Mittwoch, 27. Juni 2007

Manchmal ist es nur ein Satz - Gilad Atzmon

Im Interview über Broder:
"..., er ist für mich ein klassisches, ein großartiges Beispiel für jemand, der die Deutschen wieder das Hassen lehrt – er ist ein Zionist!"

Das ganze Interview hier:
http://www.steinbergrecherche.com/holocaust.htm#interview

Sachsenhausen - „sensibles Gedenken“

Die Mahn- und Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen habe ich oft besucht.
Bei ihrer Einweihung war ich Anfang der 60er Jahre als junger FDJ-Student dabei.

Sachsenhausen1

Grundmauern eines Teils des Zellenbaus

Später bin ich regelmäßig in jedem Halbjahr einmal mit unseren jeweiligen Lehrgängen dort gewesen. Dabei haben uns immer ehemalige Sachsenhausener geführt, viele Jahre lang war es Kurt Riemer. Die Benutzung Sachsenhausens nach 1945 als Internierungslager erwähnte Kurt Riemer am Rande.
Wirklich in mein Blickfeld rückte das sowjetischen „Speziallager Nr.1“ erst 1990; durch einen Zeitungsbericht über „die Massengräber im Schmachtenhagener Forst“. Als Zeitzeuge war dort Max Roeder genannt und abgebildet. (Maxe Roeder kannte ich, denn wir hatten gemeinsam den Brunnen auf meinen Grundstück gebohrt.)
Die sofort suggerierte Gleichsetzung von KZ und Internierungslager lehnte (und lehne) ich natürlich vehement ab. Natürlich ist es z. B. Schönbohms Interesse „die beiden deutschen Diktaturen“ zusammenzurühren.
Die solide Tatsachenforschung aber hat noch große Lücken.

Die „junge Welt“ berichtet heute über ein Seminar der Friedrich Ebert-Stiftung und der Gedenkstätte Sachsenhausen zu dieser Thematik. http://www.jungewelt.de/2007/06-27/007.php
Im KZ Sachsenhausen wurden von 1937 bis 1945 etwa 200.000 Häftlinge gefangen gehalten. Es gab etwa 35.000 Todesopfer, darunter allein im August 1941 die Exekution von 13.000 sowjetischen Kriegsgefangenen.
Im sowjetischen Internierungslager Sachsenhausen gab es von 1945 bis 1950 etwa 60.000 Häftlinge. Etwa 12.000 von ihnen starben an Unterernährung und Krankheit.
Festgestellt wurde in dem Seminar, daß das sowjetische Lager nicht als „Vernichtungslager“, sondern als „Isolierungslager“ betrieben wurde. Gefoltert, erhängt, erschosen wurde niemand.
Es wurden nicht nur faschistische Täter interniert, sondern auch Unschuldige, Denunzierte, besonders des „Werwolfs“ verdächtigte Jugendliche. Wie hoch der „immer wieder und bis heute aus politischen Gründen zu hoch angegebene Anteil“ der Letztgenannten ist, sei immer noch in vielem unerforscht. Das stellte im Eröffnungsvortrag Dr. Ines Reich (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten) fest.

Dienstag, 26. Juni 2007

Wortgeflüstertes

Himmel

http://wortgefluester.twoday.net/20060710/

Bundeswehr-Tornados in Afghanistan

tornado5 tornado1 Tornado3

Geile Maschinen!
Da wird mancher Pilot seinen Tornado-Orgasmus kriegen.
Und mancher General auch.

Und wir, wollen wir mehr wissen?
Manche alte Eule gibt keine Ruhe.
http://alteeule.blogg.de/eintrag.php?id=329
http://alteeule.blogg.de/eintrag.php?id=322

tornado6 tornado4




















































.

22.6. nach 19 Tagen

Die Strecke Berlin-Jena und zurück muß es mir ja wirklich angetan haben. Eben noch mit dem Fahrrad die Autobahn unterquerend, rausche ich jetzt mit dem Clio nach Berlin zurück, einem wichtigen Familienfest entgegen.

unterwegs

Neunzehn Tage war ich unterwegs.
Im Durchschnitt bin ich 30 km pro Tag gefahren, macht in der Summe knapp 600 km.
Meine Reiseeinteilung - im Wechsel 3 Tage fahren, 2 Tage Station in einer größeren Stadt - hat sich richtig gut bewährt.
Im Durchschnitt habe ich ausgegeben pro Tag knapp 40 €, macht in der Summe etwa 750 €.
Hauptposten: Gaststättenbesuche mit gut 250 €, Unterkünfte für reichlich 200 €, Literatur/Kultur etwa 100 €. Internet schlug übrigens mit 20 € zu Buche.

Ich hab mich die ganze Zeit und danach ausgezeichnet gefühlt. Also voller Erfolg, denke ich, unter dem Gesichtspunkt
meiner (erweiterten) Rekonvaleszenz und der laufenden körperlichen Übung eines KHK-Geschädigten. (KHK- steht für „Koronare Herzkrankheit“.)
Die Belastung muß trotzdem hoch gewesen sein. Das spürte ich daran, daß ich am Ende nicht den Wunsch gehabt hätte, die Fahrt auf vier, fünf Wochen auszudehnen. Und ich holte in der ersten Zeit nach der Fahrt viel Schlaf nach.

Meine Tabletten habe ich unterwegs natürlich immer brav eingenommen, ein einziges Mal die Abendration vergessen.
Den Diätplan (Cholesterin) hab ich, im Bewußtsein, ständig eine Menge zu leisten, nicht immer streng eingehalten, besonders was Kuchen betrifft. Leugnen wäre hier zwecklos.

schmeckt

Bei aller Beachtung körperlicher Momente: Das Wichtigste war der geistig-sinnliche Gewinn. So viel neue Eindrücke von Land und Leuten, so viel Erlebtes ist dazu gekommen. Viele geografische, kulturelle und andere Abstraktionen haben sich mir verbildlicht, vergegenwärtigt. Mein Kopf ist wie durchgepustet und zugleich angefüllt.

Ich hab es geschafft, ohne den Druck eines (körperlichen) Leistungsziels zu fahren. Trotzdem haben Zielorientierungen immer eine Rolle gespielt, manchmal eine zu große. Sich ganz dem Weg hinzugeben, ist mir nur manchmal gelungen. Dieses Problem wird wohl immer Kompromisse erfordern, weil die Wege sich nun einmal unendlich verzweigen.
Aber ich bin auch erfreut über Verzweigungen, die ich entdeckt habe, ohne ihnen (jetzt) gefolgt zu sein.

Ich war frei in meiner Fahrt, und doch immer in Bindung, von Klausi und seiner Mama aus ihrem Glashaus verfolgt. http://meinglashaus.de/2007/06/16/klausis-kommentar-nicht-ohne-meinen-papa/
Das war ein schönes Gefühl;
wie auch die Rückkehr ins vertraute Haus und den geliebten Garten;
wie auch das Denken an neue Erkundungen.

Manche Entdeckung findet ja eines Tages einen Platz im eigenen Lebensraum.

Xylofon

21.6. letzter Tag

Pünktlich, 8.30 Uhr, als ich beginnen will das Zelt abzubauen, setzt ein Gewitterregen ein.
Ich darf zwei Stunden im Zelt abwarten, Lesen, Reisetagebuch schreiben.
Meine Fahrt führt den Saaleradweg aufwärts von Naumburg nach Jena, Endstation.

Klingers-Weinberg

Rückblick auf Klingers Weinberg in der Ferne.

Die-Saale-tost

Manchmal tost auch die Saale.

Es war eine schöne Tour, trotzdem ist meine Laune heute nicht die beste.
Das Wetter ärgert mich mit Nieselregeneinlagen. Der Radweg ist nicht immer gut ausgeschildert, und er führt - man ist verwöhnt - oft vom Ufer weg über Straßen. Die liegen dann über häßlichen kleinen Hügelbuckeln, die mir heute, nach meinem gestrigen Bekanntschaft mit dem Weinstädtchen Freyburg an der Unstrut, ziemlich schwer fallen. Ich hab nicht wirklich einen Kater, doch die Hausmarke in der Künstlerkneipe, ein Müller-Thurgau der Freyburger Winzergenossenschaft aus dem Faß, war tatsächlich süffig.
Außerdem sind für den ganzen ungemütlich kühlen Tag weitere Regengüsse angesagt, so daß ich trockene Phasen zum Weiterfahren nutze und mir nicht die Zeit nehme, den berühmten Saaleburgen Besuche abzustatten.
Ausnahme Ruine der Cyriaksburg, wo ich auch gleich über einen hübschen Gedenkstein stolpere.

historisch

Doebritschen

Fast eine Ritterburg, romantisierender Blick auf die noch weitgehend intakte Hofanlage eines ehemaligen Ritterguts in Döbritschen. Sozusagen vor der Haustür.

Ich bin in Jena. Meine liebe Frau ist noch auf Arbeit.
Erster Hauptwunsch jetzt: Sauna oder wenigstens heißes Bad.

Montag, 25. Juni 2007

20.6. Naumburger Vermischungen

Naumburg wäre keine deutsche Stadt, wäre das Ethos des Naumburger Meisters (der übrigens seine Lehrjahre in Frankreich verbrachte) ein alles bestimmender Wert.
Naumburg ist allzu deutsch im wilden Durcheinander von deutschem Gemüt, deutschen Wünschen und deutscher Hirnrissigkeit. Dafür stehen Namen wie Nietzche und Klinger, nicht zu trennen von ihrer Zeit und ihrem Umfeld.

Nietzschehaus

Das Haus von Mutter Nietzsche, zugleich Pflegehaus des unheilbar Kranken, ist sorgfältig hergerichtet. Man beschränkt sich vernünftigerweise darauf, wesentliche Lebensdaten des Ideologen zu veranschaulichen, ohne en passant in seine Texte einführen zu wollen.
Das Obergeschoß ist z. Z. einer Ausstellung über das Wirken der Schwester vorbehalten, die sich in besonderer und teils zweifelhafter Weise für die Herausgabe und Verbreitung seiner Werke engagiert hat. Am Ende, 1935, im Spitznhäubchen, ist die hochbetagte Antisemitin selig, den Führer empfangen zu dürfen: "Fritz hätte sich so gefreut."
Auch wenn es mich dequalifizieren sollte: Ich habe es nie geschafft, mehr als nur in einzelnen Seiten den Nietzsche zu lesen. Ich konnte ihn nie anders, denn als zeitlebens Pubertierenden wahrnehmen; einen der deutschen genialischen Pubertierenden.

Klinger, der vierzehn Jahre Jüngere, hat natürlich Nietzscheporträts und -büsten gemacht; sollte (gleichsam als berühmer Naumburger Nachbar, so Nietzsche-Schwester Elisabeth), unbedingt seine Totenmaske abnehmen, hat terminlich nicht geklappt.
Klingers langjährige Gefährtin, Elsa Asenieff, riß sich darum, den kranken Nietzche zu pflegen (was Eli zu verhindern wußte). Vierzig Jahre später war die Asenieff selbst Patientin eines Irrenhauses. Sie starb 1941, vielleicht als Opfer von Hitlers "Euthanasie".
Die Nietzsche-Schwester übrigens haben Jenaer Professoren in einer Denkschrift für den Nobelpreis vorgeschlagen. Auf ähnlicher Ebene scheint zu liegen, daß sich Klingers Gefährtin nach der Trennung von ihm, die sie nicht verwinden konnte, als "die bedeutendste Frau Europas" sah, eine Frau immerhin, Wienerin, die aus einer sterilen Ehe in Sofia ausbrach, um die Jahrhundertwende zu den ersten Studentinnen an einer Universität gehörte und später eigenwillige feministische Werke veröffentlichte. Selbstbewußte moderne Frau und zugleich "femme fatale", damit auch diese Vermischung bedient sei.

"Femme fatale" des Max Klinger, den ich immer im würdigen Rock sehe und der doch ein Erotomane vor dem Herrn war (was in besten freien Arbeiten schön zum Ausdruck kommt). Klinger der betuchte Bürger und Mittelpunkt eines einträglichen Geniekults, der zugleich soziale Mißstände, die Notlagen der Ausgestoßenen, wahrnahm und so nachdrücklich zu einem Gegenstand seiner Kunst machte, daß Käthe Kollwitz ihn zeitlebens bewunderte (und auch an seinem Begräbnis teilnahm).
Klinger, der den Althumanisten Brahms verehrt (und schließlich auch dessen Wertschätzung erringt) und andererseits Hindenburg plakatiert, um weitere Spenden für den Krieg einzutreiben.

klinger1 Klinger2
























Seine Grabplastik hat Klinger selbst geschaffen und bestimmt, seine Stele und die seiner jungen Geliebten, buchstäblich Tage vor seinem Tode geehelichten Frau, schuf ein gemeinsamer Bildhauer-Freund, der wiederum ein halbes Jahr später die Witwe heiratete.

Klinger3

In Klingers Weinberg stehen auch heute noch oder wieder die Rebstöcke „wie die Gendarmen“ und zu seinen Füßen strömt die Unstrut eilig der Vereinigung mit der Saale entgegen.

19.6. Naumburg, du Schöne

Damals, vor mehr als fünfzig Jahren, im fernen Rostock (in der Schule waren die Namen Ekkehard und Uta und Regelindis gefallen), hat mich der Bildband eines Paulus Hinz mit den Stifterfiguren des Doms zu Naumburg bekannt gemacht.
Wenig später hab' ich es so eingerichtet, in den Ferien Naumburg zu besuchen.

Regelindis

Als ich jetzt wieder im Westchor des Domes stand, immer wieder von Figur zu Figur gegangen war, hatte ich dasselbe Gefühl wie damals: Das Gefühl, mich einfach nicht trennen zu können. So, als dürfte ich diese Mensch gewordenen Steine oder Stein gewordenen Menschen nicht allein lassen; so, als würde erst durch die Zuwendung eines lebendigen Menschen der Lebensgeist befreit, den der Naumburger Meister seiner Zeit abgelauscht und den Menschen durch die Jahrhunderte als Botschaft geschickt hat.
Nur vor Barlachs Figuren in Güstrow, dem anderen schönen Ort, habe ich Ähnliches erlebt.

Und doch ist Naumburg mehr als der Ort seines Meisters. Mit der Wenzelskirche gibt es da einen Raum, in dem die Bachsche Orgel unvergleichlich ertönt, zur Orgelzeit, 12 Uhr Mittags, an mehreren Tagen der Woche.

Naumburg hat nicht nur, wie jedes deutsche Städtchen, das auf sich hält, sein bißchen Mittelalterflair aufgemöbelt. Das auch.

Naumburg1

Naumburg-2

Aber Naumburg hat davon im Überfluß, und so finde ich Wanderer (der bald zum Bewunderer wird), an vielen Ecken und Enden die Reste früheren Lebens. Gut Erhaltenes, schlecht Erhaltenes, Ruiniertes, Würdiges, Schäbiges und Weniges, das von Bausünden neuerer Zeit erdrückt wird. So entdeckte ich am Marientor, abseits des Touristenpfads eine rührende Szenerie des Alt-Naumburg.

Naumburg-3

Und schließlich ist Naumburg auch noch Landschaft, in der die Kirschen reifen und die Weinstöcke gedeihen. Zwar trennt der Bahnhof wie ein Eisenriegel die Stadt von ihrem Blütengrund aber vielleicht schützt er auch beide voreinander.

Naumburg4

Wer sucht, findet, passiert eine Fähre, bewundert ein 100-jähriges Schiffchen und steht unvermittelt im Tor des Weinlandes Saale-Unstrut, wo neue Überraschungen warten.

Naumburg-5

Auch das "steinerne Buch" gehört dazu, eine Folge von 12 volkstümlich aufgefaßten Szenen aus der Bibel, ein Felsrelief von etwa 200 m Länge aus den 20er Jahren des 18. Jahrhunderts.
Es wartet im wahrsten Sinne darauf, restauriert und öffentlich zugänglich gemacht zu werden.

18.6. Zeiten und Bauten

Naumburg-Dom-3

Die mächtigen Dome, die ich während meiner Reise gesehen habe, nur Brandenburg/Havel, Merseburg, Naumburg seien genannt, sind alle zwischen 800 und 1000 Jahre alt. Welche Macht- und Gestaltungswille nahm plötzlich Bau-Gestalt an, nach vorhergehenden Jahrhunderten namenloser "Waldursprünglichkeit"?

Naumburg-Dom1

Und nicht nur Wille, welch Vermögen war akkumuliert, daß plötzlich solche Bauten vollbracht werden konnten? Historiker könnten Antworten geben.
Nicht zu vergessen: Es hatte die Zeit der Kreuzzüge begonnen. Welche Kraft trieb plötzlich die christliche Kirche, die ganze unendliche Welt Gottes in Besitz nehmen zu wollen?

Naumburg-dom2

Die gewaltigen Bauten, errichtet buchstäblich neben Sümpfen oder Adlerhorsten, verblüffen noch heute. Die Zeiten müssen zum Bersten intensiv gewesen sein. Ihr innerer Mechanismus bleibt mir rätselhaft, ihre Wahrheit verborgen.
Vielleicht ist es kein Zufall, daß zu jener Zeit die absolute Stilisierung durchbrochen wird und in der Literatur (Minnegesang, Nibelungenlied), in der Plastik (Naumburger Meister) einige Meister erstmals (nur vorübergehend und selbst noch anonym bleibend) ihren persönlichen Kunstausdruck finden?

Andere Zeiten haben nicht weniger selbstbewußt, nicht weniger nachhaltig ihren "Baustempel" in die Landschaft gesetzt.

Schloss-Weissenfels

Hier sieht man z. B. das Schloß Weißenfels, gewiß keine berückende Schönheit aber doch ein mächtiges und würdiges Bauwerk, das die Wirklichkeit und den Geist fürstlicher Größe zu repräsentieren wußte.
Oder die Wilhelminische Zeit mit ihrer noch pickelhaubigen aber schon gasgefährlichen Aufgeblasenheit. Man denke an das Völkerschlachtdenkmal oder den Berliner Dom. Von den Nazis zu schweigen.

Unsere Jetztzeit, obwohl sie doch unendlich viel baut, erscheint mir geizig beim Errichten großer Bauwerke der Besinnung. Meistens sind Bauwerke heute auf die Erfüllung präzis definierter Zwecke ausgerichtet. Die erfüllen sie (im besten Falle) konsequent, mehr nicht.
Bauwerke, die auch deshalb die Jahrhunderte überdauern, weil sie den Menschen "zu sich bringen", sind kaum im Programm. Werden sie nicht gebraucht? Oder sind sie einfach nicht möglich?
Oder können die neuen Zweckzwitter "Reisen+Kaufen", wie etwa die neuen/erneuertern Hauptbahnhöfe von Berlin oder Leipzig oder "Promenieren+Kaufen" als die Tempel gelten?

Leipzig-kaufen

Auch die abgeschaffte DDR hat überwiegend Zweckbauten errichtet.
Allerdings baute man in den frühen fünfziger Jahren zahlreiche Kulturhäuser, die sozusagen vom Grundstein an mit der stalinistischen Patina des befreiten, glücklich Menschen versehen wurden. Meist sind sie heute in einem beklagenswerten Zustand, wie dieses Bild von der Ruine des Kulturhauses Zinnowitz verdeutlichet.

Kulturhaus-Zinnowitz
Ruine-Kulturhaus-Zinnowitz

Doch es gibt einige Bauten der an so Vielem Mangel leidenden DDR, die sowohl einen groß gemeinten humanistischen Anspruch an die Menschen verkörpern bzw. verkörperten, als auch dem Individuum den Raum einräumen bzw. einräumten, sich persönlich und frei zu diesem Anspruch in Beziehung zu setzen.
Mir scheint, das kann man von der Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald sagen.
Ich glaube, daß das Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen ein solches Bau-und Kunstwerk ist.
Und auch der Berliner Palast der Republik scheint/schien mir in wesentlichen Teilen ein gelungenes, unwiederholbares Beispiel dieser Art zu sein. Wenn das zutrifft, dürfte sein Abbruch als starker Beweis für politisch motivierten Bauvandalismus in die Geschichte eingehen.

Dienstag, 19. Juni 2007

17.6. Sitte in Merseburg

Ohne daß es ursprünglich so geplant war, entwickelt sich die Wiederbegegnung mit drei großen DDR-Malern zu einem bleibenden Ergebnis meiner Ferienfahrt:
Wolfgng Mattheuer in Leipzig,
Willi Sitte in Merseburg,
Werner Tübke in Bad Frankenhausen.

Heute also habe ich die neue Sitte-Ausstellung in Merseburg besucht.

Sitte2

Und ich war einerseits überrascht von der angenehmen Atmosphäre des Hauses in der unmittelbaren Nähe des Domes (der gleichsam zu den Fenstern in die Ausstellungsräume hineinschaut). Und zugleich war ich beeindruckt von Sittes Werken, alt vertraute ebenso dabei wie mir unbekannte, deren beste sich auch heute souverän behaupten.
Willi Sitte vermeidet jede Anbiederung an den Zeitgeist.
Nicht nur am Beispiel seines großen Werkes "Lidice" hätte anderes nahe gelegen. Jahrzehntelang hatte er heftige Auseinandersetzungen mit maßgebenden Kulturpolitikern. Damals wie später haben künstlerische und kulturpolitische Differenzen seine politische Parteinahme für den "Unrechtsstaat" nicht erschüttert.

Sitte hat sich mit seinen Werken oftmals und lautstark eingemischt und oft eine derb-dramatische Bildsprache bevorzugt. Ich verhehle nicht, daß mir manches dabei plakativ vorkommt und zu sehr auf der Ebene des "ersten psychologischen Zugriffs" verbleibt. Doch er wäre nicht der Meister, wenn er nicht solche Kritik sogleich in die Schranken wiese mit Werken, die gerade durch ihren unmittelbaren Zugriff überzeugen, wie hier in der Ausstellung z. B. die im Wasser jauchzende Frau.

Sitte1

Die in der Ausstellung zu sehenden Porträts seiner Eltern bzw. das Porträt seines Vaters mit Selbstbildnis sind nicht nur psychologisch feinsinnig, sondern auch Ausdruck von tiefer Menschenachtung und Liebe und Dankbarkeit.

Sitte3 Sitte-mit-Vater

























Das sind ethische Kategorien, die nicht wenige Kulturpolitiker von heute aus jeder Kunstschöpfung und -betrachtung verbannen möchten. "Verzichtskunst" nenne ich künstlerische Produkte, die solchen Vorgaben folgen. Verzichtskunst ist Sittes Sache auch heute nicht. Er kann sehr direkt sein, wenn er beobachtet, wie "Herr Mittelmaß" neuerdings die "Weltkunst" entdeckt.

HerrMittelmass

Mit dieser Figur bekannt zu werden, gehörte für mich zu den interessantesten Aspekten dieser Ausstellung.
Herr Mittelmaß ist oft ein etwas fülliger männlichr Akt "in den besten Jahren". Er ist Einer, dem es nicht "um die Sache geht", oft ist er vollgefressen, immer weiß er, wie er "mit dem Arsch an die Wand kommt". Ihre große Zeit im Schaffen Sittes hatte diese Figur, wie könnte es anders sein, während "der Wende". Aber auch lange vorher und besonders in den achtziger Jahren finden sich ihre Vorläufer.
Es ist sympathisch zu sehen, daß Sitte, immerhin viele Jahre ein hoher Funktionär im DDR-Machtsystem, ebensolche Abneigung gegen manche Systemausnutzer verspürte, wie der sprichwörtliche "einfache ehrliche Genosse".
Doch bei aller Sympathie, im Grunde ist "Herr Mittelmaß" keine besonders reflektierte Figur. Sie ist eine Projektion des Ärgers über kritikwürdige Zustände in der DDR, die allenfalls öffentlich benannt wurden (und dann meist in verschämter, beschönigender Form) aber keinesfalls gründlich analysiert wurden.
So drückt sie eigentlich Sittes (und unser aller) Unfähigkeit aus, den negativen Signalen des realsozialistischen Lebens auf den Grund zu gehen.
Sie markiert die Leerstelle der sozialistischen Systemkritik, die sicher kein Maler, wohl aber die ganze Gesellschaft und speziell ihre marxistisch-leninistischen Philosophen und Ideologen zu leisten (gehabt) hätten.
Auch darüber habe ich mich gefreut, daß an diesem Ort solche Überlegungen lebendig wurden.

Sonntag, 17. Juni 2007

15./16.6. In Leipzig brodelt das Leben

Was da genau brodelt, in Leipzigs Mitte, habe ich im Einzelnen nicht herausgefunden. Als teils florierender, teils stagnierender Hauptort in teils florierender, teils stagnierender Umwelt ist die traditionsreiche Stadt nicht unbedingt zur "Wachstumslokomotive" prädestiniert. Vielleicht ist es einfach die Mischung aus der sprichwörtlichen sächsischen Umtriebigkeit, aus Business und fraglos vorhandener historisch-kultureller Substanz die eine Portion Attraktivität und hier und dort ein Glanzlicht zaubern.

Klinger

Z. B. Max Klinger. Im neuen Museum der bildenen Künste wuchert man mit dem Pfunde, das man hat. Eine große Ausstellung ist dem Künstler ausgerichtet, die seiner Überschätzung ebenso wie seiner Mißachtung entgegenwirkt. Im Einzelnen wird nachgezeichnet, wie Klinger auf die unterschiedlichsten Künstler anregend, ja befreiend wirkte. Seine Bedeutung für Kubin oder Munch hat mich nicht überrascht, schon eher, die außerordentliche Wertschätzung, die Käthe Kollwitz und Hans Baluschek ihm entgegenbrachten.
Es treten tatsächlich, wenn man von der Geniepose absieht, beeindruckende Leistungen zutage - die präzise Darstellung sozialer Konflikte ebenso, wie einprägsame Sinnbilder der Abgründe des bürgerlichen Heldenlebens bis hin zu kraftvollen Proben erotischer Kunst.

Leipzigs moderne Malerei ist nicht zu trennen vom Wirken des 2004 zu früh verstorbenen Wolfgang Mattheuer.
Jahrhundertschritt
Für Juli bis Oktober 2007 kündigt das Museum der bildenden Künste eine große Ausstellung seiner Landschaftsbilder an. Schon jetzt dürfte sicher sein, daß mit dieser Schau der in mehrfacher Hinsicht exemplarische Künstler in manchem neu zu entdecken ist.
Termin vorgemerkt.

Andere Ausstellungen habe ich besucht, darunter eine Hans Ticha gewidmete, die leider nur seine Buchillustrationen brachte. Immerhin dabei entdeckt "Babyherrschaft" aus dem Eulenspiegelverlag von Peter Hacks, von Ticha illustriert.

Und eine Ausstellung im "Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig", einer offiziösen Stätte der BRD: "drüben. Deutsche Blickwechsel", eine Propagandaausstellung; wo sonst gibt es noch freien Eintritt? (Selbst in der Nikolaikirche - offen für alle - heißt das Orgelvesper jetzt Orgelkonzert und kostet Eintritt. Abseits in einem Eckfenster der Kirche ein kleines Kreuz zum Gedenken an die im Irak gestorbenen 3000 GI - offen für alle? )
"drüben" fährt, wie es sich gehört, die Fülle der Medien auf. Der Besucher ist beschallt, berieselt, beflimmert. Er ist intensiv, dabei durchaus nicht allzu grobschlächtig, eben auf moderne Art, "in die Mangel" genommen. Mensch geht durch mit einem vielmals wiederholten "Aha" im Sinn, "Aha" - wiedererkannt, "Aha" - interessant, "Aha" - nein sowas.

Sollte es nicht möglich sein, daß auch zeitgeschichtliche Ausstellungen (darin manchen Kunstausstellungen ähnlich) Anregung und Raum zum eigenen Nachdenken geben? Wehe du gehst naiv in solche Ausstellung, "um zu erfahren, wie es war". Wer sich seiner eigenen Fragen bewußt bleibt, erfährt nichts. Wer keine hatte, merkt nicht, daß er nichts erfährt.
Welche Interessen welcher Mächtigen haben die dokumentierte Zeit bestimmt?
In welchen jeweiligen Jahrhundertkontext (oder müßte es genauer heißen: Menschheitskontext?) hatte sich jeder der beiden deutschen Staaten gestellt?

Ich fühlte das dringende Bedürfnis nach einer "anderen Exposition", keiner, die die Tatsachen leugnet, aber einer, die den Blick öffnet für die realen historischen Zusammenhänge jenseits der heute vorgegebenen Wahrnehmungsgrenzen.
Wenn Günther(?) Friedrich in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sein "Antikriegsmuseum" gegen den Mainstream schaffen konnte, sollte es da nicht möglich sein, ein "DDR-Museum" gegen den Mainstream aufzubauen?

Und Bach, zur Bachwoche?
Ich muß gestehen, Bach war diesmal für mich "eine andere Liga", eine Höhe, zu der ich mich nicht erheben konnte. Allein die Vorstellung, mein Urlaubsbudget von fünf Tagen für eine der elitären Bachveranstaltungen einzusetzen, machte mich mißmutig. Aber das war nur die eine Seite.
Im Grunde war ich viel zu beschäftigt, irgendwie ein Verhältnis zu Leipzig zu finden, von dem ich nur eines wußte: Daß es mein altes Leipzig nicht mehr wäre:

bauen-in-Leipzig

- das Leipzig, an das ich als 4 1/2-Jähriger eine Kriegserinnerung habe
- das Leipzig, das ich 1955 als begeisterter Judosportler zum deutschen Turn- und Sportfest besuchte (übrigens mit dem Rad von Ilmenau aus)
- die Stadt, in der ich die ersten (einfachen) Merkwürdigkeiten von Sex kapierte
- das Leipzig, in dem mir jemand das Insel-Bändchen Nr. 250 schenkte
- die Stadt, in der ich Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands" einfach im Schaufenster entdeckte und kaufen konnte
- die Stadt so vieler Arbeits- und Messe- und Kneipenerlebnisse.
- die Stadt, in der ich nie in Auerbachs Keller, nie in der Oper, nie im Gewandhaus, nie in der Thomaskirche war.
Und so viel mehr, abgesetzt im Schlick der Jahre.

Samstag, 16. Juni 2007

15.6. In der Ebene nach dem Gipfel

Der Beginn meiner Ferienfahrt gen Süden fiel mit den ersten Protestaktionen im Norden zusammen. Räumliche Distanz, nicht Distanzierung.
Seit Monaten hatte alles, was links, alternativ, protestbereit usw. war gegen den Gipfel der G8 an der Ostseeküste mobilisiert. Ich habe diese Bemühungen mit Sympathie verfolgt. Hochachtung verdienen der Mut, die Tatkraft, die Phantasie der Aktiven. Selbst aktiv zu werden, blieb mir aber ziemlich fern. Warum eigentlich?

Vielleicht liegt es an der Grundkonstellation.
Alle die Gipfelhäupter haben die demokratischen Weihen, sprich viele Millionen Stimmen ihrer jeweiligen Bürgergesellschaften. Wie wenig real- oder gar radikaldemokratisch die sind, braucht mir niemand zu erklären. 80 oder 100 Tausend Demonstranten haben zwar ihre unbestreitbare basisdemokratische Legitimation. Aber eben nur mit dem Gewicht von 80 oder 100 Tausend.
Wenn die acht Häupter die UN beiseite lassen und sich anmaßen, die Geschicke der Welt zu bestimmen, so ist das eine Sauerei gegenüber den übrigen 150 Nationen. Diese sollten dagegen laut und deutlich auftreten. Fragwürdig wäre es aber, würden 80 000 Demonstranten versuchen, die Völker der Welt zu vertreten. Das wäre nicht nur eine Selbstüberforderung.

Viele kritische Positionen der Demonstranten teile ich. Wenn sie am Ende aber in dem Satz zusammenlaufen: "Eine andere Welt ist möglich!", beschleicht mich doch ein Gähnen. Konkrete politische Analysen und konkrete politische Forderungen an jeden einzelnen Gipfelteilnehmer und an alle gemeinsam sind erforderlich. Den G8 statt dessen mit Rhetorik zu begegnen, das muß zum Verpuffen eines großen Teils der aufgewandten Energie führen. Das verlängert außerdem die Desorientierung der Masse der beobachtenden Bevölkerung.

Wie löblich ist es, energische Taten zur Rettung des Erdklimas zu fordern. Wie zweideutig aber ist es zugleich, kaum ein Wort zu den Kriegen zu verlieren, die etliche der G8-Staaten führen. Immer noch, auch in unserer so komplexen Welt, werden Kriege von Menschen gemacht. Demokraten und Humanisten müssen die Verursacher und Gewinner der Kriege nennen und sich mit den Opfern und dem Widerstand solidarisieren. Darunter geht es nicht.
Übrigens gehört auch zur politischen Bewußtheit, daß die globalisierungskritische Bewegung zu den Parteien des herrschenden Demokratiesystems in offen erklärte, nachvollziehbare Beziehungen tritt.

Bei der politischer Blässe verwundert es nicht, daß die Blockaden, die "Aktionen am Zaun" zu den heiß umkämpften Highlights wurden.
am-Zaun
Ja, Widerstandsaktionen können die beste Schule sein, wenn sie klaren politischen Zielen dienen, nicht aber, wenn sie tendenziell Selbstzweck werden.
Einige hatten anfangs sogar den Kampf "Mann gegen Mann", "Demonstrant gegen Bulle" zur Krone des G8-Protests erhoben. Sie priesen das tolle Gefühl, mal "den Bullen das Laufen beigebracht" zu haben. Sie hatten endlich wieder einmal den Schritt vom Rande der politischen Arena mitten auf den Abenteurerspielplatz geschafft.
Um die Erlaubtheit und die Zweckmäßigkeit von Gewaltausübung ist jetzt wieder eine Diskussion aufgeflammt. Ich hoffe, daß die reichen Erfahrungen, die es dazu gibt, für die Akteure von heute interessant sein werden. Dazu gehört es, genau zu unterscheiden zwischen den Geheimagenten des Staates, den Extremisten, die nur aus Zufall nicht bei den Nazis gelandet sind und den Kindsköpfen, die aus aktionistischem Übereifer handeln.

Es wird noch viele G8-, G12- oder G15-Gipfel geben. Werden die Kritiker des globalisierten Kapitalismus Gegenrechnungen aufmachen, die diesen Namen verdienen? Und wer wird sie eintreiben?

Freitag, 15. Juni 2007

14.6. in Leipzig angekommen

Gestern und heute viel Sonne, viel Hitze.
Ich fahre mit Wonne und gucke und schwitze.

Die Dübener Heide hab ich bewußt auf einsamen Wegen durchquert. Trotzdem von Heide keine Spur. Von Anfang bis Ende ging es durch Wald, und geschlaucht haben die aufgeweichten Forstwege.

Bad Düben wirkte auf mich ähnlich steril, wie Bad Berka vor einigen Monaten. Ob es gerade der Kurbetrieb ist (von dem man ja eigentlich "Kurleben" erwartet), der die Städtchen leerfegt, eben weil die Kureinrichtungen eher Leben "aufsaugen" als hergeben?
Der weitere Weg über Eilenburg nach Wurzen führte durchs Muldetal.

Mulde

Der Mulde hat man ihre Überschwemmungsflächen noch nicht genommen, und entsprechend naturwüchsig und belebt und abwechslungsreich ist diese Flußlandschaft. Dazu der meist gut ausgebaute Radweg und auch noch erntereife Kirschbäume am Rande, was willst du mehr?

Faehre-Gruna

Wurzen, Geburtsort von Hans Bötticher/Joachim Ringelnatz, wollte ich nun endlich kennenlernen. Die "große Kreisstadt" stellt sich als eine einzige Baustelle dar. Die ganze Stadtanlage, auch einzelne Gebäude, haben durchaus etwas Enormes, dagegen und dazwischen die untilgbaren Spuren, die der Hammer des Krieges geschlagen hat (noch krasser ist das in Eilenburg sichtbar geblieben). Ja, die Deutschen wohnen in einem Vaterland, das als Folge ihrer Kriegsgeilheit 50% seiner historischen Identität, zumindest seiner städtisch-baulichen, verloren hat. Vaterlandsvergessene Bande, die nicht zu schätzen weiß, was sie hat.

Das städtische Museum Wurzen befindet sich in einem Haus aus dem Mittelalter. Seine Maße, seine Gliederung, sein Geist - man muß es einfach lieben. In seinem Zentrum eine Treppe mit Charakter, eine derbe, breite, unregelmäßige Wendeltreppe aus Holz.

Die-Treppe

In der vorgeschichtlichen Abteilung des Museums ist ein besonders wertvoller Bronzering erwähnt (gesehen habe ich ihn nicht), von dem es heißt, durch die Restauration sei er leider kleiner geworden und im Wert gemindert.
DAS hat mit noch kein Museum gesagt!
Die Ringelnatzausstellung ist nicht sehr groß aber sie zeigt dem aufgeschlossenen Besucher einen Ringelnatz, nicht zuletzt den Zeichner und Maler, wie er ihn vielleicht noch nicht kannte und nun besser kennenlernen möchte.
Ringelnatz

In der Ringelnatz-Buchhandlung am Markt frage ich nach Bernd Wagner, einem anderen Schriftstellersohn der Stadt. Sieh da, der Name ist der Buchhändlerin sogar bekannt, allerdings keins seiner Bücher, und lieferbar ist auch nichts.

Von Wurzen nach Leipzig.
Und noch einmal ein Lob den zerzausten, verkrüppelten, mißachteten, beraubten und doch den Wanderer, besonders den Radwanderer (denn der benutzt sein Fahrrad als Trittstufe), immer wieder auf das Köstlichste labenden Kirschbäumen!

13.6. Landschaft ist einfach da und duftet und singt

Ich höre eine Kritikerstimme: Wie banal und schwülstig: Natürlich ist Landschaft da, und was duftet sind Blumen, während die Vögel singen.
Schon recht.
Aber wie soll ich besser ausdrücken, was ich empfinde?
Dieses Erlebnis, über das ausgedehnte Feld, über den Wiesenplan zu blicken. Mehr nicht.
Alles ist sich selbst genug.

Landschaft1

Natürlich haben überall die Menschen eingewirkt, die Bauern, die Forstwirte, die Fischer. Nicht zuletzt die Bauleute haben ihre Spuren hinterlassen. Und dennoch, so sehr sie auch gestalten, kaum haben sie den Rücken gekehrt, übernimmt wieder die Natur das Regiment. Und liegt und wartet und träumt und könnte viel erzählen, wenn jemand hören wollte. Z. B. jene Wegbiegung dort, mit der kleinen, dunkler gefärbten Vertiefung, über die sich ein kahler Ast spreizt.
Immer wieder halte ich mit meinem Fotoapparat in dieses weit geöffnete Fenster, und mein Sohn, der Fotograf ist, fragt am Ende, ob es mir nicht langweilig wird, immer diese gleichartigen Landschaftsbilder zu knipsen.

Landschaft2

Die Mittagshitze flirrt, du bist eingehüllt in den eigenen Schweiß. Daß die Luft dennoch erfrischt, spürst du, sobald du in einen Schatten trittst. Deine Nase nimmt etwas wahr. Ist das Getreideduft? Allergiegeschlagen bist du nicht, aber dir fehlen Begriffe, um auszudrücken, was du undeutlich wahrnimmst: Jasmin, Holunder, Wiesenmahd, Holz, Moschus. Wieviel Begriffe würde es brauchen, um das Duftbukett eines halben Kilometers Feldweg zu beschreiben!
Der Analphabetismus des Städters.

Und nicht anders die Töne, die die Luft erfüllen. Besonders an den Waldrändern, an denen ich oft mein Zelt aufschlage, sind die abendlichen und morgenlichen Stimmen der Vögel von einer unglaublichen Vielfalt und überraschenden schönen Ausdruckskraft. Vielleicht hält ja die ganze Vogelrepublik eine außerordentliche Versammlung, und es wird über das Schicksal des Eindringlings disputiert.

Landschaft3

Des Mittags ist vielleicht, unsichtbar aus dem Himmel herab, nur lautstark die Lerche zu hören. Ich Halbblinder habe oft den leeren Himmel abgesucht und mich gefragt: Wo kommt der ganze Jubel her. Jetzt hatte sich mal eine Lerche aus der Nähe gezeigt. Deutlich konnte ich den lebhaften, mühelosen (?) Flügelschlag sehen, mit dem sie offenbar Aufwind unter ihre breit gefächerten Schwanzfedern lenkte und so (wahrscheinlich) ziemlich kraftsparend im Luftfahrstuhl manövrierte.

Radau existiert nicht in der Natur, obwohl sich nicht alles so lautlos abspielt, wie die Begegnung mit dem Fuchs, der meinen Weg kreuzt. Radau und Waffengetöse sind verwandt. Radau ist das Vorrecht des Menschen, der den modernen Maschinen vertraut. Ob die Geräte und Maschinen der künftigen, nachhaltigen Kultur wieder stiller werden?


Und alle Bilder wieder, wie ich schon einmal bemerkt und mich entschuldigt habe, ohne jede Bearbeitung.

12.6. Eisenstadt

Eisenstadt hat mich nicht geschafft und die Defekthexe auch nicht.
Nach meiner Fahrtunterbrechung hatte ich gestern nicht die richtige Entdeckerlaune. Die Hitze kam hinzu, auch die Lektüre der angesammelten Zeitungen der letzten Woche, kurz, ich beschloss, mich an den nächstbesten See zu legen. Fahrtziel also der Bergwitzsee, nicht sehr weit südlich von Wittenberg. Da passierte der erste Ärger - platter Vorderreifen. Es war nur das Ventil, Problem also schnell behoben. Der zweite Ärger - plattes Hinterrad. Mit viermal Nachpumpen erreichte ich wenigstens den Campingplatz Bergwitzsee. Beim Wechseln des Schlauchs passierte dann der dritte Ärger: Der winzige Plasteschniepel des winzigen Plasteteils der Nabenschaltung, das auf der Hinterradachse sitzt, brach weg. (Jetzt weiß ich, das Teil heißt "Fixierhülse", ein Pfennigartikel, für den man aber 4,60 Euro bezahlt.) Nichts ging mehr. Also mühsam (weil immer im 6. Gang) die 10 Kilometer nach Gäfenhainichen zum Fahrradmonteur. Während er das Fahrrad in Behandlung nahm, machte ich mich auf zur Eisenstadt "Ferropolis",
Eisenstadt1
einer Halbinsel, auf der sich fünf Braunkohle-Tagebau-Giganten des ausgekohlten Tagebaus Golpa Nord ein Stelldichein geben.
Eisenstadt2
Auf einer Halbinsel, denn der ehemalige Tagebau wird seit 2000 geflutet und geht jetzt langsam seiner Vollendung als Grimmener See entgegen, in Ausmaßen etwa des des Berliner Müggelsees. Das waren hin- und zurück 10 km Fußmarsch in drückender Sonnenhitze.
Aber glücklich war ich am Ende doch über mein wiederauferstandenes Fahrrad, jetzt auch gleich mit komplett neuen Decken. Dann eine flotte, immer eiligere Rückfahrt. Sie wurde nämlich von zunehmendem Donnern und Blitzen begleitet. Am Ende war ich völlig durchnäßt, nicht vom Gewitterregen, sondern vom Schweiß.

Sturm-droht

Den See peitschte der Gewitterwind, noch warf die Sonne ein fahles Licht, alle Badegäste flüchteten aus dem Wasser, während ich mich hineinwarf. Die zwei Minuten Erfrischung mußten noch sein. Dann brach ein Unwetter los, wie ich es im Zelt noch nicht erlebt habe. Woher der Sturm die Kraft nahm, auf eine schwerste Böe, immwer eine noch schlimmere folgen zu lassen? Da paßte die Redensart vom "Wüten entfesselter Elemente".
Wie die Zeltwände auch hin- und hergerissen wurden, sie blieben unlösbar verankert an den Schnüren und Stangen und Zeltnägeln. Und erstmals so deutlich durfte ich die sinnreiche Konstruktion des Überzelts beobachten, nicht nur den Regen abzuleiten, sondern auch sich dem Sturm zwar entgegenzustellen aber zugleich dem Wind auch Austritt zu gewähren, so daß der nie alle seine Macht sammeln kann. Mit extremer Stärke wütete der Sturm wohl nur eine Viertelstunde, danach gab es noch anhaltend kräftigen Regen. Ihm hab ich, in meinem Schlafsack geborgen, vergnügt zugehört. Die Feinheiten des Aufbaus und der Benutzung des Zelts beherrsche ich inzwischen so gut, daß sich gegen jede Art Regen ein Gefühl völliger Sicherheit eingestellt hat.

Sonntag, 10. Juni 2007

10.6. Wittenberg - Auszeit

In aller Ruhe Lutherstadt W. zu erkunden, hatte ich mir schön vorgestellt, SEINE Stadt, die Stadt des Patenonkels der Deutschen, des „sanftlebenden Fleisches zu Wittenberg“.
Es kam aber ein Mittelalter-Event dazwischen, genannt „Luthers Hochzeit“, und ich flüchtete.
Kurzerhand das Zelt aufgebaut, in „Sichtweite“ gestellt,

Wittenberg

dann zum Bahnhof und 2 1/2 Stunden später konnte ich bereits die Blumen im heimatlichen Garten und Tomaten im Gewächshaus vorm Verdursten bewahren.
Morgen in aller Frühe geht es zurück und dort weiter, wo ich unterbrochen habe, mit dem Ziel Gräfenhainichen - Ferropolis.

Eine Zeit der Mega-Events:
100 000 beim Stadtfest in Wittenberg,
100 000 beim Kirchentag in Köln am Rhein,
100 000 bei der Brandenburger Landpartie,
100-e beim Bikertreffen auf der Burg Rabenstein.
Da konnten es nur knapp 100 000 um den G8-Gipfel herum sein.

In Ferropolis morgen wird ja hoffentlich kein Star die Menschen herbeirocken - 25 000 faßt der Platz.

8.6. Roter Winkel in Belzig

Vorhin beim Griechen setzte sich ein betagtes Paar an den Nebentisch. Beide in bester Laune, er der Typ des lebenszufriedenen Rentiers, vielleicht ehemaliger Arzt oder Tierarzt, schmallippiges, joviales Gewinnergesicht, Schmisse fehlen. Während der Speiseauswahl und dann bei der Bestellung wirft er mit etlichen Brocken griechisch um sich. Dann ein kompletter Satz, ich denke: "Nein, nicht das noch!" und prompt passiert’s: Er zitiert eine ganze Liedzeile. Der Grieche sagt: "Ganz altes Lied, wenn ich höre, richten sich auf Haare an meine Unterarme." (Er zeigt es.) Was er damit sagen will, kann ich nicht entschlüsseln. Der "Tierarzt" sagt stolz: "Nichts vergessen, seit 1942/43, bis heute, mit 88 Jahren." Der Grieche: "Waren Sie später nochmal in Griechenland?" Der Andere: "Noch siebenmal. Aber beim ersten Mal war es am schönsten.... Nur der Krieg war mies... und es war gefährlich." (Er zieht eine bekümmerte Grimasse.)

Daß im Heutigen Vergangenes aufscheint, ist natürlich. Aber hier in Deutschland ist es immer eine Herausforderung.
Beim Besuch der mittelalterlichen Burg Eisenhardt in Belzig, einer imposanten und mit Aufwand restaurierten Anlage, stolpere ich beim zweiten Schritt im Museum über eine Munitionskiste. Siehe da: Die ortsansäßige Munitionsfabrik Roederhof produzierte mit hunderten Häftlingen einer Außenstelle des Konzentrationslagers Ravensbrück.

Im Städtchen sehe ich mich nach einem Internetcafe um.

Cafe-roter-Winkel-2

Cafe-roter-Winkel-1

Ich entdecke den Roten Winkel "der Politischen" und ein Infocafe, das diesen Namen trägt. Ich werde freundlich herein gebeten. Es ist Treffpunkt und Anlaufstelle für Ausländer. Asylbewerber bekommen hier Beratung und Hilfe. Träger ist ein Verein, den nicht zuletzt ortsansäßige Künstler ins Leben gerufen haben, nachdem es schlimme rechtsextreme Übergriffe gab. (Gab es nicht sogar einen Mordanschlag in Belzig?) Rechtsextreme, wird mir mitgeteilt, seien seitdem nicht weniger geworden aber sie sind jetzt vorsichtiger im Auftreten.

Freitag, 8. Juni 2007

8.6. Ankunft in Belzig.

Immerhin eine Kreisstadt. Ich komme mittags an. Alles wirkt in Sonnenhitze verschlafen. Siesta in der Mittelmark. Ich esse beim Griechen, im schattigen Biergarten. Ein Grieche, der weder Salz noch Pfeffer, weder Öl noch Essig auf den Tisch stellt. Joghurt mit Walnüßen und Honig ist zünftig.
Die Beschallung im Hintergrund liefert, kaum zu glauben, Vroni Fischer. Zwei große Bier machen mich angenehm dösig. in meiner Erinnerung sehe ich mich in Piräus im Straßencafe. Zusammen mit meiner schönen blonden Begleiterin. Wir haben uns gerade gestritten. Uns gegenüber ein "toller Mann", ein wirklich gut aussehender, sowohl athletisch als auch aristokratisch wirkender Mensch. Ich gestehe es mir ein, und ich sehe, wie er auf sie wirkt und sie auf ihn wirkt, und daß ich mehr als überflüssig bin. Selten erlebte Scheißsituation.

Wenn meine Pause hier zu Ende geht, werde ich noch nach einem Internetcafe hier im Städtchen suchen. Dann wartet noch die Burg Eisenhardt, und dann ab nach Wiesenburg, meinem heutigen Etappenziel.

7.6., am Strand

Von Brandenburg bin ich weggefahren, wie "Hahn ohne Kopf"; eigentlich hat es da noch jede Menge gegeben, was mich interessierte. Aber fast zwei Tage mußten vorerst genügen.
Weit bin ich noch nicht gekommen. Der Breitlingsee lädt zum Bade. Es ist eine Badestelle mit lauter Nackedeis aber ohne alle heute übliche "Freikörperkultur"-Organisation. Hier scheinen noch originale DDR-Sitten zu herrschen.
FKK
Es sind ungefähr 50 Badefreunde hier, viele kennen sich, viele sind schon älter. Es sind etwa sieben, acht Paare, 25 bis 30 Männer einzeln oder zu zweit, sechs, sieben einzelne Frauen. Drei, vier kleine Motorboote liegen nebenan.
Ein Teil der Männer, wie immer in solcher Szenerie, sitzt schweigend und schauend, manche der Frauen geben sich nachdrücklich unbekümmert. Einige genießen augenscheinlich die Männeraufmerksamkeit.
Alle Anderen lassen es sich einfach gut gehen, lesen, dösen, und Viele schwatzen miteinander.
Es ist Mittagszeit. Eine (ältere weibliche) Stimme: "Renate, willst Du eine Schnitte abhaben?" Die Antwort verstehe ich nicht, dann dieselbe Stimme:"Wer fragt, will nicht gerne abgeben."
Es gibt einen Abfallbehälter (der nicht überläuft).
Handy scheint noch nicht erfunden.
Solchen Klein-PC, wie ich gerad benutze, hat natürlich niemand. Eben versucht eine kleine Ameise, in die Tastatur zu krabbeln.
Ich durfte mir schon die zweite Zecke entfernen. Das ging mühelos.Was aber, wenn sie sich eine mir unerreichbare Stelle aussucht?
Langsam errege ich Aufmerksamkeit....
Ein älterer Mann sprach mich an. Er macht hier Urlaub, kommt aus Unna/Westfalen (das noch zur DDR-Nostalgie).
Inzwischen hat sich neben mir eine junge Frau mit zwei kleinen Kindern niedergelassen. Ihr Gesicht ist ziemlich ernst aber sie spielt schön mit den Kindern. Jetzt ist sie aus dem Wasser gekommen, trocknet sich ab. Sie hat einen allzu schlanken, dennoch schönen Körper. Ihre kleinen Brüste haben ausgeprägte Spitzen.
Pause, erstmal genug geschrieben.

Der Rest des Tages war entspanntes Sommerradeln, über Rogäsen weiter Richtung Ragösen. Ein Gewitter zum Schluß. Ich sah es lange kommen, aber hin und her gerissen, zwischen dem Wunsch, das nächste Dorf zu erreichen oder doch lieber an Ort und Stelle das Zelt aufzubauen, hab ich mich zu spät entchieden. Plötzlich pladderte es, und in fliegender Hast mußte ich das Überzelt provisorisch aufspannen (was am Rande einer älteren Schonung gut zu machen war), um den schlimmsten Guß "auszusitzen".
Das ist gerade noch gelungen. Feucht an etlichen Stellen aber nicht durchnäßt.
Quartier an Ort und Stelle aufgeschlagen, gut zu Abend gegessen und 10 Stunden herrlich geschlafen.

Donnerstag, 7. Juni 2007

6.6. 20.30 Uhr, in Brandenburg/Havel

Da posaune ich ständig hinaus, daß ich mit Muße reise, daß ich mir Weile lasse, so, als ob man sich das einmal vornimmt und dann hat man’s sicher. Das ist keineswgs so. Je mehr ich kennenlerne, umso öfter muß ich entscheiden, darauf zu verzichten, jenes sein zu lassen. Andernfalls würde ich gleich wieder in Streß geraten.
So verzichte ich bei dieser ganzen Havellandtour fast völlig auf die Havel. Und die Bruchlandschaft nördlich Ketzin, so sehe ich aus de Ferne, muß ein Paradies sein, um wochenlang Wasserurlaub zu machen.
Oder jetzt Brandenburg. Das Industriemuseum und zwei Erinnerungsstätten haben mich so gefesselt und beansprucht, daß ich alle anderen Ziele absetzen mußte: Nix Stadtmuseum, nix Dommuseum, kein Konzertbesuch am Abend.

Der Tag beginnt mit einem Rätsel. Im Frühstücksraum sitzt ein gemütlicher Mensch im roten Dress. Auf seinem Rücken lese ich "Scheibenfeuerwehr". Manchmal habe ich ja Phantasie, und so fällt mir der "Scheibenwischer" ein und der "Wochenschauer" von Martin Buchholz. Sicher ist mir gestern eine Kabarettveranstaltung entgangen. Als ich frage, kriege ich schnell Klarheit: "Na, wir machen ganz schnell die Scheiben wieder heil."
Wie konnte ich in unserer Autogesellschaft darauf nicht kommen.

Kindergarten

Die lieben Kleinen in diesem Garten werden frühzeitig daran gewöhnt, Phantasie und Spieltrieb nicht autofern zu entwickeln.
Es scheint, daß die menschliche Entwicklung auf keinen Fall hinter das Auto zurückgeht. Die herrschenden Mächte schicken sich an, die Klimafrage ernst zu nehmen. Strukturelle Fortschritte sind notwendig, heißt es, ein Autoverzicht aber, auch ein partieller, steht nicht zur Diskussion.

Dabei kann man schon als Fahrradfahrer sein blaues Wunder erleben. Ich z. B. fahre höchst unprofessionell mit einem baumelnden Beutel (Freßbeutel) an der Lenkstange. Habe versäumt, mir rechtzeitig eine Lenkertasche zu besorgen. ("Krieg ich doch überall.") Kriegte ich aber in ganz Nauen nicht.
Und nun in Brandenburg?
"Natürlich haben wir Lenkertaschen, hier für 69 Euro", sagt der stolze Spezialladeninhaber für Ketteler-Markenräder. Die zweite Verkäuferin sieht mich zum Protest anheben: "Und hier eine für 49 Euro".
"Das ist eben die besondere Survival-Qualität", tönt es hinter mir, als ich flüchte.
Beim Freund aus Vietnam habe ich eine wunderbare Gürteltasche bekommen, für 10 Euro, die bestens an meinen Lenker paßt.

Industriemuseum Brandenburg.
Museum1
Museum2
Ein kompletter Siemens-Martin-Ofen aus dem früheren VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg ist zu besichtigen - Monumental!
Mit einem Male wird mir noch einmal faßbar, was die stehende Redensart früher DDR-Jahre bedeutete: "Wir mußten erst eine eigene Schwerindustrie aufbauen."
Die alten Bekannten, metallurgische Krane aus dem Schwermaschinenbaukombinat "Ernst Thälmann" Magdeburg (SKET), sehe ich wieder. Einer kann 280 Tonnen heben.
Die gegenständliche Gewalt der Exponate spricht aus, was die DDR, jenseits aller Schwallungen in die Jahre gekommener Bürgerrechtsprofis und westdeutscher Berufsdelegitimierer auch war - eine bedeutende Industriemacht. Der nichts geschenkt wurde.
Freilich. 1989 war der (kurz zuvor noch modernisierte) S-M-Ofen in Brandenburg der letzte in Westeuropa. War diese Industriemacht nun reif zum Abtreten?

In Brandenburg geht man durch die Straßen, ahnt nichts Böses - ich habe wirklich nicht danach gesucht -
nichtsahnend
und steht vor Erinnerungsstätten der schlimmsten Naziverbrechen. Mitten in der Stadt ein Ort, heute teilweise von der Stadtverwaltung genutzt, an dem 1940 tausende Behinderte, "Lebensunwerte", ermordet wurden. Eine Gaskammer, Verbrennungsöfen, buchstäblich Haus an Haus neben den Wohnstätten nichtsahnender oder doch ahnender Bürger.
Unfaßbares, immer wieder "nur Generalprobe" für neues, immer wieder noch Unfaßbareres.
Welch ein außerordentlicher Mensch muß Georg Elser gewesen sein, daß er bereits 1939 den Tyrannenmord beschloß und mit jeder nur denkbaren Konsequenz vorbereitete.

7.6. 11 Uhr
Jetzt geht meine Fahrt weiter, in den Hohen Fläming. Mindetens zwei Tage werde ich wohl kein Internetcafe sehen.
Dann wieder aus Lutherstadt Wittenberg!

Mittwoch, 6. Juni 2007

5.6. 21 Uhr, nach Brandenburg/Havel

Heute ging die Stimmung erstmal runter.
Es fing damit an, daß es die halbe Nacht mal mehr mal weniger geregnet hat. Es ist zwar anheimelnd, wenn man dabei in den warmen Schlafsack eingekuschelt ist, aber ein wenig Sorge bleibt. Und auch ein regendichtes Zelt kann nicht verhindern, daß langsam alles klamm wird. Und wenn der alte Mann mal raus muß, steht er auch im Regen.
Am trüben und immer wieder tröpfelnden Morgen wollte ich erst gar nicht in Gang kommen. Schließlich sagte ich entschlossen: "Nun aber los!" wollte beginnen, und - da fing ein richtig doller Regen an. Hab ich mich also wieder eingeigelt. Hatte wenigstens das Gute, daß ich meinen Text vom Vortag, der mir beim Speichern verloren gegangen war, nun noch einmal eintippen konnte.
So war erst nach 10 Uhr Start. Die Windräder vor meiner Nase manschten immer noch in der Regensuppe herum.
Regensuppe
Es nieselte und war lausig kalt. (Natürlich könnte ich mich wärmer anziehen. Aber ich WILL nicht.)

Wuestung-KnoblauchRunter zur Wüstung Knoblauch. Noch die letzten Feld- und Wiesenwege werden von meiner Karte als Radwanderpisten ausgewiesen.
Von Knoblauch existiert wirklich NICHTS mehr.
Zu wissen, daß dort noch vor vier Jahrzehnten Dorfleben war! Und nun ist alles spurlos verschwunden! "Vaporisiert" nannte das, glaube ich, Orwell.
Es ist ein unheimliches Gefühl.












Radfahrer-absteigenIn Anbetracht der Trübnis und Feuchtigkeit wählte ich für die Strecke nach Brandenburg nicht, wie geplant, einen Wanderweg am Nordufer der Havel, sondern begnügte mich mit Straße bzw. einem Radweg, auf dem ich dieses dämlichste aller Schilder gleich mehrmals antraf.
Vielleicht wäre an der Havel doch Besseres gewesen als nur ein Wiesenpfad. Jedenfalls kreuzte zwischen Roskow und Weseram ein ausgezeichnet ausgebauter Radweg meine Straße, der auf meiner Karte gar nicht existierte. Nun also Klartext: Es handelt sich um die Kompass Wander- und Bikerkarte Nr. 745 "Havelland", Auflage 2007, und empfehlen kann ich sie (vielleicht bis auf Weiteres) nicht.





Brandenburg rückte näher, und für eine erste Aufhellung sorgte - wer mich kennt, den überrascht das nicht - ein Bäcker. Ich sah schon von weitem, daß da ein Truck ganz schnell mal anhielt... Berufskraftfahrer kennen sich aus.
Baecker1
Lustig bemalt die Hütte, die freundliche Verkäuferin ließ extra für mein Fotografieren den zweiten, ebenfalls bemalten Rolladen herunter,
Baecker3
die Brötchen, das Dinkelvollkorn köstlich und ein goldglänzender Baumkuchen "am Spieß".
Baecker2

Das ganze ereignete sich in Klein Kreutz, an einer ohnehin bemerkenswerten Stelle. Dort steht nämlich plötzlich ein Weinberg in der Landschaft. Zumindest heißt er so. Doch in Zeiten der Erwärmung wird sich vielleicht ein Unternehmungsgeist auch dafür erwärmen, diese Mittelaltertradition wieder zu beleben.

Quartier in Brandenburg, die Nacht für 28 Euro incl. Frühstück, Duschen/Toiletten auf der Etage. Ich bin’s zufrieden. Während ich das Hotel suche, quere ich den Gertrud Piter Platz. Ich lese: Widerstandskämpferin, geb. 1899, ermordet 2.9.1933. Den Namen hatte ich nie gehört. Das Todesdatum im September fällt mir auf. Ich dachte (auch wenn mir das Schicksal von Prominenten, wie Erich Mühsam bewußt ist), um diese Zeit sei die Hatz der ersten Wochen ("Köpenicker Blutwochen") vorbei gewesen.... ?

Der Siedlungsplatz, auf dem später Brandenburg entstand, wurde ca. 950 den Slawen entrissen. Aber nur vorübergehend. Sie wehrten sich und konnten ihre holzbefestigte Burg mitten in der Havel noch einmal 200 Jahre behaupten. Dann kam ein Fürst aus dem Westen, der den Beinamen "der Bär" erhielt - gewiß kein knuddliger Knut - und ein neues Kapitel Kultur konnte beginnen. Interessanterweise wurde Brandenburg so zwischen 1165 und 1200 gleich an drei Plätzen gegründet - auf einer Insel in der Havel, der Dominsel, auf dem Nordufer der Havel, wo die Altstadt entstand und auf dem Südufer der Havel (später dank eines Kanals ebenfalls Insel) die Neustadt. Die drei Kerne existierten jahrhundertelang nebeneinander, mit eigenen Rathäusern und repräsentativen Kirchen und bildeten zusammen das Zentrum der Mark Brandenburg, bedeutender als Berlin oder Frankfurt/Oder.
Der Gang durch diese historische Dreifachstadtlandschaft ist wirklich beeindruckend. Gewiß, man muß über Vieles hinwegsehen - großflächige Baustellen, Restaurierungsverhüllungen, an vielen Stellen Verfall, die alten Wunden des Krieges und die Bausünden vergangener Zeiten - aber es entsteht doch der Gesamteindruck eines ausgedehnten, mittelalterlich geprägten aber doch in die Neuzeit hineingewachsenen städtischen Areals. Dazu überall Wasser.
Soweit könnten meine Worte auch auf Stralsund zutreffen. Das Einzigartige an Brandenburg (übrigens auch Hansestadt) dürfte die besonders markante reichhaltige Binnendifferenzierung sein, die sich aus den Dreifachwurzeln ergibt.

Dienstag, 5. Juni 2007

4.6. 20 Uhr

Die Entdeckung des Tages war Nauen. Bisher kannte ich Nauen nur als zugigen Bahnsteig beim Warten auf einen Anschlußzug. Jetzt lernte ich ein Städtchen mit intakter mittelalterlicher Anlage kennen, mehrere Straßen, die ringförmig um ein Zentrum führen, verbunden durch gefällig geschwungene Nebenstraßen, schöne kleine Plätze und alles belebt, nicht zuletzt von flotten Nauenerinnen.

Wie immer, wenn ich naturnahen Urlaub mache, zieht es mich in alle erreichbaren Buchhandlungen. Hier fand ich eine passende Radwanderkarte vom östlichen Havelland. Darauf ist eingezeichnet der Kapellberg nahe Ketzin, auf dem jetzt mein Zelt steht. In Sichtweite befindet sich die Wüstung des Dorfes Knoblauch, das vor 40 Jahren noch existierte. Was es damit auf sich hat, kann man auf der Website des Heimatvereins Ketzin nachlesen. http://www.heimatverein-ketzin.de/ Das hat Herr Augustiniak hochinteressant beschrieben.
Auf meiner neuen Karte ist am Kapellberg eine Hütte eingezeichnet. Vor Jahren hatte ich einmal bei einer Rennsteigwanderung eine Wanderhütte schätzen gelernt. Sie war zwar verschlossen, offensichtlich für den Winter vorgesehen, ihre breit überdachte Holzveranda bot dennoch einen wunderbar anheimelnden Schutz bei feuchtemWetter.
Die Hütte am Kapellberg sieht so aus.

Huette
Spaß muß sein! (Übrigens, alle Fotos, die ich hier von unterwegs poste, sind nicht bearbeitet.)
Zu allem Überdruß war noch nicht einmal der dazugehöge Kirschbaum erntereif.
Spaß verstand man, glaube ich, auch in der erwähnten Buchhandlung. Jedenfalls guckte die Dame hinterm Tresen ganz vergnügt, als ich diese Auslage fotografierte.
Buchhandlung

Das langsame Reisen bekommt mir gut. Ich spüre, wie in mir eine ganz andere Offenheit wächst. Da ich keinem Ziel zustrebe, habe ich Zeit für alles. Fast werde ich ein Dazugehörender. Fast nehme ich alles in Besitz.
Nur fast. Manchmal ist die Zeit, die ich mir lasse, genau um die entscheidenden Sekunden zu kurz. So bei diesem Foto.
Hofblick
Die Muße für den Blick auf die (noch) verkannte Schönheit in der zweiten Reihe habe ich mir genommen. Das Foto war fertig, die Kamera verstaut, mir aber entgangen, daß sich eine "heiße Blondine" näherte, eine flotte Mittdreißigerin in enger schwarzer Hose und hinreißendem roten Pullover. Meine fotografischen Bemühungen lächelnd quittierend, ging sie zu dem Wagen, den man im Bild sieht. Die Herrin des künftig herausgeputzten Hauses dort? Davor dann ein Schild: "Privatgrundstück! Betreten verboten!"? Sie hätte so gut ins Bild gepaßt.

Ich will nicht unbedacht über schöne alte Bauten räsonieren, die dem Verfall preisgegeben sind. Zu gut sind mir noch die innerstädtischen Ruinen aus DDR-Zeiten in Erinnerung. Grübeln läßt mich aber doch, welche Art Bauten verkommen und welche gerettet werden. Und welche protzig neu hingestellt werden.
Theater-der-Freundschaft

Finanzamt

Darauf ist mal zurück zu kommen.

Ein Abstecher nach Ketzin. Am Stadtrand eine Baumschule. Ich liebe Baumschulen und fühlte mich sogleich heimisch. Ketzin liegt inmitten einer Havel-Paradies-Landschaft. Ich habe spontan die Idee nach Brandenburg an der Havel mit dem Schiff zu fahren. Leider wird daraus nichts. Es fährt nur sonntags.

Am Ortsausgang eine Kriegsgräberstätte. 180 namentlich bekannte und 12 unbekannte Tote liegen hier bestattet, fast alle männlich, nur deutsche Namen. Todesdatum der weitaus meisten ist der 5. Mai 1945 - verheizt in den allerletzten Kriegstagen, für ein paar Lebensstunden der Kreatur Hitler. Sechzigjährige sind darunter, aber auch Fünfzehnjährige. Einer, Manfred Köhler, starb an seinem 18. Geburtstag.
Ein schmaler, ernst stimmender Weg führt zum Friehof.
Der-Weg
Der Ort der Trauer wirkt schweigsam. "Der Himmel hats gegeben. Der Himmel hats genommen." - scheint ratlos-gleichmütig darüber zu stehn. Nichts verweist auf die Verstrickungen, denen die zu Tode Gekommenen in ihrem sozialen Dasein unterlagen, nichts auf Verantwortliche und Verantwortung oder gar Schuld und Sühne. Ich bin schon froh, daß die Wehrlosen nicht noch zu Patrioten aufgeblasen werden, zu ewigen Kämpfern in heiligen Kriegen, wie ich es kürzlich an anderer Stelle in diesem kleinen Land gesehen habe http://opablog.twoday.net/stories/3307468/

Aktuelle Beiträge

payday loans
eyavmycx http://paydayloansukprf.co .uk/ payday loans...
payday loans (Gast) - 2014/02/26 17:07
payday loan
xzsnprl http://paydayloansusaalg.c om/ payday loan RSHYY...
payday loan (Gast) - 2013/08/03 07:55
online payday
htaliof http://paydayloansukcxi.co .uk/ online payday...
online payday (Gast) - 2013/05/19 02:50
payday loans
jitpgjj http://paydayloansaustrali adsc.com/ payday...
payday loans (Gast) - 2013/04/11 19:23
payday Advance uk
kekbcibi http://paydayloansukdsa.co .uk/ payday Advance...
payday Advance uk (Gast) - 2013/04/10 04:25

Archiv

April 2014
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 1 
 2 
 3 
 4 
 5 
 6 
 7 
 8 
 9 
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
 
 
 
 
 
 
 

RSS Box

Suche

 

Status

Online seit 3042 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2014/02/26 17:07

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)

twoday.net AGB

Free Text (2)


911
alternative Medien
Aufstand - Revolution
Augenweide
Blog und Tagebuch
DDR-Stimmen
Faschismus, alt oder neu
Gaumenfreuden
Gesundheit, Alter, Tod
Haus, Garten, Hund
Hebbel
kein Witz
Kino
Krieg
Kunst
Kunstpostkarten
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren