialismus begonnen. Auf diesem Weg hatten im 19. und zu Beginn des 20. Jahhunderts Marx, Engels und Lenin soziale und politische Analysen historischer Prozesse vorgelegt, die einen mächtigen Erkenntnisfortschritt bedeuteten. Sie trugen zum Erfolg der großen Revolution in Rußland Oktober 1917 und der vielen revolutionären Erschütterungen in der Folge bei. Dabei war die Erkenntnis der materiellen Interessen der Klassen, die Erkenntnis grundlegender materieller Verhältnisse der Menschen in Produktion und Politik der Dreh- und Angelpunkt.
Seitdem hat die menschliche Entwicklung etliche Jahrzehnte neuen Stoff geliefert, massenhaft neuen Stoff.
Der Historische Materialismus, wenn ich einmal so personalisieren darf, ist zuerst "vor lauter Erfolgen in Schwindel verfallen" und hat sich dann/wurde dann, allmählich verholzt und verkapselt, zur Ruhe gelegt. Keine Sau dieser Farm der Tiere brauchte einen lebendigen historischen Materialismus.
Noch aber macht die Menschheit weiter. Weiter häuft sie Jahrzehnt auf Jahrzehnt. Sie häuft Ratlosigkeit.
Zeit wird es, die weitergehenden Perspektiven der historisch-materialistischen Wissenschaft aufzufinden, einer fröhlichen Wissenschaft, wie ich hoffe.
Dabei bezieht er sich auf das Buch des britischen Historikers Ian Kershaw "The End: Hitlers Germany, 1944-45", in dem dieser der Periode zwischen dem gescheiterten Aufstandsversuch vom 20. Juli 1944 und der Kapitulation im Mai 1945 nachgegangen ist.
Jahnke gibt ein Ereignis wieder, das sich in Ansbach in den letzten Stunden vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen zugetragen hat:
"Der Kommandant der Wehrmacht wollte diese mittelalterliche und noch unzerstörte Stadt bis zum Ende verteidigen, obwohl der Ausgang glasklar war. Ein junger Theologie-Student von 19 Jahren beschloß, etwas gegen den Untergang zu unternehmen. Er wußte, wo das Telefonkabel aus der Kommandantur heraus verlief. Mit einer Zange schnitt er es durch, um so die Kommandantur informationslos zu machen und zur Aufgabe zu bewegen. Doch die war schon ausgezogen, was er nicht wußte. Da beobachteten ihn zwei Kinder, die ihn sofort anzeigten. Deutsches Militär und Polizei kamen und schleppte ihn ins Rathaus, wo der Kommandant drei Richter aus dem Militär ernannte, die den Unglücklichen innerhalb weniger Minuten zum Tode verurteilten. Er sollte auf der Stelle gehängt werden, denn wegen der anrückenden Amerikaner schien Eile geboten.
Man legte ihm eine Schlinge um den Kopf. Doch er konnte sich freimachen und etwa einhundert Meter weglaufen, bis er wieder eingeholt und zurückgeschleppt wurde. Viele Menschen hatten sich versammelt, brave Bürger von Ansbach. Sie beschimpften ihn und traten nach ihm. Dann wurde ihm ein zweites Mal die Schlinge um den Kopf gelegt. Doch diesmal riß das Seil. Beim dritten Mal klappte das grausame Spiel dann. Der Kommandant erklärte, die Leiche solle hängen bleiben, bis sie faule, requerierte ein Fahrrad und türmte vor den Amerikanern, die zu dieser Zeit einzumarschieren begannen. Sie schnitten dann die Leiche vom Seil."
Was hier geschildert wird und heute noch und wieder erschüttert, ist in ähnlichen Formen lange bekannt.
Vor mehr als 50 Jahren, als Student in Berlin, habe ich am Bahnhof Friedrichstraße, dort wo die S-Bahn über die Friedrichstraße donnert, eine schlichte Eisentafel gelesen, die dort angebracht war zum Gedenken an einen Soldaten, der am letzten Kriegstag wegen Fahnenflucht gehenkt wurde.
Ich möchte jetzt nicht die historisch-konkreten Zusammenhänge solcher Ereignisse betrachten. Die tiefste Ungeheuerlichkeit sehe ich darin, daß Menschen die Vernichtung anderer Menschen für Nichts in Kauf nehmen oder sogar aktiv betreiben. Schockierend ist die absolute Abwesenheit eines sozial verantwortlichen persönlichen Bewußtseins, einer persönlichen Haltung. Jeder und jede ist zwar mit Individualität ausgestattet, diese ist jedoch allein darauf gerichtet, den vollkommenen Zombie zu geben.
Machen wir uns nicht vor, daß solche Erscheinungen auf die Zeit des deutschen Faschismus beschränkt gewesen seien; zumal uns nur ein Wimpernschlag der Geschichte von dieser bisher finstersten Ausprägung imperialistischer Herrschaft trennt.
Heute sind es zum Beispiel der Gleichmut und die aktive Mitträgerschaft mit der die offiziellen Legenden um die Anschläge vom 11. 9. 2001 geduldet und akzeptiert werden, die mich Schaudern lassen. Das massenhafte Nichtwissenwollen, obwohl der Preis des Wissens geringfügig wäre! Aufklärung prallt hier an schier undurchdringlichen Wänden ab.
Die Macht der Aufklärung ist gering oder geht gegen Null, wenn ihr ein materielles Interesse entgegensteht. Und mehr noch: Das natürliche Orientierungsbedürfnis jedes Tieres, jedes Affen, kann beim Menschen ausgehebelt und durch materielle Interessen ersetzt werden, die jede Erkenntnis der eigenen Stellung verhindern und sogar ein aktives Streben auslösen, sie um KEINEN Preis der Welt zu begreifen.
Mit dem Versuch, die materiellen Interessen als die Ursuppe der ganzen Menschenveranstaltung zu begreifen, hatte einmal die philosophische Wissenschaft des Historischen Materialismus begonnen. Auf diesem Weg hatten im 19. und zu Beginn des 20. Jahhunderts Marx, Engels und Lenin soziale und politische Analysen historischer Prozesse vorgelegt, die einen mächtigen Erkenntnisfortschritt bedeuteten. Sie trugen zum Erfolg der großen Revolution in Rußland Oktober 1917 und der vielen revolutionären Erschütterungen in der Folge bei. Dabei war die Erkenntnis der materiellen Interessen der Klassen, die Erkenntnis grundlegender materieller Verhältnisse der Menschen in Produktion und Politik der Dreh- und Angelpunkt.
Seitdem hat die menschliche Entwicklung etliche Jahrzehnte neuen Stoff geliefert, massenhaft neuen Stoff.
Der Historische Materialismus, wenn ich einmal so personalisieren darf, ist zuerst "vor lauter Erfolgen in Schwindel verfallen" und hat sich dann/wurde dann, allmählich verholzt und verkapselt, zur Ruhe gelegt. Keine Sau dieser Farm der Tiere brauchte einen lebendigen historischen Materialismus.
Noch aber macht die Menschheit weiter. Weiter häuft sie Jahrzehnt auf Jahrzehnt. Sie häuft Ratlosigkeit.
Zeit wird es, die weitergehenden Perspektiven der historisch-materialistischen Wissenschaft aufzufinden, einer fröhlichen Wissenschaft, wie ich hoffe.
kranich05 - 2011/09/06 01:56
