Das Leben der Anderen... ein Briefentwurf
„Ich danke Arnold Schwarzenegger für die Lektion, dass ich die Worte ,Ich kann nicht’ aus meinem Vokabular streichen sollte.“
(FGHvD in seinen Dankesworten für den Oscar.)

Liebe...,
ziemlich viel im Kopf herum geht mir "Das Leben der Anderen". Dies Filmerlebnis ist ein Stachel. Letzten Endes finde ich den Film ziemlich schlimm. Er ist ein besonders schöner Stein im Mosaik "Delegitimierung der DDR". Ich bin mir aber im Klaren darüber, daß es nicht möglich ist, ihn einfach abzutun.
Im Unterschied zu manch anderen, wie z. B. dem Film über die NVA, den wir gemeinsam mit M. gesehen haben (Wie war noch gleich sein Titel?) oder selbst dem hochgelobten "Goodby Lenin", die sich mehr oder weniger selbst erledigten, ist "Das Leben..." eine erstaunlich gelungene Verschmelzung von Wahrheiten, Fälschungen und Schein. Er verlangt also differenzierte Auseinandersetzung. Ich versuche mich da ranzutasten:
Auffällig ist ein vordergründig, dabei aber zugleich diszipliniert, also nicht aufdringlich, auf Emotion zielender Einsatz der künstlerischen Mittel. Das beginnt sofort mit der Titelmelodie, wird während des ganzen Films von der Musik getragen, ist aber auch ständig präsent in der Ruhe der Kamera- und der Folgerichtigkeit der Schnittführung, bis hin zu der oftmals warmen Farbigkeit der ganzen Szenerie oder auch ihrer oft geradezu beklemmend dicht konstruierten Sachlíchkeit.
Auf dieser "emotionalen Grundierung" spielen Klischees, Bilder, die exakt das bestätigen bzw. abrufen, was Jeder (aus den Medien) "genau kennt", eine enorme Rolle (die Gesichter der Funktionäre, der Stasi-Mannen, der Bürgerrechtler). Nur selten wird in der Benutzung solcher ideologisch-bildhaften Klischees mal allzu dick aufgetragen (wie z. B. die Nachbarin, die am Schlüsselloch "erwischt" wurde. Sie verhält sich, als wäre sie gerade an zwei Jahren Bautzen vorbeigeschrammt.)
Aber wer sagt "allzu dick aufgetragen"? Jeder Bundesdeutsche hat im Hinterkopf "die zwei deutschen Diktaturen", und er weiß, daß man für nichts oder fast nichts ins KZ kommen konnte..., folglich in "der zweiten Diktatur" genauso leicht nach Bautzen.
Man könnte es auch drastischer (aber auch allzu undifferenziert) ausdrücken:
Die antikommunistisch-ideologischen Fiktionen über die DDR, die in 40 Jahren ihrer Existenz und in 16 Jahren seit dem Ende ihrer Existenz produziert wurden, sind die zugleich beinhart und subtil gesetzten Ausgangspunkt des Films.
Das alles ist, glaube ich, handwerklich ausgezeichnet gemacht. Vieles lebt von der Glaubwürdigkeit des Wiesler-Mühe-Gesichts.
So konditioniert, nimmt der Betrachter Brüche, Schwachstellen der Geschichte kaum wahr:
Wiesler, der eben noch als Stasi-Hardliner (sozusagen aus freien Stücken) die Beobachtung des systemtreuen Dramatikers für nichts und wieder nichts empfiehlt, ist nur Tage später innerer Emigrant. Welche Motivation reicht uns der Regisseur für diese Wandlung? Der Minister hat dem Schriftsteller die Freundin ausgespannt - ich finde, etwas dürftig.
Der Zuschauer schluckt diese Erklärung, weil er die Fiesigkeit des Ministers und die Qual des Opfers mit ansehen durfte. Aber Hauptmann Wiesler?
Eine zweite, noch eklatantere Bruchstelle: Wiesler deckt aus heiterem Himmel eine geplante Menschenschleusung aus des Dramatikers Wohnung, die er im Rahmen seiner Überwachungstätigkeit mitkriegt. Inzwischen fiebern wir so mit unserem Helden bei seiner Lösung von der Stasi mit, daß der Regisseur sich jede Motivierung dieses mit DDR- und Stasi-Maßstäben ungeheuerlichen Schrittes sparen kann.
Der Film hat viele andere Unwirklichkeiten. Anders als die genannten Verletzungen der Psycho-Logik der Figuren, handelt es sich bei ihnen mehr um Verzerrungen der DDR-Wirklichkeit.
Auf diese Wirklichkeit kann es zweifellos verschiedene Sichtweisen geben.
Die Grundkonstellation - Mächtiger nutzt seine Macht erpresserisch zu seinem Vorteil - hat es natürlich gegeben (gibt es überall und immer). Hat der Regisseur diese Grundkonstellation bedient, um Abneigung und Empörung gegen die DDR zu schüren ("Delegitimierung", wie es einst Kinkel von der Bundersjustiz verlangte) oder hat er eine konkrete soziale und historische Situation gestaltet und dem Betrachter menschlich erschlossen?
Ich zweifle an Letzterem. Nicht nur, daß kein Minister zum Zweck seiner sexuellen Befriedigung mal schnell eine Stasi-Verfolgung installieren konnte, dies ganze Verfahren war auch völlig unnötig und sogar eher hinderlich, um das angestrebte Ziel bequem und ohne unnötiges Aufsehen zu erreichen.
Der Minister brauchte das ausgedachte Szenarium zur Regelung seines Sexuallebens nicht, der Filmemacher, um einmal mehr die DDR zu besiegen, sehr wohl.
Graf Henkel von Donnersmark ist ja wohl Wessi reinsten Geblüts. Es wäre interessant, darüber nachzudenken, wie aus solcher Perspektive eine tatsächliche Entdeckung des "Lebens der Anderen" aussehen könnte.
Hier, liebe...., mach ich erstmal Pause meiner Betrachtung.
Das soll aber keineswegs schon der Schluß sein.
kranich05 - 2007/04/27 10:30
Man könnte den Film auch ganz anders lesen
Die beiden Brüche im Film sind für mich auch nicht wirklich erklärlich bzw. glaube ich nicht, dass der Film sie wirklich erklärt hat.
Die Geschichte mit dem Minister und seiner sexuellen Begier war wirklich in keiner Weise nötig für den Film, auch dann nicht, wenn er die DDR in den Dreck ziehen wollte. Diese Geschichte kam zu dick aufgetragen und zu individuell daher (fette, geile Säcke, die so was für sich nutzen gibt es sicher immer und überall) und wurde außerdem gebrochen durch die ambivalente und durchaus zwielichtig dargestellte Hauptdarstellerin (sie war karrieregeil, wirkte gegen den Dichter ziemlich oberflächlich, sie war es im Übrigen, die den ersten Kontakt zu dem Spiegelmenschen vermittelt hat und damit das ganze ins Rollen brachte....).
Und dennoch ist etwas mit dem Film! Dass der Regisseur ein adliger Wessi ist, ist mir eher für ihn selber peinlich. Ich würde mir in diesem Fall ja einen Künstlernamen zulegen. Aber es tut der Tatsache keinen Abbruch, dass er einen filmisch und zum Teil finde ich auch psychologisch guten Film gemacht hat. Und ich halte die Tatsache, dass der Film einen so berührt nicht für die Folge billiger Tricks oder eines, wie du sagst, vordergründigen Einsatzes künstlerischer Mittel.
Ich könnte den Film auch ganz anders lesen. Sicher träfe ich damit auch nicht die volle Wahrheit:
Z. B. :
Es ist die Geschichte eines Menschen, der nicht teil hat, dessen Leben sich im Spionieren und Beobachten anderer erschöpft und der von der Wirklichkeit eines anderen Lebens so fasziniert und eingenommen wird, dass er fast in dessen Identität hineinzuschlüpfen bereit ist. Er erkennt, dass sein Leben nur Ersatz ist (Nuttenszene) und beginnt, am Leben der anderen so sehr teilzuhaben, dass er außerstande ist, seine Distanz beizubehalten und außerstande, und ihnen zu schaden.
Oder so bzw. das noch zur ersten Interpretationsweise dazu:
Jemand glaubt an die Notwendigkeit, den Sozialismus mit allen Mittenl, auch mit Macht und Gewalt verteidigen zu müssen. Für dieses Ziel wird er zu einer menschlichen Kontrollmaschine. Es erschüttert ihn, als er merkt, dass seine moralisch motivierte Härte von anderen missbraucht wird für ihre kleinen Machtspielchen (Witzszene), ihre eigenen Interessen (Sexminister). Dafür hat er sich eigentlich nicht diese Überwachungspersönlichkeit angetan. (Oder wirkte er wie einer, der das gerne tat? Er wirkte penibel, besessen, pflichtbewusst. Aber empfand er bei seiner Spionage Lust?)
Bei seiner Observation ist er konfrontiert mit einem Menschen, der mit einer fast merkwürdigen Arglosigkeit genau das Gegenteil lebt: Glauben an den, die andere(n), Versuch zu reden, versuch, sie zu überzeugen. Der Dichter wird ja als jemand dargestellt, der sehr wohl in einem sozialistischen Lande leben will. Die Arglosigkeit, die der Mann gegenüber seiner eher problematischen, vor allem menschlich problematischen Freundin hat entspricht genau seiner Haltung gegenüber dem sozialistischen System. Die Beobachtung dieser Arglosigkeit könnte den Spion schockiert haben. Immerhin ist sein Klingelakt, als sie vom Minister nach Hause gebracht wird, sein erster aktiver Eingriff: "Zeit für unbequeme Wahrheiten". Seine unbequemen Wahrheiten hat er da vielleicht auch schon geschluckt....
Du sagst, der Film sei vor allem eine Diffamierung der DDR.
Wodurch kann er diffamieren?
- Die stur, mechanisch tätigen Stasi-Leute, die ins Haus kamen? Das erinnerte schon etwas an Faschismusdarstellungen. Hier schien es nur, dass niemand, auch die Stasileute selber, keinen Spaß am Quälen hatten. Das machte sie allerdings nicht sympathischer. Aber sieht da nicht jeder das Klischee?
- Die Darstellung von Korruption und Machtmissbrauch? So was kennt der Bürger doch wohl auch aus seinem Alltag hierzulande.
Was wirklich weh tat und mich maßlos traurig gestimmt hat:
Zusehen zu müssen, wie Menschen es fertig bringen, anderen Menschen systematisch und in kleinen Schritten das Rückgrad zu brechen, ihnen ihre Würde, ihre Wertzusammenhänge zu nehmen, ihre Beziehungen zu zerstören - das alles, in dem sie Macht haben und diese nutzen. Die Anfangsszene war für mich die schlimmste.
Das Androhen, dass der Studienplatz der Tochter weggenommen wird (vielleicht fände die Mutter 2 Jahre Bautzen nicht so schlimm?), die Drohung von Arbeitsplatzverlust und Heimunterbringung der Kinder, das Berufsverbot, all das sind Machtgebaren, die viel wirkungsvoller und brutaler sind, weil sie eben nicht im eigenen Interesse eines Machtmissbrauchers lagen sondern einfach nur Macht demonstrierten und Menschen dazu zwangen, sich und andere zu verraten (so wie der Typ in der Anfangsszene). Und dies - und nicht "Mächtiger nutzt seine Macht erpresserisch zu seinem Vorteil“ - ist m. E. die Grundkonstellation des Films....
Natürlich kann einem einiges davon auch im real existierenden Kapitalismus blühen, aber hier ist die Gewalt nicht so personalisiert. Und strukturelle Gewalt wird von Menschen als persönlich nicht so verletzend erfahren, denke ich. Außerdem gibt es hier wohl nicht so ein praktiziertes Machtmonopol: niemand wird mir gleichzeitig all diese Sachen antun können (Wobei ich mir durchaus darüber im Klaren bin, dass der Kapitalismus ohne weiteres so etwas auch hinkriegt und nicht zögern wird,, wenn er es braucht.)
Aber das alles macht die dargestellte Gewalt ja nicht besser.
Das alles sieht der Zuschauer, zumindest dein angefragter Wessi, und ist verständlicherweise verletzt und tief berührt. Und so ging es mir auch. Dass Menschen so sein können! Dass ein sozialistisches System so was für nötig gehalten hat, diskreditiert dieses System auf der Ganzen Linie! So denkt natürlich jeder Zuschauer.
Es bliebe die Frage, wie der Film auf den Normal-Ossi wirkt, also einen, der nicht Sozialist war, nicht wirklich. Hat es diese Angst etwa nicht gegeben, diesen kleinen, auftrumpfenden Gebrauch von Macht, der schon beinah ein Missbrauch ist? Mein Eindruck ist es gewesen, als ich hier her kam und mit vielen Leuten Kontakte hatte, dass da eine Bedrohung im Raum stand, gegen die man sich nicht wehren konnte und die sich völlig verselbständigt hatte. Vielleicht war sie nicht so allgegenwärtig, wie man es uns Wessis erzählt hat, aber dass täte der Sache keinen Abbruch. Zum Vorsichtigsein und seine wirkliche Meinung in der Öffentlichkeit hinterm Berg Halten hat es allemale gereicht...
Und was sagen Wessis, die selber Sozialisten waren? Die wissen, um welche menschlichen, politischen, geschichtlichen Werte es ging beim Schutz des Sozialismus gegen - nicht gegen die Menschen - sondern gegen die Kräfte der Welt, die sich zu Recht durch den Sozialismus um alles bedroht sahen: ihren Reichtum, ihre Macht, ihre Bedeutung, ihre Herrschaft...
Solche Wessis fragen sich, wieso sich dieser Schutzgedanke so pervertiert hat, so engherzig, kleinkariert und borniert werden konnte. Ein Sozialismus, der sich der Mittel seiner Feinde, der Unmenschlichkeit seiner Gegner und der Engstirnigkeit derer bedient, die einen Grund haben, engstirnig zu bleiben, hat genau an der Stelle, wo er damit beginnt, alles verloren. Wenn ich Menschen zwinge, andere zu verraten, die ihnen ihr Vertrauen geschenkt haben. Wenn ich Menschen zwinge, zu schweigen, wenn sie über Unrecht empört sind. Wenn ich Menschen gegeneinander aufhetze, dann kann das nicht zu einer Art von Soziabilität führen, in der Menschen wachsen können und so was wie Brüderlichkeit und Toleranz, Ermutigung und Vertrauen praktizieren. Natürlich ist das nicht das direkte, unmittelbare wohl aber das grundsätzliche Ziel des Sozialismus gewesen. Aber ich glaube, es darf auf dem Weg zum fernen Ziel nicht Phasen geben, wo menschliches Zusammenleben dem angestrebten Miteinander um 180 Grad entgegenstinkt.
Der Film macht mich traurig, weil er mir zeigt, was aus dem Traum vom Sozialismus geworden ist. Es bleibt da wirklich kaum noch etwas, was man erklären oder verteidigen kann.
Und er macht mich traurig, dass das so ist, dass ich keine Argumente habe, um das zu rechtfertigen.
Natürlich ist der Film nicht aus meiner Perspektive gemacht sondern mit jener menschlichen Empörung, die ich oben beschrieb und gleichzeitig mit der üblichen politisch kurzsichtigen bzw. antikommunistischen Haltung, die sich freut, weil sie meint, das inhumane Gesicht des Sozialismus belegt und entlarvt zu haben. So gesehen bedient sich der Film seines menschlichen Themas um seine politische Aussage zu machen, das denke ich auch.
Du schreibst von einer Verschmelzung von Wahrheiten, Fälschung und Schein. Und dann erläuterst du die Fälschungen und den Schein. Aber was ist mit den Wahrheiten?
Sieh von dem Sexminister ab und frage dich, ob das andere nicht doch Wirklichkeit war: der Versuch die DDR zu schützen und dabei die vorhandene Macht dafür zu nutzen, Angst zu machen und den Menschen auf der Basis dieser Angst langsam und gezielt die Rückgrade zu brechen.
Es wird sicher auch solche und solche Stasis gegeben haben. Aber solche wie geschildert waren wohl nicht einzelne Ausnahmen (ich denke jetzt nicht an den Minister sondern eher an Leute wie den Held des Filmes vor seiner Wandlung).
Ist das menschlich verständlich? Vielleicht. Aber gerade deshalb ist es ein Wahnsinn, Menschen zu erlauben, so viel Macht in Händen zu halten gegen ihre Mitmenschen.
Schließlich geriet ja jeder in Verdacht, auch wenn er nur von einem wusste, dass er in den Westen gegangen war..... Dieses Misstrauen kotzt mich so an.
Oder war es doch anders? War das eine Fälschung? Dann musst du das sagen. Aber wenn nicht, so muss du auch das sagen.
M.
was Du zu dem Film schreibst, hilft mir enorm weiter, zu verstehen.
Besonders was Du als eine/Deine Lesart anbietest: "Es ist die Geschichte eines Menschen,..." überzeugt mich.
DIESE Studie eines solchen Menschen - der sich diese Überwachungspersönlichkeit angetan hat, wie Du schreibst - ist voll und ganz gelungen, und dazu leistet, ich wiederhole mich, Mühes Kunst einen überragenden Beitrag.
Aber es ist mehr als bloß die gelungene psychologische Studie eines solchen Charakters, es ist die realistische Gestaltung eines typischen sozialpsychologischen Problems, das auf uns Genossen, Systemträgern, Sozialisten, Idealisten - nenne es, wie Du willst - immer gelastet hat. In diesem Blickwinkel nicht Verfälschung des DDR-Lebens, sondern das Insistieren auf einem ganz wunden Punkt.
So betrachtet wird mir auch klarer, woraus der Film seine Kraft schöpft, die ich ihm auch dadurch nicht nehmen kann, daß ich ihm diese und jene Schwäche ankreide.
Ich glaube, daß die Schwäche des Films nahe bei der genannten Stärke liegt.
Der Film kennt nur den Antagonismus von realsozialistischer Macht und Ohnmacht, verkürzt: Unmenschlichkeit versus ihre Opfer.
(Dahinter steht die bundesoffizielle Sicht der zwei (nur graduell unterschiedlichen) Diktaturen.)
Durch seine Lösung aus der Unmenschlichkeit erschafft der Hauptmann Wiesler sich nur neu als ein weiteres Opfer. Die Logik dieses Vorgangs lautet: Es gibt nur eine gute Stasi - die zerstörte Stasi, es gibt nur einen guten IM - den zerstörten IM.
(Als ich vor Jahren meine IM-Tätigkeit (ohne äußeren Zwang) offenbarte, hab ich sehr deutlich verspürt, daß öffentliche Akzeptanz ausschließlich mit einer irgendwie gearteten Selbstzerstörung zu gewinnen gewesen wäre.)
Ich behaupte, daß diese Sicht der tatsächlichen Widersprüchlichkeit realsozialistischer Macht und ihrer Ausübung nicht gerecht wird. Diese Macht zeigte auch immer wieder ein menschliches Moment.
Du brauchst diesen letzten Satz nur zu äußern, um tsunamiartig überrollt zu werden: BAUTZEN! SCHIEßBEFEHL! MAUERTOTE!
Das ist der Punkt, an dem der Dialog aufhört, das Denken aufhört, aufgehört wird.
Der Film beweist es einmal mehr.
In diesem reziproken Sinne erlaubt er sich nicht den mindesten Blick auf "das Leben der Anderen".
(1987 gab es den DEFA-Film "Einer trage des anderen Last", der diesen "Übergang über die eigenen Grenzen" versucht hat. Ich weiß nur noch, daß mich damals dieser Film nicht überzeugt hat, ich werde nun aber aus aktuellem Anlaß versuchen, ihn noch einmal zu sehen.)
Du schilderst Deine Trauer, ob der Unmenschlichkeit (real)sozialistischer Macht (wie sie geballt in der Anfangsszene erscheint). Ich teile diese Trauer.
Ich gehe nicht soweit, die strukturelle Gewalt des Realkapitalismus der persönlich-willkürlich erscheinenden Gewalt des Realsozialismus vorzuziehen.
ALLE Organisationen der Bürgerbewegten des Jahres 1989 haben die Erneuerung und Weiterentwicklung des Sozialismus in der DDR gefordert und nicht die Übernahme bundesdeutscher Verhältnisse.
Ich glaube, daß da auch Selbsttäuschung im Spiel war, sogar Täuschung bei Einigen, wenn ich z. B. an Eppelmann denke, aber ich glaube nicht, daß es grundsätzlich Täuschung war. Das war die ehrliche Meinung von Leuten, die seit Jahren und selbst nach Maßregelung NICHT in den Westen wollten. ("Wir bleiben hier.")
Mir fällt ihn diesem Zusammenhang ein, was Christof Hein auf der Kundgebung am 4.November 1989 in Berlin sagte; wie er von dem jetzt einsamen Erich Honecker sprach und dessen Traum und was das für unsere Träume bedeuten könnte.
Soweit erstma.
Auch das muß nicht mein letztes Wort sein zu diesem Film.
Wahrscheinlich reicht besonders mein Satz vom menschlichen Moment der realsozialistischen Macht nicht aus.
Auch wie der Film die DDR-Verhältnisse in Faschismusnähe rückt, wäre vielleicht nochmal genauer zu betrachten.