Tschewengur - “Wir lieben den Tod! Wir lieben ihn sehr!“

„In Liski bestieg er einen Zug, in dem Matrosen und Chinesen nach Zarizyn fuhren. Die Matrosen verzögerten die Abfahrt, um noch den Kommandanten des Versorgungsstützpunktes für die dünne Suppe zu verprügeln, und danach setzte sich der Transportzug ruhig in Bewegung. Die Chinesen aßen die Fischsuppe auf, die die russischen Matrosen verschmäht hatten, sammelten dann mit Brot das nahrhafte Naß von den Wänden der Suppeneimer und antworteten den Matrosen auf die Frage nach dem Tod:“Wir lieben den Tod! Wir lieben ihn sehr!“ Dann legten sich die Chinesen gesättigt schlafen. In der Nacht schob der Matrose Konzow, der vor Gedanken nicht schlafen konnte, den Gewehrlauf durch die Türöffnung und schoß auf die Lichter der Eisenbahnerwohnungen und auf die Signale; Konzow befürchtete, daß er umsonst Menschen verteidigen und für sie sterben würde, darum verschaffte er sich im voraus das Gefühl der Verpflichtung, für die zu kämpfen, die durch seine Hand zu Schaden gekommen waren.“
Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 88/89
Handfester Revolutionsalltag – eine Prügelei, der fettige Rand eines Suppengefäßes – und zugleich Russen und Chinesen in der Hyperrealität der fahrenden Raumzelle. Die „gelebte Metaphysik“ der Einen, das grübelnde, schwermütige, systematische, in Wahn umschlagende Denken des Anderen.
kranich05 - 2008/06/01 10:49
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