Wie lernen Kinder Politik?
Wie werden wohl die Kinder und Jugendlichen, die kürzlich in Neukölln gegen die Schließung ihrer Einrichtungen protestierten, ihre Aktion erlebt haben und verarbeiten?
Sie werden doch eine Fülle unüblicher Erfahrungen gemacht haben. Angefangen bei den Informationen, vermutlich anfangs Gerüchten, über die vorgesehenen Schließungen, Gedanken und Gespräche darüber, daß man sich wehren müßte und wie das zu tun wäre, die Rolle von Erwachsenen/Vertrauenspersonen dabei, das Organisieren von Protest (Malen von Plakaten, Termine absprechen, Kumpels Bescheid sagen), das Protestieren selbst (das Gefühl von Stärke in der Menge oder das Gefühl von Schwäche? Euphorie, daß es auf einen selbst ankommt oder Angst, daß es auf einen selbst ankommt?), eine Art von Stagnation nach dem Herausschreien. Was kommt nun? Die schwer verständlichen Antworten "Der Politik", die Wahrnehmung der Polizei. Vorerfahrungen mit Polizei, der demonstrative bis brutale Zugriff von Zivilpolizisten, Traumatisierung unmittelbar Betroffener, die Erfahrung, Zeuge zu sein, der Streit mit Kumpels, die es anders gesehen haben. Sicher auch der Bezug zu anderen Kindern und Jugendlichen, die die ganze Aktion von vorne bis hinten blöd fanden usw usf. So und anders gärt es in den vielen kleinen "Sozialreaktoren", aus denen in zwei, drei, fünf Jahren Bewußtsein entspringt.
Wie ist es mir damals in der eigenen Kindheit ergangen bzw. wie erinnere ich heute, was damals geschah?
Als der Krieg zu Ende ging, war ich knapp fünf Jahre alt. Ich erlebte einige direkt durch den Krieg verursachte Szenen, die in mir Fremdheits-, Armuts- und Verlassenheitsgefühle auslösten sowie bald nach Kriegsende abenteuerlich-euphorisierende Eindrücke militärisch-technischer Macht und Herrlichkeit. In all diesen Fällen erlebte ich mich in Szenen, die ich erst viel später in mir dann verfügbare Begriffe von Krieg einordnete.
Das früheste politische Signal, mit dem ich mich auseinandersetzte, war eine riesengroße Losung: "Schluß mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen!" An ihr kam ich vorbei, wenn ich täglich nach der Schule unsere 15 Gänse zur Weide treiben mußte. Damals war ich schätzungsweise acht, neun Jahre alt (also die Jahre 1948, 1949), denn ich entzifferte die Losung selbständig und versuchte hinter ihren Sinn zu kommen. Entweder reimte ich mir den Sinn zusammen oder, was wahrscheinlicher ist, fragte ich meine Mutter danach. Jedenfalls blieb mir diese Losung als passabel im Gedächtnis und ich identifizierte mich irgendwie lose damit.
Wichtig in solchen und ähnlichen Fällen: Meine Eltern verhielten sich damals gegenüber den Anmutungen "der Neuen Zeit" mit einer zurückhaltenden/vorsichtigen Offenheit. Besonders mein Vater, alter Sozialdemokrat, hatte sich über die Jahre des Faschismus eine vorsichtige, illusionslose, illusionsarme, faschismuskritische Haltung bewahrt (ohne antifaschistisch-kämpferisch zu sein). Andere Signale, solche, die hätten beunruhigen oder verwirren können - SS-Männer auf der Flucht, die von meiner Oma Zivilkleidung erbaten und nach hinten über den Hof hinaus verschwanden oder Herr Hildebrandt, der verhaftet wurde oder die Angst meines Vaters noch ca. 1947 als Fachmann (Bau-Ingenieur) nach Rußland deportiert zu werden. (Er war nie Soldat gewesen.) - solche Signale versuchten unsere Eltern vor uns zu verstecken.
So erlebte ich ein bruchloses, grundsätzlich harmonisches Hineinwachsen in die "Neue Zeit"; was nicht heißt widerspruchsfrei oder schmerzfrei. Mit etwa 10 Jahren (ca. 1950) war ich z. B. höchst erpicht auf das "Abzeichen für gutes Lernen" (Das war nicht identisch mit dem "Abzeichen für gutes Wissen".) Es wurde damals selten vergeben, vielleicht nur ein- oder zweimal pro Schuljahr und Klasse. Als zumindest Klassenzweiter war ich nun "dran", rechnete fest damit. Doch in der Feierstunde erhielt das Abzeichen - mein Freund Jochen. Ihm mißgönnte ich es zwar nicht, trotzdem war es ungerecht. Dann stellte sich auch noch heraus, daß unser Klassenlehrer, Herr Grohmann, (ein wegen Suff aus dem Kirchendienst entlassener Pfarrer, der nun Deutschlehrer war) mich nicht vorgeschlagen hatte, weil er davon ausging, daß ich nicht Mitglied der "Jungen Pioniere" sei, was aber gar nicht stimmte! Ich war untröstlich.
Die individuelle Bewußtseinsentwicklung vollzieht sich in einem vorgegebenen Rahmen, der selbständig angeeignet und persönlich modifiziert (oder verworfen!) wird. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach auf einer Stufenleiter im Verlaufe der Persönlichkeitsentwicklung. Was mich betrifft, kann ich derartige Persönlichkeitsstufungen ("Knotenlinie von Maßverhältnissen"!) in diesen Altersphasen erkennen (die zugleich mehr oder weniger mit herausgehobenen sozialen Situationen/Ereignissen zusammenfallen):
- 8-10 Jahre alt,
- 13-18 Jahre alt,
- 27-30 Jahre alt,
- 45-50 Jahre alt,
- 55-60 Jahre alt,
- 65-70 Jahre alt.
Erstaunlicherweise scheint sich hier eine wachsende Dynamik der Persönlichkeit im Alter abzubilden.
Mir schien immer, daß Lucien Seves Begriff der "Individualitätsformen" geeignet ist, solche Prozesse aus marxistischer Sicht besser zu fassen. (Sein Buch kann man mit Mühe antiquarisch finden.) Irene Dölling hat das frühzeitig ebenso gesehen. Die Kritische Psychologie hat interessante Beiträge geliefert und den Blick geweitet. Ich war leider zu schwach, dazu ernsthaft theoretisch zu arbeiten.
Versäumt.
Doch die Fragen kommen zurück.
Dafür lassen sich erfreulich viele Belege finden hier, hier, hier, hier und an vielen anderen Stellen.
Sie werden doch eine Fülle unüblicher Erfahrungen gemacht haben. Angefangen bei den Informationen, vermutlich anfangs Gerüchten, über die vorgesehenen Schließungen, Gedanken und Gespräche darüber, daß man sich wehren müßte und wie das zu tun wäre, die Rolle von Erwachsenen/Vertrauenspersonen dabei, das Organisieren von Protest (Malen von Plakaten, Termine absprechen, Kumpels Bescheid sagen), das Protestieren selbst (das Gefühl von Stärke in der Menge oder das Gefühl von Schwäche? Euphorie, daß es auf einen selbst ankommt oder Angst, daß es auf einen selbst ankommt?), eine Art von Stagnation nach dem Herausschreien. Was kommt nun? Die schwer verständlichen Antworten "Der Politik", die Wahrnehmung der Polizei. Vorerfahrungen mit Polizei, der demonstrative bis brutale Zugriff von Zivilpolizisten, Traumatisierung unmittelbar Betroffener, die Erfahrung, Zeuge zu sein, der Streit mit Kumpels, die es anders gesehen haben. Sicher auch der Bezug zu anderen Kindern und Jugendlichen, die die ganze Aktion von vorne bis hinten blöd fanden usw usf. So und anders gärt es in den vielen kleinen "Sozialreaktoren", aus denen in zwei, drei, fünf Jahren Bewußtsein entspringt.
Wie ist es mir damals in der eigenen Kindheit ergangen bzw. wie erinnere ich heute, was damals geschah?
Als der Krieg zu Ende ging, war ich knapp fünf Jahre alt. Ich erlebte einige direkt durch den Krieg verursachte Szenen, die in mir Fremdheits-, Armuts- und Verlassenheitsgefühle auslösten sowie bald nach Kriegsende abenteuerlich-euphorisierende Eindrücke militärisch-technischer Macht und Herrlichkeit. In all diesen Fällen erlebte ich mich in Szenen, die ich erst viel später in mir dann verfügbare Begriffe von Krieg einordnete.
Das früheste politische Signal, mit dem ich mich auseinandersetzte, war eine riesengroße Losung: "Schluß mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen!" An ihr kam ich vorbei, wenn ich täglich nach der Schule unsere 15 Gänse zur Weide treiben mußte. Damals war ich schätzungsweise acht, neun Jahre alt (also die Jahre 1948, 1949), denn ich entzifferte die Losung selbständig und versuchte hinter ihren Sinn zu kommen. Entweder reimte ich mir den Sinn zusammen oder, was wahrscheinlicher ist, fragte ich meine Mutter danach. Jedenfalls blieb mir diese Losung als passabel im Gedächtnis und ich identifizierte mich irgendwie lose damit.
Wichtig in solchen und ähnlichen Fällen: Meine Eltern verhielten sich damals gegenüber den Anmutungen "der Neuen Zeit" mit einer zurückhaltenden/vorsichtigen Offenheit. Besonders mein Vater, alter Sozialdemokrat, hatte sich über die Jahre des Faschismus eine vorsichtige,
So erlebte ich ein bruchloses, grundsätzlich harmonisches Hineinwachsen in die "Neue Zeit"; was nicht heißt widerspruchsfrei oder schmerzfrei. Mit etwa 10 Jahren (ca. 1950) war ich z. B. höchst erpicht auf das "Abzeichen für gutes Lernen" (Das war nicht identisch mit dem "Abzeichen für gutes Wissen".) Es wurde damals selten vergeben, vielleicht nur ein- oder zweimal pro Schuljahr und Klasse. Als zumindest Klassenzweiter war ich nun "dran", rechnete fest damit. Doch in der Feierstunde erhielt das Abzeichen - mein Freund Jochen. Ihm mißgönnte ich es zwar nicht, trotzdem war es ungerecht. Dann stellte sich auch noch heraus, daß unser Klassenlehrer, Herr Grohmann, (ein wegen Suff aus dem Kirchendienst entlassener Pfarrer, der nun Deutschlehrer war) mich nicht vorgeschlagen hatte, weil er davon ausging, daß ich nicht Mitglied der "Jungen Pioniere" sei, was aber gar nicht stimmte! Ich war untröstlich.
Die individuelle Bewußtseinsentwicklung vollzieht sich in einem vorgegebenen Rahmen, der selbständig angeeignet und persönlich modifiziert (oder verworfen!) wird. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach auf einer Stufenleiter im Verlaufe der Persönlichkeitsentwicklung. Was mich betrifft, kann ich derartige Persönlichkeitsstufungen ("Knotenlinie von Maßverhältnissen"!) in diesen Altersphasen erkennen (die zugleich mehr oder weniger mit herausgehobenen sozialen Situationen/Ereignissen zusammenfallen):
- 8-10 Jahre alt,
- 13-18 Jahre alt,
- 27-30 Jahre alt,
- 45-50 Jahre alt,
- 55-60 Jahre alt,
- 65-70 Jahre alt.
Erstaunlicherweise scheint sich hier eine wachsende Dynamik der Persönlichkeit im Alter abzubilden.
Mir schien immer, daß Lucien Seves Begriff der "Individualitätsformen" geeignet ist, solche Prozesse aus marxistischer Sicht besser zu fassen. (Sein Buch kann man mit Mühe antiquarisch finden.) Irene Dölling hat das frühzeitig ebenso gesehen. Die Kritische Psychologie hat interessante Beiträge geliefert und den Blick geweitet. Ich war leider zu schwach, dazu ernsthaft theoretisch zu arbeiten.
Versäumt.
Doch die Fragen kommen zurück.
Dafür lassen sich erfreulich viele Belege finden hier, hier, hier, hier und an vielen anderen Stellen.
kranich05 - 2011/07/20 12:34







