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Mittwoch, 7. Mai 2008

Von der Utopie zur Wissenschaft, von der Wissenschaft zur Revolution, von der Revolution zu Erstarrung und Untergang, Untergang = Lähmung, von der Lähmung zurück ins Leben!

Gerhard Branstner macht in einem Leserbrief ("RotFuchs", Seite 30) paar Randbemerkungen zu den Großen Fragen:

"Der Untergang des Kapitalismus ist ein eruptiver Prozeß, den die Linken in ihrer jetzigen
Verfassung weder erkennen noch bekämpfen, noch als Chance wahrnehmen können. Der
Sozialismus benötigt, wie die gewaschene Wäsche mehrere Spülungen braucht, mehrere
Wellen von Revolutionen. Den Kapitalismus hat Ende der 70er Jahre die tödliche Krankheit
befallen, die, durch den Untergang des ,,realen Sozialismus" verschlimmert, die Form eines
prozeßhaften Verfalls hat. Die zweite Welle des Sozialismus ist im Anrollen. Sie hat andere
Voraussetzungen und andere Folgen als die erste, kann aber aus historischen Gründen und
Aufgaben nicht die letzte sein.
Die schlimmste Krankheit der Linken ist nicht ihre Zerstrittenheit, sondern ihre Selbstgenüg-
samkeit. Jeder weiß alles besser, wozu da streiten. Diese idiotische Borniertheit verhindert den
für die natürliche, gesunde Entwicklung des Marxismus unerläßlichen Meinungsstreit, der
statt der Zerstrittenheit die dialektische Kultur des Streits zu haben hat. Streitkultur setzt aber
voraus, daß es was zu streiten gibt, daß unterschiedliche Auffassungen, unterschiedliche
Forschungsergebnisse, Richtungen, ja sogar unterschiedliche marxistische Schulen nicht
nur erlaubt, sondern natürlich und nützlich sind. Aber auch, daß es im Gegensatz zur Besserwis-
serei durchaus Besserwissende gibt. Wie Marx oder Lenin es waren. Die sollte man anerkennen
und nutzen, nicht aber vergötzen."

Wie merkwürdig spurlos, wie merkwürdig ruhelos...

Mit Verwunderung stelle ich fest, wie wenig mir von denen, von denen ich herkomme, geblieben ist.
Von meiner Mutter, die vor mehr als 50 Jahren gestorben ist, besitze ich nichts mehr. Von meinem Vater, er ist seit 30 Jahren tot, habe ich eine goldene Taschenuhr, ein Familienerbstück, mehr nicht.
Zwar gibt es viele lebendige Erinnerungen an meine Eltern und auch an die beiden Großmütter, aber sie existieren, von wenigen Fotografien abgesehen, nur in meinem Kopf und in den Köpfen meiner Schwestern. Nicht viele Jahre, und dann werden, mit uns, auch diese Spuren getilgt sein. So wie es schon immer mit den Großvätern war. Sie fielen beide im ersten Weltkrieg und sind spurlos verschwunden.
Und haben doch alle ruhelos gelebt, haben sich täglich gemüht, hatten Leidenschaften, Kämpfe, Schweiß und Sperma, haben Gewalt erlitten und Gewalt ausgeübt.
Geblieben ist eigentlich nur das Fleisch und Blut, das ich selber bin. Keine ruhige Bank unter einem uralten Baum, keine abgetretene Schwelle eines Häuschens, kein Bericht, kaum ein Brief. Aber ich erinnere mich: Manches war geblieben – ein alter Fotoapparat, eine alte Gartenhacke, ein Drahtkorb. Es hat mich gestört; manches habe ich verschenkt, den Rest als Müll entsorgt.

In der Familie einer alten Freundin ist es anders:
Die (jetzt sehr alte Mutter) hat immer Tagebuch geschrieben. Zwar darf das keiner lesen aber es ist vorhanden. Die Tagebücher des Großvaters aus dem ersten Weltkrieg, aus der Inflationszeit und danach sind erhalten. Großvater und mehr noch Großmutter waren aber für die Nazis. Die Berichte aus der Nazizeit und der Briefwechsel mit dem Sohn im Krieg sind vernichtet.
Tagebuch, Lebensbericht hat bereits der Großvater des Großvaters geschrieben, als armer Schuster und Dorfmusikant, so zwischen 1835 und 1860. Man kann sich hinsetzen und mit dem Urahn Zwiesprache halten.
Ob es darauf ankommt?

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