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Mittwoch, 1. April 2009

Von der Demo zur starken antikapitalistischen Kraft (I)

Noch sind "Demo" und "antikapitalistische Kraft" zwei verschiedene Paar Schuhe.

Wie war die Demo in Berlin?
Sie war größer als üblich. Natürlich war die "Immer-Demonstrierer-Szene" unübersehbar aber sie dominierte nicht. Viel mehr Gewerkschafter (Verdi, Metall und Erziehung und Wissenschaft) als üblich zeigten Flagge, viel mehr Schüler und Studenten. Erfreut war ich über doch zahlreiche türkische und einige arabische Demonstranten, auch wenn die Palästinenser-Community fast ganz unsichtbar blieb.
Daß die Linken aller Schattierungen und die Attac-Leute besonders zahlreich waren, versteht sich von selbst und erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Von den Grünen sowie den Kirchen nur wenige EinzelkämpferInnen. Natürlich trieb der merkwürdige schwarze Block im Demonstrationsfluß mit.

Es wurde mitgeteilt, daß etwa 1000 PolizistInnen im Einsatz waren. Auch wenn ich bedenke, daß nicht jeder Schützer von Recht und Ordnung sich zu erkennen gab, bin ich doch sicher, daß deutlich weniger als 10% der Leute, die mir begegneten, dies im Polizeidienst taten. Soviel zum Standartstreit um die Teilnehmerzahl.
Auf jeden Fall waren es, trotz aller Fülle und Lebendigkeit, viel zu wenige!

Was brachten die Demonstranten zum Ausdruck?
Das ganze Spektrum der Losungen soll hier nicht Thema sein.
Erstaunlich direkt und erfreulich oft wurde nicht weniger als der Kapitalismus selbst als Verursacher der Krise benannt und - besonders munter von jungen Leuten - schlicht seine Beseitigung verkündet.

Beides zusammen, die zahlenmäßige Stärke der Demo und die Vielfalt der Forderungen bei unübersehbarer verbaler Radikalität, haben mir ein gutes Gefühl gemacht. Solche Demos könnten sich als Kristallisationskerne erweisen; in dem Maße nämlich, wie die Krise den Leuten auf die Pelle rückt und sie an ihrer Politikabstinenz zu zweifeln beginnen. Dann können Stimmungen entstehen, wir haben das 1989 erlebt, die über Nacht die Teilnehmerzahlen solcher Demos verdoppeln und verzehnfachen.
Und ganz wichtig: Demonstrationen dieser Art beschneiden wirksam das Mobilisierungspotential der Neofaschisten mit ihrer antikapitalistischen Demagogie.

Soweit so gut.
Doch aus dem kleinen Fortschritt etwas Substantielles zu machen, erfodert unbedingt auch den kritischen Blick....

Friedrich Hebbel

"Gestern war ich in einem Hause, wo kleine Kinder waren. Das eine kleine Ding war sehr unruhig, aber sogleich still, wenn die Rute erschien. In seiner Naivität fragte es: "Mutter, Rute schon wieder weg?"

Tagebuch 27. April 1835

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