Tschewengur - „...um am Morgen hinauszugehen und in der Steppenluft zu verschwinden.“

„Im Wartesaal war es leer und trostlos. Verlassenheit, Vergessen und lange Schwermut empfingen ihn in diesem gefährlichen Haus des Bürgerkrieges. Der unbekannte einsame Mensch, der mit dem Kommissar gesprochen hatte, legte sich in der Ecke auf eine heil gebliebene Bank und deckte sich mit seiner dürftigen Kleidung zu. Wer er war und wie es ihn hierher verschlagen hatte, interessierte Dwanow sehr und von Herzen.Wie oft war er - vorher und danach – solchen außenstehenden unbekannten Menschen begegnet, die nach ihren einsamen Gesetzen lebten, aber nie hatte es ihn innerlich getrieben, zu ihnen zu gehen und sie zu fragen oder sich ihnen anzuschließen und gemeinsam aus der Lebensordnung auszubrechen.
Vielleicht wäre es für Dwanow besser gewesen, wenn er zu dem Menschen im Schkarinoer Bahnhof gegangen wäre und sich zu ihm gelegt hätte, um am Morgen hinauszugehen und in der Steppenluft zu verschwinden.“
Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 80
Dwanow, der Revolutionär, der - nach landläufiger Meinung - Kollektivist, sieht den Einzelgänger, den Menschen, der nach seinen "einsamen Gesetzen" lebt, und dessen Schicksal es zu sein scheint, "in der Steppenluft zu verschwinden."
An welcheer Vielfalt widerstreitender Regungen im Herzen des Revolutionärs läßt Platonow den Leser teilhaben!
kranich05 - 2008/03/22 00:51