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Hansesail – Sehen, Hören, Erinnern in Rostock

Zwei Gäste waren eingefallen und hatten uns nach Rostock entführt; Anka, die achtjährige Eurasierin und die jüngste Tochter, die nächstes Jahr Abitur macht.
Gäste

Sie (nicht die Hundedame) will künftig zur See fahren, wollte jetzt die Hochschule für Seefahrt beschnuppern und Schiffe, mögliche Praktikumsplätze, kennen lernen.
Wir Alten waren dabei gern gesehen als Autohalter, Berater, Zahlmeister.

Ich habe in Rostock immerhin acht Jahre gelebt, dort meine Jugend verbracht, heute noch enge Bande dorthin.
Uns empfängt der fröhliche Küstenwind, ein weiter Himmel, die lebhafte Stadt. Dank Ortskenntnis ist ein Parkplatz bald gefunden. Wir genießen das große Segelschiffspektakel.
Hansesail 3

Nach Hunderten zählen die Windjammer aller Klassen.
Hansesail 1
Hansesail 2

Mit von der Partie natürlich Shantychöre. Noch vor der offiziellen Eröffnung höre ich die Jungs vom Shantychor Oldenburg.
Shantychor Oldenburg

Mit ihrem Programm gelingt ihnen die Balance zwischen wirklichen Shantys, den ursprünglichen Liedern der Seeleute aller Nationen, und den so populären Seemannsliedern vom zweiten, dritten oder gar vierten Aufguss.
Seit ich im Shantychor singe,
http://opablog.twoday.net/stories/1902140/
bedaure ich, dass die allermeisten Chöre (und das Publikum sowieso) im Seemannslied vor allem den deutschen Bier-/Schunkelgesang pflegen und sich von der Chance eher gestört fühlen, mit dem Shanty Weite und Leidenschaft und musikalische Intelligenz aus aller Welt zu erleben.
Brecht meinte zwar, das Denken sei eine der größten Vergnügungen der menschlichen Gattung, wenn ich aber sehe, wie gern sich das Publikum in dicke, warme Klangteppiche plumpsen lässt – Endlich schwelgen dürfen und nicht unterscheiden müssen! – beschleichen mich arge Zweifel.
Aber die Oldenburger haben ihre Sache passabel gemacht.

Das Fest wird eröffnet, Politprominenz macht ihr bisschen Wahlkampf, Peer Steinbrück erweist sich fast als „Jung’ von de Woterkant“. Klasse! Kein Fest ohne Politduftmarke. Das war schon früher so. (Früher beim Sundschwimmen, dem Langstreckenschwimmen durch den Strelasund, haben wir jedes Jahr vor der Eröffnungsrede gewitzelt, zu Ehren welchen Parteitags wir wohl diesmal starten.) Auch jetzt nehmen’s die Leute gelassen.

Dann erklärt ihnen der Moderator, ein Dr. Müller, die Perlenkette der Attraktionen. Nicht zuletzt: Fallschirmjäger der Bundeswehr werden beflaggt vom Himmel springen, nachdem ein Kampfhubschrauber der Klasse „Wiking“ sie herbeigetragen hat. Hier und da und dort liegen Schiffe der Bundesmarine zur Besichtigung bereit. Ihre Schnellfeuergeschütze leisten dieses und ihre Fla-Raketen jenes und auch gegen Seeziele würden sie siegreich sein. Eine chinesische Dschunke liegt am Kai, eine arabische Dhau fehlt. Terroristen jedenfalls hätten schlechte Karten. Natürlich fehlt auch ein großes Musikkorps der Bundesmarine nicht.

Kanonensalut – die Hansesail 2006 ist eröffnet. Anka, die Hündin bei mir Anka
(ihre Herrin ist auf Segeltörn), erschrickt. „Wiking“, noch 1000 m hoch, dröhnt heran. Da sausen auch schon paraglidend die Soldaten herab, einer mit riesiger Fahne, einem Erzengel gleichend, der Hubschrauber ist jetzt viel tiefer, der Hund zittert, wird verrückt, will los aber wohin? Die Soldaten sind jetzt irgendwo gelandet und „Wiking“ mit schrecklichem Fauchen und Dröhnen, es soll wohl eine Art Gruß sein, zieht in geringer Höhe, in Zeitlupe über uns hinweg. Kann man sicher sein, dass solch riesiger Metallklumpen in der Luft bleibt? Ich drücke Anka in den Schutz einer Mauer und mich zu ihrer Beruhigung an sie, einen Sekundenbruchteil schießt mir durch den Kopf, was ein afghanischer oder palästinensischer Bauer empfinden mag. Dann ist der Spuk vorbei.

Anka am ganzen Leib zitternd. Ich weiß nicht, wie ich sie beruhigen soll. Wenn ich mich zu ihr hinunterbeuge, bin ich in gleicher Höhe und noch weniger Schutzperson. Viele mitleidige Blicke der Vorübergehenden treffen den Hund. Manche meinen, er sei noch so jung.
Ist halt kein Hundefest. Von Frohsinn sind die Menschen erfüllt, die arglosen Zivilisten. Warum sollten SIE in Panik geraten?

Große Hafenrundfahrt von Warnemünde aus. Noch nie war ich dem Überseehafen von der Wasserseite aus nahe und war doch schon bei seiner Eröffnung im strahlenden Sonnenschein des 1. Mai 1960 dabei.
Neu das Fährterminal. Seit meinen Urlauben auf Kreta liebe ich Hochseefähren. Stundenlang kann ich den Lenkkünsten der Truckfahrer beim Beladen zuschauen. Nach Dänemark oder Schweden sind die Fähren nur wenige Stunden unterwegs, nicht zu vergleichen mit Venedig - Patras - Piräus - Heraklion. Trotzdem beachtlich: Die Zahl der abgefertigten Passagiere betrug 2005 mehr als 2 Millionen.

Der Rostocker Hafen lebt. Unser Schiffsführer verkündet, dass in Rostock die Creme der Kreuzfahrschiffe anlegt. Eins heißt „Star Princess“ und gehört zu den größten und teuersten der Welt. Stolze Dreimastsegler nehmen sich neben ihm wie Begleitboote aus.
Hafen Rostock

Auch mit dem Güterumschlag geht es aufwärts. Mit knapp 25 Millionen t hat man 2005 erstmals das Niveau von 1989 überschritten. Na toll!

Hier ist die alte Lagerhalle des Hafenbeckens B zu sehen.
Hafen Rostock
Dort hab ich einmal zu Weihnachten in den 60er Jahren Mandarinen ausgeladen (Leider nur Mandarinen, ich war so scharf auf Bananen!) und mir mit den eiskalten Südfrüchten fürchterlich den Magen verdorben.

Direkt neben den Hafenbecken eine große neue Fabrikhalle von Liebherr. Dort werden Hafenkrane gebaut. Dies ist am Hafen effektiver als im Landesinnern. Hundert Arbeitsplätze wurden geschaffen, weitere sollen folgen.
Im Rostocker Stadthafen (und an vielen anderen Orten) stehen die Krane von TAKRAF.
Hafen Rostock
Dieses Kombinat (Der Name steht für TAgebauausrüstungen KRane Förderanlagen. In schöner Selbstironie wurde er auch übersetzt mit: „Teuer wie Krupp, raffiniert wie Flick.“) war einer der größten Devisenbringer der DDR. Legendär der Transport von 16 montierten Hafenkranen aus Eberswalde für Mexiko auf offenem Schiff über den Atlantik. Wie ich hörte, sind sie dort heute noch im Einsatz.
Über die Zerschlagung des Leipziger Kirow-Werkes (Eisenbahndrehkrane) hat selbst einer der Oberliquidierer (der Hamburger Ex-Bürgermeister von Dohnanyi) Krokodilstränen vergossen.

Wie fahren an der Warnowwerft vorbei, einer der vier Großwerften der DDR, drei davon aus dem Nichts geschaffen. Sie wurde stark erweitert und baut jetzt Schiffe (Schiffshälften) in direkter Kooperation mit der MTW. Die getrennte Fertigung sehr großer Schiffssektionen in verschiedenen Werften und ihr nachträglicher Zusammenbau war ein Weg, der meines Wissens im Schiffbau der DDR herangereift war, mit ersten tastenden Schritten betreten wurde aber noch nicht zum vollen Durchbruch kam.

MTW? – Einmal MTW, immer MTW, scheint es. Aber der Schein trügt. Der ehrliche alte Namen war „Mathias Thesen Werft“. Mathias Thesen (übrigens wie Harro Schulze-Boisen aus Duisburg stammend) war Reichstagsabgeordneter der KPD. Mathias Thesen
Sein Kampf gegen den Faschismus brachte ihn ins KZ Sachsenhausen. Dort führte er die internationale Widerstandsorganisation, wurde entdeckt und mit 26 Kampfgefährten am 11.10.1944 erschossen.
Ehemalige Kommunisten konnten Anfang der 90er Jahre die Werft nicht schnell genug umbenennen, „Meerestechnik Wismar“.

Wenn man an der Warnowwerft vorbeischippert, kommt einen in den Sinn: „Totgesagte leben länger.“ Da ist die große Halle des DMR- Dieselmotorenwerk Rostock. Aus den Erzählungen meines Schwiegervaters, er war dort Meister, weiß ich, wie sie es mühsam lernten, riesige Schiffsdiesel zu fertigen, Eigenentwicklungen, nachdem die knebelnden Lizenzbedingungen von MAN Augsburg nicht mehr hinnehmbar waren. Einmal war er mehrere Wochen zum Arbeiten/Lernen in Augsburg. Ich konnte wahrnehmen, wie sein deutsches Facharbeiterherz begeistert war, von dem was er dort erlebt hatte und zugleich zerrissen, weil er kaum daran glauben konnte, das Notwendige in Rostock genau so solide zu leisten.
Das DMR ging Ende der 90-er Jahre endgültig kaputt. Doch heute gibt es in derselben Halle eine muntere Fertigung des Amerikaners Caterpillar.
Das DMR, fällt mir gerade noch ein, war übrigens der Patenbetrieb unserer Schule. Zu einer Weihnachtsfeier, es muß 1953 gewesen sein, sang dort im großen Speisesaal unser Schulchor. Danach trat ein Sänger auf und sang drei Schubertlieder. Seitdem ist mir unvergesslich: „Der Leiermann“ aus der „Winterreise“.

Gleich neben der Halle des DMR/Caterpillar, man sollte es nicht glauben, die Neptun Werft GmbH. „Neptun“ in Rostock war die einzige halbwegs große, ziemlich alte Werft, die der DDR nach dem Krieg zur Verfügung stand. Ihre eingeschnürte Lage im Rostocker Stadtgebiet war auch zu DDR-Zeiten ein Handicap. Man machte aus der Not eine Tugend und spezialisierte die Werft zunehmend auf Schiffsreparaturen. Solche Kapazitäten gab es (auch international) viel zu wenig, man brauchte dort mehr Knowhow und weniger massiv Material als im Neubau – günstige Bedingungen für die improvisationsgeübte, materialarme DDR.
Das Gelände von Neptun ist heute eine große Industriebrache in Rostock, doch an der Warnow in Warnemünde, wie gesagt, eine Firma Neptun, die Flussschiffe baut. Schiffsreparaturen lohnen sich nicht mehr, gab der Skipper unseres Hafenrundfahrtschiffes Auskunft.

Die Sail ist eine Reise wert, auch für diejenigen, die nicht im Heute zugleich Erinnerungen pflegen wollen.

Und Rostock ist schön. Unzählige Winkel der Stadt, die in der aufs „gesellschaftliche Große und Ganze“ ausgerichteten Lebens- und Bauweise der DDR wer weiß wann (oder nie) eine Chance zu eigenem Leben gehabt hätten, sind historisch einfühlsam oder phantasievoll saniert, glänzen mit Farben, grüßen mit Blumen, laden mit überzeugenden Schildern ein: Rechtsanwaltssozietät sowieso, Immobilienmakler sowieso, Steuerberater sowieso aber auch Naturkostladen oder Puppenspiel oder Suchtberatung.

Die alte Stadt an der Warnow, Wanderherberge so vieler Schicksale.
Unvergeßlich – und wenn es die Achseln sind.
unvergeßlich

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