Kalina Krassnaja
Mit „Roter Holunder“ wird der Titel des Films von Wassili Schukschin neuerdings falsch übersetzt. Die alte Bezeichnung „Roter Schneeballstrauch“ war sprachlich korrekt, doch wie soll man sich rote Schneebälle vorstellen? Einfach zu sagen „Schöner Schneeballstrauch“, was sprachlich auch zutreffend wäre, erscheint als Filmtitel wohl zu zu fad.Wie dem auch sei, „Kalina Krassnaja“, den wunderbaren Film aus den 70-er Jahren, habe ich kürzlich wieder gesehen.
Oft sind solche Wiedersehen mit alten Bekannten, alten Geliebten voller Überraschungen.
Ich versuche mich zu erinnern: Es erscheint mir als eine widersprüchliche aber im Ganzen schöne, eine hoffnungsvolle Zeit. Der Vietnamkrieg ging zu Ende; mit einer Niederlage der Amerikaner. Die DDR war international anerkannt. Die Ölkrise schien die Grenzen des Westens zu zeigen. Die Weltfestspiele im Sommer 1973 in Berlin erlebte ich als einen Triumph der Lebensfreude und der Freiheit. Der Putsch in Chile war bitter aber er klärte die Fronten, und viele Befreiungsbewegungen errangen Siege. Die Konferenz in Helsinki weckte Hoffnungen auf Sicherheit und Frieden, auf dauernden friedlichen Wettbewerb.
Auch die innere Entwicklung in den sozialistischen Ländern mußte weitergehen. Der CSSR-Einmarsch lag lange zurück, und an den Krieg der Sowjetunion in Afghanistan war noch nicht zu denken. Begierig war ich auf neue Kunstwerke, die das sozialistische Leben tiefer in seiner widersprüchlichen Schönheit darstellen würden. Wolfgang Mattheuer hatte solche Werke geschaffen, Willi Sitte, Volker Braun, Peter Hacks. Ungeduldig (und vergeblich) wartete ich darauf, daß Scholochow den großen Roman über den Großen Vaterländischen Krieg vorlegen würde. Jewtuschenkos Name war verblaßt. „Der weiße Dampfer“ von Aitmatow erschütterte mich, Wyssotzki sang, und plötzlich war Wassili Schukschin da.
Keiner konnte so hart, so volksnah, so bittersüß, so liebevoll von den Menschen schreiben. Ihm glaubte man jedes Wort. Und „Kalina Krassnaja“, die Geschichte von dem entlassenen Strafgefangenen und der schwierigen Liebe zweier erwachsener Menschen in der russischen Dorfgemeinde packte mich als der meisterhafte Film zur meisterhaften Geschichte.
Gepackt hat mich der Film heute, mehr als dreißig Jahre später, nicht weniger als am ersten Tag. Der Untergang des sowjetischen Sozialismus hat der dramatischen Fabel und ihren Reflexionen und Symbolen eine neue Ebene hinzugefügt.
Wie traurig und unendlich schön das Leben ist – Wassili Schukschin, der wenige Monate nach diesem Film mit 45 Jahren starb, hat es gewußt und gelebt und den Menschen in diesem Kunstwerk zurückgegeben.
Land: Sowjetunion 1974
Darsteller: Wassili Schukschin, Lydia Fedossejewa-Schukschina
Regie, Drehbuch: Wassili Schukschin
Produzent: Mosfilm
Bildquelle: http://www.amnesty-muenchen.de/src/flyer/20030323_kalinakrassnaja_300x509.jpg
kranich05 - 2008/05/14 11:51