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Kempowskis „Echolot“ (3) - Unmittelbarkeit

Kempowskis „Echolot“ macht mit mir etwas (Zutreffender sollte ich sagen: „Mit seiner Hilfe mache ich etwas,....“), was ich in sechs Jahrzehnten meiner mehr oder weniger systematischer Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus nicht erlebt habe.
Es führt mich in die Lebenswirklichkeit des deutschen Volkes während der Kriegszeit des Dritten Reichs.
Diese Hinführung ist äußerst komplex. Die Spannweite des dokumentierten Materials ist enorm. Allumfassend oder gar vollständig ist sie nicht. Es gibt wesentliche Aspekte, die fehlen oder unterrepräsentiert sind. Ich bin nicht schlechthin von einer Totalität überwältigt; wohl aber von einer überreichen Unmittelbarkeit.
Ich tauche ein in den Strudel dieses Volkslebens, werde von tausend Wassern ergriffen, spüre Strömungen und Riffe und Gischt. Ich wehre mich gegen die Atemlosigkeit, gewahre den Schlamm der Tiefen, Dunkelheit, dann wieder durchsichtige, im Licht sprühende Tropfen, Regenbogenfarben, auch seichte, faulig warme Stellen an Ufern. Ich greife hinein, bin selbst Teil des allseitigen Quellens. Ich bin durchnäßt und halte nichts in meinen Händen.
„Echolot“ baut die Brücke zur (gedanklichen) unmittelbaren Wiederaneignung einer einzigartigen Geschichtsepoche. Ich kenne keine bessere Brücke als diese.
Damit leistet „Echolot“ etwas (mit der erwähnten Einschränkung), das jeder wahrhaften gedanklichen Durchdringung vorausgehen muß. Bis jetzt hat unsere Reflexion des Geschehenen nicht die Tiefe erreicht, die eine Wiederholung (und sei dies nur eine geistige) ausschließt. Diese Aufgabe bleibt, und doch droht der scharfe Gegenwind der Geschichte, uns von ihr abzudrängen. Der naturgeschichtliche Prozeß will uns den Zugang verschütten.
Wie aber soll jemals das notwendige Tiefste gedacht werden, wenn das Lebendige fehlt?
Hier, in der dauerhaften Kontitution des Lebendigen als Ausgangspunkt, Durchgangspunkt alles weiteren, sehe ich den Platz dieses einzigartigen Kunstwerks.

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