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Kempowskis "Echolot" (1)

Zum letzten Band „Abgesang ‘45“ von Kempowskis „Echolot“, seiner tagebuchartigen Collage einiger Wochen des Hitlerfaschismus, heißt es:
„Dieses Buch ersetzt eine ganze Bibliothek zum Thema Kriegsende“ (Frank Schirrmacher).
„Ein einzigartiges, ein gigantomanisches Werk ist daraus entstanden und jetzt zum Abschluß gekommen. Es ist ein Wunder.“ (Der Spiegel)
„Eines der größten Leseabenteuer unserer Zeit“ (Denis Scheck).

Wen die Systemmedien derart anpreisen, braucht sich nicht zu wundern, daß so mancher gutwillig Interessierte zunächst abgeschreckt ist.
Meine freundliche Bibliothekarin in Oranienburgs kleiner Stadtbibliothek ist jedenfalls hell begeistert als endlich einmal jemand das „Echolot“ ausleiht. Niemand lese das (Sie selbst ist bisher auch nicht dazu gekommen.), und die vier Bände Januar/Februar 1943 haben doch 300 Euro ihrer knappen Mittel gekostet.

Möglich, daß eine Zeit größerer Kempowski-Rezeption vor uns liegt.
Im Grunde versteht er sich als Autor eines freien, unbelasteten Deutschseins, eines mächtigeren Deutschland, eines differenzierten menschlichen Verständnisses, das z. B. auch die guten Absichten Hitlers zu würdigen weiß.
(http://www.fr-online.de/top_news/?sid=fd1a58b59e5cde7ce4be0f1ad84fff8f&em_cnt=1185119)
Einen solchen Schriftsteller, nicht Denker, der ein großes aber zugleich ausreichend subtiles Werk geschaffen hat, sollte die Schritt für Schritt erstarkende (und schon heute weltweit kämpfende) Berliner Republik gering schätzen? Da seien der Bundespräsident und die Multiplikatoren davor.
http://www.bundespraesident.de/Anlage/original_638687/Grusswort-anlaesslich-der-Eroeffnung-der-Ausstellung-Kempowkis-Lebenslaeufe.pdf

Mir fällt auf, daß viele Lobpreisungen die schiere Größe der Kempowskischen Tagebuchcollage feiern. Ob hier Größe, quantitaive Ausdehnung, als künstlerischer Wert funktioniert? Etwa im Sinne der Neuerschaffung eines ganzen bestimmten SEINS? Und dies neuerschaffte Sein notwendig in Form der Collage, nämlich eines Zerbrochenen?
Bevor ich Antworten auf diese Fragen suche, stolpere ich über Kempowskische Buchtitel:
„Fuga furiosa“, „Abgesang“. Es geht um die bitterste Zeit des Millionensterbens im Winter und Frühjahr 1945.
Anleihen aus dem Musikvokabular als bildungselitärer Kitsch? Oder Anderes und mehr?

Bald nach Beginn meiner Lektüre des „Echolot“ habe ich mir solche Fragen gestellt. Und ich werde mich weiter mühen, Fragen zu erarbeiten und meine Antworten zu finden.
Die Chronistenpflicht aber läßt mich ausdrücklich bekennen, daß am Anfang eine Lektüre steht, die ihren Sog entfaltet, die bald leidenschaftlich wird und mich zeitweilig im „Strom namens Fakt“ (Majakowski) überwältigt hat.

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