vier Stunden
Mich weckte zur gleichen Zeit, daß Anka winselte und sich meine Frau aufrichtete. Es war 4 Uhr. Ich hörte, daß Anka unruhig herumlief. Ich hatte sofort ein positives Gefühl. Anka hatte am Abend vorher, was mitunter passierte, kein „großes Geschäft“ erledigt. Sie mußte es nun wohl nachholen, und dadurch wären wir morgens ohne allen Zeitdruck und könnten den Morgen in aller Gemütlichkeit beginnen. Ich stand auf. Anka ging eilfertig neben mir. Ich öffnete die Terassentür und lehnte mich wartend in den Türrahmen. Anka sprang hinaus und pinkelte eilig noch auf der Wiese. Dann lief sie weiter in den dichter bewachsenen Gartenbereich, wo sie sich für ihr großes Geschäft verbergen konnte. Das war ihre absolut normale Verhaltensweise und ich wartete schläfrig, daß sie erleichtert, fröhlich hervorspringen würde. Ich hörte sie ihren Platz wechseln - manchmal war sie arg wählerisch –.
Und weiter sah ich sie den Platz wechseln, unruhig suchen und hörte sie dabei leise winseln. Da war ich elektrisiert! Das war ganz unnormal!
Jetzt entdeckte ich auf dem Zimmerfußboden neben mir auf zwei Stellen weißlich Erbrochenes. Das war Alarm!
Sofort stand uns eine Nacht sechs Wochen vorher vor Augen als Anka schwerste Krämpfe und Erbrechen hatte und zeitweise so apathisch war, daß wir glaubten, sie stirbt. Das ging damals von 2 Uhr an mehrere Stunden. Danach schliefen wir alle erschöpft ein. Am Morgen konnte sie damals ein wenig Wasser zu sich nehmen, ohne es zu erbrechen. Im Laufe des Vormittags erholte sie sich. Der Tierarzt stellte dann nachmittags eine Insuffizienz von Niere und Bauchspeicheldrüse fest, gab ihr Schmerzmittel und ein Antibiotikum und Anka erholte sich danach zusehends bis zur Normalität.
Es würde heute etwas Ähnliches sein, dachten wir. Wir müßten die Zeit durchstehen, bis wir zu einem Tierarzt gehen konnten, um Schmerzmittel zu erhalten und Anka transportfähig zu machen. Denn für den Tag war unsere Rückfahrt von Oberhausen nach Oranienburg geplant.
Wir warteten. Anka wurde nicht ruhiger. Sie lief im Garten herum, lief ins Haus, lief wieder in den Garten. Von Apathie keine Spur. Sehr häufig leises Winseln. Das alles war anders als vor sechs Wochen.
Anders als damals hielt sie ihre Rute fast immer erhoben. Das war mir doch als positives Zeichen bekannt! Wenn wir sie ansprachen, kam sie schnell zu uns und wedelte leicht. Das war doch besser als damals! Manchmal kam sie ins Haus und legte sich für kurze Zeit hin, kaum eine halbe Minute. Sofort schöpfte ich Hoffnung, daß sie sich beruhigen würde.
Doch sie sprang wieder auf und winselte kläglich. Im Garten suchte sie die verstecktesten, dunkelsten Ecken, verschwand, war ganz still. Es wurde unheimlich.
Anfangs hatte ich barfuß, im Schlafanzug, in der Nachtkühle gestanden. Inzwischen war ich komplett angezogen. Mechthild hatte die Tierarztadressen der fremden Stadt heraus gesucht. Die erste Praxis öffnete 8 Uhr, jetzt ging es auf sechs.
Ankas Winseln wurde jetzt manchmal durch ein lautes Klagen unterbrochen. Plötzlich ging sie an ihren Napf und trank gierig. Sekunden später schrie sie auf und brach alles aus. Das wiederholte sich noch einmal.
Ihr Leiden war nicht mit anzusehen.
Wir telefonierten jetzt den 24-Stundendienst der nächsten Tierarztpraxis an. Niemand meldete sich.
Wir waren einen Augenblick abgelenkt. Plötzlich war Anka verschwunden; nicht zu hören, nicht zu sehen. Sie konnte doch nicht einfach weg sein.
Ich fand sie in unserem (abgelegenen) Schlafzimmer. Sie lag, was sie nie durfte und nie tat, auf meinem Kopfkissen und sah mich still an. Wie mich der Anblick rührte! Noch bevor ich ihr zurufen konnte, daß sie das jetzt dürfe, sprang sie herunter und nahm ihren ruhelosen und jetzt mehr und mehr gehetzten Lauf wieder auf.
Wir begannen die nächsten Arztpraxen anzurufen. Bei einem anderen 24-Stundendienst die Ansage, daß Urlaub sei. Aber auch noch der Hinweis, daß für Notfälle die Tierklinik Duisburg-Asterlagen rund um die Uhr zu erreichen sei.
Anruf dort. Ja, sie sind einsatzbereit, nein, sie könnten nichts raten, wir müßten kommen.
Dank sei dem Navi, das wir gerade seit drei Wochen benutzten. Als wir vor der Klinik standen war es 7.30 Uhr.
Ein moderner Bau, solider Eindruck, gleich würden Ankas Schmerzen betäubt sein, wir hätten Rat und Hilfe. Das rettende Ufer erreicht!
Lammfromm ließ sich Anka, die sonst vor Tierärzten grundsätzlich in Panik geriet, in die Klinik führen. Kurzes Warten. Behandlung.
Wir sagten der jungen Ärztin, was wir von Ankas Gesundheitszustand wußten und daß wir sie transportfähig brauchten, um dann zu unserem Haustierarzt zu gehen.
Die Ärztin untersuchte sie sorgfältig. Unsere Anka bekam gleich eine schmerzstillende Spritze. Eigentlich war die Untersuchung schon beendet, als die Ärztin noch einmal Ankas Bauch abtastete und sagte: „Der ist doch sehr hart. Ich möchte sie eigentlich noch röntgen.“ Und sie gebrauchte das Wort „Magendrehung“.
Ich spürte, wie das blanke Entsetzen nach mir griff.
Anka ging zu unserer Verwunderung ohne Zögern mit der Ärztin in den Röntgenraum.
Bald kam die Ärztin wieder. Anka hatte sich doch gewehrt. Ich mußte ihr eine Art Maske über die Schnauze streifen, was sie sich von mir ohne Probleme gefallen ließ. Dann Anka zurück. (Sie ist einen Moment frei und rennt zur Ausgangstür der Klinik. Doch die ist zu, und sie läßt sich ruhig zurückführen.)
Kurzes Warten. Das Röntgenbild. Die Ärztin zeigt darauf und sagt:“Ich bin mir nicht völlig sicher aber es ist doch sehr wahrscheinlich, daß wir hier eine Magendrehung sehen.“
Wir sind wie betäubt. Ankas Alter ist uns bewußt. Ihre Mutter wurde nur acht Jahre alt. Ihre Probleme mit Nieren und Bauchspeicheldrüse sind diagnostiziert worden. Wir haben uns darauf eingestellt, daß sie vielleicht nur noch ein, zwei Jahre (meint Mechthild, die mit Hunden Erfahrung hat) oder drei, vier Jahre (meine ich in meinem Wunschdenken)zu leben hat.
Die Ärztin sagt, was getan werden könnte: Es wäre eine ziemlich große und teure Operation, die Überlebenschancen danach in Anbetracht von Ankas Alter und Gesundheit seien nicht sehr hoch. Der Hund müßte wochenlang in der Klinik bleiben. Sie rät ziemlich unverblümt dazu, den Hund einzuschläfern.
Wir sind zwar wie betäubt, zugleich aber doch rationale Hundehalter, die sich ohne Kampf für Einschläfern entscheiden.
In wenigen Minuten, zu 8 Uhr, kommt ein zweiter Arzt, ein Spezialist für derartige Röntgendiagnosen. Sein Urteil soll noch eingeholt werden.
Warten. Anka dicht bei uns. Wir registrieren, daß sie sich normaler verhält. In meinem großen Wunsch sage ich heute sogar „unbekümmerter“. Wahrscheinlich verspürte sie in diesen Augenblicken keine oder fast keine Schmerzen. Sie setzt sich zweimal hin steht aber gleich wieder auf. Ich nehme an, daß sie sehr erschöpft ist. Dann legt sie sich hin, in der schönen entspannten Haltung, die Schnauze zwischen den Vorderpfoten an den Boden geschmiegt. Ankas Lauscher spielen als draußen die Stimmen irgendwelcher Ärzte oder Schwestern zu hören sind.
Vielleicht hat sie ihr Todesurteil gehört.
Die Ärztin kommt herein und sagt: „Es ist kein Zweifel. Es ist eine Magendrehung.“
Ich sage: „Und das ist das Todesurteil?“
Und die Ärztin sagt:“Ja.“
Ich verliere die Fassung. Meine Frau hilft mir.
Die Ärztin sagt, was nun geschieht.
Anka steht, während ich seitlich neben ihr knie, vertrauensvoll in meinen Armen. Wie die Götter haben wir über sie entschieden. Ich bin nun ihr Todesengel.
Die Ärztin spritzt.
In Sekundenschnelle weicht das Leben aus Ankas Körper. Ich spüre ihr weiches, geringes Gewicht in meinen Armen. Ich lasse sie zu Boden gleiten auf unsere Decke. Sekunden später sagt die Ärztin, daß nun auch ihr Herz still steht.
Wir verlassen sogleich den Raum. Es ist 8 Uhr und die normale Sprechstunde beginnt.
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Und weiter sah ich sie den Platz wechseln, unruhig suchen und hörte sie dabei leise winseln. Da war ich elektrisiert! Das war ganz unnormal!
Jetzt entdeckte ich auf dem Zimmerfußboden neben mir auf zwei Stellen weißlich Erbrochenes. Das war Alarm!
Sofort stand uns eine Nacht sechs Wochen vorher vor Augen als Anka schwerste Krämpfe und Erbrechen hatte und zeitweise so apathisch war, daß wir glaubten, sie stirbt. Das ging damals von 2 Uhr an mehrere Stunden. Danach schliefen wir alle erschöpft ein. Am Morgen konnte sie damals ein wenig Wasser zu sich nehmen, ohne es zu erbrechen. Im Laufe des Vormittags erholte sie sich. Der Tierarzt stellte dann nachmittags eine Insuffizienz von Niere und Bauchspeicheldrüse fest, gab ihr Schmerzmittel und ein Antibiotikum und Anka erholte sich danach zusehends bis zur Normalität.
Es würde heute etwas Ähnliches sein, dachten wir. Wir müßten die Zeit durchstehen, bis wir zu einem Tierarzt gehen konnten, um Schmerzmittel zu erhalten und Anka transportfähig zu machen. Denn für den Tag war unsere Rückfahrt von Oberhausen nach Oranienburg geplant.
Wir warteten. Anka wurde nicht ruhiger. Sie lief im Garten herum, lief ins Haus, lief wieder in den Garten. Von Apathie keine Spur. Sehr häufig leises Winseln. Das alles war anders als vor sechs Wochen.
Anders als damals hielt sie ihre Rute fast immer erhoben. Das war mir doch als positives Zeichen bekannt! Wenn wir sie ansprachen, kam sie schnell zu uns und wedelte leicht. Das war doch besser als damals! Manchmal kam sie ins Haus und legte sich für kurze Zeit hin, kaum eine halbe Minute. Sofort schöpfte ich Hoffnung, daß sie sich beruhigen würde.
Doch sie sprang wieder auf und winselte kläglich. Im Garten suchte sie die verstecktesten, dunkelsten Ecken, verschwand, war ganz still. Es wurde unheimlich.
Anfangs hatte ich barfuß, im Schlafanzug, in der Nachtkühle gestanden. Inzwischen war ich komplett angezogen. Mechthild hatte die Tierarztadressen der fremden Stadt heraus gesucht. Die erste Praxis öffnete 8 Uhr, jetzt ging es auf sechs.
Ankas Winseln wurde jetzt manchmal durch ein lautes Klagen unterbrochen. Plötzlich ging sie an ihren Napf und trank gierig. Sekunden später schrie sie auf und brach alles aus. Das wiederholte sich noch einmal.
Ihr Leiden war nicht mit anzusehen.
Wir telefonierten jetzt den 24-Stundendienst der nächsten Tierarztpraxis an. Niemand meldete sich.
Wir waren einen Augenblick abgelenkt. Plötzlich war Anka verschwunden; nicht zu hören, nicht zu sehen. Sie konnte doch nicht einfach weg sein.
Ich fand sie in unserem (abgelegenen) Schlafzimmer. Sie lag, was sie nie durfte und nie tat, auf meinem Kopfkissen und sah mich still an. Wie mich der Anblick rührte! Noch bevor ich ihr zurufen konnte, daß sie das jetzt dürfe, sprang sie herunter und nahm ihren ruhelosen und jetzt mehr und mehr gehetzten Lauf wieder auf.
Wir begannen die nächsten Arztpraxen anzurufen. Bei einem anderen 24-Stundendienst die Ansage, daß Urlaub sei. Aber auch noch der Hinweis, daß für Notfälle die Tierklinik Duisburg-Asterlagen rund um die Uhr zu erreichen sei.
Anruf dort. Ja, sie sind einsatzbereit, nein, sie könnten nichts raten, wir müßten kommen.
Dank sei dem Navi, das wir gerade seit drei Wochen benutzten. Als wir vor der Klinik standen war es 7.30 Uhr.
Ein moderner Bau, solider Eindruck, gleich würden Ankas Schmerzen betäubt sein, wir hätten Rat und Hilfe. Das rettende Ufer erreicht!
Lammfromm ließ sich Anka, die sonst vor Tierärzten grundsätzlich in Panik geriet, in die Klinik führen. Kurzes Warten. Behandlung.
Wir sagten der jungen Ärztin, was wir von Ankas Gesundheitszustand wußten und daß wir sie transportfähig brauchten, um dann zu unserem Haustierarzt zu gehen.
Die Ärztin untersuchte sie sorgfältig. Unsere Anka bekam gleich eine schmerzstillende Spritze. Eigentlich war die Untersuchung schon beendet, als die Ärztin noch einmal Ankas Bauch abtastete und sagte: „Der ist doch sehr hart. Ich möchte sie eigentlich noch röntgen.“ Und sie gebrauchte das Wort „Magendrehung“.
Ich spürte, wie das blanke Entsetzen nach mir griff.
Anka ging zu unserer Verwunderung ohne Zögern mit der Ärztin in den Röntgenraum.
Bald kam die Ärztin wieder. Anka hatte sich doch gewehrt. Ich mußte ihr eine Art Maske über die Schnauze streifen, was sie sich von mir ohne Probleme gefallen ließ. Dann Anka zurück. (Sie ist einen Moment frei und rennt zur Ausgangstür der Klinik. Doch die ist zu, und sie läßt sich ruhig zurückführen.)
Kurzes Warten. Das Röntgenbild. Die Ärztin zeigt darauf und sagt:“Ich bin mir nicht völlig sicher aber es ist doch sehr wahrscheinlich, daß wir hier eine Magendrehung sehen.“
Wir sind wie betäubt. Ankas Alter ist uns bewußt. Ihre Mutter wurde nur acht Jahre alt. Ihre Probleme mit Nieren und Bauchspeicheldrüse sind diagnostiziert worden. Wir haben uns darauf eingestellt, daß sie vielleicht nur noch ein, zwei Jahre (meint Mechthild, die mit Hunden Erfahrung hat) oder drei, vier Jahre (meine ich in meinem Wunschdenken)zu leben hat.
Die Ärztin sagt, was getan werden könnte: Es wäre eine ziemlich große und teure Operation, die Überlebenschancen danach in Anbetracht von Ankas Alter und Gesundheit seien nicht sehr hoch. Der Hund müßte wochenlang in der Klinik bleiben. Sie rät ziemlich unverblümt dazu, den Hund einzuschläfern.
Wir sind zwar wie betäubt, zugleich aber doch rationale Hundehalter, die sich ohne Kampf für Einschläfern entscheiden.
In wenigen Minuten, zu 8 Uhr, kommt ein zweiter Arzt, ein Spezialist für derartige Röntgendiagnosen. Sein Urteil soll noch eingeholt werden.
Warten. Anka dicht bei uns. Wir registrieren, daß sie sich normaler verhält. In meinem großen Wunsch sage ich heute sogar „unbekümmerter“. Wahrscheinlich verspürte sie in diesen Augenblicken keine oder fast keine Schmerzen. Sie setzt sich zweimal hin steht aber gleich wieder auf. Ich nehme an, daß sie sehr erschöpft ist. Dann legt sie sich hin, in der schönen entspannten Haltung, die Schnauze zwischen den Vorderpfoten an den Boden geschmiegt. Ankas Lauscher spielen als draußen die Stimmen irgendwelcher Ärzte oder Schwestern zu hören sind.
Vielleicht hat sie ihr Todesurteil gehört.
Die Ärztin kommt herein und sagt: „Es ist kein Zweifel. Es ist eine Magendrehung.“
Ich sage: „Und das ist das Todesurteil?“
Und die Ärztin sagt:“Ja.“
Ich verliere die Fassung. Meine Frau hilft mir.
Die Ärztin sagt, was nun geschieht.
Anka steht, während ich seitlich neben ihr knie, vertrauensvoll in meinen Armen. Wie die Götter haben wir über sie entschieden. Ich bin nun ihr Todesengel.
Die Ärztin spritzt.
In Sekundenschnelle weicht das Leben aus Ankas Körper. Ich spüre ihr weiches, geringes Gewicht in meinen Armen. Ich lasse sie zu Boden gleiten auf unsere Decke. Sekunden später sagt die Ärztin, daß nun auch ihr Herz still steht.
Wir verlassen sogleich den Raum. Es ist 8 Uhr und die normale Sprechstunde beginnt.
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kranich05 - 2008/11/14 18:38
