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Wahlen vor 20 Jahren und heute

In meinem Zweitblog "tageundjahre" habe ich gerade die DDR-Kommunalwahlen 1989 beim Wickel (hinzugefügt am 12.6.2009: auch hier); ja, diejenigen, für deren Fälschung Krenz später verurteilt wurde. Damals habe ich mich engagiert, und jetzt gehe ich nicht zur Europawahl und möchte mir eigentlich sogar die "Stimmabgabe" zur Bundestagswahl sparen.
Solches verlangt nach Erklärung.
Bei den Wahlen in der DDR hatte ich nicht die geringste Hoffnung, die Machtverhältnisse ändern zu können. Die Abschaffung des sozialistischen politischen Systems stand nicht zur Debatte und war auch nicht mein Wunsch.
Möglich schien es aber, nicht zuletzt unter den Bedingungen von "Glasnostj" und "Perestroika", auf das System der Machtausübung einzuwirken in Richtung auf mehr Demokratie.
Durch Engagement die Veränderungen mitberwirken, die doch kommen mußten - das war meine Motivation, aber durchaus diffus in dem Sinne, daß sie nicht auf die Unterstützung bestimmter Personen ("Reformer") zielte und ich nicht die geringste Vorstellung hatte, wozu verschiedene Figuren aus der Herrschaftsclique sich später fähig erweisen würden.
Ein idealisches Streben, das sich als politisch verstand, der radikalen politischen Analyse aber längst entwöhnt war. Eigentlich eine vernichtende Bilanz für einen sozialistisch politisierten, aufgeklärten Menschen.
Von dieser Bilanz ist heute, nach 20 Jahren, kein Abstrich zu machen.

Bei Wahlen in der BRD steht ebensowenig wie in der DDR die Systemalternative auf dem Stimmzettel. Darüber hinaus fehlt mir heute sogar die Illusion, mittels Wahl die Machtausübung durch das Parteienkartell modifizieren zu können. Im Gegenteil, der mediale Dauerdruck, sich frei und entscheidungsmächtig fühlen zu sollen, beleidigt den gesunden Menschenverstand und mißachtet die perönliche Würde.
Die DDR funktionierte als die nur wenig verbrämte Diktatur der Guten, von der sich die Menschen, die weder gut noch schlecht sein wollten, bei erstbester Gelegenheit abwandten.
Die BRD ist demgegenüber die Spielwiese all des Allzumenschlichen, frei bis zum Exzess. Unter einer Bedingung:
"Spuren mußte!"
Und dafür mein letztes Stimmchen abgeben?
Danke, nicht auch noch Selbstkrummschließer sein!
gitano - 2009/06/11 15:27

Du bist mein Lieblingsopa

Du liegst ja sowas von richtig.
Und deine Schreibe ist richtig wohltuend.
Ich tät´s bissl anders sagen: wenn du alles an Zumutungen und Forderungen des kapitalistisch angeleiten Regelkrams zu deinem eigenen Willensinhalt und Interesse machst, dann kannst du jenseits davon - also in den Stunden zwischen Arbeitsplatz und Bett - dir sogar ein El Dorado der nur dir eigentümlichen Spinnereien leisten.

Vor zwanzig Jahren versuchte ich die ersten besuchsweise Rübergemachten in der Frankfurter Zeil von derlei und Ähnlichem zu überzeugen.
Resultat: "Du hast recht... Und wir unsere Ruhe."

Tahija (Gast) - 2009/06/12 09:03

Resigniert?

Hallo Kranich,
deine Schreibe ist zwar wohltuend, aber dein Bericht über das *Nichtwählen* hat mich eher traurig gemacht, du wirst doch nicht etwa alt? Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass du resignierst!
Viele Grüße von der Mosel
Tahija
kranich05 - 2009/06/13 19:06

Nee, von Resignation keine Spur!

Und zur Bu-Wa werde ich wohl auch wählen gehen. Die passende Begründung wird mir schon noch einfallen.
Älter werde ich mit jedem Tag, ohne daß mich das irgendwie belastet. Daß ich alt werde, würde ich im ersten Impuls zurückweisen. Aber wohl aus Dummheit.
Darüber werde ich mal nachdenken.
Wenn ich Grüße aus dem Moselland kriege, fällt mir ein, daß ich den dritten Teil meiner Postings zum Weinbau schreiben muß. Der Titel steht schon fest: Unsere Weinlaube.
Und herzlichen Dank für alle freundlichen Kommentare.

Tahija (Gast) - 2009/06/14 09:50

Wie wäre es denn mit Piraterei?

Hallo Kranich,

ich freue mich, dass ich Dir einen Denkanstoß geben konnte ;-)

Vielleicht freust du dich auch noch über einen zweiten? (Denkanstoß meine ich)

Ich weiß nicht, ob du schon von der Piratenpartei gelesen hast, die in Schweden sehr erfolgreich ist und nun auch einen Ableger oder wie immer man das auch nennen mag in Deutschland hat. Um zur Bundestagswahl zugelassen zu werden, brauchen sie immer noch Stimmen, hier kannst du ihnen deine für die Zulassung geben: http://ich.waehlepiraten.de/

Jaja, der Name ist diskutabel,
sie haben bisher nur ein Themenprogramm,
sie sprechen hauptsächlich junge Wähler an (zu den Senioren zählt man schon so ab Mitte 30 ;-) )
und trotzdem...

Grüße
Tahija

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