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An den Wurzeln

Moehrenbach

Wir waren in den Thüringer Wald gefahren, nach Möhrenbach. M. liegt unterhalb des Rennsteigs an der "Hohen Tanne" zwischen Neustadt und Großbreitenbach. Dort war meine Oma junge Bäuerin, dort wurde mein Vater geboren, von dort mußte sein Vater, der hünenhafte Hermann Kurch, in den i. Weltkrieg und kam nicht zurück.

Später heiratete Oma wieder und ging nach Wümbach. Meine Eltern zogen nach Stadtilm. Unser Leben verlagerte sich immer weiter weg vom Thüringer Wald in sein Vorland. Dort gab keine schneesicheren Berge, kaum schieferverkleidete Häuser, viel weniger Blaubeeren, Arnika gar nicht, und die Sprache der Leute schien mir breit und ohne Reiz. Ich wuchs als Thüringer auf und war doch kein richtiger, keiner aus den engen Tälern, den dunklen, raunenden, duftenden Wäldern.

Möhrenbach besuchten wir hin und wieder. Es war immer die Landschaft meiner Träume. Ich glaube meinem Vater ging es ähnlich. Einige Grundstücke hatte er geerbt. Namen wie Musik: In der Wohlrose, im Grubern, am Silberberg.
"Am Silberberg", sagte mein Vater, "ist eine große Waldwiese. Unser ist das Stück, auf dem die Quelle ist." Dort müßte man Ferien machen. Ja, er spekulierte davon - Bauunternehmer, der er war - dort für irgendeinen VEB eine ganze Ferienanlage zu bauen. Diese Träume waren auf Sand gebaut. Der Silberberg lag im Staatsjagdgebiet und war nicht zugänglich. Ich lernte ihn nie kennen. Die anderen Grundstücke bewirtschaftete die LPG.
Doch Träume stören sich an so etwas nicht.

Als ich irgendwann Bilder von Eisensteins nie aufgeführtem Film "Beshinwiese" sah, wußte ich, daß genauso Oma als junge Bäuerin, vielleicht sogar schon als Mädchen, auf der Waldwiese am Silberberg Heu gemacht hatte.

1990, mein Vater war lange tot, war es zu Ende mit Staatsjagd und LPG. Wir besuchten Möhrenbach. Der Bürgermeister gab uns eine Flurkarte, wir streiften durch die Wälder, über Berg und Tal und fanden alle Grundstücke. Froh, erschöpft ließen wir uns auf dem eigenen Grund (dem noch zu erbenden) nieder. Was nun tun? Ich schnupperte, griff um mich. Ich saß neben dem glucksenden Bach, auf einer üppigen Wiese inmitten herrlich duftenden Thymians!
Ich berauschte mich an neuen Träumen, ja Plänen. Der Bürgermeister bremste: "Alles Außenbereich... Aber eine Tausch wäre möglich. Doch es gibt da ein Problem..." Eins der Grundstücke war zur inoffiziellen Mülldeponie gemacht worden. Meiner damaligen Partnerin, Urberliner Pflanze, wurde Angst und Bange. -
Wir haben das Erbe nicht angetreten.

Jetzt, an einem milden Herbsttag, waren wir wieder im Grubern und am Silberberg.

Am Silberberg 1

Wir sind nun alt und auch ein wenig bescheidener. Wir werden nicht mehr den Boden in Thüringen umwälzen.
Die Wiesen lächelten und schwiegen. Sie waren grün und feucht und voller Leben. Offenkundig brauchten sie uns nicht. Sie schenkten uns Maronen und den schönsten Steinpilz. Auch einen Stein, der mich an das lehmige Rot des Bodens dort erinnert, haben wir mitgenommen. "Träumt nur weiter," dachte ich, "wir tun es auch."

Vielleicht ist doch Alles, meint Hebbel, nur der Traum einer jungen Riesin.

Am Silberberg 2

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