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Stefan Bollinger: Lenin. Träumer und Realist

Bad Berka, 3.2.2007

Liebe U,
seit einigen Tagen liegt Deine Geschenksendung auf meinem Nachttisch. Ich habe auch schon 'reingeschnuppert und hoffe, daß das schmale Bändchen meine Rehabilitation in mehr als einer Hinsicht fördert.
"Lenin. Träumer und Realist", herausgegeben von Stefan Bollinger, Wien 2006. Eigentlich ist es ja ein knapper Text; von den rund 170 Seiten sind 120 Auszüge aus Arbeiten Lenins, die hätte ich nicht gebraucht, und nur etwa 50 Seiten sind ein Bollinger-Essay.
Aber die Menge macht es nicht. Ich erinnere mich noch an meinen Versuch einer Lektüre von Wolkogonows "Lenin" von 1994, eines Wälzers von vielen hundert Seiten, angefüllt mit Schmähungen des einstigen Idols. Da habe ich mich nur gefragt, welcher Selbsthaß dem vormals sowjetischen Politfunktionär den Kuli geführt haben muß.
Bollinger scheint mir doch von anderer Qualität. Zwar gibt ers auch bei ihm Ansätze zu dem taktischen Slalom, den fast alle laufen, die sich öffentlich zu Unperson Lenin äußern, aber es dominiert doch das ernsthafte Bemühen, eine außerordentliche historischen Erscheinung in wesentlichen Zusammenhängen und Konfliktlinien zu begreifen. Nützlich sind auch die Hinweise auf weitere neuere Studien zu Lenin und der Oktoberrevolution.

Daß ich mich auf meine alten Tage noch einmal ausführlicher mit Lenin beschäftigen würde, war mir klar, seit die DDR unterging. Viel zu wichtig war er mir zu DDR-Zeiten. In seinen Werken hatte ich viele Ansatzpunkte für eine "linke", eine radikale Kritik an Erscheinungen des Realsozialismus gefunden, und ich habe sie gerne meinen Mitgenossen (und sie waren keineswegs immer erfreut darüber) unter die Nasen gerieben.
Natürlich ist es heute irrelevant, sich auf solch systemimannentes Kritisieren zu berufen, in Erinnerung bleibt aber doch, wie viele, die sich SED-Kommunisten nannten, den Lenin und die ganze Oktoberrevolution von einen Tag auf den anderen fallen ließen, wie eine heiße Kartoffel. Wie viele PDS-Kämpfer seufzten insgeheim erleichtert: Endlich können wir echte deutsche Sozialisten sein, ohne den russischen Rattenschwanz!
Da rede sich keiner/keine heraus, es sei neuerdings soviel Schlimmes über Lenin ans Licht gekommen, er sei der unvollendete Stalin, ja Hitler gewesen. In Wahrheit wurden auch zu Zeiten des Realsozialismus der russische Kriegskommunismus und der zeitweilige rote Terror nicht verheimlicht.
Ich denke, daß hier viel Augenauswischerei im Spiel ist und schlichte Feigheit vor dem Feind.
Natürlich rede ich hier nicht einer blinden Verteidigung oder gar Anbeterei dessen das Wort, was wir vor 20 Jahren wußten. Die Welt hat sich weiter gedreht, und es darf der Versuch gemacht werden, weiter zu denken, auch den Lenin; vielleicht ist das sogar bei Strafe dringend notwendig.
Mal sehen, ob mir die Schrift von Bollinger dabei nützt.

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