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"junge Welt" 0.2

Die Zeitung "junge Welt" habe ich hier schon oft zitiert, meist zustimmend. Vor wenigen Tagen allerdings hat mir diese Filmkritik gar nicht gefallen. Sie erinnerte mich an den dummen Spruch "Tötet Nazis!", von Kinderhand an Berliner Hauswände geschmiert.
Heute nun hat sich Henning Böke in einem ganzseitigen Artikel über das Web 2.0 verbreitet. Er klärt uns auf, daß dieses interaktive Web mehr oder weniger der Hort alles Bösen, zumindest aber des neuerdings erfundenen "Faschismus 2.0" ist.
Alle kriegen sie ihr Fett: "Schall und Rauch", "Infokrieg TV", "Radio Utopie" usw. Böke: "Es hat sich eine Allianz von klassischen Faschisten über paranoide Verschwörungstheoretiker bis zu unpolitischen Esoterikjüngern gebildet".

Bisher hatte mich die "junge Welt" noch nie einem Beitrag von solcher Ignoranz ausgesetzt. Gern würde ich über diese Auslassungen im Sommerloch einfach hinweggehen, doch es gibt Diskussionsbedarf. Vor allem darüber, wie die Staatsmacht bemüht ist, das Internet zu kriminalisieren und zu zensieren (wofür der Faschismusvorwurf bestens geeignet erscheint), natürlich Diskussionsbedarf auch darüber, wie rechtes Gedankengut im Web vertreten wird. Dabei scheint mir die Konstruktion eines "Faschismus 2.0" kaum geeignet die tatsächlichen Bewegungen zu begreifen. Das ist vielmehr ein zweifelhafter Kampfbegriff, der nicht an Gedankentiefe gewinnt, wenn man ihn an seiner Quelle betrachtet und dabei gleich noch die dort vertretenen Weisheiten über "Faschismus 1.0" zur Kenntnis nimmt.

Ich fürchte, daß sich hinter dem vorliegenden jW-Beitrag ein größeres Problem verbirgt, nämlich die Unfähigkeit der "jungen Welt", das kulturelle, geistige, politische Potential des interaktiven Web zu erkennen und zu nutzen.
Wenn sich die "junge Welt" auf das traditionelle Zeitungsgeschäft beschränkt, einschließlich eines langweiligen Onlinesektors, so habe ich das bisher bedauert und mit ihren beschränkten Ressourcen erklärt.
Doch alle sich irgendwie "links" verstehenden Journale (ich nenne neben der jW, das ND, Ossietzky und konkret) können mit einer interaktiven Leserschaft wenig anfangen. Sie verstehen sie nicht. Natürlich verstehen sie auch etwaige Risiken und Gefahren nicht. Vor allem aber sind sie völlig blind gegenüber den Potentialen und den damit verbundenen Gestaltungsherausforderungen.
Was die Linke Partei an Ideenarmut und Routine in der Politik vorexerziert, wiederholen leider die linken Medien auf ihrem ureigenen Gebiet.

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