Haushalt(e) auflösen
Beim ersten Eintreten in die vor zwei Wochen verlassene Wohnung springt mich das Erinnern an: Das war der Raum von Ankas Todeslauf. An Anka denke ich in den folgenden fünf Tagen fast niemals.
In ein leeres Gehäuse eintreten, kein fremdes aber ein plötzlich herrenloses; überall die Spuren des nicht mehr Anwesenden, seine Atmosphäre oder "Aura", nicht mehr sein Geruch; Scheu (wenn er jetzt hereinkäme), doppelte Scheu (er wird nie mehr hereinkommen); Befugnis haben, erschrocken sein, ja, sich ekeln davor, wie roh ich zugreife; Trauer wellenartig, schwankend zwischen nicht vorhanden und überwältigend; Eindringen, wenn nicht in ein Universum, so doch in ein unmäßiges Konvolut, jedenfalls in eine kaum lösbare Aufgabe; was hieße es überhaupt, gerecht zu sein? wägen, werten, verwerfen oder bewahren; anmaßender (Keine Zeit! Keine Zeit!) Akteur eines jüngsten Gerichts; fertig werden müssen, nein, wollen, warum eigentlich; denkschwach sein, sich dumm fühlen, nur funktionieren, vom Tod nichts verstehen und nichts vom Leben; „zu schade zum Wegwerfen“, „aber es braucht keiner“, die Teak-Schrankwand („an der hing sein Herz“) findet bei ebay für 1 € keinen Käufer; ebay-Abholer – einer, ein sympathischer junger Mann hat ein Schnäppchen für seine neue Wohnung gemacht, bedankt sich überschwänglich, andere, Fledder-Profis, greifen zielsicher ihr ersteigertes Gut, blättern zerknüllte Scheine hin, ziehen befriedigt ab, mit 200, 300, 500% Profit; armer Vater, arme Schwester; wenigstens 6000 Bände in der Bibliothek; hoch in den Regalen, von Staub bedeckt, die Bücher des vor dreißig Jahren gestorbenen geliebten Schwagers; welch ein rastloses, enzyklopädisches, menschliches Mühen – „vergebliches“ sagt es in mir, doch das will ich keinesfalls wahrhaben; 600, 700 Bände habe ich an mich genommen, „mehr geht beim besten Willen nicht“, die wenigsten davon werde ich lesen können, die Zeit will mich zwingen, sie zu Müll zu erklären; erschöpft still sitzen, ein Glas Cognac in der Hand, der ihm, ihr genauso geschmeckt hat; Kühlschrankinhalt, Tiefgekühltes verzehren, vernünftig aber mein Magen sträubt sich; Tag für Tag setzen wir unser schändliches, notwendiges Werk fort - Zerstörung eines guten Lebensraums; Eigentum abschaffen, gehütetes Privates aufbrechen, Schale oder Kern? immer wieder: weg damit; das Leben verlangt viel Chaos von uns, es wird mühsamer, das auszuhalten; abends erschöpft im Bett geborgen, und endlich menschliche Zwiesprache mit der toten Schwester, dem gestorbenen Vater; jetzt wird Trauer machtvoll und, siehe da, Trost möglich jenseits der zermürbenden täglichen Rasselstunden.
Wir, meine Frau und ich, mußten all das gemeinsam tun, und wenigstens das war gut.
In ein leeres Gehäuse eintreten, kein fremdes aber ein plötzlich herrenloses; überall die Spuren des nicht mehr Anwesenden, seine Atmosphäre oder "Aura", nicht mehr sein Geruch; Scheu (wenn er jetzt hereinkäme), doppelte Scheu (er wird nie mehr hereinkommen); Befugnis haben, erschrocken sein, ja, sich ekeln davor, wie roh ich zugreife; Trauer wellenartig, schwankend zwischen nicht vorhanden und überwältigend; Eindringen, wenn nicht in ein Universum, so doch in ein unmäßiges Konvolut, jedenfalls in eine kaum lösbare Aufgabe; was hieße es überhaupt, gerecht zu sein? wägen, werten, verwerfen oder bewahren; anmaßender (Keine Zeit! Keine Zeit!) Akteur eines jüngsten Gerichts; fertig werden müssen, nein, wollen, warum eigentlich; denkschwach sein, sich dumm fühlen, nur funktionieren, vom Tod nichts verstehen und nichts vom Leben; „zu schade zum Wegwerfen“, „aber es braucht keiner“, die Teak-Schrankwand („an der hing sein Herz“) findet bei ebay für 1 € keinen Käufer; ebay-Abholer – einer, ein sympathischer junger Mann hat ein Schnäppchen für seine neue Wohnung gemacht, bedankt sich überschwänglich, andere, Fledder-Profis, greifen zielsicher ihr ersteigertes Gut, blättern zerknüllte Scheine hin, ziehen befriedigt ab, mit 200, 300, 500% Profit; armer Vater, arme Schwester; wenigstens 6000 Bände in der Bibliothek; hoch in den Regalen, von Staub bedeckt, die Bücher des vor dreißig Jahren gestorbenen geliebten Schwagers; welch ein rastloses, enzyklopädisches, menschliches Mühen – „vergebliches“ sagt es in mir, doch das will ich keinesfalls wahrhaben; 600, 700 Bände habe ich an mich genommen, „mehr geht beim besten Willen nicht“, die wenigsten davon werde ich lesen können, die Zeit will mich zwingen, sie zu Müll zu erklären; erschöpft still sitzen, ein Glas Cognac in der Hand, der ihm, ihr genauso geschmeckt hat; Kühlschrankinhalt, Tiefgekühltes verzehren, vernünftig aber mein Magen sträubt sich; Tag für Tag setzen wir unser schändliches, notwendiges Werk fort - Zerstörung eines guten Lebensraums; Eigentum abschaffen, gehütetes Privates aufbrechen, Schale oder Kern? immer wieder: weg damit; das Leben verlangt viel Chaos von uns, es wird mühsamer, das auszuhalten; abends erschöpft im Bett geborgen, und endlich menschliche Zwiesprache mit der toten Schwester, dem gestorbenen Vater; jetzt wird Trauer machtvoll und, siehe da, Trost möglich jenseits der zermürbenden täglichen Rasselstunden.
Wir, meine Frau und ich, mußten all das gemeinsam tun, und wenigstens das war gut.
kranich05 - 2008/11/12 21:01
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