Erinnern

Im Amtsblatt, das allen Bürgern kostenlos zugestellt wird, hatte der Bürgermeister alle Einwohner eingeladen, an der Kranzniederlegung am 8. Mai auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof teilzunehmen.
In der Einladung hieß es: “Viele junge sowjetische Soldaten, die auch unsere Stadt Oranienburg von der braunen Pest befreiten, habe ihren Kampf für das Ende des Krieges mit dem Leben bezahlt und fanden auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof.... ihre letzte Ruhe.“
Ca. 30 Menschen waren gekommen. Etliche sprachen russisch.

Der Bürgermeister ließ sich vertreten.
Eine beauftragte Frau sprach Worte. Das häufigste Wort war „Gott“. Eine Bezeichnung, wie "Faschismus" oder "sowjetische Armee" oder "1945" kam in ihrer Rede nicht vor.
Ein Teilnehmer sagte leise zu seiner Frau: “Ich glaube, ich bin auf der falschen Veranstaltung.“
Ich war sprachlos, ein völlig sinnfreies Ritual zu erleben.
In der nächsten Woche bekomme ich den gesprochenen Text und werde ihn hier getreulich dokumentieren.
Die verwitterten Steine mit den vielen, vertraut klingenden Namen, erstaunlich viele weibliche darunter, schwiegen.
Sie schweigen, wenn wir in Not und Schande leben.
Sie schweigen, wenn wir uns mühen, mit Erich Mühsam zu sprechen, „uns der Not und Schande zu entringen“.

kranich05 - 2008/05/08 17:14