Gartenleben im Mai

Um mich der Garten. Ich sitze müßig auf der Terrasse. Zwar bin ich allein, tagelang spreche ich nur mit dem Hund. Aber einsam fühle ich mich keineswegs.
Viele, viele „Gartenkinder“ sind um mich herum. In den letzten Tagen haben wir sie versorgt, gepflegt, gepäppelt. Sie brauchen immer wieder meine Aufmerksamkeit aber nicht ununterbrochen. Von Wärme und Licht, Wind und Wasser nehmen sie selbst, was sie brauchen oder was sie kriegen können.
Mir tut es gut, soviel Leben um mich zu wissen. Tätig und doch still. Ich gehöre dazu, manchmal bin ich nur passiv, nehme nur teil. Dann wieder muss ich eingreifen, helfend oder korrigierend. Regieeingriffe sind aber jetzt nicht nötig. Daher gibt es momentan im Garten keinen Druck. Alles fließt in den früher bestimmten Bahnen und zu den Bedingungen, die der Jahresverlauf treu bereithält.
Die Muße macht mein Sinnieren „vielfächrig“. Wie stark und gesund die Erdbeeren in diesem Jahr wachsen. Gestern waren die jungen Früchte noch winzig, morgen schon sind sie prall grün. Alle Beerensträucher, eben noch in Blüte, nun so voller Fruchtankündigung. Unter ihnen sind auch die umgepflanzten, die aus ihrem Kümmerdasein erlöst, zu dem meine Willkür sie verurteilt hatte, nun zeigen, welche Lebenskraft sie frei machen. Salat, der prachtvoll steht, nachdem ich ihm endlich einmal den notwendigen Schutz vor Schnecken und Vögeln gewährt habe. Gurken im Gewächshaus, die ihre Früchte schon in Sechserreihe ausbilden. Ein feuerroter Mohn hat sich nach langem Kampf mit dem Hochwasser behauptet.
Auch Leidende und Opfer gibt’s im Garten. Ich meine nicht die Schnecken. Ganz und gar herzlos, unbuddhistisch, vernichte ich alle, die ich kriegen kann. Es leidet mein geliebter kleiner Kirschbaum und auch ein junges Apfelbäumchen an den Folgen des Hochwassers. Ihre Wurzeln werden erstickt sein, denke ich mir. Sie haben wenige verkrüppelte Blättchen. Wie kann ich ihnen helfen? Keine Hilfe gab es für den dreijährigen Pfirsich, der im vorigen Jahr zum ersten Mal getragen hatte. Ihn habe ich schon gerodet. Keine Hilfe wird es geben für die große alte Traubenkirsche. Sie ist einer der beiden ältesten Wildbäume hier im Garten. Ihre Partnerin gegenüber, die alte Pappel, hat das Hochwasser bestens überstanden. An der Kirsche taxiere ich, in welche Astgabelung in welche Höhe ich im Herbst klettern werde, um sie Stück für Stück abzusägen. Ohne ihr sensibles Umfeld zu beschädigen.
Die Kleingärtnerwelt wird oft belächelt und ist, genau besehen, doch so riesengroß.
Ich rede gar nicht davon, dass die Sonne ja unaufhörlich wirkt und wir alle Lebendigkeit dem fernen Weltenstern verdanken.
Auch der Wind ist heute unermüdlich. Ich unterschätze ihn nicht, denn er könnte schnell den leichten, noch nicht überall gemulchten Boden meiner Gartenoase austrocknen. Heute aber ist er mir willkommen. Er erzählt soviel von den Weiten, die mein Auge nicht sehen kann. Heute kommt er aus Osten. Welche unermesslichen Landflächen hat er berührt? Zu welchen Küsten treibt es ihn?
Ein Gefühl von aufmerksamem, erfreutem Dasein breitet sich in mir aus. Alles hat so schönes Maß. Wenn ich an mir herunter sehe, meinen unnötig dicken Bauch erblicke, kommt mir das ganz deplatziert vor. Dieses hastige, unnötige Fressen.
Welch Vergnügen, den Gartentakt zu spüren und einziehen zu lassen.
kranich05 - 2008/05/29 20:17

