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Kempowskis „Echolot“ (10) - Michel gottbefohlen

„Echolot“ ist keine Dokumentation. Das habe ich bereits in Folge 5 und 8 dieser Betrachtungen festgestellt, und Gregor Keuschnig hat es ein weiteres Mal unterstrichen.
Freilich hat diese Monumentalcollage ein besonderes Verhältnis zu einer Dokumentation. Weil eine enorme Zahl verschiedenster Dokumente verwendet wird, drängt sich dem Leser der Eindruck umfassenden Dokumentierens auf - ein Eindruck, den der Klappentext des Verlags, die Klappertexte mancher Rezensenten, vertiefen.
Und der Verfasser, eigentlich müßte man sagen Arrangeur, enthält sich jedes eigenen Worts. er läßt ausschließlich Dokumente bzw. aus Dokumenten sprechen.
Wie kann daraus ein Kunstwerk entstehen?
Es entsteht.
Und so lautet die Frage nicht, ob die „richtigen Dokumente“ ausgewählt wurden, ob alle Gruppen der Zeitzeugen „angemessen“, repräsentativ (Was ist das?) zu Wort kamen, ob die Ereignisse wahrheitsgemäß abgebildet wurden.
Fragen sind vielmehr, welche Erzählung uns Kempowski fabuliert, welches Chorwerk er (um im vielbenutzten Bild zu bleiben) einstudiert hat oder auch (im Vorfeld), wie er sein Echolot geeicht hatte.

„Echolot“ ist das Volksbuch vom Deutschen Krieger, einem Mischwesen aus Siegfried und Hagen von Tronje, in der Massengesellschaft, in voratomarer Zeit - mit einer schicksalsgeprüften aber, versteht sich, treuen stolzen Hilde im Hintergrund. Dem fahrenden Sänger auf den Märkten der Jahrhunderte gleich, erzählt Kempowski in tausend Bildern, mit unzähligen Umschreibungen und Verzierungen, sein Mäandertal wieder und wieder durchmessend, vom eisernen deutschen Schicksalsstrom.
Wenn wir nichts mehr wissen - „Echolot“ könnte uns „der Wunder vil“ aus alter Zeit sagen.
In dieser echten Saga haben Gott (oder die Götter) ihren Logenplatz, während sich auf der Szene die Buben verstricken; schlichte, bildungsgesättigte, skrupellose, ehrbare, strohdumme, sentimentale usw. usw. aber, fast ohne Ausnahme, kreuzbrave Buben. Daß ich’s nicht vergesse: Auch einige Außenseiter sitzen auf den Bäumen und zwitschern - gerne Banalitäten.

„Echolot“ erzählt von dem unendlich vielen Blut, mit dem die Vielen fremde Rechnungen bezahlen.
Die Rechnung erst einmal zu prüfen - dieser Gedanke findet sich auf 1000 Seiten nicht.
Und die Stimmen derer, die von Anfang an und unerbittlich geprüft haben - die gibt es auf 10 000 Seiten nicht.
Und erst die Handschrift derer, die die Rechnungen ausstellen (nicht, die sie präsentieren), die existiert schon gar nicht in diesem Kunstwerk.
Es fehlen noch Andere. Ich nenne noch die Knochenbrecher, die in Aktion treten, wenn Du die Rechnung nicht frißt.

Bei so viel Text, so viel Text auszublenden, das muß ich großes Kunsthandwerk nennen.

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