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Wieder im Konzert

Das Deutschsprech von heute wird Opa wohl nimmer lernen - zeitgemäß hätte die Überschrift wohl "In Concert" heißen müssen.
Dabei will ich doch gerade von einer persönlichen Neuigkeit berichten.
Es ist nämlich eine Ewigkeit her, daß ich in einem klassischen Konzert war. Genau genommen, ist es 18 Jahre her. 1989, mit dem Untergang der DDR brach mein Konzert- und Theaterleben ab. Davor habe ich nicht nur regelmäßig, ich habe ausgeprochen häufig Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen besucht. Sternstunden der Kunst, der Kultur, des Zeitgeistes habe ich in der Komischen Oper, dem Deutschen Theater, im "Schauspielhaus" (das ein Konzerthaus war und ist), im BE, der Volksbühne, dem Maxim Gorki Theater, in den Dresdner Kunstsammlungen in der Hallenser Moritzburg und wo überall noch erlebt.
Mit dem Ende der DDR war MEIN Theater verschwunden, MEINE Kunst verstummt, MEINE Künstler schwiegen oder sprachen jetzt merkwürdige Sätze.
Mein mit Liebe und Vergnügen gepflegtes Sammeln der Bändchen der Insel-Bücherei war von einem Tag zum andern mit 10-fach, 15-fach erhöhten Preisen konfrontiert und zugleich mit einer energischen Themenorientierung ins Abendländisch-Elitäre.
Andrej Platonow, in den letzten Jahren der Sowjetunion und der DDR zur größten künstlerisch-geistigen Entdeckung der Sowjetliteratur emporgestiegen, ist seit 1990 wieder der Niemand, der er schon immer seit 1925/1930 gewesen war.

Eine Mischung aus Ohnmacht und Trauer und Trotz hatte sich meiner bemächtigt - und scheintot gemacht.
In anderen Lebensbereichen ging diese Erstarrung früher zu Ende. Für's klassische Konzert brachten zwei geschenkte Kartenvorgestern die Wiederbelebung.
Im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt spielte das Konzerthausorchester, früher Berliner Sinfonie-Orchester, unter Leitung des Dirigenten Matthias Bamert Sergej Prokofjew "Romeo und Julia" - Suite aus der Ballettmusik op. 64 in der Fassung von Matthias Bamert.

Ich war tief beeindruckt.
Wie doch das lebendige Spiel lebendiger Menschen jeder Musikkonserve überlegen ist!
Die schöpferische Haltung des Dirigenten, der spürbare Ausdruckswille des großen Orchesters, die bewundernswerten musikalischen und technischen Fähigkeiten der einzelnen Künstler beflügelten mich zu enormer Konzentration, ja buchstäblich zu einer völligen Hingabe an das mir entgegengebrachte Kunstwerk.
Und welch ein Kusntwerk!
Ich muß keinen ausgewogenen Bericht liefern, deshalb nenne ich nur drei Szenen:
1. Szene, die Vorstellung der beiden seit Generationen verfeindeten Familien der Montagues und Capulets
8. Szene, Tybalts Tod
10. Szene, Romeo am Grabe Julias.
Das ganze Ausmaß der schicksalhaften Tragik, der diese Menschen unterworfen sind, wird mit musikdramatischer Wucht aber zugleich emotionaler Genauigkeit und klarer, ja unerbittlicher Logik zu einem erschütternden Ausdruck gebracht.
Für mich hat es im 20 Jahrhundert keiner so vermocht, wie die beiden sowjetischen Komponisten Prokofjew und Schostakowitsch, historicher Dramatik und historischer Tragik gültigen musikalichen Ausdruck zu geben.

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