Vom Wissen der Alten (II) – mein 17. Juni
Ich war 12. Unser Deutschlehrer, Herr Passow, sagte mit ätzender Ironie, laut Rundfunk hätten einige westliche Provokateure Unruhe gestiftet. Die ganze Klasse wieherte. Es war sommerlich warm. Wir fuhren zum Baden an die Warnowbrücke.
Nach ein paar Tagen hörte ich morgens meinen Vater zu meiner Mutter sagen, daß es keineswegs so ruhig sei, wie es scheine. Auch die Arbeiter der Neptunwerft hätten gestreikt.
Es gab Ausnahmezustand. Nicht mehr als drei Personen durften in der Öffentlichkeit zusammen stehen. Meine ältere Schwester war darüber entsetzt. Ich hoffte, daß meine Klavierstunde ausfallen würde aber mein Vater erklärte, daß ich ganz normal zur Klavierlehrerin fahren müsse.
Meine Mutter war krank. Sie wünschte sich Milch. Bei uns in Dierkow-Ost gab es keine Milch. In Dierkow-West auch nicht. Ich begriff, daß sie sehr krank war und wollte unbedingt Milch auftreiben. Ich fuhr mit dem Fahrrad durch ganz Rostock, an der Neptunweft vorbei, bis Reutershagen. Ich bekam Milch.
Zwei Wochen später ist meine Mutter gestorben. Bei allem Unglück war ich froh, daß ich mich so sehr um die Milch gekümmert hatte.
Viele Jahre später lernte ich Kurt kennen. Wir wurden beste Freunde. Er studierte zur Zeit des 17. Juni in Berlin-Karlshorst an der Hochschule für Ökonomie. Man darf sagen, er stand mitten im Geschehen. Ich begriff, wie tief ihn seine damaligen Erlebnisse geprägt haben. Er hat das vor einigen Jahren wunderbar, mit literarischem Anspruch, aufgeschrieben. Wann wird endlich ein Zipfel davon veröffentlicht?
Kurt wurde im Laufe der Jahre ein erfolgreicher ökonomischer Leiter in einer der großen Werften der DDR. Mitte der achtziger Jahre unterhielt ich mich einmal ausführlich mit seiner ältesten Tochter. Sie war damals etwa 17 Jahre. Ich fragte, was sie in der Schule über den 17. Juni gelernt habe. So gut wie nichts. Ich fragte, was ihr Vater ihr vom 17. Juni erzählt habe. So gut wie nichts.
Ich fand das ungeheuer merkwürdig und wollte unbedingt mit ihm darüber sprechen. Dazu ist es aber bis heute nicht gekommen. Zufall oder auch merkwürdig?
Nach ein paar Tagen hörte ich morgens meinen Vater zu meiner Mutter sagen, daß es keineswegs so ruhig sei, wie es scheine. Auch die Arbeiter der Neptunwerft hätten gestreikt.
Es gab Ausnahmezustand. Nicht mehr als drei Personen durften in der Öffentlichkeit zusammen stehen. Meine ältere Schwester war darüber entsetzt. Ich hoffte, daß meine Klavierstunde ausfallen würde aber mein Vater erklärte, daß ich ganz normal zur Klavierlehrerin fahren müsse.
Meine Mutter war krank. Sie wünschte sich Milch. Bei uns in Dierkow-Ost gab es keine Milch. In Dierkow-West auch nicht. Ich begriff, daß sie sehr krank war und wollte unbedingt Milch auftreiben. Ich fuhr mit dem Fahrrad durch ganz Rostock, an der Neptunweft vorbei, bis Reutershagen. Ich bekam Milch.
Zwei Wochen später ist meine Mutter gestorben. Bei allem Unglück war ich froh, daß ich mich so sehr um die Milch gekümmert hatte.
Viele Jahre später lernte ich Kurt kennen. Wir wurden beste Freunde. Er studierte zur Zeit des 17. Juni in Berlin-Karlshorst an der Hochschule für Ökonomie. Man darf sagen, er stand mitten im Geschehen. Ich begriff, wie tief ihn seine damaligen Erlebnisse geprägt haben. Er hat das vor einigen Jahren wunderbar, mit literarischem Anspruch, aufgeschrieben. Wann wird endlich ein Zipfel davon veröffentlicht?
Kurt wurde im Laufe der Jahre ein erfolgreicher ökonomischer Leiter in einer der großen Werften der DDR. Mitte der achtziger Jahre unterhielt ich mich einmal ausführlich mit seiner ältesten Tochter. Sie war damals etwa 17 Jahre. Ich fragte, was sie in der Schule über den 17. Juni gelernt habe. So gut wie nichts. Ich fragte, was ihr Vater ihr vom 17. Juni erzählt habe. So gut wie nichts.
Ich fand das ungeheuer merkwürdig und wollte unbedingt mit ihm darüber sprechen. Dazu ist es aber bis heute nicht gekommen. Zufall oder auch merkwürdig?
kranich05 - 2008/06/17 12:31