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Anka und ich - wachsende Freiheitsgrade

Opa hat 5 kg Übergewicht und ist auch sonst ziemlich eingerostet. Deshalb habe ich mir vorgenommen, wieder regelmäßig Waldläufe zu machen; was sich auch gut mit dem täglichen Ausführen von Anka verbinden läßt. Im Verlauf eines etwa einstündigen Hundespaziergangs lege ich drei Laufetappen von je fünf Minuten ein. Anka gefällt es, wenn ich renne. Mein normaler Spazierschritt bremst ihren Bewegungsdrang. Mit dem Fahrrad habe ich zwar das richtige Tempo, aber dabei geht es immer nur stur den Weg entlang.
Wenn ich laufe, ist sie fast immer vorneweg. Sie schaut sich ständig nach mir um, vielleicht etwas spöttisch: „Na, Du schnaufendes Walroß!“vielleicht auch besorgt: „Lege ich Dir auch nicht zu schnelles Tempo vor?“
Ich vergaß zu erwähnen, daß sie im Wald, wegen ihrer Jagdleidenschaft immer an der (langen) Leine ist. Frauchen erzählt (aus früheren Jahren) von Hetzjagden bis zu einer Stunde. Und wildernde Hunde, so heißt es, können einfach abgeschossen werden.

Heute trete ich gerade zu meiner zweiten Laufetappe an, als ein gemeiner Stich durch meine linke Wade zuckt. „Muskelfaserriß“ steht bei so was in der Sportmeldung. Gerissen war wohl nichts, aber es war eine sehr schmerzhafte Zerrung. Statt flottem Laufen mühsames Humpeln. Der Hund tat mir Leid, der so um sein Vergnügen gebracht war.

Wir gehen einen bekannten Weg durch ein rechteckiges Waldstück. Es ist reichlich einen Kilometer lang und so zwischen 300 m und 500 m breit. Plötzlich denke ich: „Warum Anka nicht mal frei lassen? Selbst wenn sie eine heiße Spur findet, wie weit wird sie jagen?“ Seitlich und vorn ist die Bäke als Grenze, an der anderen Seite der Dorfrand und hinter uns eine Schneise mit einem breiten Fahrweg. Den würde sie hoffentlich als Grenze akzeptieren. (Dahinter allerdings dehnt sich der Wald kilometerweit.) Und vor allem: Sie ist heute eine gesetzte Dame und nicht mehr übermütiger Springinsfeld.

Ich lasse sie frei. Sie ist ziemlich überrascht. Hält sich dicht bei mir. Dann trabt sie mal 20 m vor oder bleibt mal 20 m zurück. Höchst aufmerksam, geradezu sehnsüchtig, blickt sie vom Wegrand in den Wald. Aber sie geht, gleichsam an einer unsichtbaren Leine, kaum einen Schritt in den Wald hinein. Ich denke, mit einer Spur Bedauern: „Was bist Du doch für ein durchzivilisierter Hund!“ Wenn sie zurückbleibt, bleibe ich nicht stehen, sehe mich nicht um, ich beobachte sie nur aus den Augenwinkeln.

Ein, zwei Sekunden habe ich nicht geguckt. Anka ist verschwunden. Kein Geräusch, nichts zu sehen, weg. Ich traue meinen Sinnen nicht. Ich sehe mich gründlich um. Keine Spur. Jetzt rufe ich sie laut, einmal, zweimal. Da sehe ich sie weit im Wald, wohl fast hundert Meter entfernt, parallel zu mir längs sausen. In meiner Aufregung gelingt mir sogar halbwegs der Pfiff, auf den sie (fast) immer hört, den eigentlich nur Frauchen kann. Und Anka rast, fliegt, wie ein Wirbelwind zu mir zurück. Freude beiderseits, und für das prompte Kommen, und ich hatte ihr ja nicht verboten, sich ein Stück im Wald umzusehen (wenn mir dieses Stück nun doch etwas zu groß war), gab's ein schönes Leckerli.

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