Was da genau brodelt, in Leipzigs Mitte, habe ich im Einzelnen nicht herausgefunden. Als teils florierender, teils stagnierender Hauptort in teils florierender, teils stagnierender Umwelt ist die traditionsreiche Stadt nicht unbedingt zur "Wachstumslokomotive" prädestiniert. Vielleicht ist es einfach die Mischung aus der sprichwörtlichen sächsischen Umtriebigkeit, aus Business und fraglos vorhandener historisch-kultureller Substanz die eine Portion Attraktivität und hier und dort ein Glanzlicht zaubern.
Z. B. Max Klinger. Im neuen Museum der bildenen Künste wuchert man mit dem Pfunde, das man hat. Eine große Ausstellung ist dem Künstler ausgerichtet, die seiner Überschätzung ebenso wie seiner Mißachtung entgegenwirkt. Im Einzelnen wird nachgezeichnet, wie Klinger auf die unterschiedlichsten Künstler anregend, ja befreiend wirkte. Seine Bedeutung für Kubin oder Munch hat mich nicht überrascht, schon eher, die außerordentliche Wertschätzung, die Käthe Kollwitz und Hans Baluschek ihm entgegenbrachten.
Es treten tatsächlich, wenn man von der Geniepose absieht, beeindruckende Leistungen zutage - die präzise Darstellung sozialer Konflikte ebenso, wie einprägsame Sinnbilder der Abgründe des bürgerlichen Heldenlebens bis hin zu kraftvollen Proben erotischer Kunst.
Leipzigs moderne Malerei ist nicht zu trennen vom Wirken des 2004 zu früh verstorbenen Wolfgang Mattheuer.

Für Juli bis Oktober 2007 kündigt das Museum der bildenden Künste eine große Ausstellung seiner Landschaftsbilder an. Schon jetzt dürfte sicher sein, daß mit dieser Schau der in mehrfacher Hinsicht exemplarische Künstler in manchem neu zu entdecken ist.
Termin vorgemerkt.
Andere Ausstellungen habe ich besucht, darunter eine Hans Ticha gewidmete, die leider nur seine Buchillustrationen brachte. Immerhin dabei entdeckt "Babyherrschaft" aus dem Eulenspiegelverlag von Peter Hacks, von Ticha illustriert.
Und eine Ausstellung im "Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig", einer offiziösen Stätte der BRD: "drüben. Deutsche Blickwechsel", eine Propagandaausstellung; wo sonst gibt es noch freien Eintritt? (Selbst in der Nikolaikirche - offen für alle - heißt das Orgelvesper jetzt Orgelkonzert und kostet Eintritt. Abseits in einem Eckfenster der Kirche ein kleines Kreuz zum Gedenken an die im Irak gestorbenen 3000 GI - offen für alle? )
"drüben" fährt, wie es sich gehört, die Fülle der Medien auf. Der Besucher ist beschallt, berieselt, beflimmert. Er ist intensiv, dabei durchaus nicht allzu grobschlächtig, eben auf moderne Art, "in die Mangel" genommen. Mensch geht durch mit einem vielmals wiederholten "Aha" im Sinn, "Aha" - wiedererkannt, "Aha" - interessant, "Aha" - nein sowas.
Sollte es nicht möglich sein, daß auch zeitgeschichtliche Ausstellungen (darin manchen Kunstausstellungen ähnlich) Anregung und Raum zum eigenen Nachdenken geben? Wehe du gehst naiv in solche Ausstellung, "um zu erfahren, wie es war". Wer sich seiner eigenen Fragen bewußt bleibt, erfährt nichts. Wer keine hatte, merkt nicht, daß er nichts erfährt.
Welche Interessen welcher Mächtigen haben die dokumentierte Zeit bestimmt?
In welchen jeweiligen Jahrhundertkontext (oder müßte es genauer heißen: Menschheitskontext?) hatte sich jeder der beiden deutschen Staaten gestellt?
Ich fühlte das dringende Bedürfnis nach einer "anderen Exposition", keiner, die die Tatsachen leugnet, aber einer, die den Blick öffnet für die realen historischen Zusammenhänge jenseits der heute vorgegebenen Wahrnehmungsgrenzen.
Wenn Günther(?) Friedrich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sein "Antikriegsmuseum" gegen den Mainstream schaffen konnte, sollte es da nicht möglich sein, ein "DDR-Museum" gegen den Mainstream aufzubauen?
Und Bach, zur Bachwoche?
Ich muß gestehen, Bach war diesmal für mich "eine andere Liga", eine Höhe, zu der ich mich nicht erheben konnte. Allein die Vorstellung, mein Urlaubsbudget von fünf Tagen für eine der elitären Bachveranstaltungen einzusetzen, machte mich mißmutig. Aber das war nur die eine Seite.
Im Grunde war ich viel zu beschäftigt, irgendwie ein Verhältnis zu Leipzig zu finden, von dem ich nur eines wußte: Daß es mein altes Leipzig nicht mehr wäre:
- das Leipzig, an das ich als 4 1/2-Jähriger eine Kriegserinnerung habe
- das Leipzig, das ich 1955 als begeisterter Judosportler zum deutschen Turn- und Sportfest besuchte (übrigens mit dem Rad von Ilmenau aus)
- die Stadt, in der ich die ersten (einfachen) Merkwürdigkeiten von Sex kapierte
- das Leipzig, in dem mir jemand das Insel-Bändchen Nr. 250 schenkte
- die Stadt, in der ich Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" einfach im Schaufenster entdeckte und kaufen konnte
- die Stadt so vieler Arbeits- und Messe- und Kneipenerlebnisse.
- die Stadt, in der ich nie in Auerbachs Keller, nie in der Oper, nie im Gewandhaus, nie in der Thomaskirche war.
Und so viel mehr, abgesetzt im Schlick der Jahre.