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Samstag, 10. Januar 2009

Totengedenken

In wenigen Tagen ist es ein Vierteljahr her, daß uns drei Todesfälle getroffen haben. Ich bemerke heute, wie verschieden mir die Toten gegenwärtig sind.
Der Schwiegervater/Vater in seiner eigenwilligen, oftmals auch störrischen oder gar verletzenden Art hat sich in der Erinnerung gewandelt. Wir spüren jetzt oft (und sowohl in kleinen wie in großen Dingen), wie er an uns gedacht hat, wie er für uns nach seinem Ableben vorgesorgt hat. Daraus entstehen Gefühle der Wärme und Dankbarkeit.

Meine Schwester ist mir nach wie vor in ihrer Vitalität gegenwärtig. Komme ich unverhofft mit einem Erinnerungsstück in Berührung, empfinde ich sogleich ihre Frische und Unbekümmertheit, ihren Optimismus. Solche Gefühle habe ich sogar stärker als zu ihren Lebzeiten – wohl deshalb, weil es nun keine nagenden Sorgen um ihren Gesundheitszustand mehr gibt.
Dieses Auflodern eines freudigen Gefühls wird gleich gebremst durch die Trauer, daß sie nun nicht mehr ist. Die fast fröhliche Erinnerung und eine Trauer, die doch Schwere hat, halten sich merkwürdig die Waage.

Und Anka? Die Zeiten als wir täglich an sie dachten, sind zu Ende gegangen. Gestern ging ich einen Weg, den ich fast nur mit ihr gegangen bin. Und mir wurde bewußt, daß meine Erinnerungen an sie verblassen. In meinen inneren Filmen sehe ich sie kleiner, sie bewegt sich schneller, wirkt eher grau als farbig. Unser Hundele tritt dem Verschwinden näher. Sie konnte nicht wie ein Mensch vorsorgen, den Lebenden wichtig zu bleiben.

Ich bin mir des Luxus bewußt, meine Trauer ungestört ausleben zu können.

Ich versuche mir vorzustellen, wie die Überlebenden der Massaker in Gaza mit dem Tod ihrer Liebsten umgehen. Im Elend überlebend und von Schmerz zerrissen und von neuer allgegenwärtiger Todesfurcht gepeinigt. Es muß ein Höllenzustand sein. Verlassen von aller Welt. Von übermächtiger Gewalt zur Aufgabe und völligen Selbstzerstörung getrieben aber gerade dazu beim Schmerz um all die Opfer und im Namen der Behauptung der letzten menschlichen Liebesregung keinesfalls bereit oder fähig zu sein. Da sind Menschen wie du und ich zu Martern verurteilt, wie sie die Religionen den größten Übeltätern ausmalen.
Nicht alle werden dort wahnsinnig. Ich bewundere alle, die weiter kämpfen. Und ich verstehe es, daß manche zu selbstzerstörerischem Terror greifen.
Ein Fluch denen, die das Menschen antun, die friedlich auf ihrem Land leben wollen. Ein Fluch denen, die ungerührt zusehen und kein Halt gebieten.

Wilhelm Busch

Sahst du das wunderbare Bild von Brouwer?


Sahst du das wunderbare Bild von Brouwer?
Es zieht dich an, wie ein Magnet.
Du lächelst wohl, derweil ein Schreckensschauer
Durch deine Wirbelsäule geht.

Ein kühler Dokter öffnet einem Manne
Die Schwäre hinten im Genick;
Daneben steht ein Weib mit einer Kanne,
Vertieft in dieses Mißgeschick.

Ja, alter Freund, wir haben unsre Schwäre
Meist hinten. Und voll Seelenruh
Drückt sie ein andrer auf. Es rinnt die Zähre,
Und fremde Leute sehen zu.



aus: "Kritik des Herzens" (1874)

Adriaen Brouwer = flämischer Maler (1605-1638)

Die tägliche Dosis Poesie.

Propagandamethode Personalisierung, besser gesagt, Scheinpersonalisierung

Leider ist, was ich im folgenden sage überhaupt nicht neu. Wir erleben gerade wieder, wie ein uralter Propagandatrick bestens funktioniert – Persönliches wird in den Vordergrund gerückt und damit werden gesellschaftliche Zusammenhänge verdeckt.

Fall 1:
Der Skisturz eines Landespolitikers wird zur Spitzenmeldung aufgeblasen, die tagelang den israelischen Krieg gegen das Volk von Gaza auf den zweiten Rang verweist. Ein Informations-Nichts wird mit einer Personalie verknüpft und erlangt die Eigenschaften einer dauerhaft stehenden Nebelwand. Wie ist das möglich?
Nichts geschieht von allein. Es geht voraus die bewußte Entscheidung der verantwortlichen Medienmacher.
Und sie knüpfen exakt an vorhandene (gelernte) Interessenmuster an. Deren Wurzeln reichen zurück bis zu den Zeiten des seligen Schahs von Persien, der mit Soraya an Alpenhängen rutschte. Flinke Ossis brauchten keine vier Wochen nach dem Mauerfall, um stolz zu verkünden, sie seien jetzt Mitglieder des Alpenvereins. Einmal Pistensau sein! Und jeder kann und will mitreden über Kranke und Krankheit und das unvermutet hereinbrechende Leid des Unglücks.
Soviel wartendes Identifikationspotential, das begierig ist, abgerufen zu werden. Plötzlich sind wir alle ein bißchen Altmann.
Aber nur pro forma, nicht wirklich. Etwaige Fragen nach Verantwortlichkeit oder gar Schuld wären ganz ungehörig.

Fall 2:
Einer der reichsten Deutschen bringt sich um. Hier ist die Personalie nicht nur, wie im Fall 1, zufällig geeignet, andere, relevantere Zusammenhänge aus dem Bewußtsein zu drängen. Sie drückt selbst, mit einer gewissen Notwendigkeit, einen brisanten Zusammenhang aus. Die kapitalistische Krise interessiert zu Recht viele Menschen. Aber die Medien machen das persönliche Schicksal nicht zum Ausgangspunkt, um Undurchsichtiges aufzuklären. Im Gegenteil. Die dramatische Handlung wird mit dem Schleier des Geheimnissvollen umgeben oder gleich ganz in paternalistischem Kitsch ersäuft.
„Geld macht nicht glücklich“, das weiß Michel jetzt wieder ganz genau.

Fall 3:
Experten-Persönlichkeiten, wie z. B. Prof. Sinn, Prof. Straubhaar oder Prof. Rürup.
Betreffen die Fälle 1 und 2 immerhin Menschen, die durch auffällige Handlungen geeignet waren, ein bestimmtes Interesse auf sie zu richten, so handelt es sich hier um reine Masken. Diese Experten funktionieren öffentlich einzig als „persona“ = Maske, Rolle. Die Entpersönlichung ist auf die Spitze getrieben, und doch wird auf das Schild, an dem beispielsweise dran klebt: „Das ist der große Experte Prof. Dr. Hans-Werner Sinn“ nicht verzichtet. Ein Automat, der die Sätze des letzten halben Jahres von Prof. Sinn ausspuckte, würde verschrottet, ein anonymer Sprecher käme in die Psychiatrie. Das Schild „Persönlichkeit, Expertenpersönlichkeit“ ist das einzig Stabile, Bekannte, Vertrauenswürdige (!) in dem medialen Zusammenhang. Und es funktioniert! Wie das Klingelzeichen Pawlows Hund brav zum Schlucken brachte, so der Expertenpopanz den Medienkonsumenten.

Auf der Möglichkeit, menschliches Interesse durch einfachste, rudimentäre Signale anzusprechen und in Gefügigkeit zu wandeln, basiert die Pornografie und ihre gewinnträchtige Industrie.
Und die politische Propaganda der Systemmedien.

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