Das Signal aus der Rütlischule – Soziale Arbeit heute
Eigentlich hat es nicht der spektakulären Wortmeldung aus der Rütlischule Berlin bedurft. Die Mißstände im sozialen Gefüge unserer modernisierten kapitalistischen Gesellschaft sind offenkundig. Der folgende Beitrag (auf der Basis einer Vortragsmitschrift) zeigt nicht nur, dass sich verantwortungsbewusste Sozialwissenschaftler sehr wohl deutlich zu Wort melden; er zeigt auch, dass die eingetretene Entwicklung politisch gewollt ist und rücksichtslos im Interesse des Kapitals weiter verfolgt wird.
„Nach dem Ende des sozialpädagogischen Jahrhunderts – Soziale Arbeit zwischen Aktivierung und Ökonomisierung“
von Michael Galuske, Kassel
(http://www.uni-kassel.de/fb4/issl/mitg/prof.htm).
Es gab einen „schwindelerregenden Aufstieg der Sozialen Arbeit im 20. Jahrhundert“, heute dagegen: umfassende Ökonomisierung der Sozialen Arbeit sowohl im Sinne enormer Einsparungen als auch betriebswirtschaftlicher Effizienzsteigerung der Anbieter sozialer Dienstleistungen.
Die neue Phase des Kapitalismus nach dem Ende der Systemkonkurrenz hat zur Folge:
1. Lohnarbeit – das zentrale Medium sozialer Integration - wird zu einem immer knapperen Gut
2. Die öffentlichen Haushalte sind in Folge der politisch veranlassten Umverteilung von unten nach oben in einer flächendeckenden Dauerkrise
3. Der Effizienz- und Flexibilisierungsgedanke durchdringt die (privaten) Lebenswelten. Der Effizienzkult des Büros wird auf das Zuhause übertragen. Das Menschbild des neuen Zeitalters ist der unternehmerische Mensch bzw. der Arbeitskraftunternehmer.
Programmatischer Hintergrund der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit ist der aktivierende Wohlfahrtsstaat im Gegensatz zum etablierten Sozialstaat, der den Selbstbehauptungswillen schwächt. Das alte Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe wird verkürzt auf Hilfe zur Wettbewerbsfähigkeit.
Aktiviert werden soll der (Arbeits-)markt durch umfassende Deregulierung,
der Bürger, der durch verstärkte Förderung und Forderung (Rolle der aktivierenden Fallmanager!) den rasant sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes genügen soll
und die öffentliche Verwaltung durch ihre sukzessive Vermarktlichung und Privatisierung.
War die Soziale Arbeit einst als Antwort auf die Verwerfungen und Nebenwirkungen der Marktgesellschaft entstanden, soll nun paradoxerweise der Markt es auch im Feld der Sozialen Arbeit selbst richten.
Aktiv ist auch hier die Bertelsmannstiftung. Mit ihrem Handbuch „Beratung und Integration“ (2002) legt sie eine Art Lehrbuch für den Fallmanager vor. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass im Eingliederungsvertrag Sanktionen enthalten sind, wobei die Häufigkeit ihrer Anwendung (Sanktionsquote) als Qualitätsindikator genutzt werden sollte, wörtlich: “Ein niedriger Prozentsatz ist ein möglicher Fingerzeig auf eine zu intensivierende Aktivierung“.
Es ergeben sich höchst problematische Konsequenzen für die Soziale Arbeit:
1. Zersetzung der mühsam erarbeiteten Offenheit der sozialpädagogischen Zugänge zu den Lebenswelten der KlientInnen. Der Jargon der Beherrschbarkeit frisst der biographischen Eigensinn der Menschen. Nicht „emotionale Nähe“ zählt, z. B. in der Pflege, sondern „satt und sauber“.
2. SozialarbeiterInnen werden zu ausführenden Organen von Qualitätshandbüchern und Erfüllungsgehilfen von Zwangsprogrammen. Sie benötigen nur noch sozialtechnologisch verwertbares Praxiswissen.
3. Die Waage von Hilfe und Kontrolle neigt sich deutlich und stärker zur Kontrollseite. Nach Anwendung situationsgerechter Sanktionen und Strafen differenziert sich das Klientel in eine Gruppe, die wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und wachsende „Ränder“ von Überflüssigen, die faktisch keine Chance mehr der „sekundären Integration“ haben und durch eine „strafende Sozialarbeit“ nur noch verwaltet, kontrolliert und konsumfähig gehalten werden. Der „aktivierende Wohlfahrtsstaat“ stellt schließlich noch „Reservate des Misslingens“ bereit (z. B. Fixerstuben am Rande der Städte) in denen die unternehmerisch gescheiterten Subjekte ruhig gestellt werden.
„Nach dem Ende des sozialpädagogischen Jahrhunderts – Soziale Arbeit zwischen Aktivierung und Ökonomisierung“
von Michael Galuske, Kassel
(http://www.uni-kassel.de/fb4/issl/mitg/prof.htm).
Es gab einen „schwindelerregenden Aufstieg der Sozialen Arbeit im 20. Jahrhundert“, heute dagegen: umfassende Ökonomisierung der Sozialen Arbeit sowohl im Sinne enormer Einsparungen als auch betriebswirtschaftlicher Effizienzsteigerung der Anbieter sozialer Dienstleistungen.
Die neue Phase des Kapitalismus nach dem Ende der Systemkonkurrenz hat zur Folge:
1. Lohnarbeit – das zentrale Medium sozialer Integration - wird zu einem immer knapperen Gut
2. Die öffentlichen Haushalte sind in Folge der politisch veranlassten Umverteilung von unten nach oben in einer flächendeckenden Dauerkrise
3. Der Effizienz- und Flexibilisierungsgedanke durchdringt die (privaten) Lebenswelten. Der Effizienzkult des Büros wird auf das Zuhause übertragen. Das Menschbild des neuen Zeitalters ist der unternehmerische Mensch bzw. der Arbeitskraftunternehmer.
Programmatischer Hintergrund der Ökonomisierung der Sozialen Arbeit ist der aktivierende Wohlfahrtsstaat im Gegensatz zum etablierten Sozialstaat, der den Selbstbehauptungswillen schwächt. Das alte Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe wird verkürzt auf Hilfe zur Wettbewerbsfähigkeit.
Aktiviert werden soll der (Arbeits-)markt durch umfassende Deregulierung,
der Bürger, der durch verstärkte Förderung und Forderung (Rolle der aktivierenden Fallmanager!) den rasant sich verändernden Anforderungen des Arbeitsmarktes genügen soll
und die öffentliche Verwaltung durch ihre sukzessive Vermarktlichung und Privatisierung.
War die Soziale Arbeit einst als Antwort auf die Verwerfungen und Nebenwirkungen der Marktgesellschaft entstanden, soll nun paradoxerweise der Markt es auch im Feld der Sozialen Arbeit selbst richten.
Aktiv ist auch hier die Bertelsmannstiftung. Mit ihrem Handbuch „Beratung und Integration“ (2002) legt sie eine Art Lehrbuch für den Fallmanager vor. Besonderes Augenmerk wird darauf gelegt, dass im Eingliederungsvertrag Sanktionen enthalten sind, wobei die Häufigkeit ihrer Anwendung (Sanktionsquote) als Qualitätsindikator genutzt werden sollte, wörtlich: “Ein niedriger Prozentsatz ist ein möglicher Fingerzeig auf eine zu intensivierende Aktivierung“.
Es ergeben sich höchst problematische Konsequenzen für die Soziale Arbeit:
1. Zersetzung der mühsam erarbeiteten Offenheit der sozialpädagogischen Zugänge zu den Lebenswelten der KlientInnen. Der Jargon der Beherrschbarkeit frisst der biographischen Eigensinn der Menschen. Nicht „emotionale Nähe“ zählt, z. B. in der Pflege, sondern „satt und sauber“.
2. SozialarbeiterInnen werden zu ausführenden Organen von Qualitätshandbüchern und Erfüllungsgehilfen von Zwangsprogrammen. Sie benötigen nur noch sozialtechnologisch verwertbares Praxiswissen.
3. Die Waage von Hilfe und Kontrolle neigt sich deutlich und stärker zur Kontrollseite. Nach Anwendung situationsgerechter Sanktionen und Strafen differenziert sich das Klientel in eine Gruppe, die wieder Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und wachsende „Ränder“ von Überflüssigen, die faktisch keine Chance mehr der „sekundären Integration“ haben und durch eine „strafende Sozialarbeit“ nur noch verwaltet, kontrolliert und konsumfähig gehalten werden. Der „aktivierende Wohlfahrtsstaat“ stellt schließlich noch „Reservate des Misslingens“ bereit (z. B. Fixerstuben am Rande der Städte) in denen die unternehmerisch gescheiterten Subjekte ruhig gestellt werden.
kranich05 - 2006/04/03 18:13