Dienstag, 16. November 2010

Revolutionen

Ich betrachte hier nicht die zahlreichen, mehr oder weniger tief greifenden Umbrüche, die als Revolutionen bezeichnet werden.
Die Rede soll sein von den beiden wirklich großen Revolutionen, den klassischen, der Großen Bürgerlichen in Frankreich 1789-1794 und der Großen Sozialistischen in Russland 1917/18. (Die englische Revolution des 17. Jahrhunderts bleibt außen vor, weil ich von ihr nicht viel weiß.*)
Natürlich rede ich hier nicht als „Fachmann“, das hieße ja wohl Historiker, sondern als durchschnittlicher Un- oder Halbwisser, der sich gleichwohl sein ganzes Leben für die Revolution bemüht hat. Und der beim Blick in Richtung Zukunft meint, dass die größte (und siegreiche) Revolution notwendig ist.

Beide Revolutionen, die nicht zufällig in großen, mächtigen Ländern stattfanden, sind über Jahrzehnte herangewachsen. In Frankreich lagen zwischen dem Bankrott der königlichen Bank 1720 (Papiergeld) und der Revolution sieben Jahrzehnte. In Rußland dauerte es von der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 bis zur Revolution fast sechs Jahrzehnte.
Diese Zeiträume waren geprägt einerseits durch tief greifende Veränderungen der materiellen Basis der Gesellschaft einschließlich dadurch ausgelöster/beflügelter Zukunftserwartungen der Masse der Machtlosen und andererseits durch den strukturellen Unwillen bzw. die Unfähigkeit der Mächtigen die erforderlich qualitativ neuen Ebenen der Machtausübung und Ausbeutung ins Werk zu setzen.

Es waren dies Zeiträume, in denen sich die Gesellschaft fortschreitend disintegrierte und ihr selbstreformerisches Potential zerrieben wurde. Am Ende klopften selbst die geborenen Kompromißler (zumindest kurzzeitig) revolutionäre Sprüche und wurden sobald sie ihre alten Spiele fortsetzen wollten, in kürzester Zeit hinweggefegt. Die Massen der Gesellschaft wollten Radikalität.
Die strukturelle Reformunfähigkeit der Mächtigen ist umso größer, je erfolgreicher ihre Politik in der Vergangenheit war und je größer und neuartiger die durch die Dynamik der materiellen Verhältnisse gesetzten Herausforderungen an die Umgestaltung der ganzen Gesellschaft sind.

Obwohl Revolutionen, wie erwähnt, primär in Folge einer lang währenden materiell-elementaren Dynamik bei gleichzeitiger Erstarrung bzw. allgemeiner gesagt, Inadäquatheit der Machtausübung heranreifen, erfordern sie radikale geistige Vorbereitung und adäquate Organisation, um erfolgreich zu sein.
Aufklärerische Gedanken sind, anders als ihre Träger, unzerstörbar. Sie überleben auch in den finstersten Zeiten (wenn wieder einmal das Ende der Geschichte ausgerufen wird). Auf dem Weg zur Revolution, noch viele, viele Jahre vor ihrer Stunde, muß bereits die Aufklärung breit und offen im Feld der Gesellschaft stehen und die geistigen Schlachten schlagen.
Die politisch-strategische und organisatorisch-taktische Vorbereitung der heranreifenden Revolution erforderte etwa zwei Jahrzehnte, wie man bei W. I. Lenin, dem Klassiker dieses Geschichtsabschnitts, lernen kann.

Wende ich meine soeben formulierten, rückwärts gewandten Kriterien auf die Gegenwart an, so scheint mir, dass wir am Beginn des dritten Jahrzehnts eines möglichen neuen Revolutionszyklus stehen.
Das bedeutet: Die politischen und sozialen Auseinandersetzungen werden allmählich härter. Dabei erleiden die Machtlosen regelmäßig Niederlagen. Doch diese sind taktisch, während ihre Gewinne strategisch sein können, nämlich dann, wenn sie im Verlust von Illusionen und im Sammeln (und Verarbeiten) neuer Kampferfahrungen bestehen. Auf die Tagesordnung tritt eine neue große Aufklärung (die freilich nicht vom Himmel fällt, sondern organisiert werden muß). Der geistige Boden für das sichere Leben der Menschen jenseits der nächsten 30 Jahre muß bereitet werden.

So bin ich neugieirg, was die nächsten dreißig, vierzig Jahre bringen ;-).
(Übrigens, mein "Plinkern" ganz zum Schluß bezieht sich nur darauf, daß ich mit meinen 70 Jahren wohl 'n paar Beobachtungsprobleme in den kommenden drei, vier Jahrzehnten kriegen werde. Was soll's.)

* Update 25.12.2010
Im großen Shakespeare-Essay von Thomas Metscher finde ich eine Einschätzung zur englischen Revolution, die verblüffend gut übereinstimmt, mit den Gedanken, die ich hier formuliert habe Bei Metscher heißt es:
"...trat die absolutistische Gesellschaft in ihre große Krise, die sich im Verlauf der nächsten Jahrzehnte revolutionär verschärft. Bereits die Regierungszeit JakobI. (1603–1625) wird immer wieder zu Recht als »Prolog der englischen Revolution« von 1688/89 bezeichnet." (Hervorhebung von mir)

An meinen Zigarettenrauch*

Gleite ins Weite und in die Höh!
Adieu, du zartes Bleu
Meines Zigarettenrauches,
Der du so sanft entfliehst.

Wenn du ein zierliches Nasenloch siehst,
Küß dem die Haare als Gruß meines Hauches.

Ob dich ein Höhendruck
Zur Erde zurückschlägt,
Eine Strömung, eines Windes Ruck
Dich zu Himmelsglück trägt, –
Finde das, was du erwartetest.

In dem hold gewürzten Augenblick,
Da du aus mir startetest,
Spielte Ziehharmonikamusik
Ein Lieblingslied von mir: La paloma
Und auf Schwingen dieser Volksweise
Steigst du auf. Glückliche Reise!
Aus Nikotin ins ewige Aroma.



* Hier spricht der große Dichter Joachim Ringelnatz ("Flugzeuggedanken" 1929).
Ich bin nur Blogger und war Zeit meines Lebens Nichtraucher.

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