18.6. Zeiten und Bauten

Die mächtigen Dome, die ich während meiner Reise gesehen habe, nur Brandenburg/Havel, Merseburg, Naumburg seien genannt, sind alle zwischen 800 und 1000 Jahre alt. Welche Macht- und Gestaltungswille nahm plötzlich Bau-Gestalt an, nach vorhergehenden Jahrhunderten namenloser "Waldursprünglichkeit"?

Und nicht nur Wille, welch Vermögen war akkumuliert, daß plötzlich solche Bauten vollbracht werden konnten? Historiker könnten Antworten geben.
Nicht zu vergessen: Es hatte die Zeit der Kreuzzüge begonnen. Welche Kraft trieb plötzlich die christliche Kirche, die ganze unendliche Welt Gottes in Besitz nehmen zu wollen?

Die gewaltigen Bauten, errichtet buchstäblich neben Sümpfen oder Adlerhorsten, verblüffen noch heute. Die Zeiten müssen zum Bersten intensiv gewesen sein. Ihr innerer Mechanismus bleibt mir rätselhaft, ihre Wahrheit verborgen.
Vielleicht ist es kein Zufall, daß zu jener Zeit die absolute Stilisierung durchbrochen wird und in der Literatur (Minnegesang, Nibelungenlied), in der Plastik (Naumburger Meister) einige Meister erstmals (nur vorübergehend und selbst noch anonym bleibend) ihren persönlichen Kunstausdruck finden?
Andere Zeiten haben nicht weniger selbstbewußt, nicht weniger nachhaltig ihren "Baustempel" in die Landschaft gesetzt.

Hier sieht man z. B. das Schloß Weißenfels, gewiß keine berückende Schönheit aber doch ein mächtiges und würdiges Bauwerk, das die Wirklichkeit und den Geist fürstlicher Größe zu repräsentieren wußte.
Oder die Wilhelminische Zeit mit ihrer noch pickelhaubigen aber schon gasgefährlichen Aufgeblasenheit. Man denke an das Völkerschlachtdenkmal oder den Berliner Dom. Von den Nazis zu schweigen.
Unsere Jetztzeit, obwohl sie doch unendlich viel baut, erscheint mir geizig beim Errichten großer Bauwerke der Besinnung. Meistens sind Bauwerke heute auf die Erfüllung präzis definierter Zwecke ausgerichtet. Die erfüllen sie (im besten Falle) konsequent, mehr nicht.
Bauwerke, die auch deshalb die Jahrhunderte überdauern, weil sie den Menschen "zu sich bringen", sind kaum im Programm. Werden sie nicht gebraucht? Oder sind sie einfach nicht möglich?
Oder können die neuen Zweckzwitter "Reisen+Kaufen", wie etwa die neuen/erneuertern Hauptbahnhöfe von Berlin oder Leipzig oder "Promenieren+Kaufen" als die Tempel gelten?

Auch die abgeschaffte DDR hat überwiegend Zweckbauten errichtet.
Allerdings baute man in den frühen fünfziger Jahren zahlreiche Kulturhäuser, die sozusagen vom Grundstein an mit der stalinistischen Patina des befreiten, glücklich Menschen versehen wurden. Meist sind sie heute in einem beklagenswerten Zustand, wie dieses Bild von der Ruine des Kulturhauses Zinnowitz verdeutlichet.


Doch es gibt einige Bauten der an so Vielem Mangel leidenden DDR, die sowohl einen groß gemeinten humanistischen Anspruch an die Menschen verkörpern bzw. verkörperten, als auch dem Individuum den Raum einräumen bzw. einräumten, sich persönlich und frei zu diesem Anspruch in Beziehung zu setzen.
Mir scheint, das kann man von der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald sagen.
Ich glaube, daß das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen ein solches Bau-und Kunstwerk ist.
Und auch der Berliner Palast der Republik scheint/schien mir in wesentlichen Teilen ein gelungenes, unwiederholbares Beispiel dieser Art zu sein. Wenn das zutrifft, dürfte sein Abbruch als starker Beweis für politisch motivierten Bauvandalismus in die Geschichte eingehen.
kranich05 - 2007/06/25 18:40
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