Sonntag, 27. Februar 2011

Krise und Statik

In Zeiten, in denen alle Welt von Krisen, Aufständen, ja Revolutionen redet, mag das Wort „Krisenstatik“ verwundern. Tatsächlich fällt zur Zeit die Dynamik sozialer Prozesse ins Auge. Die Diktatoren in Tunesien und Ägypten wurden unter dem leidenschaftlichen Ansturm todesmutiger Demonstranten in wenigen Tagen davongejagt.
Auch auf ganz anderen Feldern geht es rasant zu. Die Preise von Öl oder Weizen schießen in die Höhe, die Edelmetallpreise haben sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Oder man denke an die atemberaubenden Steigerungsraten der chinesischen Industrieproduktion. Die Ausleihungen der Bundesbank an andere Notenbanken betragen heute das 15-fache des Standes von 2004. Zur Bankenrettung wurden buchstäblich über Nacht dreistellige Milliardenbeträge bereitgestellt usw usf.

Andere Erscheinungen aber stehen uns in frappierender Unverrückbarkeit gegenüber. Hartz IV-Empfänger werden seit Jahren gedemütigt und in die Armut gedrückt. Seit Monaten gibt es ein zynisches öffentliches Tauziehen um fünf Euro. Und doch gibt es keine heftige Gegenwehr der Betroffenen.
Seit Jahren sind angeblich 70% der Bundesbürger gegen die deutsche Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Aber Friedensdemonstrationen haben minimale Teilnehmerzahlen. Viele zehntausend Soldaten haben an diesem Krieg teilgenommen, die Zahl der Verletzten/Traumatisierten geht in die Tausende, doch es ist noch nicht EIN Antikriegs-Erlebnisbericht erschienen.
Ereignisse, die sich vor unseren Augen überschlagen, gleich daneben gähnende Stille.
Wo ist die Krise? Welche Krise?
Es wäre wohl zum ersten Mal in der Weltgeschichte, wenn uns im Augenfälligen zugleich das Wesen der Sache gegeben wäre; nach dem Muster: Im Krawall haben wir den Aufstand, im Aufstand die Revolution und in der die Befreiung.
Wer darauf hoffte, würde sich täuschen.
Wir erleben die allerersten Risse im Putz. Die Verschiebungen im Untergrund werden spürbar – aber was wirklich geschieht ist noch unter sieben Siegeln verborgen.

Vor reichlich drei Jahrzehnten haben die amerikanischen und westeuropäischen = atlantischen Zentren des Kapitals eine neue Runde der kapitalistischen Reproduktion eingeleitet. Ihr Name? „Globalisierung“, ihr Inhalt? „Kolonialisierung der ganzen Welt auf neuer Stufe“, ihr Erfolg? Durchschlagend. Es war die Zeit, da „TINA“ zur triumphierenden Maxime wurde und die Hybris „das Ende der Geschichte“ verkündete.
Seit zehn Jahren wächst am „Busen des Erfolgs“ die Schlange des Niedergangs, noch treffender wohl Drachen der Zerstörung zu nennen.
Wenigstens zwei Köpfe zeigt dieser Drache heute:
Konkurrenten des atlantischen Kapitals sind entstanden, die eine Neuaufteilung der Welt erzwingen werden.
Die Reproduktion der Menschen in kapitalistischer Form stößt an die natürlichen Schranken, die Gaia, unsere Erde, setzt.
Das ist der Stoff für die Krise der nächsten zwei, drei Jahrzehnte. Da geht es um Bewegungen in den Gesellschaftsfundamenten, die man wahrlich als „naturgeschichtlich“ bezeichnen kann.

Wenig wissen wir, welche materiellen Interessen welcher Menschengruppen den Verlauf der kommenden Verschiebungen und Brüche, deren allererste Vorboten wir sehen, bestimmen werden.
Unser gegenwärtiges, auf exorbitanter Kapitalmacht gegründetes, Reproduktionsschema verlangt etwa eine Milliarde Hungernde sowie rund 10 Millionen Hungertote pro Jahr.
Die Freiheit des Menschen steht dafür, dass die Zukunft ALLES bringen kann. .
Es gibt keinen Gott, der uns vor der noch tieferen Verirrung in die Finsternis bewahrt.
Aber es gibt auch kein Schicksal, dass uns die soziale Revolution auf ewig verwehrt und den Weg in die Freiheit versperrt, in der jeder Mensch nach seinem Maß an der Selbststeuerung des Gemeinwesens teilnimmt.

Mit Aufklärung fängt jede Hoffnung an, mit dem ersten Schritt aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Es beginnt mit dem Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und der Entschlossenheit, solidarische Organisation zu lernen.

alter Mann

Er hat allein gefrühstückt. Er spült sein Frühstücksgeschirr. Nach dem Abwasch im Fitwasser, spült er seinen Teller mit klarem Wasser und stellt ihn weg zum Abtropfen. Sein Geschirr bleibt stehen, bis es trocken ist. Abtrocknen eingespart.
Ihm fällt ein, dass seine ältere Schwester es genau anders macht. Sie spült nicht mit klarem Wasser, trocknet aber das saubere Geschirr gleich mit einem Trockentuch. Nachspülen gespart.
Er denkt, das kann doch nicht besser sein. So bleiben doch immer Spuren, natürlich geringste, von Chemie, vom Spülmittel, am Geschirr. Sein Unterbewußtsein fängt an zu drängeln: „Darüber müssen wir noch mal reden.“ Da fällt ihm ein: Sie ist ja vor zweieinhalb Jahren gestorben.

Es gibt Menschen, vielleicht sind es die lieben etwas entfernten, derer ist man sich so gewiß.
Wenn sie sterben, ist manchmal die Trauer erstaunlich ruhig. Als würde sie sagen: Du bist mir so selbstverständlich zuteil, Dich kann ich gar nicht wirklich verlieren.
So leben sie weiter. Und sind doch tot.

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