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Dienstag, 8. Januar 2008

Der Kniefall vor den Gesetzestafeln

Beim Bloggen meiner alten Tagebücher bin ich jetzt im Juni 1982 angekommen. Am 12. und am 14. 6. 82 finde ich Formulierungen schärfster Abneigung gegen Stoph und Honecker. Zugleich finde ich in diesen alten Dokumenten und weiß es ohnehin zahlreiche Formulierungen meiner Identifizierung mit der DDR. Aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, daß eine solch absolut kritische Sicht auf maßgebliche Führungspersonen zu keinen spürbaren Konsequenzen in meinen sozialistischen Grundüberzeugungen und meinem Geschichtsbild führte.
Wie ist das zu erklären?
Einerseits war die Kritik dieser Führer bei aller emotionalen Schärfe nicht anspruchsvoll, zielte keineswegs auf theoretische Vertiefung. Das war ein Gegenstand des Ärgers aber auch der Resignation und Feigheit, denn direkt konnte man diesen Punkt nicht angreifen ohne gravierende Konsequenzen erwarten zu müssen.
Und leichtfertige Selbstberuhigungen spielten eine Rolle in der Art: Sie sind keine imperialistischen Politiker, sie sind Antifaschisten, sie machen keinen Krieg usw. Welcher Grad des Lasters und des Nichtsozialismus unter solchen Führern schwelte (und wenige Jahre später zum Ausbruch kam) – das habe ich nicht zu reflektieren gewagt/vermocht.
Das ganze Problem hat aber eine noch wichtigere zweite Seite. Und diese bestand in einem wahrhaft unerschütterlichen Fortschrittsglauben, bestand in der Gewißheit, den gesetzmäßigen Gang der Menschheitsgeschichte zumindest in den Grundzügen begriffen zu haben und mit ihm bei aller Widersprüchlichkeit des realsozialistischen Lebens praktisch übereinzustimmen.
Diese meine Auffassung von der Determiniertheit der menschlichen Entwicklung hatte (bei all meiner Hochschätzung der Dialektik von Hegel, Marx/Engels, Lenin bis zu den zeitgenössischen marxistisch-leninistischen Philosophen) wesentliche Momente von Borniertheit, ja darüber hinaus eine unbewußte religiöse Grundierung. Ich denke heute, daß diese bereits bei Marx angelegt ist („historischen Mission“).

So betrachtet geht es heute um nicht weniger als eine komplette neue Qualitätsstufe der sozialistisch-kommunistischen Theorie. Viel Arbeit heißt das und viel Geduld.

Vielleicht

«Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden, Du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag».

Claudia berichtet von dem „Brief an D“, den Andre Gorz seiner Frau Dorine geschrieben hatte, bevor sich beide im September letzten Jahres das Leben nahmen.

Vielleicht wäre es gut, dieses Buch zu lesen? Oder genügt es, zu wissen, daß es dieses Buch gibt?
Und sich der eigenen Erfahrung „zehrender Leere“ zu erinnern, die nichts ausfüllen konnte und der eigenen Jahre, die eins ums andere zunehmen.
Eine Beziehung von solcher Intensität und Intimität, daß sie die ganze Welt aufsog; die vernetzte Welt, die davon erfahren sollte und die nun interessiert, fast alarmiert, ist.
Scheu, sich solcher Intimität zu bemächtigen? Liebe webkontaminiert?
Oder genau dies lernen müssen (oder wollen)?

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