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Samstag, 1. Dezember 2007

schön

Ludwig Tieck Musik Rondo
"Wie sagte doch jener Bauer, als er die Pflaumen schon zur Suppe essen sollte? ja: darin ist kein Verstand!

So oft sich der Philosoph verwundern muß, so oft er ein Ding nicht begreift, (und das geschieht meist, weil es zu seinem Systeme nicht paßt, denn außer dem würde ihm die Sache nicht so fremd sein, vielleicht wäre ihm der Gedanke ganz natürlich) ebenso oft ruft er aus - darin ist kein Verstand!

Ja der Verstand, wenn er sich recht auf den Grund kommen will, wenn er sein eignes Wesen bis ins Innerste erforscht, und sich nun selbst beobachtet und beobachtend vor sich liegen hat, sagt: darin ist kein Verstand.

Nicht wahr, es ist am bequemsten, das Denken ganz aufzugeben? das tun auch die meisten, ohne es zu wissen. Doch wer mit Vernunft die Vernunft verachtet, ist dadurch wieder vernünftig. Daß nur keiner sagt: darin ist kein Verstand.

Manche Verse sind toll gewordene Prose, manche Prose ist gichtlahmer Vers; was zwischen Poesie und Prosa liegt, ist auch nicht das Beste - o Musik! wohin willst du? Nicht wahr, du gestehst es zu - in dir ist kein Verstand.

Wozu sollen diese Gedanken? Wozu soll dergleichen Musik? Wozu sollen dergleichen historische Schauspiele? Wozu soll am Ende die ganze Welt? Wozu sollen aber auch solche Fragen? In ihnen steckt kein Verstand.

Von der Mücke bis zum Elefanten ist alles zunächst um sein selbst willen da, des Menschen zu geschweigen; so sollte es nicht auch mit Gedanken sein, die früher sind als ihre Anwendung? Nicht ebenfalls mit Laune und Lust und Lachen und einer verkehrten Welt? Verkehrt sie nur noch einmal, so kehrt ihr die rechte Seite heraus, und ihr sagt dann nicht: darin ist kein Verstand."


via Steinbergrecherche

vorgestrig

Natürlich ist es mir klar, wenn ich in meinem Blog Auszüge aus „Tschewengur“ bringe, daß ich damit in keinster Weise heutig bin - keine Beliebigkeit, kein Goutieren des Perversen, trashfreie Zone.
Ich bin noch nicht mal gestrig - kein Drehen der germanistisch-ideologischen Locke auf der Glatze kritischer Kritik.
Wenigstens bin ich nicht - Platonow sei Dank! - vorvorgestrig - nicht der Fanfarenkanon der Revolution.

Tschewengur - „...,daß der Revolver in der entsprechenden Hand war,...“

Andrej-Platonow-31

„Auf seine alten Tage wurde Sachar Pawlowitsch zornig. Ihm lag jetzt viel daran, daß der Revolver in der entsprechenden Hand war, und er grübelte an einem Greifzirkel, mit dem man die Bolschewiken überprüfen könnte. Erst im letzten Jahr hatte er das schätzengelernt, was er in seinem Leben verloren. Er hatte alles eingebüßt - durch seine langjährige Tätigkeit hatte sich der offene Himmel über ihm keinen Deut verändert, er hatte nichts erkämpft zur Rechtfertigung seines geschwächten Körpers, in dem sich vergebens eine wichtige leuchtende Kraft abplagte. Er hatte sich selbst so weit gebracht, daß er für immer vom Leben scheiden mußte, ohne das Notwendigste in Besitz genommen zu haben....
„Sascha“, sagte er, „du bist eine Waise, dein Leben ist doch eigentlich ein Geschenk. Geh damit nicht geizig um, lebe das wesentliche Leben.“


Andrej Platonow, „Tschewengur - Die Wanderung mit offenem Herzen“, Verlag Volk und Welt, Berlin 1990, Seite 72

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