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neo-christlich

1.2.2007

Zu den Schwarten jenseits meines Lektürestandards, die ich hier im "Bad Berka-Exil" gelesen habe, gehört: "Koloß auf tönernen Füßen. Amerikas Spagat zwischen Nordkorea und Irak" von Peter Scholl-Latour, Berlin 2005.
Zwar hält das Buch nicht, kann gar nicht halten, was der reißerische Titel verspricht (Klappentext:"...seine Bücher sind allesamt Bestseller"), interessant finde ich aber, was der Verfasser von einem Besuch in der "Megachurch" von Prestonwood bei Dallas berichtet (S. 52ff):
Die dynamische Baptistengemeinde "hat im Umkreis ihres Gotteshauses, dessen Stahlkonstruktion wie eine riesige Raffinerie aufragt, 56 Hektar Land erworben. Dort verfügen die Gläubigen über Sportplätze, Fitneß-Center, Versammlungssäle, Bibliotheken, Schulen, eine Cafeteria und sogar eine Einrichtung für tugendhafte Ehevermittlung. Der Wert der Gesamteinrichtung wird auf 145 Millionen Dollar geschätzt."
Nur lächelnde, freundliche Leute begegnen Scholl-Latour in Prestonwood.
Der Gottesdienst hat begonnen. Die endlosen Bankreihen sind dicht gefüllt.
In zwei gläsernen Becken werden Taufen veranstaltet. Ein halbes Dutzend neue Baptisten, in weiße Gewänder gehüllt, taucht mit dem ganzen Körper in das geweihte Wasser. Dazu jubelt ein Chor von fünfhundert Sängerinnen und Sängern - das ist heute ein eher nüchterner Gottesdienst (!)
Das zentrale Ereignis ist die Predigt des Pastors Jack Graham. Auf riesigen Bildschirmen wechselt das Gesicht des blendend aussehenden Fünfzigers mit religiösen und quasireligiösen Symbolen: "O wonderful cross", die olympischen Ringe, das Sternenbanner, die Taube des heiligen Geistes, die Markenzeichen von Coca Cola und McDonalds, das Fischsymbol der frühen Christen...
Graham exekutiert die Bibel wörtlich: Der Darwinismus ist eine Irrlehre. Homosexuelle sind Verdammte. Geburtenverhütung ist eine schwere Sünde.

Der Besucher schaut aufmerksam in die Gesichter der Gläubigen: Er entdeckt viel Verzückung aber keine Hysterie.
Die Kollekte eines einzigen Wochenendes erbringt 360.000 Dollar. Das Jahresbudget beträgt 22 Millionen Dollar. 500 Angestellte und Animateure, einschließlich 33 Pastoren, werden davon besoldet.

Entschieden und unwiderruflich hatte ich mich mit 12 Jahren von jeder Religiosität abgewandt. Zeitlebens erschien mir Religion als etwas, das eigentlich im 19. Jahrhundert erledigt worden ist.
Doch heute heißt es neu lernen?
Neoliberalität und Neomedialität lassen die aus früheren Jahrhunderten bekannte absolute "Geistlosigkeit der sozialen Zustände" in neuer Form erstehen. Sie gebiert unvermeidlich ihren zugehörigen "Geist" - die neue Religiosität.
eule70 (Gast) - 2007/02/13 02:29

Es ist doch immer wieder lustig zu sehen, wie gut sich Kapitalismus und Religion in den Köpfen vieler Leute miteinander vertragen - obwohl zumindest die christliche Religion im Grunde nichts, aber auch gar nichts mit dem Kapitalismus zu tun hat.

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