Tschewengur - „...müssen denn alle leben oder nicht?“

„In solch zerfahrenem Leben vergingen die Jahre. Manchmal, wenn Sachar Pawlowitsch von seiner Pritsche den lesenden Sascha beobachtete, fragte er:
„Sascha kommst du nicht durcheinander?“
„Nein“, sagte Sascha, an die Eigenheiten seines Pflegevaters gewöhnt.
„Was meinst du“, führte Sachar Pawlowitsch seine Zweifel weiter, „müssen denn alle leben oder nicht?“
„Alle“, antwortete Sascha, der die Schwermut des Vaters ein wenig verstand.
„Aber hast du irgendwo gelesen, weshalb?“
Sascha löste sich vom Buch.
„Ich habe gelesen, das Leben wird mit der Zeit immer besser.“
„Aha!“ sagte Sachar Pawlowitsch vertrauensvoll. „So steht es geschrieben?“
„So steht es geschrieben.“
Sachar Pawlowitsch holte tief Luft.
„Kann ja sein. Nicht jedem ist Wissen gegeben.“
Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 58
kranich05 - 2007/10/23 11:21
Trackback URL:
http://opablog.twoday.net/stories/4374762/modTrackback