Lesen über Konzentrationslager
Bücher, dokumentarische Berichte, über die Konzentrationslager der deutschen Faschisten habe ich immer wieder mein ganzes Leben hindurch gelesen. Angefangen hat es irgendwann als ich zwischen neun und elf Jahre alt war. Mein Vater hatte eine Broschüre , den Erlebnisbericht eines Häftlings aus dem KZ Buchenwald, die 1946 im SWA-Verlag, dem Verlag der sowjetischen Militäradministration, erschienen war. Meines Vaters Onkel, Arthur Erdmann, war mehrere Jahre Häftling in Buchenwald gewesen.Durch die Jahre, bis heute, habe ich immer wieder den Drang verspürt, mehr zu erfahren. Was dort geschehen ist, hat mich nicht losgelassen. Obwohl ich oft genug die Worte gehört habe und zwar nicht von Alt- oder Neunazis: „Es muß nun aber einmal genug sein.“.
Was in den Konzentrationslagern geschehen ist - wie soll ich es sagen? - ist ein Schlüssel zum Menschen. Auch wenn wir nicht verstehen, was er aufschließt. Vielleicht auch wagen wir es nicht, zu Verstehen.
In den letzten Wochen habe ich mehrere Dokumente über die Sonderkommandos im KZ Auschwitz gelesen.
http://images.google.de/imgres?imgurl=http://ec2.images-amazon.com/images/P/3320020617.03._SCLZZZZZZZ_SL160_.jpg&imgrefurl=http://www.amazon.de/Jenseits-Menschlichkeit-Ein-Gerichtsmediziner-Auschwitz/sim/3320020617/1%3Fie%3DUTF8%26pf%3D3&h=160&w=100&sz=4&hl=de&start=2&um=1&tbnid=rrGdUsJZCkP4-M:&tbnh=98&tbnw=61&prev=/images%3Fq%3D%2522Im%2BJenseits%2Bder%2BMenschlichkeit%2522%26svnum%3D10%26um%3D1%26hl%3Dde%26safe%3Doff%26sa%3DN
Es ist fast nicht möglich, darüber im Blog zu schreiben.
Und jüngst gelesen habe ich über eines der ersten Lager, das KZ Oranienburg. Es existierte zwischen Februar 1933 und April 1935. Es hatte Besonderheiten, unterschied sich in mancher Hinsicht von den späteren großen Arbeits- und Vernichtungslagern. Darüber kann man in dem Aufbau Taschenbuch „Mit der S-Bahn in die Hölle“ von Hans Biereigel, erschienen 1994 in Berlin, nachlesen.

http://www.amazon.de/H%C3%B6lle-Wahrheiten-L%C3%BCgen-erste-Nazi/dp/3746670047/ref=sr_1_3/028-5322217-1414908?ie=UTF8&s=books&qid=1176738670&sr=1-3
Einige aufschlußreiche Besonderheiten:
Das Lager wurde zwar von der SA, später von der SS betrieben, es wurde jedoch zugleich eine „behördliche Aufsicht“ ausgeübt. Es gab Vernehmungen durch Polizeibeamte, und es waren seit dem 21.3.1933 bis zu 6 Landjägerbeamte dort dauerhaft im Einsatz.
Und noch ein anderes schändliches Beispiel der Zusammenarbeit von bürgerlichem staatlichen Stellen und den Akteuren der „nationalsozialistischen Revolution“ ist belegt: Die Stadt Oranienburg setzte die zur „Arbeitsbeschaffung“ zur Verfügung gestellten staatlichen Mittel ein, nicht um Arbeitslose zu beschäftigen, sondern um KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven für 9 Pfennige pro Stunde (die die Lagerführung erhielt) auszubeuten und damit zugleich das Lager zu finanzieren.
Wir erinnern uns, wie Scharen von Nazis im gutbürgerlichen Staatsapparat der Bundesrepublik einen sicheren Arbeitsplatz fanden, 1933 sehen wir den gegenläufigen Prozeß, wie Kräfte des alten bürgerlichen Staates zum Funktionieren des faschistischen Machtapparates beitrugen.
Die Verbrechen im KZ Oranienburg wurden frühzeitig aufgedeckt und der Weltöffentlichkeit bekannt gemacht. Das geschah nicht zuletzt durch den im Dezember 1933 geflüchteten Häftling Gerhart Seger, einen SPD-Funktionär. Es ist bitter, in Segers Bericht zu lesen, wie sich Kommunisten und Sozialdemokraten noch im KZ weiter bekämpften. Er schreibt: „Für jeden, der sich der deutschen Arbeiterbewegung mit Leib und Seele verschrieben hat, wird es wohl die allerschmerzlichste Erfahrung bleiben, daß sich nicht einmal in einem Konzentrationslager, angesichts gemeinsam erlittener Qualen, allen gemeinsam zugefügt durch den gemeinsamen politischen Gegner, ein Mindestmaß von Kameradschaft herstellen ließ.“
Auf Segers Enthüllungen antworteten die Nazis mit einem „Anti-Braunbuch über das erste deutsche Konzentrationslager“. Dieser Text, der hier in langen Auszügen wiedergegeben wird, wurde vom Lagerkommandanten Werner Schäfer verfaßt. Es ist der einzige Versuch der Nazis geblieben, die Konzentrationslager öffentlich zu verteidigen. Es ist ein Lehrstück faschistischer Demagogie und Wirklichkeitsverdrehung. Er ist voller pathetischer Beschwörungen aber auch menschelnder Eingeständnisse, ein Text der die Gewalttätigkeit faschistischer Herrschaftsausübung mit unglaublicher Dreistigkeit unter einem Schein von volkstümlicher Rechtschaffenheit und patriotischem Aufbruch verdeckt.
kranich05 - 2007/04/16 17:49