"Kali" von Peter Handke
Als ich in meiner Bibliothek „Kali Eine Vorwintergeschichte“ von Peter Handke auslieh, wiederholte sich, was ich vor einem halben Jahr beim „Das Echolot“ von Walter Kempowski erfahren hatte. Die Bibliothekarin sagte: „Endlich leiht das mal jemand aus. Das liest sonst nie jemand.“ Im Unterschied zu damals machte sie aber deutlich, daß sie selbst dem Schreiben von Handke gar nichts abgewinnen könne.
Ich hatte natürlich Handkes „Serbien-Kontroverse“ mitbekommen, kannte sonst aber von ihm keine Zeile - ostdeutsche kulturelle Sozialisierung, die sich eben sooft als Mangel, wie als „Gnade“ erweist.
Nun ist diese Geschichte für mich zu einem schönen und bedeutsamen Leseerlebnis geworden.
Mir liegt dieser Stil, in dem ich die Sorgfalt feindifferenzierten Beschreibens finde, natürlich ohne alle Schwerfälligkeit, vielmehr beflügelt von Bildern, Träumen und Luftgeistern. Und zugleich ohne Verblasenheit, sondern fest auf der Erde stehend, sich an ihren Krusten reibend, in ihren Tiefen schürfend.
Überdeutlich, wohl auch in einzelnen Motiven, noch mehr aber in der Gesamtanlage und -aussage des Textes, ist der Bezug zur indischen Todes- und erst recht Erneuerungsgöttin Kali, die Ende Oktober/Anfang November, im Vorwinter, ihren höchsten Feiertag hat.
Kein bewußter Bezug auf eine andere große Geschichte, wohl eher eine zufällige aber darum umso berührendere Parallele, ist das Motiv der Sorge um das Kind, das alle Hoffnung der Niedergedrückten, Schuftenden, Sprachlosen trägt. Ich spreche von Platonows großem Roman „Die Baugrube“.
Welch ein Visionär dieser Peter Handke, dem aus einem tiefen Ein- und Ausatmen „eine Art Weg“ entsteht, der einen märchenhaft großen Maulwurfshügel entdeckt, „an dem ein ein Erdbrocken von selber ins Rollen kam“. Er sieht wirklich eine Schnecke, einen auffliegenden Schmetterling und nicht die „Blumen im Winter“ aus der „Winterreise“.
Er bezeugt,
„wie überhaupt nicht wenig Seltsames vor sich ging: Ein junges Paar begegnete ihr, mitten auf der Heide, Hand in Hand, einfach so, ohne Rucksack, ohne Hund, unter dem Himmel, und man grüßte einander, wovon ein Augenblick gemeinsamer Freude blieb, und entfernte sich unter dem Himmel. Ebenso dann ein altes Paar, und diese Paare hatten nichts im Sinn, als sich miteinander zu ergehen.“
Ich hatte natürlich Handkes „Serbien-Kontroverse“ mitbekommen, kannte sonst aber von ihm keine Zeile - ostdeutsche kulturelle Sozialisierung, die sich eben sooft als Mangel, wie als „Gnade“ erweist.
Nun ist diese Geschichte für mich zu einem schönen und bedeutsamen Leseerlebnis geworden.
Mir liegt dieser Stil, in dem ich die Sorgfalt feindifferenzierten Beschreibens finde, natürlich ohne alle Schwerfälligkeit, vielmehr beflügelt von Bildern, Träumen und Luftgeistern. Und zugleich ohne Verblasenheit, sondern fest auf der Erde stehend, sich an ihren Krusten reibend, in ihren Tiefen schürfend.
Überdeutlich, wohl auch in einzelnen Motiven, noch mehr aber in der Gesamtanlage und -aussage des Textes, ist der Bezug zur indischen Todes- und erst recht Erneuerungsgöttin Kali, die Ende Oktober/Anfang November, im Vorwinter, ihren höchsten Feiertag hat.
Kein bewußter Bezug auf eine andere große Geschichte, wohl eher eine zufällige aber darum umso berührendere Parallele, ist das Motiv der Sorge um das Kind, das alle Hoffnung der Niedergedrückten, Schuftenden, Sprachlosen trägt. Ich spreche von Platonows großem Roman „Die Baugrube“.
Welch ein Visionär dieser Peter Handke, dem aus einem tiefen Ein- und Ausatmen „eine Art Weg“ entsteht, der einen märchenhaft großen Maulwurfshügel entdeckt, „an dem ein ein Erdbrocken von selber ins Rollen kam“. Er sieht wirklich eine Schnecke, einen auffliegenden Schmetterling und nicht die „Blumen im Winter“ aus der „Winterreise“.
Er bezeugt,
„wie überhaupt nicht wenig Seltsames vor sich ging: Ein junges Paar begegnete ihr, mitten auf der Heide, Hand in Hand, einfach so, ohne Rucksack, ohne Hund, unter dem Himmel, und man grüßte einander, wovon ein Augenblick gemeinsamer Freude blieb, und entfernte sich unter dem Himmel. Ebenso dann ein altes Paar, und diese Paare hatten nichts im Sinn, als sich miteinander zu ergehen.“
kranich05 - 2008/02/26 22:45
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