Mai oder Dame?
Walther von der Vogelweide: "Sô die bluomen ûz dem grase dringent"
"Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen" [Übersetzung im Anschluss an das Original]
[I]
Sô die bluomen ûz dem grase dringent,
sam si lachen gegen der spilnden sunnen
in einem meien an dem morgen fruo,
und die kleinen vogellîn wol singent
in ir besten wîse, die si kunnen,
waz wunne kan sich dâ gelîchen zuo?
ez ist wol halb ein himelrîche!
nu sprechen alle, waz sich dem geliche,
sô sage ich waz mir dicke baz
in mînen ougen hât getân,
und taete ouch noch, gesaehe ich daz.
[II]
Swâ ein edeliu frowe schoene, reine,
wol bekleit und dar zuo wol gebunden,
dur kurzewîle zuo vil liuten gât
hovelîchen hôhgemuot, niht eine,
umbe sehende ein wênic under stunden,
alsam der sunne gegen den sternen stât, -
der meie bringe uns al sîn wunder,
waz ist dâ sô wunneclîchez under,
als ir vil minneclîcher lîp?
wir lâzen alle bluomen stân,
und kapfen an daz werde wîp.
[III]
Sêt, sam mir, welt ir die wârheit schouwen!
gên wir zuo des meien hôhgezîte!
der ist mit aller sîner wunne komen.
seht an in und seht an werde frowen,
weder spil daz ander überstrîte:
daz waeger spil, ob ich daz hân genomen.
und der mich danne welen hieze,
daz ich daz eine dur daz ander lieze,
ahy, wie schiere ich danne kür!
hêr Meie, ir müestent merze sin,
ê ich mîn frowen dâ verlür.
---
Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen
[I]
Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen,
als ob sie der verführerisch leuchtenden Sonne entgegen lachen würden
in einem Mai, früh am Morgen,
und die kleinen Vögelchen schön singen
in der schönsten Melodie, die sie beherrschen,
– welche Freude lässt sich dem vergleichen?
Es ist gut halb ein Himmelreich...
Jetzt mögen alle sagen, was sich dem vergleicht:
So sage ich, was mir oft wohler
in meinen Augen getan hat,
und was mir auch noch gut tun würde, wenn ich es nur sehen würde.
[II]
Wo auch immer eine edele Dame, schön, ohne Makel,
höfisch gekleidet und dazu noch wohl mit dem Kopfschmuck der verheirateten Frau versehen,
um sich die Zeit zu vertreiben unter viele Menschen geht,
höfisch fröhlich, nicht allein,
sich manchmal umsehend –
[so wie diese Dame] wie die Sonne die Sterne überstrahlt:
Der Mai möge uns da all seine Wunderbarheit herbeibringen –
was ist da so freudeerregendes darunter,
wie ihr gänzlich liebenswerter Leib?
Wir vergessen alle Blumen
und starren die wunderbare Frau an.
[III]
Seht hin, wie ich, wenn ihr die Wahrheit sehen wollt!
Gehen wir zum großen Fest des Mai!
Der ist mit seiner ganzen Lust gekommen.
Seht ihn an und seht edle Damen an,
welcher Zeitvertreib den anderen übertrifft;
[und ob] ich mich für den gewichtigeren Zeitvertreib entschieden habe.
Und wenn mir einer dann befehlen würde, so zu wählen,
dass ich das eine für das andere aufgeben müsste,
hui, wie schnell ich dann wählen könnte!
Herr Mai, ihr müsstet schon der März sein,
bevor ich meine Dame in diesem Spiel verlieren würde.
---
Der Text folgt dem Abdruck in der Minnesanganthologie von Ingrid Kasten, mit
Übersetzungen und sehr guten Kommentaren: "Deutsche Lyrik des frühen hohen Mittelalters",
Frankfurt 2007; das Lied trägt dort die Nummer 163; wissenschaftliche Notation L 45,37.
http://short.to/78ys
Informationen zum Text...............................
Walther von der Vogelweide, der vielleicht größte deutsche Lyriker, lebte und dichtete
vermutlich zwischen 1190 bis 1230. Dem Minnesang hat er neue Impulse gegeben; auch indem er
das oft Gehörte und Bekannte mit Ironie durchspielt, wie im Lied oben. Da ist der oft beschworene
wunderbare Mai fast so gut wie ein halbes Himmelreich (I,7) – nur ein halbes, und nur fast so gut?
Und jede edle Dame, die sich gut angezogen auf einer Festgesellschaft bewegt, überstrahlt gleich wie
die Sonne die Sterne (II,1ff.). Nicht genug – Walther spielt die eingeführten Bilder gegeneinander aus:
Erst wenn der Mai der März werden würde, gäbe Walther seine Dame dafür auf. Den März haben die
Minnesänger nicht sehr oft besungen, und das ist vielleicht auch die Botschaft dieses Liedes: Ihr
Minnesänger, singt mal etwas Neues. Wir aber wünschen Ihnen, ganz traditionell, einen schönen,
freudebringenden Mai. Martin Schuhmann freut sich auf Ihr Feedback. m.schuhmann@lingua.uni-frankfurt.de;
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/IDLD/ADL/mitglieder/schuhmann/Lyrikmail.html .
Danke wieder einmal für die "tägliche Lyrikmail".
Warum Walther seine Dame für den März hergäbe, habe ich aber selbst mit Interpretationshilfe nicht verstanden.
Weil der März mit seinen Stürmen sie ihm entreißen würde?
Weil der März den Winter besiegt und somit noch höher steht als der Mai?
Oder erwähnt er den März paradox, weil es ganz und gar undenkbar wäre, daß ihm dieser (oder überhaupt irgend etwas) seine Dame entrisse?
"Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen" [Übersetzung im Anschluss an das Original]
[I]
Sô die bluomen ûz dem grase dringent,
sam si lachen gegen der spilnden sunnen
in einem meien an dem morgen fruo,
und die kleinen vogellîn wol singent
in ir besten wîse, die si kunnen,
waz wunne kan sich dâ gelîchen zuo?
ez ist wol halb ein himelrîche!
nu sprechen alle, waz sich dem geliche,
sô sage ich waz mir dicke baz
in mînen ougen hât getân,
und taete ouch noch, gesaehe ich daz.
[II]
Swâ ein edeliu frowe schoene, reine,
wol bekleit und dar zuo wol gebunden,
dur kurzewîle zuo vil liuten gât
hovelîchen hôhgemuot, niht eine,
umbe sehende ein wênic under stunden,
alsam der sunne gegen den sternen stât, -
der meie bringe uns al sîn wunder,
waz ist dâ sô wunneclîchez under,
als ir vil minneclîcher lîp?
wir lâzen alle bluomen stân,
und kapfen an daz werde wîp.
[III]
Sêt, sam mir, welt ir die wârheit schouwen!
gên wir zuo des meien hôhgezîte!
der ist mit aller sîner wunne komen.
seht an in und seht an werde frowen,
weder spil daz ander überstrîte:
daz waeger spil, ob ich daz hân genomen.
und der mich danne welen hieze,
daz ich daz eine dur daz ander lieze,
ahy, wie schiere ich danne kür!
hêr Meie, ir müestent merze sin,
ê ich mîn frowen dâ verlür.
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Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen
[I]
Wenn sich die Blumen aus dem Gras drängen,
als ob sie der verführerisch leuchtenden Sonne entgegen lachen würden
in einem Mai, früh am Morgen,
und die kleinen Vögelchen schön singen
in der schönsten Melodie, die sie beherrschen,
– welche Freude lässt sich dem vergleichen?
Es ist gut halb ein Himmelreich...
Jetzt mögen alle sagen, was sich dem vergleicht:
So sage ich, was mir oft wohler
in meinen Augen getan hat,
und was mir auch noch gut tun würde, wenn ich es nur sehen würde.
[II]
Wo auch immer eine edele Dame, schön, ohne Makel,
höfisch gekleidet und dazu noch wohl mit dem Kopfschmuck der verheirateten Frau versehen,
um sich die Zeit zu vertreiben unter viele Menschen geht,
höfisch fröhlich, nicht allein,
sich manchmal umsehend –
[so wie diese Dame] wie die Sonne die Sterne überstrahlt:
Der Mai möge uns da all seine Wunderbarheit herbeibringen –
was ist da so freudeerregendes darunter,
wie ihr gänzlich liebenswerter Leib?
Wir vergessen alle Blumen
und starren die wunderbare Frau an.
[III]
Seht hin, wie ich, wenn ihr die Wahrheit sehen wollt!
Gehen wir zum großen Fest des Mai!
Der ist mit seiner ganzen Lust gekommen.
Seht ihn an und seht edle Damen an,
welcher Zeitvertreib den anderen übertrifft;
[und ob] ich mich für den gewichtigeren Zeitvertreib entschieden habe.
Und wenn mir einer dann befehlen würde, so zu wählen,
dass ich das eine für das andere aufgeben müsste,
hui, wie schnell ich dann wählen könnte!
Herr Mai, ihr müsstet schon der März sein,
bevor ich meine Dame in diesem Spiel verlieren würde.
---
Der Text folgt dem Abdruck in der Minnesanganthologie von Ingrid Kasten, mit
Übersetzungen und sehr guten Kommentaren: "Deutsche Lyrik des frühen hohen Mittelalters",
Frankfurt 2007; das Lied trägt dort die Nummer 163; wissenschaftliche Notation L 45,37.
http://short.to/78ys
Informationen zum Text...............................
Walther von der Vogelweide, der vielleicht größte deutsche Lyriker, lebte und dichtete
vermutlich zwischen 1190 bis 1230. Dem Minnesang hat er neue Impulse gegeben; auch indem er
das oft Gehörte und Bekannte mit Ironie durchspielt, wie im Lied oben. Da ist der oft beschworene
wunderbare Mai fast so gut wie ein halbes Himmelreich (I,7) – nur ein halbes, und nur fast so gut?
Und jede edle Dame, die sich gut angezogen auf einer Festgesellschaft bewegt, überstrahlt gleich wie
die Sonne die Sterne (II,1ff.). Nicht genug – Walther spielt die eingeführten Bilder gegeneinander aus:
Erst wenn der Mai der März werden würde, gäbe Walther seine Dame dafür auf. Den März haben die
Minnesänger nicht sehr oft besungen, und das ist vielleicht auch die Botschaft dieses Liedes: Ihr
Minnesänger, singt mal etwas Neues. Wir aber wünschen Ihnen, ganz traditionell, einen schönen,
freudebringenden Mai. Martin Schuhmann freut sich auf Ihr Feedback. m.schuhmann@lingua.uni-frankfurt.de;
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb10/IDLD/ADL/mitglieder/schuhmann/Lyrikmail.html .
Danke wieder einmal für die "tägliche Lyrikmail".
Warum Walther seine Dame für den März hergäbe, habe ich aber selbst mit Interpretationshilfe nicht verstanden.
Weil der März mit seinen Stürmen sie ihm entreißen würde?
Weil der März den Winter besiegt und somit noch höher steht als der Mai?
Oder erwähnt er den März paradox, weil es ganz und gar undenkbar wäre, daß ihm dieser (oder überhaupt irgend etwas) seine Dame entrisse?
kranich05 - 2009/05/13 08:15