Erinnern

Im Amtsblatt, das allen Bürgern kostenlos zugestellt wird, hatte der Bürgermeister alle Einwohner eingeladen, an der Kranzniederlegung am 8. Mai auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof teilzunehmen.
In der Einladung hieß es: “Viele junge sowjetische Soldaten, die auch unsere Stadt Oranienburg von der braunen Pest befreiten, habe ihren Kampf für das Ende des Krieges mit dem Leben bezahlt und fanden auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof.... ihre letzte Ruhe.“
Ca. 30 Menschen waren gekommen. Etliche sprachen russisch.

Der Bürgermeister ließ sich vertreten.
Eine beauftragte Frau sprach Worte. Das häufigste Wort war „Gott“. Eine Bezeichnung, wie "Faschismus" oder "sowjetische Armee" oder "1945" kam in ihrer Rede nicht vor.
Ein Teilnehmer sagte leise zu seiner Frau: “Ich glaube, ich bin auf der falschen Veranstaltung.“
Ich war sprachlos, ein völlig sinnfreies Ritual zu erleben.
In der nächsten Woche bekomme ich den gesprochenen Text und werde ihn hier getreulich dokumentieren.
Die verwitterten Steine mit den vielen, vertraut klingenden Namen, erstaunlich viele weibliche darunter, schwiegen.
Sie schweigen, wenn wir in Not und Schande leben.
Sie schweigen, wenn wir uns mühen, mit Erich Mühsam zu sprechen, „uns der Not und Schande zu entringen“.

kranich05 - 2008/05/08 17:14
Oranienburg hat nicht nur diesen Soldatenfriedhof, sondern paar hundert Meter weiter die große Mahn- und Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen (mit mehreren Außenobjekten), innerhalb dieses KZ die besondere Abteilung/Gedenkstätte der Geldfälscherwerkstatt, weiterhin den Gedenkort des, neben Dachau, ersten Nazi-KZ überhaupt - KZ Oranienburg 1933/34, weiterhin die Verwaltungszentrale aller KZ des Nazireichs (in der heute das Finanzamt residiert, sich zugleich aber auch eine Gedenkstätte befindet), weiterhin drei Gedenkorte (Gräberstätten) für das von 1945 bis 1950 von der Sowjetunion betriebene Haftlager.
Schließlich hatte Oranienburg kriegswichtige chemische Industrie, war deshalb schwersten Bombeangriffen ausgesetzt, was bis auf den heutigen Tag regelmäßig zu großen Blindgänger-Entschärfungsaktionen führt, bei denen dann halbe Tage tausende Menschen evakuiert werden.
Das alles zusammen + alte DDR-Erinnerungstraditionen haben wohl (ohne den Anlaß eines besonderen runden Jahrestages) dazu geführt, eine solche öffentliche Ehrung zu veranstalten. Der Einladungstext, aus dem ich nur wenig zitiert habe, hatte eine überraschend klare antifaschistische Diktion.
Daß die Öffentlichkeit sich kaum beteiligen würde, habe ich erwartet.
Überrascht und ernüchtert hat mich, wie bodenlos der Veranstalter unter dem eigenen Anspruch blieb.
Unser Erinnern wie Nichterinnern (auch an die amerikanischen Befreier) gibt mir noch reichlich Stoff zum Nachdenken.