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Hard Candy

Hard Candy
Peer Schmitt hat den Film "Hard Candy" besprochen, einen "Rache-Thriller als vorläufige Konklusion allgemeiner Mißbrauchspanik". http://www.jungewelt.de/2006/07-04/009.php
"Die Rache wird ausgesprochen kalkuliert durchgeführt. Zunächst lockt das Mädchen den Täter in einem Internet-Chatroom an..., verabredet sich mit ihm, betäubt und fesselt ihn in dessen Wohnung, um ihn zu foltern, buchstäblich zu kastrieren und schließlich in den Selbstmord zu treiben."
"Hard Candy" ist ein erschreckender Film.
"Er offenbart, ohne an irgendeiner Stelle eine kritische Reflexion zwischenzuschalten, die Kehrseite der postmodern liberalen Mißbrauchspanik sozusagen in Reinform. Diese Kehrseite ist eine idealisierte Verfügungsgewalt, die so total ist wie letztlich gnadenlos. Der andere stellt eine potentielle persönliche Bedrohung dar, die permanenter Kontrolle und Therapie unterworfen werden muß. Die letzte Konsequenz der Kontrolltherapie ist dann die Folter."
"In Frage gestellt wird damit eine der wichtigsten die Rechtsprechung betreffenden Errungenschaften der Aufklärung, jene Abstraktionsbewegung nämlich, die es unternimmt, die Form des Strafvollzugs radikal von der konkreten Tat zu trennen."
"Wenn sich die rechtlichen Grundsätze dahingehend verschieben, daß aus dem Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht wird, nicht mißbraucht zu werden; die Welt sich in Schutzbedürftige und potentielle Täter teilt, dann dürfen zum Zwecke der Ausübung dieses Schutzes tendenziell allmächtige Institutionen quasi alles: kontrollieren, verhaften, drohen, foltern."

der Rezensent bringt eine gesellschaftliche Tendenz auf den Punkt, die seit langem, mit mächtigem Schub nach 9/11, in unseren Alltag einsickert: Die offene Verletzung nicht nur der Würde, sondern auch der Unversehrtheit stigmatisierter Menschen und die offene, meist auch billigende Hinnahme dieser Vorgänge durch Mehrheiten.
Es sind die moralischen Grundlagen unseres Lebens, die sich verschieben. Unsere Alltagskultur, eigentlich ein zäher Gegenstand, wandelt sich in atemberaubendem Tempo mit Richtung auf eine völlige Umwertung.
Nur so wird es möglich, daß Amerikas Präsident, der ein illegales, menschenvernichtendes Lager betreibt, zugleich Gast einer Politikerin sein kann, die für sich uneingeschränkt (und mehrheitlich akzeptiert) demokratische und christliche Werte reklamiert.

Obwohl die Medien der Herrschenden diese Entwicklung vorantreiben, sind durchaus viele besorgte Stimmen vernehmbar. Doch es fällt auf, daß meist ein konservatives, um nicht zu sagen abgegriffenes Vokabular verwendet wird. Worte, wie "barbarisch" und "faschistoid", auch apokalyptische Beschwörungen haben Konjunktur. Es fehlt die schöpferische geistige Durchdringung dessen, was wir neu erleben.
Noch wird das, was uns Aufklärung, radikaler Demokratismus, Sozialismus und Kommunismus aufgetragen haben, nicht entschlossen und ideenreich in die Zukunft geführt.

"Hard Candy"
Regie: David Slade
Darsteller: Patrick Wilson, Ellen Page
USA 2005

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