Tschewengur - „Ach, ist mir öde – keiner ist bei mir!“

„Ein Rotarmist kauerte am Boden und sah in seine Leiste, von wo wie gekelterter dunkler Wein Blut herauskam; sein Gesicht wurde fahl, er versuchte mit der Hand von unten die Schenkel hochzudrücken, um aufzustehen, und bat mit verlangsamten Worten das Blut:
„Hör auf, du Luder, ich werde doch ganz schwach!“
Aber das Blut verdickte sich bis zur Wahrnehmung seines Geschmacks, und dann wurde es schwarz und hörte ganz auf; der Rotarmist legte sich auf den Rücken und sagte leise – mit einer Offenheit, die keine Antwort erwartete:
„Ach, ist mir öde – keiner ist bei mir!“
Dwanow trat dicht an den Rotarmisten heran, und der bat ihn bewußt:
„Schließ mir den Blick!“ Und er schaute, ohne zu blinzeln, mit austrocknenden Augen, kein Zucken in den Lidern.
„Was ist?“ fragte Dwanow, und Schamgefühl beunruhigte ihn.
„Es sticht....“, erklärte der Rotarmist und preßte die Zähne zusammen, um die Augen zu schließen. Aber die Augen schlossen sich nicht, sie verglühten und verblichen, verwandelten sich in trübes Mineral. In seinen gestorbenen Augen spiegelte sich deutlich der Wolkenhimmel, als wäre die Natur nach dem ihr entgegenwirkenden Leben in den Menschen zurückgekehrt und der Rotarmist, um sich nicht zu quälen, hätte sich ihr mit seinem Tod angepaßt.“
Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 86
kranich05 - 2008/04/12 11:05
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